Work Text:
Colin ist zufrieden. Die letzte Wäsche für heute ist endlich gewaschen, Noahs und seine dunkleren Sachen. Hatte sich in den letzten Tagen wieder ganz schön viel angesammelt. Er fängt mit Aufhängen an und summt fröhlich vor sich hin.
Noah kommt rein gestürmt. „Scheiße, Colin!“
„Was ist denn los?“
„Du hast vergessen, meinen Hoodie mitzuwaschen!“ Noah hält das besagte Stück in der rechten Hand.
„Oh nein, das tut mir leid.“
„Den wollte ich morgen eigentlich anziehen.“
„Sorry, der muss so weit unten gelegen haben, dass ich ihn irgendwie übersehen hab.“ Das ärgert ihn. Normalerweise guckt er immer alles genau im Wäschekorb durch.
„Na toll.“
„Passiert mir nicht noch mal, versprochen.“
„Ja, okay, aber davon hab ich jetzt nichts.“
„Es tut mir leid.“
„Das hast du bereits gesagt!“
Okay, jetzt grummelt's ein bisschen in ihm. Er schluckt den aufkommenden Ärger aber runter, weil er weiß, dass Noah vorhin länger mit seinem Vater telefoniert hat, und dass die Stimmung bei Noah danach nach unten gekippt ist. Noah ist öfter erst einmal nicht so besonders gut drauf, wenn er mit einem seiner Elternteile geredet hat, und normalerweise lässt Noah seine miese Laune dann nicht an anderen aus, ab und zu passiert's aber halt doch. Und ist ihm selbst sicher auch schon in der Vergangenhet passiert, dass er wegen irgendwas überreagiert hat, weil er eh schon genervt gewesen ist.
„Soll ich ihn schnell mit der Hand waschen? Das mach ich gern für dich.“
„Der wird doch dann bestimmt nicht mehr rechtzeitig trocken.“
Das Grummeln verstärkt sich. „Dann waschen wir ihn halt in der Maschine. Auch wenn's eigentlich Verschwendung ist, die wegen einer einzigen Sache anzuwerfen, aber ausnahmsweise können wir das ja machen.“
„Wäre ja nicht nötig gewesen, wenn du ihn nicht übersehen hättest.“
Langsam reicht's, miese Laune hin und oder her! „Wenn's dir so wichtig ist, morgen diesen Hoodie anzuziehen, warum hast du dann nicht einfach selbst noch mal geguckt, ob er in der Maschine ist? Ich hab dir doch Bescheid gesagt, bevor ich sie angeworfen habe.“
„Ich hab mich auf dich verlassen.“
Das hat gesessen. Seine Augen verengen sich. „Was willst du mir damit sagen?“
„Dass, dass ich mich auf dich verlassen hab.“
„Und dass du dich aber eigentlich nicht auf mich verlassen kannst, ja? Ist es das, was du denkst? Weil ich einmal einen deiner Hoodies im Wäschekorb übersehen hab?“ Sein Freund hat's erfolgreich geschafft, er ist verletzt. Und eigentlich erwartet er jetzt echt eine kleine Entschuldigung.
„Meistens kann ich mich schon auf dich verlassen, aber -“ Noah spricht nicht weiter.
Aber. Das reicht ihm als Antwort. Er atmet gaaaanz tief durch, weil er Noah nicht anschreien möchte. „Noah, ehrlich gesagt ... ich weiß nicht, ob ich mich gleich mit dir zusammen ins Bett legen kann. Ich denke -“
„Ich soll auf der Couch pennen, schon klar!“
„Wie bitte?“
„Das wolltest du doch eben sagen!“
„Wollte ich nicht, aber du lässt mich ja nicht ausreden!“ Jetzt schreit er doch, aber seine Geduld ist auch einfach am Ende. „Eigentlich wollte ich sagen, dass ich noch mal alleine 'ne Runde ums Haus gehe. Aber weißt du was? Die Idee mit der Couch ist vielleicht gar nicht so schlecht.“
„Ich mach's! Zufrieden?“
„JA! Zufrieden!“
„Oder willst du?“
„Vergiss es! Das war deine Idee, dann ziehst du das auch durch!“
„Gut, du wirst mich gleich bis morgen nicht mehr sehen!“
„Frag aber sicherheitshalber die anderen, ob sie damit einverstanden sind, wenn du im Wohnzimmer schläfst.“
„Ist mir scheißegal, was die darüber denken!“
Okay, das bringt gerade echt nichts mehr. „Mach was du willst, ich geh jetzt jedenfalls!“ Und dann rennt er raus, bevor es sich noch weiter hochschaukelt.
Die Runde ums Haus tut Colin tatsächlich gut, allmählich beruhigt er sich wieder. Jetzt tut's ihm auch schon wieder ein wenig leid, dass er ebenfalls laut geworden ist und Noah einiges an den Kopf geworfen hat, aber er ist auch nur ein Mensch.
