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Deutsch
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Published:
2024-08-25
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6,033
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Aschenbecher und Rauchsignale

Summary:

Andere Menschen hatten Leichen im Keller, Adam hatte seinen Vater im Kofferraum.

Mit dem Tod seines Vaters hatte Adam schon vor fünfzehn Jahren abgeschlossen. Wirklich. Mit Leo aber nie.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Das Gefäß lag kalt und schwer in seinen Händen. Adam betrachtete es für einen Moment. Es wunderte ihn, wie klein und unscheinbar die Urne war, und er war überrascht darüber, wie viele komplizierte Emotionen in einem so belanglosen Objekt stecken konnten. Das Ding war schwarz und schlicht, ohne jeglichen persönlichen Bezug, weil sich keiner von ihnen so recht mit der Einäscherung hatte auseinandersetzen wollen und weil Gravierungen extra kosteten. Was hätten sie auch darauf schreiben sollen? Roland Schürk: Ehemann und Vater. Mehr gab es eigentlich nicht zu sagen, und auch das war Ansichtssache. 

Eigentlich hätte das Bestattungsinstitut ihm die Urne gar nicht aushändigen dürfen – das deutsche Gesetz sah vor, dass eingeäscherte Überreste regelkonform bestattet werden – aber wenn Adam etwas hatte, dann war es Geld und Beamtenautorität. Leo würde das vermutlich gar nicht gutheißen, aber Leo war nicht hier. Und wer würde schon zur Beerdigung des Alten kommen außer seine Mutter und der Priester, vor dem Adam schon immer fast so viel Angst gehabt hatte wie vor seinem Vater. Also würde er vermutlich einfach irgendwo einen Stein aufstellen lassen, und auf dem würde eben auch nicht mehr draufstehen. Ehemann und Vater. 

Bevor er zu lange darüber nachdenken konnte, schraubte er den Verschluss auf und sah hinein. Die Asche lag in einer Plastiktüte versiegelt im Bauch der Urne. Es war viel weniger Inhalt, als Adam erwartet hatte, und wenn die Menschen vom Bestattungsinstitut ihm versehentlich die Asche des eingeschläferten Nachbarhundes übergeben hätten, dann hätte er vermutlich keinen Verdacht geschöpft. Komisch, all das. Zum Schluss war sein Vater eben auch nur eine groteske Zusammensetzung aus Molekülen und Gewebe gewesen. Wenn das hier alles war, was schließlich von seinem Vater übrig geblieben war, dann verstand Adam nicht, wie er immer noch so einen Einfluss auf ihn haben konnte. Irgendwie fühlte es sich noch immer so an, als säße Adam im Kleiderschrank und wartete auf die schweren Schritte der Stahlkappenschuhe. 

Erneut blickte er in das Gefäß, um sich davon zu vergewissern, dass er sich nie wieder in diesen Schrank setzen musste. Die Asche war trocken und farblos, und das passte ja irgendwie zu seinem Vater. Aber es war keine große Genugtuung, ihn so zu sehen. Adam wusste nicht ganz, was er erwartet hatte. Genauso wenig wusste er, was er jetzt mit der Asche seines Vaters anstellen sollte. Auf dem Friedhof begraben wollte er ihn nicht. Fried-Hof – das war ein Ort der Ruhe, und das hatte der Alte nicht verdient. Außerdem wollte Adam das den anderen Toten nicht antun; Roland Schürk war sicher ein besonders unausstehlicher Grabnachbar. 

Kurz dachte er darüber nach, den Inhalt der Urne einfach hier in der Garage auszuschütten. Das wäre zumindest ein bisschen pathetisch. Fast wollte er den Staubsauger holen und die Asche wegsaugen, wie den ganzen anderen Dreck in diesem Haus. Vom Dreck bist du genommen, zum Dreck kehrst du zurück. Allerdings hatte seine Mutter das Ding vor einer Weile mit einem Saugroboter ausgetauscht, und das hätte nun mal nicht den gleichen Effekt. Dann vielleicht doch einfach im Wald verstreuen. Aber das hätte ihm noch gefallen. Dann in den See? Noch besser. Im Klo runterspülen? Aber dann landete sein Vater noch irgendwo im Trinkwasser und Adam selbst auf irgendeiner roten Liste vom Gesundheitsamt. 

Die Urne stand vor ihm auf dem Boden. Adam konnte die Augen nicht davon lösen. Beinahe hatte er Angst, die Aschepartikel könnten sich wie ein Monster aus einem schlechten Fantasy-Film wieder zusammenschließen und im nächsten Moment würde sein Vater wieder vor ihm stehen. 

Eine Weile saß er unschlüssig in der Garage herum, aber es wollte ihm einfach nichts Angemessenes einfallen. Schließlich kam eine Nachricht von Leo, und Adam beschloss, das Thema für heute abzuschließen. 

 


 

„Wir müssten dein Auto nehmen“, erklärte Leo und zeigte auf seinen Dienstwagen. ‚Bullenschwein‘ hatte jemand mit roter Farbe auf die Heckscheibe geschmiert. 

„Wir haben hier auf dem Parkplatz doch überall Kameras“, meinte Adam verwundert. „Wie dumm kann man sein?“ 

Leo zuckte nur genervt mit den Schultern. „Ja, naja, aber Kapuzen und Masken hatten die schon auf. Aber ist ja auch egal. Zumindest bekomme ich das bis morgen nicht abgewaschen. Das Zeug ist richtig hartnäckig, da haben die sich schon etwas bei gedacht.“

Adam kratzte mit einem Fingernagel vorsichtig über das beschmierte Glas, aber Leo hatte Recht. Das war keine einfache Acrylfarbe aus dem Baumarkt. Adam stöhnte genervt. „Fährst du trotzdem?“

Leo grinste und legte Adam einen Arm über die Schultern. Adam mochte es, wenn Leo ihn berührte. Das kribbelte immer so schön unter seiner Haut wie damals, als sie zusammen heimlich eine Nacht im Baumhaus durchgemacht hatten und Adam zum ersten Mal Softdrinks getrunken hatte. Afri-Cola. Literweise. Da war er auch ganz aufgeregt geworden.

