Work Text:
“Also, ich teste das, ihr passt auf, und wenn ich mit dem Test fertig bin, kehrt ihr den Effekt um,” erklärte Di Feisheng. Er saß am Tisch in der Mitte von Fang Duobing’s früherem Kinderzimmer im Tianji-Anwesen und hielt ein altes Manuskript in den Händen. Das Buch war mit grobem weißem Faden in graublauen Karton geheftet, eselsohrig und zerfleddert, und machte von außen einen völlig harmlosen Eindruck.
“Darum überwacht ihr von Anfang an genau, was ich mache, damit ihr das Achteck umkehren könnt. Was kann schon schief gehen?”
“Was kann schon schief gehen?” entgegnete Li Lianhua mit einem ungläubigen Augenrollen von der anderen Seite des Zimmers, wo er seine Gewänder faltete, die sauber aus der Wäscherei des Anwesens zurückgekommen waren. “Fang Duobing, hast du das auch gehört? Der Kerl hat gerade eben völlig unironisch ‘Was kann schon schief gehen?’ gesagt.”
“Hat er,” bestätigte Fang Duobing. Er lümmelte auf dem großen, luxuriösen Bett, in dem sie nachts alle drei inklusive Hund bequem Platz hatten, und arbeitete sich durch einen Stapel Konstruktionszeichnungen.
“Was kann schon schief gehen? Was kann schon schief gehen??” Li Lianhua schüttelte den Kopf. “Diese fünf Worte sind berühmt als Einleitung aller größeren Katastrophen in der Geschichte der Menschheit. Ganz bestimmt taugen sie aber nicht dazu, jemanden zu beruhigen, dessen Kultivationspartner gerade einen fürchterlichen Mist aus einem uralten Handbuch ausprobieren will.”
“Einem uralten Handbuch,” fiel Fang Duobing ein, “das besagter Kultivationspartner für ein Heidengeld bei einer Geheimauktion erstanden hat, obwohl er schon einen ganzen Raum voller geheimer alter Handbücher hat, und sogar eine Fertigkeit beherrscht, die genau den selben Effekt hat.”
Wenn Fang Duobing, das Schätzchen, verwöhnter junger Herr der Famile He-Fang, den Preis als ‘Heidengeld’ bezeichnete, dann hatte das zerfledderte alte Buch mehr gekostet als der ganze Lotuswagen samt allem Inventar wert war, dachte sich Li Lianhua.
“Ja,” sagte er nach kurzem Nachdenken, “erklär uns nochmal, warum du die Fertigkeit aus dem Handbuch probieren musst, obwohl du die Knochenverrenkung schon beherrschst?”
Di Feisheng schaute ihn an, runzelte die Stirn, sagte “Weil…” und grinste dann plötzlich. “Weil sie da ist. Ihr kennt mich; ich brauche doch keinen Grund! Macht ihr mit, oder versuche ich das jetzt alleine?”
“Klar machen wir mit,” sagte Fang Duobing, der kleine Verräter.
“Trotzdem erklärst du uns noch, was der Unterschied zwischen Knockenverrenkung und Achtjahres-Achteck ist,” sagte Li Lianhua, der sich nicht gleich komplett geschlagen geben wollte.
“Knochenverrenkung braucht ständig Energie, sonst schwindet der Effekt,” erklärte Di Feisheng. “Achtjahres-Achteck löst eine Verwandlung aus, die dreizehn shichen lang anhält, außer, jemand anderes, der die Fertigkeit auch kennt, kehrt den Effekt um. Ich will nur testen, ob ich alles tun kann, was ich mit Knochenverrenkung auch kann -- vor allem, ob meine Kampfkunst noch auf meinem erwachsenen Niveau bleibt, weil die Tarnung sonst sinnlos ist, wenn sie mich wehrlos macht. Danach kehrt ihr den Effekt um. Dauert alles in allem vielleicht eine Stunde. Total einfach.”