Er kennt seinen Liebling längst so gut, über das Telefonat mit seinem Vater wird Noah vielleicht erst in zwei oder drei Tagen reden wollen, vielleicht sogar noch später. Und das ist auch völlig okay, das akzeptiert er, er wird Noah zu nichts anderem drängen, und er wird für Noah da sein, wann auch immer der drüber sprechen mag.
In seiner Magengegend verkrampft es sich etwas, als er seine Klamotten für die Nacht aus dem Schlafzimmer holt, um ins Bad zu gehen, und da nur ein Kissen und eine Decke liegen. Ob Noah drüben schon eingeschlafen ist?
Ein paar Minuten später lässt Colin sich aufs Bett fallen und stöhnt genervt. Was für ein blöder Tag!
Ist ein ganz schön ungewohntes Gefühl, alleine im Bett zu liegen. Und vor allem ist's ein total doofes Gefühl. Er liebt das doch so sehr, das gemeinsame Einschlafen jeden Abend.
Es gibt nichts Schöneres für ihn, als wenn Noah in seinen Armen liegt, oft den Kopf auf seiner Brust, und so einschläft. Und überhaupt ist Noah viel verschmuster als man es denken könnte.
Ein kleiner Seufzer entfährt ihm. Nein, das ist alles gerade einfach nicht richtig, auch wenn er immer noch wütend und verletzt ist. Er schleicht leise zum Wohnzimmer rüber.
Colin schaltet die Stehlampe an, die mit dem einstellbarem warmen Licht.
Noah liegt seitlich da, die Arme um das Kopfkissen geschlungen.
Sein Herz springt ein bisschen bei dem Anblick. Wie schrecklich gerne er diesen Menschen einfach hat.
Es tut ihm leid, Noah jetzt zu wecken, aber es geht nicht anders. Wenigstens weckt er ihn so sanft wie möglich, indem er mit dem Handrücken vorsichtig über seine Wange streichelt, bis Noah sich langsam bewegt.
„Oh“, sagt Noah nur.
„Sorry fürs Wecken.“
„Ist okay.“
„Du hast da was, was nicht dir gehört.“ Das ist nicht Noahs Kissen, was so fest umklammert wird, sondern seins.
„War ja klar, dass du das merkst.“
„Hab ich sofort gemerkt.“
„Sorry.“
„Rückst du mal bitte ein Stück?“
Noah nickt und macht ihm Platz.
Ist ein bisschen eng zu zweit auf der Couch, aber so dicht aneinander liegend geht’s. Er guckt seinem Freund in die schönen Augen und wartet ab, was kommt.
„Colin?“
„Ja?“
„Ich würde dich jetzt so gerne küssen.“
„Aber?“
„Ich weiß nicht, ob ich darf. Wir haben uns noch nicht wieder versöhnt.“
„Klar darfst du.“ Er beugt den Kopf ein kleines Stück vor und schmunzelt. „Küsse können doch sehr gut zu einer Versöhnung beitragen.“
„Da hast du recht.“
„Und? Wo bleibt mein Kuss?“
„Ich, ich ...“
„Ist völlig okay, wenn du gerade doch nicht willst.“
„Ich will auf jeden Fall sogar.“ Noahs Gesicht kommt langsam näher. „Ich will nur vorher unbedingt kurz sagen, dass es mir leidtut, dass ich vorhin so ein riesiger Arsch gewesen bin zu dir.“ Dann küsst Noah ihn.
Colin legt die Hand an Noahs Wange und schmilzt fast in den Kuss rein. Versöhnungsküsse findet er manchmal besonders schön und intensiv. Vor allem, wenn sich Noah direkt davor so süß entschuldigt. Am liebsten ist's ihm, wenn sie nicht streiten, klar. Aber die Versöhnungsküsse haben was.
„Bist du noch böse auf mich?“, fragt eine verdammt kleinlaut klingende Stimme.
„Ein bisschen schon, ja.“ Anlügen mag er Noah nicht.
„Wirklich nur ein bisschen?“
„Ach, Noah ... Okay, vielleicht eher ein bisschen sehr.“
„Oh nein!“
„Auch wenn's mir schwerfällt, wenn du mich so anguckst. Aber ja, wütend bin ich im Moment noch. Und ... etwas verletzt.“
„Fuck, ich fühl mich gerade so mies.“
„Das weiß ich, und das will ich nicht. Aber dieser eine Satz da von dir, der hat mich einfach getroffen.“
„Es tut mir so leid, das hätte ich nie sagen dürfen. Vorhin hat einiges schneller meinen Mund verlassen, als mein Hirn nachgekommen ist. Es tut mir leid.“
„Okay.“ Er nickt. Es wundert ihn nicht, dass Noah sofort gewusst hat, welchen Satz er meint.