„Willst du dich betrinken?“ fragte Leo und klang dabei ganz amüsiert.

Adam grinste zurück. „Na, wie soll man Baumanns Geburtstag denn sonst durchstehen?“ Dazu war es auch noch ein runder Geburtstag. Das waren bekanntlich die Schlimmsten. Und Adam war nicht eifrig darauf, ihre Fußballfreunde besser kennenzulernen. Fußballfans waren bekanntlich ja auch die Schlimmsten. Eine schwierige Mischung.

 


 

„Nur eine Stunde“, hatte Leo zu ihm gesagt. „Und dann können wir gehen.“ Das war jetzt drei Stunden her und Adams Kopf dröhnte von billigem Bier und eintönigen Konversationen mit Kollegen, die ihm im Flur gewöhnlich aus dem Weg gingen. Die Musik war zu laut und bereits schlecht genug, bevor jemand beschlossen hatte, einen Naughties-Pop-Mix aufzulegen. Britney Spears’ Stimme hallte durch die dünnen Wände, und Adam hatte Leo schon vor einer ganzen Weile aus den Augen verloren. Die Luft hier drinnen in der überfüllten Doppelhaushälfte war stickig und stank fürchterlich nach Schweiß und Kotze, und Adam wollte nur noch raus. Bevor er sich den Weg in die Freiheit bahnen konnte, wurde er jedoch auf den letzten Metern abgefangen.

„Schürk!“ Adam fuhr herum. Da stand Esther, um ihren Hals etwa drei Rollen Luftschlangen gewickelt. „Fancy seeing you here.“ Trotz des Drinks in ihrer Hand wirkte sie erstaunlich nüchtern. 

Adam nickte nur höflich. 

„Wo hast du denn Hölzer gelassen?“

„Bin ich sein Vater?“ fragte Adam, plötzlich unerklärbar genervt. Leo gehörte ihm nicht, und wenn er sich auf einer Party andere Menschen suchte, mit denen er seine Zeit verbringen wollte, dann war das ja auch sein gutes Recht. Adam wurde schlagartig bewusst, dass Leo vermutlich Freunde hatte, von denen Adam gar nichts wusste. Es war ja auch unrealistisch, anzunehmen, dass Leos Welt sich tatsächlich nur um den Job und um Adam drehte. Auch, wenn das umgedreht natürlich ziemlich genau zutraf. „Der kann machen, was er will.“ 

Esther hielt beide Hände in die Luft. Adam hatte sich oft gefragt, ob er manchmal etwas zu weit mit ihr ging. Eigentlich war Baumann ja ganz okay, aber Adam wurde das Gefühl nicht los, dass sie immer genau wusste, mit welchen unschuldigen Bemerkungen sie ihn provozieren konnte. Aber vielleicht war das auch nur ihre Art.  

„Schon verstanden“, meinte Esther, ließ Adam aber trotzdem nicht abziehen. „Geht mich ja auch nichts an.“

„Habt ihr euch gestritten?“ Wie aus dem Nichts stand Pia plötzlich zwischen ihnen, eine rosa Partybrille auf der Nase. Im Vergleich zu Esther wirkte sie ziemlich dicht und ihr Atem roch verdächtig nach Berliner Luft. „Trennt ihr euch jetzt?“ 

Adam starrte sie für einen Moment an, aber Pia schien keine Scherze zu machen. Sie wirkte im Gegenteil ganz betroffen und schob die Brille in die Haare, damit Adam ihren enttäuschten Blick sehen konnte. „Wie schade“, sagte sie.

„Wir haben uns nicht gestritten“, meinte Adam schließlich, und klang dabei ein bisschen defensiv. Eigentlich hatte er keinen Grund, sauer auf Leo zu sein. Nur weil sie zusammen hergekommen waren, bedeutete das nicht, dass Leo ihm gegenüber irgendeine Verpflichtung hatte. Vermutlich war es auch ein bisschen Adams Schuld, dass ihn jeder andere Mensch auf der Party einen Scheiß interessierte. Außer Pia vielleicht – die war in Ordnung. Allerdings wusste er auch nicht, woher ihr Verdacht kam, dass Leo und Adam ein Paar seien. Wer dachte das wohl noch?

Esther wich seinem Blick aus. 

Jemand anderes rümpelte Adam grob von der Seite an, aber bevor er die Person wütend anzischen konnte, wurde ihm ein Stück Kuchen unter die Nase gehalten.

„Mit den Brownies wär ich vorsichtig“, warnte Pia kichernd, und Adam verstand. Ein bisschen riechen konnte er das Gras jetzt auch. Es roch wie so oft in Berlin. 

Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. „Baumann“, sagte er nur erstaunt und nicht unbeeindruckt. Kurz überlegte er und nahm den Brownie schließlich dankend an. 

Verlegen lachte Esther ihn an. „Ihr glaubt auch echt alle, dass ich gar keinen Spaß verstehe.“

„Naja…“ Adam kratzte sich am Kinn, wusste aber nicht so recht, wie er dem widersprechen sollte.  

„Ja, wie auch immer“, sagte sie und ließ sich eine vierte Luftschlange um den Hals legen, bevor sie Pia an die Hand nahm und in die Küche zog, um ihr ein Glas Wasser einzuschenken. 