“Er hat ‘total einfach’ gesagt,” seufzte Fang Duobing, stand aber trotzdem vom Bett auf und schlenderte in Richtung vom Tisch und Di Feisheng. “Ich bin ja jung und naiv, aber selbst meine kleine Lebenserfahrung sagt mir, dass dieser Satz nur zu Schwierigkeiten führt. Da unser A-Fei aber schrecklich stur ist, sollten wir wirklich dabei bleiben und auf ihn aufpassen. Wenn alles schief geht und die Schwierigkeiten anfangen, sind wir wenigstens noch da und können helfen.”
“Das kannst du rechtfertigen, wie du willst,” sagte Di Feisheng, “Hauptsache, du bist dabei.”
Er breitete das zerfledderte alte Buch in voller Länge auf dem Tisch aus, setzte sich auf der Bank in den Lotussitz, und legte die Hände mit den Handflächen nach oben auf die Kniee.
“Einer rechts, einer links,” sagte er. “Ihr überwacht meinen Puls, beobachtet meine Meridiane, und passt auf, was ich mache. Am Ende des Handbuchs steht, was ihr tun müsst, wenn ich aufhören will.”
Fang Duobing setzte sich sofort auf Di Feishengs linke Seite und legte zwei Finger auf seinen Pulspunkt; also legte Li Lianhua seine Wäsche unfertig weg und übernahm die rechte Seite.
Zu erklären, was Di Feisheng tatsächlich machte, während die Drei vom Lotuswagen bewegungslos nebeneinander saßen, wäre vielleicht ein bisschen langweilig und arg abstrakt. Kurz gesagt, in acht mentalen Schritten, die den acht Seiten des Bagua-Achtecks folgten, kehrte er die Energie in seinen Meridianen so um, dass sie in die Konfiguration eines Achtjährigen zurückfielen; die Form seines Körpers folgte dann einfach der Energie.
Es war wirklich ganz einfach, wenn man so eine starke und spezifische Lebensenergie kultiviert hatte, wie es Di Feishengs BitterwindSilberpappel war. Fang Duobing und Li Lianhua, die diese Energie so gut kannten wie ihr eigenes Yangzhouman, und sie so unendlich oft geteilt hatten, dass in ihrem Energiekreislauf jederzeit auch Di Feishengs unsanfte Stärke zirkulierte, konnten jedem Schritt ganz einfach folgen.
Es war zu einfach.
“Als ich mitmachen gesagt habe,” meinte Di Feisheng, als er die Augen wieder öffnete, “habe ich aber nicht wirklich mitmachen gemeint.”
Er schaute die beiden anderen an. Sie waren immer noch auf Augenhöhe.
“Himmel, wart ihr knuffig, als ihr klein wart!” entfuhr es Fang Duobing, als er seine beiden Gefährten sah. “Lao Di als kleinen Rabauken haben wir ja schon beim Grab Ohnegleichen gesehen, aber du -- zu erstaunlich, dass sie dich nicht schon damals Blümchen genannt haben, Xiao-Hua-er!”
“Ich erinnere mich deutlich an deine Stupsnase,” sagte Li Lianhua mit sanfter, kindlicher Stimme, “von dem einen Mal, als ich dich als Kind gesehen habe, mit deinem Vater. Ich würde aber sagen, wir machen das gleich rückgängig.”
Er blätterte das alte Buch um.
“Verdammte Scheiße!”
“Na,” sagte Di Feisheng, “das passt jetzt aber nicht zu deinem süß flötenden Stimmchen. Was ist los?”
“Du kannst den Effekt nur umkehren, wenn du ihn nicht selber verwendet hast,” las Li Lianhua vor. “Die Helfer dienen als Anker und speichern die originale Konfiguration der Meridiane in ihren eigenen. Es wird stark davon abgeraten, dass der/die Übende seine/n eigene/n Kultivationspartner*in als Anker verwendet, da die Energie häufig zu stark gleichgeschaltet sein kann.”
“Was kann schon schief gehen?” seufzte Fang Duobing. “Was kann schon schief gehen, wenn man das verdammte Buch nicht mal zu Ende liest??”
“Es tut mir leid?” sagte Di Feisheng, mit Schulterzucken und nicht sehr überzeugend. “Leute, es ist ein bisschen mehr als ein Tag. Wir überstehen das. Es ist nicht so, dass wir irgendwo mitten unter Feinden wären. Wir sind im Tianji-Anwesen bei den He-Schwestern, die sich zwar über uns lustig machen können, aber wir sind in Sicherheit.”
