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shelter

Notes:

Prompt from it's never the end, quote from "What I Need" by Hayley Kiyoko

If you're cold and needed shelter
I'd hold you

Work Text:

Schneeflocken landeten in Calrens Wimpern, als er die Augen schloss. Es war ein kalter Winter in Atrahor, kälter als der letzte, und obwohl er seine Kleidung doppelt und dreifach geschichtet hatte, hielt ihn der löchrige Stoff längst nicht mehr warm genug; immerhin irrte er seit Stunden in den Straßen umher.
Es war der erste Tag, an dem Schnee fiel. Er hatte darauf gehofft, genug Geld für ein Zimmer zusammengekratzt zu haben, bevor es soweit war, doch in den letzten Tagen und Wochen waren immer weniger Leute in der Innenstadt unterwegs, nur noch die nötigsten Erledigungen wurden bei so einem Wetter getätigt, und meist nur von den ärmeren Teilen der Bevölkerung; die reichen Leute der Stadt wagten sich bei solchen Temperaturen kaum mehr aus dem Haus, und wenn, dann nur in Kutschen, abgeschirmt von Wind und Wetter, in Felle und Umhänge gehüllt zum Schutz vor der unbarmherzigen Kälte dieser Jahreszeit. In solchen Zeiten konnte Calren lange darauf warten, dass jemand ihn am Straßenrand bemerkte, der bereit war, ihm ein paar Münzen zuzustecken für ein Portrait, eine kleine Skizze, vielleicht eine Kalligrafie auf Pergament – die Kundschaft blieb aus, egal, wie geduldig er sich zeigte, und meistens konnte er noch nicht einmal seine Arbeiten aufstellen, um zu zeigen, welche Dienste er erbringen konnte.
Seine Kleidung war noch vom letzten Winter übrig, und er wünschte, das wäre nicht das einzige Überbleibsel. Den letzten Winter hatte er ganz anders verbracht. Nicht draußen. Nicht allein. Die vage Erinnerung fuhr wie ein Stich durch seinen Brustkorb und seinen Bauch, und er hasste es, dass er sich so sehr daran klammerte. Früher war er auch allein gewesen, genauso arm wie jetzt, wenn nicht schlimmer, und es war nie schön gewesen, aber er war damit klargekommen. Er war mit kaum einem Luxus vertraut genug gewewsen, um ihn wirklich vermissen zu können. Doch seit … –
Er verdrängte den Gedanken und die aufsteigende Sehnsucht, die damit einherging. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen. Vielleicht konnte er vor Einbruch der Nacht noch ein verlassenes Haus, eine leerstehende Scheune oder zumindest einen überdachten Hauseingang finden, irgendetwas, was ihm ein wenig Schutz bot in all der klirrenden Kälte, sodass er den nächsten, verschneiten Morgen dieses Jahres noch erleben würde.

 

* * *

 

Winterwinde tosten in seinen Ohren. Pfiffen scharf und klar, wie Eissplitter, schnitten in jedes unbedeckte Stück Haut und gaben ihm das Gefühl, völlig taub zu sein, taub auf den Ohren und taub auf der Haut.
Calrens Finger steckten in löchrigen Strickhandschuhen, die die Temperaturen des Winters kaum zu mildern vermochten, und er konnte seine Finger kaum mehr spüren. Ein Feuer … Er brauchte ein Feuer. Musste seine Hände wärmen, bevor sie völlig gefühllos wurden.
Eine Winternacht, ein ganzer Winter, ein halbes Jahrzehnt voller Winter – es kam ihm alles gleich vor; er konnte sich nicht daran erinnern, wie viel Zeit vergangen war, seit er zuletzt einen Winter im Warmen verbracht hatte.
Seit –

 

* * *

 