Adam brach durch die Hintertür im Wintergarten nach draußen und ließ die angenehm kühle Septemberluft in seine Lunge fluten. Er schüttelte eine Kippe aus der ausgebeulten Box und zündete sie mit dem Feuerzeug an, das er vor einer Weile von einem abgeschlossenen Tatort hatte mitgehen lassen. Auf einer Seite war der Spruch 'Smoking Kills' gedruckt. Auf der anderen klebte heute noch ein kleines bisschen getrocknetes Blut von der fatalen Schusswunde des Opfers. Irgendwie hatte er das auf eine schräge und morbide Art witzig gefunden.  

Adam schloss die Augen und zog den heißen Rauch genüsslich ein, obwohl er im Kiosk nur noch Marlboro bekommen hatte und eigentlich viel lieber Lucky Strike rauchte. Egal. Mit vierundzwanzig in Berlin hatte er noch darauf bestanden, seine eigenen Zigaretten zu drehen, aber jetzt war er Mitte dreißig und selbstgekauft war längst auch okay. Außerdem konnte er es sich jetzt leisten. 

Mit einem Stöhnen ließ er sich auf die kalten Marmorstufen fallen. Es war mittlerweile so dunkel geworden, dass er hier draußen fast nichts mehr sehen konnte. Ein paar Meter hinter dem Wintergarten konnte er einige Tannen ausmachen, doch dahinter nur Schwarz. Irgendwie war es befreiend, so ganz allein im Dunkeln, wie damals im Baumhaus, als er sich manchmal nachts aus dem Haus geschlichen hatte, nur um für einen Moment so zu tun, als wäre er ganz woanders. 

Da bist du.“ Adam blickte zurück und sah Leo hinter sich stehen, ein Bier in der einen Hand und eine Flasche Wasser in der anderen. Leo war wirklich der vernünftigste Mensch, den er kannte. Adam fragte sich, ob Leo sich vor dem Heimweg auch selbst einem Alkoholtest unterziehen würde, bevor er sie pflichtbewusst ausgenüchtert nach Hause fuhr. 

„Und da bist du“, erwiderte Adam und lallte dabei nur ein bisschen.

Leo ließ sich neben ihm auf der obersten Stufe nieder und sah Adam beim Rauchen zu. Adam wich seinem Blick aus, als er den Zigarettenrauch einsog.  

Das Rauchen war schon vor einer ganzen Weile zu einer Art Ritual zwischen ihm und seinen alten, vergilbten Erinnerungen geworden. Manchmal dachte er, dass andere Menschen seine Gedanken lesen könnten, wenn sie ihm dabei zusahen. Jede Kippe erinnerte ihn an die erste, die er damals mit Leo geteilt hatte – zusammengehockt bei Dämmerung im Baumhaus. Irgendwie führten ihn alle schönen Erinnerungen von damals zurück ins Baumhaus. Adam hatte an diesem Tag eine halbleere Packung Zigaretten unter einem der alten Hochstände gefunden. Aufgeregt hatten sie an dem Abend zwischen den Baumkronen gehockt und den ersten heißen Rauch unbeholfen eingesogen, bis Leo sich keuchend übergeben hatte. Adam hatte gelacht, aber sein Hals hatte noch am nächsten Tag gebrannt, und er hatte befürchtet, dass sich der Geruch niemals aus seinen Haaren waschen ließe. Was sein Vater wohl dazu sagen würde? Die Schachtel hatte Leo in seinem Kinderzimmer versteckt – hinter dem Stapel Comicheften, für die Adam ihn immer beneidet hatte. In Adams schönsten Erinnerungen saßen sie zusammen im Baumhaus, eine Zigarette zwischen Adams Lippen, während Leo aus der neuesten Batman-Ausgabe vorlas. Vernünftig wie er war, hatte Leo dem Rauchen noch vor Ende der Sommerferien den Rücken gekehrt, doch Adam war angefixt gewesen von dem geheimen Akt der Rebellion. 

Er ließ den Rauch für einen Moment in seiner Lunge brennen, dann stieß er ihn langsam wieder aus. In seinen Augenwinkeln konnte er sehen, wie Leo ihn begutachtete. Fast schon hörte er ihn zum Vortrag ansetzen. Leo hatte einmal für eine Nichtraucherkampagne an einer lokalen Schule gesprochen. Be smart, Don't start! Das war schon eine ganze Weile her, aber Adam konnte sich nur denken, dass die Raucherquote in Saarbrücken seitdem drastisch gestiegen war. Zumindest hatte Leo seitdem kein Wort darüber verloren. Erfahren hatte Adam das mal von Esther in einem kurzen Moment der Waffenruhe. 

Leo war für eine Weile still, bevor er langsam seinen Kopf schüttelte, als spielte er ein imaginäres Argument in seinem Kopf durch. Adam dachte sich nicht zum ersten Mal, dass er alles dafür tun würde, Leos Gedanken lesen zu können. Einen alten Mann würde er dafür schon um die Ecke bringen. Am besten seinen alten Mann, wenn der ihm nicht schon zuvor gekommen wäre. „Ich dachte, du wärst weg“, sagte Leo schließlich zaghaft. 

Adam schnaubte leicht und grinste. „Ich war vor drei Stunden schon bereit zu gehen, aber du bist nun mal der Fahrer heute.“ Heute und sowieso sonst immer. Weil Leo einfach so verdammt vertrauenswürdig und zuverlässig war. Adam selbst war damals gleich drei Mal durch die praktische Fahrprüfung gerasselt. 

Zu seiner Enttäuschung wurde Leos Gesichtsausdruck nicht weicher und anstatt seinen Blick zu erwidern, wanderten Leos Augen zu der Zigarette in Adams Hand. „Nein, ich weiß. Ich meinte… Ich hab Angst, dass du verschwindest. Wenn ich dich nicht sehe… Nicht weiß, wo du bist–“ Leo klang wie ein besorgter Vater. Nicht sein besorgter Vater. Das war auch irgendwie ein Oxymoron. 