“Die Fertigkeit hat auch mentale und emotionale Auswirkungen,” sagte Li Lianhua. “Lao Di würde normal doch kaum uns beiden mit so einer Schwäche trauen; jetzt hat er kein Problem, unsere Lage auch noch der Meisterin He anzuvertrauen. Und ich sehe das Sonnenlicht vorm Fenster, und will irgendwie rausgehen, weil das Wetter so schön ist, und beim Wasserfall spielen.”
“Wir machen das nicht nochmal,” sagte Di Feisheng. “Wenn wir komplett zu Kindern werden, wenn auch nur für dreizehn shichen, dann ist die Übung völlig nutzlos.”
Fang Duobing stand von der Bank auf, was sich ein bisschen schwierig gestaltete, weil seine Kleidung nicht mit geschrumpft war.
“Ich werde auf Bäume klettern,” sagte er ganz ergriffen. “Ich werde mit dem Hund Ball spielen, bis wir beide völlig außer Puste sind. Ich werde einen ganzen Sack voller Süßigkeiten verdrücken und überhaupt kein Gemüse essen. Als ich wirklich so alt war, war ich krank; ich saß im Rollstuhl, konnte das alles nicht, und wurde von meiner Familie in Watte gepackt. Aber jetzt kann ich rennen!”
Er rannte drei Schritte, dann stolperte er über den Saum seiner langen Robe und fiel auf die Nase. Die beiden anderen fielen beinahe von der Bank vor Lachen. Li Lianhua konnte sich nicht erinnern, dass in seinem ganzen Leben jemals etwas so lustig gewesen war.
Als er wirklich so alt war, trugen sein Meister und die Meisterin ihre Eheprobleme dadurch aus, dass sie Li Xiangyi und Shan Gudao einzeln trainierten und dann gegeneinander antreten ließen.
Neben ihm saß der unglaublich niedliche kleine Rabauke, dem sie beim Grab Ohnegleichen begegnet waren, und lachte Tränen.
“Als ich wirklich so alt war…” fing er an, wedelte dann mit seinen Patschhändchen in der Luft und sparte sich den Rest. “Ihr kennt die Geschichte. Wir hatten alle keine so tolle Kindheit, wenn auch jeder auf andere Weise. Wir machen das jetzt; es bleibt uns nichts anderes übrig. Und dann schreibe ich eine Warnung in Rot vorne in das Buch und fasse es nie wieder an. Okay?”
“Helft ihr mir vielleicht erstmal auf die Füße?” nölte Fang Duobing, das Schätzchen -- eh schon verwöhnt, jetzt auch noch ein verwöhntes Blag. Er zappelte in seinen viel zu großen Klamotten wie eine Katze, die nicht mehr aus dem Sack fand.
Blümchen und der kleine Rabauke schütteten sich aus vor Lachen.
“Schätzchen, ich habe die neue Mechanik für…” kam eine Stimmer vom Eingang des Zimmers, gefolgt von einem fast hysterischen Ausruf. “Schätzchen!! Was hast du jetzt schon wieder angestellt? Wieso bist du…”
“Äh,” sagte Fang Duobing, der versuchte, sich trotz seiner gewaltigen Gewänder auf die Füße zu stellen. “Mutti. Wir haben eine Fertigkeit ausprobiert, oder vielmehr, A-Fei hat sie ausprobiert und dann ist sie auf uns übergesprungen. Er hatte ein altes Handbuch gekauft und…”
“Und jetzt seid ihr alle etwa acht Jahre alt,” sagte Meisterin He und bedachte sie alle mit einem strengen Blick. Li Lianhua fühlte sich, als müsste er sich verbeugen und dann eine vernünftige Erklärung für sein Fehlverhalten abgeben.
Und ja, er fühlte sich noch als Li Lianhua. Das Achjahres-Achteck schrumpfte deinen Körper und gab dir eine kindliche Seele, aber brachte zum Glück nicht dein achtjähriges Selbst zurück.