Der Winter stand nicht mehr ganz am Anfang; einen Teil der schwersten Zeit des Jahres hatte er also schon überstanden. Doch der Tau des Frühlings würde gewiss noch lange auf sich warten lassen.
Calren hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er spürte seinen eigenen Atem zwischen dem groben Strickschal, den er vor einer Weile von einer freundlichen Passantin geschenkt bekommen hatte, und seinem eigenen Gesicht, warm und doch nicht wirklich wärmend. Zügigen Schrittes zog er durch die Straßen Atrahors, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Bewegung tat gut. Bewegung hielt ihn wach und zumindest ein kleines Bisschen wärmer als er es sonst gewesen wäre, und er mittlerweile hatte genug Winter überlebt, um zu wissen, wie wichtig wdas war.
Einen Großteil seiner Umgebung blendete er dabei aus, und so bemerkte er kaum, wohin er ging, bis ein vertrauter Anblick ihn schließlich innehalten und überrascht aufblicken ließ.
Dieses Haus … Er erinnerte sich gut daran. Zu gut. Zahlreiche Erinnerungen hingen an diesem Anblick, Erinnerungen, die er immer in Ehren, doch zugleich auf Abstand gehalten hatte. Zu sehr hatten ihn Reue und Bedauern geplagt; das, und die scheinbar nie vergehende Sehnsucht nach etwas, was längst vergangen war.
Calren atmete die nach Schnee duftende Luft tief ein, stieß sie langsam wieder aus, und erlaubte es sich für einen Augenblick, zurückzudenken. Und sich zu fragen, was hätte sein können, wenn –

 

* * *

 

Calren blinzelte irritiert in das Schneegestöber, das ihn umgab. Jegliches Zeitgefühl war ihm abhanden gekommen, genau wie die Erinnerung daran, wo er sich befand. Er musste eingenickt sein, wenn auch vermutlich nicht lange, immerhin war er noch am leben und konnte seine Gliedmaßen noch einigermaßen spüren.
Für einen Moment schloss er die Augen wieder, seufzte, bewegte vorsichtig die eisig kalten Finger. Er hatte irgendetwas seltsames geträumt, schoss es ihm durch den Kopf, ohne dass er sich an Details erinnern konnte. Irgendetwas von …
»Calren?«
Erschrocken fuhr er zusammen, sah sich hektisch um, als er seinen Namen hörte. Wer in aller Welt …? Inmitten der fallenden Flocken schritt eine verhüllte Gestalt auf ihn zu, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, die Hände unter dem dicken Stoff des Umhangs verborgen, eine sichtbare Schicht Schnee auf Kopf und Schultern. Zuerst durchfuhr ihn Angst, ein Anflug unbekannter Bedrohung, doch dann begann er, auch seine Umgebung genauer wahrzunehmen, und ihm wurde bewusst, wo er sich befand. Die Wand, an der er lehnte, gehörte zu Cynthias Haus.
Cynthia.
Die Angst, die gerade noch zu einer überstürzten Flucht-Reaktion anzuschwellen gedroht hatte, schien von ihm abzufallen. Vielleicht war es unvernünftig, doch die Tatsache, dass er ausgerechnet hier war, stimmte ihn augenblicklich ruhiger. Setzte ihm einen bestimmten Gedanken in den Kopf, der sein Herz vor Hoffnung schneller schlagen ließ.
Es fiel ihm schwer, zu atmen, während er wie festgefroren darauf wartete, dass die Person näher kam. Nah genug, dass er vielleicht erkennen konnte, ob sein Kopf ihm einen Streich spielte oder –
Seine Gedanken stockten, als die Gestalt kaum eine Armlänge von ihm entfernt im Schnee stehen blieb. Die Zeit schien für einen Augenblick einzufrieren, jeder seiner Herzschlage ein splitternder Riss in einer Oberfläche aus dünnem Eis.
Wenn dir kalt ist, hörte er Cynthia in einer weit entfernten Erinnerung sagen, die Stimme weich wie Samt und süß wie Honig, alles an ihr ein Luxus, der ihm noch nie zuvor zuteilgeworden war, und wenn du Zuflucht braucht, kannst du bei mir bleiben. In meinem Haus … Er erinnerte sich an ihr Bett, an zahllose Decken, überschwappende Teetassen. … und in meinen Armen, wenn du das willst. An ihre Umarmungen, die ganze Nächte lang angehalten und damals schon so viel besser gewärmt hatten als alles andere, trotz ihrer niedrigen Körpertemperatur.
»Was machst du hier draußen?«, fragte sie ihn, während sie ihre Kapuze zurückstrich. In Realität, nicht nur in seiner Erinnerung. Nicht 'Was machst du hier?', sondern 'Was machst du hier draußen?', als hätte es nie einen Zweifel daran gegeben, dass oder warum er hier sein sollte, nur daran, ob die zugeschneite Türschwelle der richtige Platz für ihn war.
Calren sah zu ihr auf. Sah, dass sie es wirklich war, ohne es wirklich fassen zu können. Sah, dass sie ihm eine Hand hinstreckte, und griff danach, ein Lächeln auf den Lippen, von dem er nur hoffen konnte, dass es die Wärme widerspiegelte, die bei Cynthias Anblick in seinem Brustkorb aufstieg.