Leos Atem stockte und sein Blick war immer noch auf die Kippe fixiert, also hielt Adam sie ihm hin und war erstaunt, als Leo sie tatsächlich annahm. Adam versuchte, nicht auf Leos Lippen zu starren, als die Zigarette zwischen ihnen glühte. Leo keuchte einmal und schloss seine Augen, bevor er weiterfuhr. „Du warst so lange weg, Adam. Als du gegangen bist, war das ohne Warnung, ohne Verabschiedung. Kein Auf Wiedersehen . Kein Bis bald . Einfach weg. Da bin ich an einem Tag bereit, mit dir abzuhauen – nach Wien oder Berlin oder New York – und dann finde ich am nächsten Tag heraus, dass du ohne mich los bist. Fünfzehn Jahre ohne Lebenszeichen. Nicht ein Wort. Ob du noch gelebt hast, das konnte mir ja auch keiner sagen. Manchmal denke ich halt, dass du wieder abhaust, wenn ich dir einmal den Rücken zuwende. Eigentlich–“ Adam beobachtete den Rauch, der sich um Leos Finger kräuselte. „Eigentlich fühlt es sich andauernd so an.“

Adam schluckte. Er war sich nicht sicher, wo das jetzt herkam. Vielleicht hatte sich etwas verändert, als sein Vater gestorben war, und jetzt war da nichts mehr, das Leo davon zurückhielt, das zu sagen, was er schon immer hatte sagen wollen. Oder vielleicht hatte er nur eine Flasche zu viel getrunken. Adam hatte auf jeden Fall auch eine Flasche zu viel getrunken, aber vielleicht war das auch der Brownie, denn sein Kopf war ganz leicht und da waren nur sie beide im Dunkel der Nacht und der Rauch, der um Leos Finger tanzte. 

Irgendwo hinter ihnen dröhnte noch die eintönige Popmusik durch die Hauswand hindurch.
Like a rock, you waited so patiently while I got it together. While I figured it out.
Da waren nur Leo, Adam und der Rauch und Christina Aguilera.

„Ich lauf nicht nochmal weg“, sagte Adam. „Warum sollte ich?“

Leo zuckte mit seinen Schultern. Er zog noch einmal an der Kippe, dann reichte er den Stummel zurück zu Adam. „Du hast jeden Grund, diesen Ort zu verlassen. Er war ja nicht so besonders gut zu dir.“ 

Der nicht, dachte Adam. Du aber. Aber er sagte nichts. Leo hatte schon nicht Unrecht damit. Aber das hier war sein Zuhause. Und Leo war dort. „Mach dir bitte keine Sorgen um mich, Leo.“

Endlich sah Leo ihn an und lächelte schwach. „Ich mach mir immer Sorgen um dich.“ 

„Dann hör auf damit.“

„Erst wenn du aufhörst, mir Gründe zu geben.“

Adam drückte den Zigarettenstummel auf dem Boden aus. „Ich bin nicht mehr so, Leo. Ich tue mein Bestes, nicht mehr so zu sein.“

„Ich weiß.“ Leo nickte. „Tut mir Leid. Ich wünschte nur, du würdest öfter mal drüber reden.“ 

Worüber genau reden? fragte sich Adam. Wahrscheinlich war Leo das auch egal, aber wenn Adam einmal damit anfangen würde, würde es vermutlich kein Ende geben. Und so stark war Adam nicht. Das Glühen der Kippe erlosch und Adam wich Leos Blick aus. „Ist ziemlich schwer“, murmelte er nur. 

Leo drückte sein Bein gegen Adams und seine Haut begann wieder zu kribbeln. „Du musst mit mir nicht darüber reden… wenn das zu viel ist. Wir könnten dir jemand anderes suchen.“

Adam blickte zu ihm hinüber. „Wenn ich jemals mit jemandem reden wollen würde – über was auch immer – dann mit dir.“ Leo lächelte ihn an und für einen Moment dachte Adam, die Sonne wäre wieder aufgegangen. „Das solltest du eigentlich schon kapiert haben.“

„Okay.“ Leo nickte wieder, aber da war noch etwas anderes in seinen Augen. „Gut.“

Für eine Weile saßen sie still nebeneinander und Adam kämpfte gegen den Drang nach einer zweiten Zigarette. Eigentlich wollte er sowieso weniger rauchen. In Berlin hatte er sich an schlechten Tagen durch eine ganze Schachtel geraucht. In Mexiko-Stadt waren es fast zwei Schachteln gewesen. Wenn er seinen Konsum aufrechterhielt, wäre er spätestens mit vierzig nicht mehr fit genug für den Job oder zumindest mal mit einem Fuß im Grab. Und außerdem brauchte er den warmen Rauch jetzt ja auch nicht mehr, um Leos Gesicht mal wieder vor sich sehen zu können. Der saß jetzt direkt neben ihm, sein Körper gegen Adams gedrückt, warm und fest und sicher. Und immer da.

Gleich geht jemand hier zu weit, dachte Adam. Man musste kein Hellseher sein, um zu wissen, dass er es sein würde.