“Nur für dreizehn shichen, Meisterin He!” sagte Di Feisheng, ungewöhnlich zahm. “Ich -- es ist meine Schuld. Ich habe das Buch nicht richtig zu Ende gelesen. Schätzchen und Blümchen sind unschuldig. Sie wollten mir nur bei meinem Experiment helfen.”
“Das ist sowas wie die Drachen-Phönix-Umwandlung, die die unselige erste Ehefrau meiner kleinen Schwester beherrschte?” fragte Meisterin He. Sie hob ihr geschrumpftes Schätzchen wie einen umgefallenen Sack vom Boden auf und stellte ihn auf die Füße; dann trat sie an den Tisch und beugte sich über das alte Handbuch.
“Ich verstehe nichts von solchen Techniken,” sagte sie, “ich arbeite nur mit Dingen, die ich anfassen kann. Aber da steht ganz klar, ‘keine Kultivationspartner’.”
Sie seufzte, und setzte sich auf die Bank, auf der Blümchen und der kleine Rabauke ehrfürchtig Platz gemacht hatten.
“Ach Schätzchen,” grummelte sie, “ich wollte mich damit eigentlich gar nicht befassen müssen. Mit wem Du dein qi kreisen lässt, und wie du das anstellst, ist deine Sache. Das ist eine Jianghu-Angelegenheit, und damit nicht mein Problem.”
“Wir sind jetzt acht,” sagte Li Lianhua. “Wir lassen überhaupt nichts kreisen. Zumindest nicht so.”
“In dreizehn Stunden seid ihr wieder groß, aber immer noch nicht mein Problem,” sagte Meisterin He. “Manchmal muss ich allerdings abends mehre Blätter mit Kalligraphie füllen: NICHT MEIN PROBLEM. Ihr macht es mir nicht leicht, Jungs.”
“Wir brauchen in Zukunft nicht mehr mitzukommen, wenn wir Sie so stören, Meisterin,” sagte Di Feisheng, geradezu unterwürfig.
“Normalerweise stört ihr nicht,” sagte Meisterin He. “Und mein Schätzchen ist nur wirklich glücklich, wenn ihr beide auch dabei seid. Wenn ihr in meinem Haus aber plötzlich untunliche Geheimtechniken verwendet, dann frage ich mich schon, was als nächstes kommt. Echte Drachen? Wandelnde Leichen? Sprechende Tiere?”
Sie zeigte mit dem Finger auf Li Lianhua. “Keine Experimente in der Küche! Keine Experimente mit alten Handbüchern!”
Das ging gegen Di Feisheng. Die Meisterin hatte offensichtlich Gefallen daran gefunden, ihre Autorität als einzige Erwachsene auszuspielen. Mit Li Lianhua trank sie oft stundenlang Tee und löste theoretisch alle Probleme der Welt; Di Feisheng dagegen behandelte sie höflich-distanziert, als ob ihr Sohn einen halb zahmen Tiger mit nach Hause gebracht hätte.
Aber dem kleinen Rabauken, der jetzt betreten auf den Saum seines viel zu langen Gewandes schaute, dem konnte sie jede Standpauke halten, die ihr einfiel.
“Dreizehn Stunden,” sagte sie dann. “Was soll ich nur mit euch machen?”
“Bitte nicht einsperren!” sagte Di Feisheng sofort. “Zumindest nicht Ihr eigenes Schätzchen. Er will auf Bäume klettern, mit dem Hund Ball spielen, und ganz ungesunde Sachen essen. Das konnte er nicht, als er wirklich so alt war.”
“Bitte sperren Sie den kleinen Rabauken auch nicht ein!” fiel Li Lianhua sofort ein. Er fühlte sich plötzlich, als müsste er Di Feisheng gegen die ganze Welt verteidigen. “Seine Kindheit war kein Spaß; jetzt hat er dreizehn Stunden, um Spaß zu haben."
“Wir haben das nicht zum Spaß gemacht,” sagte Fang Duobing leise. “Der kleine Rabauke hätte es so oder so versucht. Es war ein Unfall. Aber jetzt hilf uns bitte, Mutti.”