„Das Gespräch mit Papa, das, das ...“
„Wir müssen jetzt nicht darüber reden. Erzähl's mir, wenn du bereit bist dafür.“
„Danke.“
„Nicht dafür.“
„Ich hab übrigens die restliche Wäsche aufgehängt, wenigstens etwas.“
Oh. An die Wäsche hat er ja gar nicht mehr gedacht! Die Wut bröckelt ziemlich. „Danke.“
„Nicht dafür!“ Noah guckt ihn lange an. „Ich weiß, dass auf dich immer Verlass ist und ich vertraue niemandem so sehr wie dir.“
Sein Ärger schmilzt weiter dahin. „Niemandem?“
„Nein.“ Noah wird ein wenig rot um die Ohren und Wangen herum. „Und daran ändert ein blöder im Wäschekorb vergessener Hoodie ganz sicher nichts dran.“
„Was ist denn jetzt eigentlich mit dem Hoodie?“
„Der wird beim nächsten Mal mitgewaschen, ich zieh' morgen einen anderen an.“
„Sorry noch mal deswegen.“
Sein Freund schluckt deutlich sicht- und hörbar. „Jetzt trau ich mich wirklich nicht, dich zu küssen.“
„Komm her.“ Seine Finger graben sich liebevoll in Noahs offenes Haar. „Trau dich.“
Es dauert noch ein paar Sekunden, bis sein Freund sich tatsächlich traut und ihn küsst. Es ist ein unglaublich zärtlicher Kuss.
„Es tut mir leid“, flüstert Noah gegen seinen geöffneten Mund. Noch ein langer Kuss. „Und was dein Kissen betrifft ...“
„Jaaaa?“
„Na ja, kannst du dir das nicht denken?“
„Doch. Aber ich würd's gern von dir hören.“
„Ich fand den Gedanken ganz furchtbar, ohne dich einzuschlafen.“
„Ja? Und weiter?“
„Ich wollte wenigstens dein Kissen bei mir haben. Es riecht nach dir.“
„Du bist so süß.“
„Und ein Idiot manchmal.“
„Immerhin ein süßer Idiot.“
„Es tut mir leid.“
„Ich weiß.“
„Wollen wir eigentlich ins Bett gehen?“
„Ich find's eigentlich gerade ganz gemütlich und kuschelig hier.“
„Okay, gut, dann bleiben wir.“ Sein Freund legt die Decke über sie beide und grinst plötzlich breit.
„Was ist so witzig?“
„Hast du denn auch die anderen gefragt, ob es für sie okay ist, wenn du im Wohnzimmer schläfst?“
„Blödmann!“ Er verpasst Noah einen sachten Nasenstupser.
Noah wird wieder ernst. „Ich hab übrigens vorhin gefragt. So ganz egal ist's mir nämlich eigentlich doch nicht, was sie von mir denken.“
„Weiß ich. Und sie wissen, dass du sie lieb hast.“ Klar wissen sie das. „Auch wenn's dir manchmal ein klitzekleines bisschen schwer fällt, das zu zeigen.“
Noah nickt. „Wie viel Prozent noch ungefähr?“
„Wie viel Prozent noch was?“
„Zu wie viel Prozent bist du mir jetzt noch böse ungefähr?“
„Du bist so süß“, wiederholt er. „Nicht mehr viel. Höchstens noch drei Prozent, denke ich.“
„Okay.“ Herzhaftes Gähnen. „Damit komm ich klar.“
Auch er muss gähnen, Noah hat ihn angesteckt. „Bis morgen werden auch diese drei Prozent weg sein.“
„Hoffentlich.“
„Ganz bestimmt.“ Er fasst nach dem Saum von Noahs Schlafshirt und wartet kurz Noahs Nicken ab. Seine Hand trifft auf warme Haut, er fängt an, ganz sanft Noahs Bauch zu streicheln. Noah mag's so gern, wenn er das macht, und er selbst liebt's auch.
Außerdem hat das eine beruhigende und entspannende Wirkung auf Noah, hat er schon mehrmals gemerkt.
„Mhhm.“ Noah schließt die Augen.
„Schlaf gut.“ Noch schnell ein Gute-Nacht-Kuss, den bekommt er aber nur leicht erwidert. Noah muss ganz kurz vorm Einschlafen sein.
„Colin?“, kommt es zu seiner Überraschung leise.
„Ja?“
„Ich liebe dich. Und ich-“ Stille. Nur noch Noahs regelmäßigen Atemzüge sind zu hören.
Eigentlich müsste er ja noch das Licht ausschalten, aber wenn er sich jetzt bewegt und aufsteht, wird Noah vielleicht wach, und er will ihn kein weiteres Mal wecken. Also bleibt er liegen und lächelt.
Er weiß schon genau, was er Noah morgen als Erstes sagen wird.