Er lehnte sich noch ein Stück zu Leo hinüber, bis er seinen Atem auf seinem Gesicht spüren konnte. Leo beobachtete ihn für einen Moment, aber Adam konnte seine Augen nicht von seinen Lippen nehmen. Staunend beobachtete er, wie Leo mit der Zunge darüberfuhr. Das war vermutlich das Schönste, das Adam je gesehen hatte. Und Leo roch so verdammt gut: nach Rauch und nach Bergamotte und ein bisschen Schweiß und nach Leo. Nur ein kleines Stück näher…

Kurz dachte Adam, dass Leo sich auch ein Stück vorlehnte, aber dann hörte er ihn leise auflachen. „Bist du high?“

Adams Blick traf Leos und sofort rückte er zurück. „Bisschen.“ Was für eine irrsinnige Aktion hatte er da eingeleitet? Vermutlich sollte er sich die Finger in den Hals stecken und die Drogen auskotzen, bevor er nochmal auf eine ähnliche Idee kam. Die Scham stieg in ihm auf und er wandte seinen Blick ab. Dann zündete er sich doch eine zweite Zigarette an und dachte zurück an das Baumhaus.

 


 

Adam konnte sich nicht daran erinnern, jemals richtig verknallt gewesen zu sein. Das war irgendwie alles an ihm vorbeigegangen, schließlich hatte er in der Regel bessere Dinge zu tun – wie Lonely Planet Orte zu bereisen, halbwegs erfolgreich seine Kindheitstraumata zu unterdrücken oder eben Bulle zu werden. Außerdem hatte er gar keine Zeit für eine Beziehung. Naja, obwohl. Für Leo hätte er schon Zeit, aber der war ja sowieso immer da. Eigentlich waren sie ja schon füreinander geschaffen. Theoretisch. Platonisch. 

Adams Kopf war ganz leicht, und wenn er nicht aufpasste, dann rollte er einfach so in seinen Nacken. Die Fenster standen allesamt weit offen und es war kühl geworden in dem Haus, aber Adams Körper blieb warm. Gut fühlte sich das an. Ganz unbeschwert. Adam ließ seinen Kopf in den Nacken rollen und beobachtete einen Weberknecht, der pflichtbewusst an der Decke seine Netzte spann. 

Eigentlich war Adams Sexualität ja kein großes Geheimnis, aber hier, mit Leo, war es etwas anderes. Echter, irgendwie. Das hier, das war wirklich er. Hier war es schwerer, so zu tun, als wäre er damals jemand anderes geworden, als er Saarbrücken den Rücken gekehrt hatte. Jetzt war er wieder zuhause, und es hatte sich nichts geändert. Er war immer noch der gleiche Schürk, der damals schon zu feige war, im Baumhaus sitzen zu bleiben. Aus den Klamotten war er rausgewachsen, aber die Selbstzweifel passten noch so gut wie damals.  

„Komm ich dir anders vor?“ Sie saßen auf der kleinen Couch in Esthers Wohnzimmer. Um sie herum tanzten Menschen, die Adam noch nie gesehen hatte. Wo hatte Baumann all diese Freunde her? Unmöglich waren die alle vom Fanclub. Unfair war das. Sie könnte ihm ruhig ein oder zwei Freunde abgeben. Obwohl, eigentlich war er ganz zufrieden mit Leo.

Nach dem letzten Bier hatte Adam seine Beine über dessen Schoß geworfen. Beiläufig massierte Leo Adams Waden, und Adam war nur froh, dass er von der Aktion auf den Stufen nicht abgeschreckt war. „Wie meinst du?“ 

„Ich meine…“ Adam zog vorsichtig das Etikett vom leeren Spaten-Bier ab. „Du hast dich kaum verändert. Du siehst anders aus, aber… Nach fünfzehn Jahren wusste ich noch genau, was du sagen würdest, wenn ich Scheiße baue. Oder dass du die Hände in den Nacken legst, wenn du nervös wirst. Das hast du damals schon gemacht. Ich versuche, nicht so viel an damals zu denken. Es ist nicht so schwer, mir einzureden, dass ich nicht mehr weiß, wie ich damals war. Als ich weg bin, da wollte ich jemand anderes sein. Wollte mich verlieren. Ich hab keine Ahnung, ob das geklappt hat, aber ich hab mein Bestes versucht.“ Er fragte sich, aufgrund welcher Drogen die Worte so ungebremst aus seinem Mund fielen. Vermutlich war es der Alkohol. Gras hatte ihn selten gesprächig gemacht, eher beflügelt und angenehm müde. Auch jetzt merkte er, wie seine Augen drohten, zuzufallen. Am liebsten würde er seinen Kopf auf Leos Schulter fallen lassen, aber dann würde er ihn vermutlich doch noch verschrecken. 

Leo drückte seine Hand sanft gegen seine Wade. „Adam…“ Adam hatte seinen Blick gemieden, aber jetzt wartete Leo, bis er zurückblickte. „Du bist derselbe.”

Adam nickte und dann sahen sie sich für einen Moment an. Leo schien auch müde zu werden, dabei hatte er gar nichts von den Brownies gegessen. Stattdessen hatte er sich vor einer Weile ein Stück Tiefkühlpizza aus dem Kühlschrank geklaut. Adam fragte sich, ob man Gras nicht auch auf einer Pizza Hawaii verteilen könnte. Warum waren es immer Brownies? Tiefkühlpizzen mussten schließlich auch aufgebacken werden. Gerade wollte er Leo darauf ansprechen, doch da hörten sie plötzlich ein lautes Geschepper und jemand stöhnte schmerzerfüllt. Adam zog seine Beine von Leos Schoß und spürte, wie sein Körper im nächsten Moment doch noch abkühlte. 

Am Ende der Wendeltreppe im Hausflur lag Esther. Mit einem Arm stützte sie sich auf die unterste Stufe. Das linke Bein hatte sie an ihre Brust gedrückt und zog mit schmerzverzerrtem Gesicht den Stoff ihrer Bundfaltenhose nach oben. „Fuck“, zischte sie. Adam konnte schon von weitem aus sehen, dass ihre Kniescheibe nicht mehr an dem Platz saß, wo sie vermutlich eigentlich sitzen sollte. Adam fühlte sich schlagartig nüchtern. 