“Ich sperre doch keine Kinder ein,” sagte Meisterin He empört. “Und schon gar nicht mein Schätzchen und seine kleinen Freunde. Ihr solltet aber hier warten, bis ich mit Schätzchens alter Kleidung wiederkomme, denn so könnt ihr nicht rumlaufen. Und ich hoffe, euer Hund erkennt euch noch.”
Sie stand auf, verpasste allen nochmal einen strengen Blick, und verließ den Raum.
“Ich hatte eigentlich gar nicht vor, Spaß zu haben…” sagte Di Feisheng langsam. “Ich kann auch dreizehn Stunden hier sitzen und meditieren, kein Problem.”
“Den Teufel wirst du tun,” sagte Li Lianhua; er puffte seinen Gefährten spielerisch in die Seite. Seine Gefühle waren anders, stellte er fest, aber das änderte nichts daran, dass er diesen kleinen Rabauken ganz fürchterlich lieb hatte. Nur halt ohne das innere Ziehen und Tanzen einer erwachsenen Liebesbeziehung; er fühlte sich vielmehr, als müsste er ihn in den Arm nehmen und beschützen, sein letztes Hemd mit ihm teilen, und keine Ruhe geben, bis er endlich wieder lachte.
Meisterin He kam kurz darauf mit dem Hund zurück, der sie alle drei ohne Probleme erkannte. Zauberfuchs legte ihren Kopf schief, jaulte kurz und verwirrt, und legte sich dann neben ihr Herrchen (das den Diminutiv jetzt wirklich verdiente!) auf die Bank, ihren Kopf in seinem Schoß.
“Sie ist viel größer!” sagte das Schätzchen, ganz erstaunt.
“Du bist kleiner,” widersprach Di Feisheng. “Zauberfuchs ist die einzige, die gleich geblieben ist.”
Li Lianhua kraulte den Nacken seiner lieben Hündin, und legte seine Wange an ihre weichen Ohren. Auch dieses Gefühl war anders -- hatte er sie sonst wirklich so gerne, wie sie es verdiente? Wenn so ein kluges Tier Teil von deinem Leben war, dann war es doch Verschwendung, es nicht von ganzem Herzen liebzuhaben!
Für einen Achtjährigen konnte ein solches orange-weißes Pelzgesicht mit spitzen Ohren und schwarzer Nase durchaus der Mittelpunkt der Welt sein, und jeder Hund verdiente so viel Aufmerksamkeit von seinem Menschen!
“Kinder haben ausgesprochen intensive Gefühle,” befand Li Lianhua. “Wenn wir größer werden, dann stumpfen wir ab, oder zumindest gewöhnen wir uns dran."
“Jetzt geht und zieht euch um,” sagte Meisterin He, die einen großen Korb mit Textilien mitgebracht hatte, “dann könnt ihr mit dem Hund rausgehen und spielen. Sie ist vernünftiger, als ihr es gerade seid, und wird hoffentlich gut auf euch aufpassen.”
***
Es hatte vorher keiner in Zweifel gezogen, dass sie alle drei gemeinsam in Schätzchens altem Zimmer schliefen, und heute tat das auch niemand. Sie waren schließlich acht Jahre alt, und wenn überhaupt, dann war noch mehr Platz in dem Bett, in dem auch drei erwachsene Männer bequem schlafen konnten.
Niemand sagte ihnen am Abend, sie sollten schlafen gehen; sie waren nur ganz von alleine hundemüde, und wanderten nach dem Abendessen gähnend in Richtung von Schätzchens Kinderzimmer.
Drei achtjährige Kerlchen und eine weiß-orange Hündin igelten sich gemütlich in den dicken Steppdecken ein, und dann holte Schätzchen eine kleine Schachtel hervor, die mit buntem Papier beklebt war und hauptsächlich kandierte und getrocknete Früchte enthielt.
“Gut, dass das morgen wieder vorbei ist,” sagte der kleine Rabauke, der mit einem Finger in der Schachtel wühlte, um etwas zu finden, was nicht so schlimm süß oder bunt war. Er nahm sich schließlich eine halbe Walnuss.
“Wieso?” fragte Blümchen. “Hat es dir gar keinen Spaß gemacht?”
“Doch,” gab er zu. “Es war lustig, durch jeden Spalt zu passen und unter den Pferden durchzulaufen. Aber ihr beiden seid ja eine Gefahr für die Allgemeinheit! Ich habe ein paar Mal gedacht, Meisterin He würde euch einfangen und in den Keller sperren, wo dieser komische Käfig steht.”
“Wieso?” sagte Schätzchen, ganz unschuldig. “Ich bin nur auf Bäume gestiegen und habe mit dem Hund gespielt, wie ich gesagt habe.”
“Im Blumengarten,” sagte der kleine Rabauke. “Mit Blümchen zusammen. Bis der arme Hund den Ball zwischen euch aus der Luft gefangen hat und damit durch Meisterin Hes schönste Pfingstrosen gerollt ist. Der Hund ist natürlich unschuldig; Zauberfuchs will doch nur mit ihren Leuten spielen. Aber ihr habt sie provoziert, bis Schätzchens Tante sie aus dem Garten gejagt hat.”
“Uns aber auch,” sagte Blümchen. “Aber wir hatten Spaß, auch Zauberfuchs. Normalerweise spielen wir nicht genug mit ihr. Unser Hund könnte viel mehr Spaß gebrauchen!”
“Ich bin sicher,” meinte Schätzchen schließlich, “wir hätten nicht in den Karpfenteich waten sollen. Aber es war unwiderstehlich -- der Nachmittag war warm, und die Karpfen so schön bunt.”
“Einer hat mich gebissen,” sagte der kleine Rabauke. “Die fanden das wohl nicht so witzig wie wir.”
“Der wollte nur mal sehen, ob er den gefürchteten Di Feisheng ungestraft beißen kann,” kicherte Schätzchen. “Der Karpfen ist jetzt Nummer eins unter den großen Kämpfern im Jianghu.”
Der kleine Rabauke nahm ein langes rundes Kissen und haute es Schätzchen über den Kopf. Schätzchen griff sich ein dickes, quadratisches Kissen und haute zurück. Zauberfuchs bellte aufgeregt, während die beiden mit ihren Kissen auf dem Bett herumhüpften, bis sie alle drei völlig erschöpft kollabierten.
“Wollt ihr auch noch ein paar Datteln?” fragte Blümchen, der die ganze Zeit im Schneidersitz dagesessen und ihnen zugeschaut hatte. Er hielt die bunte Schachtel im Schoß, und sein Mund war ausgesprochen klebrig.
Glücklicherweise waren sie alle acht Jahre alt, und niemand hatte das geringste Interesse, einen der anderen zu küssen -- außer vielleicht einen dicken, klebrigen Schmatz auf die Backe, den Blümchen jetzt dem kleinen Rabauken verpasste, weil der quer über Zauberfuchs lag und ihn ausgesprochen dämlich anstarrte.
Zumindest Blümchen fand den Blick dämlich; er war aber auch ziemlich niedlich.
“Keine Datteln? Gut!”
Er schob sich noch eine Dattel in den Mund; Schätzchen langte in die Schachtel und nahm sich auch eine. Der kleine Rabauke schaute sie beide an und machte die Augen zu.
Es war draußen jetzt ganz dunkel geworden, und auf dem Dach waren Schritte zu hören, wie von kleinen Pfoten. Zauberfuchs schaute nach oben, stand aber nicht auf, um den schlafenden kleinen Rabauken abzuschütteln.
“Katzen,” sagte Blümchen. “Oder vielleicht Zhan Yunfei.”
“Nein,” sagte Schätzchen. “Das habe ich früher auch immer in der Dämmerung gehört, als ich selber noch klein war. Das sind die Geister von den echten Zauberfüchsen, die ein wahnsinniger Vorfahre der Familie He in Fallen gefangen hat, um aus ihren Pelzen einen magischen Mantel herzustellen…”
Es war eine astreine Geistergeschichte, die Schätzchen da erzählte; er hatte sie von seiner Tante gehört, als er wirklich so klein gewesen war. Danach musste Blümchen natürlich auch eine erzählen, und er berichtete von dem alten Brunner im Haus seines Meisters, und dem kalten, klammen Wesen, das laut Shan Gudao in dessen Tiefen hauste.