„Fuck“, zischte Leo neben ihm ebenfalls, dann eilte er zu ihr. Pia kam ihm zuvor. Sie kniete sich neben Esther und half ihr, sich aufzusetzen. Adam stand nur dumm daneben und sah zu. 

Dann winkte Leo ihn zu sich. „Komm, hilf mir mal.“ Leos Arm unter Esthers rechter Schulter, Adams unter der linken. Zusammen trugen sie sie zur Couch, wo die anderen Gäste bereits Platz gemacht hatten. 

„Krankenwagen?“ schlug Leo vor. 

„Spinnst du?“ fragte Adam „Hier gehen Drogen rum. Also“, Kurz zögerte er. „Angeblich.“ 

„Das juckt doch keinen.“ 

Esther versuchte, sich umständlich auf der Couch aufzurichten. „Ich brauch echt keinen Krankenwagen, Jungs.“ 

Leo stand entschlossen auf. „Dann fahr ich dich. Kein Problem.“  

Mit vereinten Kräften schafften sie es, sie zu Adams Auto zu tragen, Pia direkt hinter ihnen, Esthers Tasche unter den Arm geklemmt. „Krankenkassenkarte? Schlüssel?“ 

„Seitentasche“, stöhnte Esther. 

In der letzten Stunde hatte es angefangen, leicht zu regnen, und von seiner Wetter-App hatte Adam bereits eine Unwetterwarnung bekommen.  

Mit einer Hand fischte Adam den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche und warf ihn zu Leo hinüber. Skeptisch beäugte er Esthers steifes Bein. „Ist auf der Rückbank genug Platz?“ 

„Das wird eng, wenn Pia auch noch mitfährt.“ Leo öffnete die Hintertür. 

„Mach dich mal nicht so breit, Baumann.“

Esther warf Adam einen fiesen Blick zu. „Witzig.“

Leo betrachtete die Rückbank. „Kann man die Sitze umklappen?“ 

„Denke schon.“

Adam folgte Leo zur Hinterseite des Autos und war in einem kurzen Moment noch versucht, Leo davon abzuhalten, bevor dieser bereits den Kofferraum öffnete. Stumm standen sie da, nebeneinander, und starrten auf die schwarze Urne, die ganz zentral in einem kleinen Karton im sonst leeren Kofferraum lag. 

„Was ist das?“ fragte Leo nach einer ganzen Weile, seine Stimme unsicher und vorwurfsvoll.

Andere Menschen hatten Leichen im Keller, Adam hatte seinen Vater im Kofferraum.

Adam lehnte sich vor und verlagerte den Karton beiläufig, um nach den Umbaugriffen der Rücksitze zu greifen. „Das ist Papa“, erklärte er nur mit einem Schulterzucken. Leo sagte nichts weiter, doch Adam fühlte seinen eisernen Blick, der sich in seinen Rücken bohrte, sowie das „Darüber reden wir später “, das in der Stille mitschwang. Mit einem überschwänglichen Ruck klappte Adam die Rücksitze nach hinten und hoffte, das Thema für den Moment abgeschlossen zu haben. „So, kann losgehen.“

 


 

Leo sprach erst wieder ein Wort zu ihm, als sie wieder im Auto saßen. Esther und Pia waren in einem der Behandlungszimmer verschwunden, und Adam hatte vorgeschlagen, auf dem Parkplatz zu warten. Wiederwillig war Leo mitgezogen, hatte aber seinen Blick gemieden. Adam war sich nicht ganz sicher, ob Leo wirklich sauer auf ihn war. Er wusste nicht, warum er sauer sein sollte.  

„Bist du sauer auf mich?“ 

„Ich bin nicht sauer auf dich.“ 

„Sag das mal deinem Gesicht.“ 

„Was ist mit meinem Gesicht?“ 

Leo.“

Endlich sah Leo ihn vom Fahrersitz aus an. Selbst in der regnerischen Dunkelheit konnte Adam die Falten in seinem Gesicht ausmachen, die Ringe unter seinen Augen, und er sah müde aus. „Was hast du vor mit ihm?“ 

Adam zuckte nur mit den Schultern. „Weiß ich noch nicht.

Leo musterte ihn. „Du musst ihn loslassen, Adam.“ 

Adam zog seine Augenbrauen zusammen. Er hatte seinen Vater vor fünfzehn Jahren losgelassen, noch bevor Leo ihm den Spaten über den Kopf gezogen hatte. Eigentlich schon lange davor. „Leo, das hab ich längst.“ 

Leo sah ihn skeptisch an. „Was macht er dann im Kofferraum?“ 

Adam verschränkte jetzt auch seine Arme vor der Brust. „Wusste nicht, wohin mit ihm.“ 

„Warum dann nicht zuhause lassen?“ 

Darauf hatte Adam keine Antwort. Er hatte nicht weiter drüber nachgedacht, als er die Urne mit ins Auto geladen hatte. Vielleicht wäre er auf dem Weg ja bei einer Mülldeponie vorbeigefahren oder bei irgendeiner dreckigen Grube, in die er die Asche spontan hätte kippen können. Außerdem hätte es keinen Unterschied gemacht, wo er die Urne ließ, verfolgen würde sie ihn trotzdem. Fünfzehn Jahre hatte er den komatösen Körper seines Vaters nicht gesehen, und trotzdem war sein Gesicht immer da gewesen, wenn er nachts die Augen geschlossen hatte, den Mund zu einem Grinsen verzerrt, den Ledergürtel um seine Handfläche gewickelt. Dann war es auch egal gewesen, ob er den stummen Rufen nachgab und wie ein getretener Hund zurück nach Hause kroch. Und dann hatte er es nicht einmal über sich gebracht, seine Nummer zu blockieren. Es machte keinen Unterschied. Sein Vater war immer bei ihm. Ob er da war oder nicht.  