Shan Gudao hatte diese Geschichte so gut erzählt, dass der kleine Li Xiangyi hinterher nicht schlafen konnte, aber es war eine tolle Geschichte, und Blümchen tat sein Bestes, um ihr gerecht zu werden.
Auf dem Höhepunkt der Geschichte machte er eine Kunstpause, wie es sein großer Bruder auch immer gemacht hatte, und aß ganz langsam eine Feige aus der Schachtel.
“Mach es doch nicht so spannend!” protestierte der kleine Rabauke, der anscheinend doch noch nicht ganz so fest schlief, “wie hat sie ihn nun umgebracht?”
Schätzchen lachte fürchterlich, und machte ein paar total alberne Vorschläge, und piekte den Rabauken in die Rippen; Blümchen verspeiste genüsslich ein Tanghulu, bis sich die albernen Kerle wieder eingekriegt hatten.
Dann erzählte er die Geschichte weiter, und war richtig stolz, als sich die beiden anderen am Ende total gruselten und ihre Gesichter im orangenen Fell von Zauberfuchs versteckten.
Blümchen hatte das Gefühl, es wäre nicht nett, den kleinen Rabauken jetzt selber um eine Gruselgeschichte zu bitten, weil er schließlich mitten in einer aufgewachsen war. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen; Di Feisheng erzählte freiwillig, und ganz stilgerecht.
“Da, wo ich aufgewachsen bin, erzählten sie, dass im Wald eine böse Zauberprinzessin wohnte, die allen Kindern auflauerte, die versuchten, wegzulaufen. Sie stellte sich dir in den Weg und forderte dich zum Kampf heraus…”
Die Geschichte wurde so bizarr und blutig, wie es sich nur ein Kind ausdenken konnte, das im Krieg aufwuchs, oder in einer geschlossenen Welt voller bösem Willen, die vielleicht sogar schlimmer war als Krieg. Schätzchens Augen wurden groß und rund wie Teetassen, und Blümchen fragte sich ein- oder zweimal, ob er den Rabauken unterbrechen sollte. Aber Schätzchen klammerte sich am Fell von Zauberfuchs fest und nickte ungeduldig, wann immer der kleine Rabauke eine Pause machte.
Sie hatten nur eine einzige Kerze auf dem Tisch neben dem Bett, was die Stimmung umso gruseliger machte; als Di Feisheng schließlich fertig war und die böse Zauberprinzessin ein absurd blutiges Ende gefunden hatte, komplett mit Wölfen, die ihr die Eingeweide herausrissen und gerecht unter sich aufteilten, war die Kerze schon fast heruntergebrannt.
“Das war schlimm,” flüsterte Schätzchen. “Ganz schlimm. Ich schlafe heute Nacht direkt neben Zauberfuchs, damit sie alle Wölfe, Rachegeister und Mordfrösche verjagen kann. Unser Hund ist der Beste!"
Blümchen stellte die fast leere Schachtel auf den Tisch neben die erlöschende Kerze. “Das ist mein Hund,” sagte er, “und deshalb schlafe ich auf der anderen Seite von ihr.”
Er griff sich seine Steppdecke und wickelte sie um sich, bevor er den Arm um den Hund legte und die Hand auf der anderen Seite auf Schätzchens Schulter landete, wo es sehr bequem war.
Hinter ihm machte es sich der kleine Rabauke gemütlich, mit der Nase in Blümchens Nacken. “Ich habe meinen Säbel neben mir,” sagte er. “Ich passe auf euch beide auf.”
Blümchen zweifelte, ob er die Waffe überhaupt noch schwingen konnte, aber das war ja nicht, worum es jetzt ging. Jetzt ging es darum, sich nach all den Gespenstergeschichten warm und sicher zu fühlen, wären sie alle langsam in den Schlaf hinüberglitten.
“Morgen gibt es Reisbrei mit Pilzen zum Frühstück,” sagte Schätzchen noch als letztes; dann fing er an zu schnarchen.-