„Er lässt mich nicht los,“ murmelte Adam und hörte seine Stimme brechen. 

Für einen Moment war Leo still und musterte ihn. Dann nahm er Adams Hand in seine. Wieder durchfuhr ihn ein aufgeregtes Kribbeln, aber diesmal war es anders. Ganz sanft. Vorsichtig. Leo strich behutsam mit seinem Daumen über Adams Handrücken. „Dann lass du ihn los.“ 

Adam schüttelte stur seinen Kopf. „Das geht nicht. Ich habs so lange versucht, Leo.“ 

„Jetzt ist er ja weg“, seufzte Leo und drückte seine Hand. 

„Ist er nicht.“ 

Der Adam aus der Bibel hatte sich auch irgendwann unter Gottes Hand gewunden. Trotzdem war er Sein Sohn geblieben. Denn Gott ist allgegenwärtig. Gott ist Herrscher, Erlöser und Richter. Gott hat Adam in seinem Bilde geschaffen.  

„Wer bin ich schon ohne ihn?“ 

„Ganz egal,“ meinte Leo und drückte seine Hand ein wenig fester. „Du kannst sein, wer du willst. Du kannst tun, was du willst.“ 

Adam schloss seine Augen, um Leos mitleidigen Gesichtsausdruck nicht ertragen zu müssen. Stattdessen war da wieder sein Vater. „Irgendwie war es alles einfacher, als er noch da war. Als ich noch wusste, woran ich glauben sollte.“ Adam war wie ein wildes Tier, das wieder in die Wildnis freigelassen wurde, aber vor Unsicherheit lieber noch eine Weile im Käfig verweilte.  

„Also, ich weiß, woran ich glaube.“ 

Adam öffnete wieder seine Augen und schaute ihn an. Da war eine Falte zwischen Leos Augenbrauen, die er am liebsten wegstreichen würde. Leo sah traurig aus, aber auch irgendwie entschlossen. „Woran?“ 

„An dich.“ 

Adam drehte sich weg, verlegen. „Ja, süß“, murmelte er ironisch, aber sein Herz schlug ihm bis zum Hals. 

„Ich meins ernst. Einer von uns muss ja.“

Sie waren wieder im Baumhaus, und Leo fragte ihn mit leiser Stimme, ob sie nicht zusammen weglaufen könnten. Leo wollte nach London, weil er die James Bond Filme so mochte, und Adam hatte zugestimmt, weil es ihm eigentlich sowieso egal gewesen war. Hauptsache, er war bei Leo. Mit Zwanzig war er schließlich alleine in London gewesen. Dort hatte er sich für einen kurzen Moment gar nicht mehr so einsam gefühlt.  

Seine Hand lag noch immer in Leos. Leo drückte sie erneut und Adam drückte zurück. „Ohne dich wär ich längst am Arsch.“ Das war das Einzige, was er in dem Moment über die Lippen bekam. 

Von draußen prasselte der Regen mittlerweile mit Wucht gegen die Fensterscheibe. Nur die leuchtenden Auskunftsschilder blitzen verschwommen durch die Dunkelheit. Dort draußen gab es nichts zu sehen. Und Leo war so schön anzugucken. Adam blickte wieder zu ihm zurück. Leo schaute ihn noch immer an, und Adam dachte sich: Das ist es. Jetzt weiß er es. Er muss es wissen. Aber das war vielleicht auch gar nicht so schlimm. Vielleicht würde Leo ihn trotzdem bei ihm bleiben lassen, so wie er ihn bei ihm bleiben ließ, nachdem Adam ohne Warnung abgezogen war. Weil Leo gut war, und weil er hier war, und weil er immer hier gewesen war. Weil Leo eben sein Zuhause war.  

Schließlich brach es wieder aus ihm heraus. „Ich hab dich so vermisst, Leo.“

Leo nickte, ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen. „Ich hab dich auch vermisst.“ Dann legte er zögerlich eine Hand auf Adams Wange. Kurz überkam ihn der Reflex, zurückzuzucken, aber dann spürte er die Wärme gegen seine Haut und drückte sich dagegen. So saßen sie da und sahen sich an, Leos linke Hand in Adams rechter und die andere an seiner Wange. Adam atmete tief durch. Einmal, zweimal, dreimal. Der Regen prasselte weiter.  

„Ich kann das nicht ohne dich.“ Was genau? überlegte er kurz. Alles eigentlich. Alles war besser zu zweit. 

Leo strich mit seinem Daumen über Adams Wange, und Adams Herz sprang wie ein wildes Kaninchen in seinem Brustkorb herum. „Musst du ja auch gar nicht.“ 

„Versprochen?“

Leo nickte ernst. „Aber nur wenn du bleibst.“

Adam sah ernst zurück. „Okay.“ 

Er rückte ein kleines Stück näher, und Leos Finger verschränkten sich mit Adams. Wie gut sie ineinander passten. „Okay.“

Leos Augen legten sich auf seine Lippen und reflexartig fuhr Adam mit seiner Zunge darüber. Das Blut in seinem Kopf schoss schlagartig gen Süden, als Leo ihn noch ein Stückchen näher zog. Die Mittelkonsole drückte gegen seine Hüfte, doch er spürte sie kaum. Sanft drückte Leo seine Stirn gegen Adams, in seinen Augen eine Frage. Darf ich?  

Mit einem Seufzen schloss Adam seine Augen. Doch da war nur wieder sein Vater, die Stirn in Falten gelegt. Dich werd ich lehren. Diesen Teufel bekommen wir auch noch ausgetrieben. Ein echter Junge solltest du werden, Adam! Nun sieh dich an…  

Adam spürte wieder Leos Atem auf seiner Wange, seinen herben Geruch in seiner Nase. Mit einem Ruck wich er zurück und entzog seine Hand. „Ich kann das nicht.“ 

Verletzt blickte Leo ihn an. Adam war so ein Idiot. „Adam…“ Er wich dem flehenden Blick aus und stieg aus dem Wagen. Draußen zerrte der Wind an seinen Kleidern und der Regen peitschte ihm entgegen. Von einem Moment zum nächsten war seine Kleidung bis auf die Haut durchnässt. Alles egal, Adam hatte eine Mission. Die Fahrertür knallte zu und Leo lief von der anderen Seite des Autos zu ihm. „Was machst du? Lass uns reden, bitte!“ 

Adam trat hinter den Wagen und öffnete den Kofferraum. „Ich kann das nicht,“ erklärte er wieder. „Nicht mit ihm. Er muss weg.“ Adam griff nach der Urne. 

Leo stellte sich neben ihn. Adam betrachtete ihn für einen Moment. Seine Haare waren von Wind zerzaust und er blinzelte stark gegen den Regen. Die Arme hatte er schützend vor seiner Brust verschränkt. „Darum gehts?“ 

Adam nickte. „Er darf nicht dabei sein.“ 

„Okay, verstehe.“ Leo nickte. „Also, was ist der Plan?“ 

Adam blickte herum. Etwa dreißig Meter hinter dem Parkplatz war eine Rasenfläche, dahinter ein paar dichte Bäume. Adam nickte zum kleinen Waldstück.  

„Bist du sicher?“ 

„Irgendwie passend, meinst du nicht?“ Eigentlich hätte er hier sowieso schon lange enden sollen. Adam betrachtete das Krankenhausgebäude. Wie aus Reflex fanden seine Augen das Fenster, hinter dem sein Vater fünfzehn Jahre gelegen hatte. Dahinter war es jetzt dunkel. Adam ging schnellen Schrittes voran, Leo dicht hinter ihm. Der Wind riss an ihren Jacken, aber sie ließen sich nicht beirren.  

Eine Schaufel oder Ähnliches hatten sie nicht, aber durch den Regen war der Boden weich geworden und zusammen schafften sie es, genug Erde mit den Händen herauszuschaufeln, um ein kleines Loch auszuheben. Kurz hatte Adam überlegt, die Asche kurzerhand zwischen den Bäumen zu verschütten, aber am liebsten würde er gleich das ganze Gefäß loswerden. 

Für einen Moment blickte Adam zurück zu dem Gebäude, in dem der König so lange verweilt hatte. Stumm hatte er gewartet, dass Adam endlich zu ihm zurückkam. Wenn jemand in diesem Moment aus einem Impuls heraus zu ihnen herüber geschaut hätte, hätten sie sicher einen Schreck bekommen. Wie irre Gestalten hockten Adam und Leo unter einem Kastanienbaum, die Arme und Beine schlammverdreckt, die Körper bis auf die Knochen durchnässt. Um sie herum stürmte die Nacht. Sie legten die Urne in die Kuhle. Plötzlich wirkte sie wieder so unscheinbar, als könnte sie ihm gar nichts anhaben. Trotzdem war Adam froh, als ein Windstoß eine Schicht Erde darüber wehte. 

Leo sah zu ihm herüber, dann nahm Adam seine Hand. 

„Letzte Worte?“ 

Adam überlegte für einen Moment. Sein Herz bebte. „Ich lass dich los.“ 

Irgendwo hinter ihnen ertönte die Sirene eines Krankenwagens. „Lass uns zurückgehen“, schlug Leo vor, und Adam ließ sich zum Auto zurückziehen. Obwohl der Wind ihnen entgegenkam, fühlte er sich so leicht wie noch nie in seinem Leben. Er war frei, und er hielt noch immer Leos Hand. Ungewollt brach ein Lachen aus ihm heraus.  

Leo drehte sich zu ihm um. „Was ist?“ fragte er unsicher. „Alles gut?“ Er war so verdammt schön. Adam konnte nur nicken, bevor er ein bisschen Mut zusammensammelte und Leo sanft rückwärts gegen die Seite des Autos drückte. Leo guckte noch immer ernst, aber plötzlich lagen beide seine Hände an Adams Hüfte und zogen ihn ein bisschen näher. 

„Ist das okay?“ fragte Leo, als war es nicht Adam gewesen, der den Moment initiiert hatte. 

Adam legte eine Hand in Leos Nacken und nickte. Dann drückte Leo sich ihm noch ein Stück entgegen und im nächsten Moment trafen sich ihre Lippen.  

Kurz blieb die Welt stehen. Nichts vor diesem Moment war jemals von Bedeutung gewesen. Nichts. Leo schmeckte nach Pfefferminz, Adams Zigaretten und nach einem Versprechen. Adam zog ihn noch ein bisschen näher, weil er wusste, dass keiner von ihnen es brechen würde. Fast hoffte er, dass der König sie sehen konnte. Dann wäre er gleich hundert weitere Tode gestorben. Aber der Alte war fort und würde nie zurückkommen. Adam krallte sich in Leos Haaren fest und entlockte ihm ein Seufzen. Der Regen peitschte um sie herum, aber Adam bekam davon nichts mehr mit, denn er verlor sich in Leo. Adams Hände in Leos Haaren. Leos Arme an seinem Rücken, seine Zunge gegen Adams Lippen. Ein Versprechen.

Adam fühlte sich selbst hundert Tode sterben. War es sehr gefährlich, wenn ein Herz so schnell schlug? 

Adam küsste ihn, bis nur noch ein einziges Wort in seinem Kopf umherflog.

Zuhause.

Notes:

Das erste Mal seit Jahren, dass es ein WIP tatsächlich aus der doc. Datei geschafft hat! Zwar für Copaganda, aber immerhin :')

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