Chapter Text
Zwanzig Stühle wurden gerückt, zwanzig aufgeregte Jugendliche versuchten, so schnell wie möglich ihr Klassenzimmer zu verlassen. Johnny, der gerade noch aus dem Fenster geblickt hatte, um dem Schnee zuzusehen, wie er sich langsam auf den Ästen niederließ, steckte Collegeblock und Kugelschreiber in seine Umhängetasche und zwängte sich neben Sebastian, der lautstark verkündete: “Ich weiß gar nicht, was alle haben – 364 Tage im Jahr gehen den Leuten Nächstenliebe und Vergebung völlig am Arsch vorbei und dann – an einem Abend versuchen sie alle Miese, die sie über das Jahr gesammelt haben, wieder loszuwerden. Denen sind Kinder in prekären Situationen oder die Krisen, die 400 Jahre Imperialismus geschaffen haben- ”
“Mensch, Sebastian, spar dir deinen Monolog”, brummte Matz. “Weihnachten könnte die eine Gelegenheit im Jahr sein, sich nicht wie ein zynisches Arschloch zu verhalten.”
Johnny schüttelte den Kopf und lächelte Martin an. Martin warf ihm einen Blick zu, den er als ein “Oder es könnte die Gelegenheit sein, sich ausnahmsweise nicht zu kabbeln”, las.
“Jetzt lasst es doch mal!”, unterbrach Uli das Gespräch und schob seine Finger zwischen die von Matz. Johnny hatte Ulis schnellen Schulterblick registriert, der nach verbleibenden Mitschüler*innen Ausschau hielt. Aber sie waren die einzigen, die noch im Klassenzimmer waren.
Sie traten auf den Flur, wo Scharen an Schüler*innen Richtung Mensa strömten. Innerhalb der letzten Woche war der trostlose Gang dekoriert worden. Jetzt säumten kleine, bunte Anhänger aus Tannenzapfen die Decken – sicherlich ein Projekt einer der unteren Stufen. Jonathan machte sich nicht viel aus Weihnachten – es war immer eine eher trostlose Angelegenheit gewesen – aber er mochte, dass die Menschen sich auf einmal so viel Mühe gaben. Nett zueinander waren. Ihre Umgebung hübsch gestalteten. Sebastian mochte es Heuchelei nennen, er wünschte sich nur, dass Menschen immer offenherzig und achtsam miteinander umgehen könnten.
Hinter ihnen schloss Justus das Klassenzimmer ab. “Na, ihr Rumtreiber”, lächelte er. “Keinen Hunger? Keine Weihnachtsgeschenke, die noch in letzter Sekunde besorgt werden müssen?”
“Nichts dergleichen, Herr Bökh.”, antwortete Martin geflissentlich, obwohl Johnny sich sicher war, schon ein Magenknurren aus Matz’ Richtung vernommen zu haben. Eine Erklärung für seine schlechte Laune.
“Na dann seht zu, dass ihr Land gewinnt. Und schöne Weihnachten euch allen.”, erklärte er.
Sie wollten sich schon umdrehen und in Richtung ihrer Schlafsäle davoneilen, als Justus rief: “Ach, Jonathan – komm doch später bitte noch einmal in mein Büro. Ich würde gern etwas mit dir besprechen.”
Die anderen Jungen blickten verwirrt zwischen ihnen hin und her. “Ok. Mach ich.”, bestätigte er, auch wenn er nicht den leisesten Schimmer hatte, was Justus mit ihm klären wollen könnte. Martin zog ihn am Ärmel in Richtung der Schlafräume, während er sich den Kopf zerbrach. Hatte er Ärger gemacht? Nicht, dass er wüsste. Vielleicht hatte jemand Justus gesteckt, dass Johnny manchmal auf seinen Spaziergängen eine Zigarette rauchte, aber er achtete stets darauf, das nur außerhalb des Schulgeländes zu tun. Dafür konnte er doch nicht belangt werden, oder?
“Erde an Jonathan?”, hörte er Martin rufen, und ehe er es sich versah, starrte er in ein großes Paar brauner Augen, nicht weit entfernt von seinen.
“Ja?”
“Wir wollten alle noch ein bisschen packen, bevor wir essen gehen.”, erklärte Martin. Johnny hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich mittlerweile in ihrem Schlafsaal befanden. “Du musst natürlich nicht hierbleiben und auf uns warten.”
“Doch, kein Problem.” Johnny ließ sich auf sein Bett fallen und sah zu, wie die anderen begannen, Habseligkeiten, die über das ganze Zimmer verstreut lagen, in ihre Koffer zu werfen. Er griff nach dem Buch, das ganz zuoberst auf seinem Nachttisch lag. Es war ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk des Kapitäns gewesen, eine Entschuldigung dafür, dass er dieses Jahr an Weihnachten arbeiten und Johnny seine Ferien im Internat verbringen musste. Nicht, dass er deswegen sehr enttäuscht war. Er mochte die Schule, wenn sie leer war, die großen, opulenten Treppenhäuser, den Park.
Das Buch hieß “Unterm Rad” und spielte ebenfalls in einem Internat. Es war ruhig und ein bisschen traurig. Johnny konnte sich nicht vorstellen, dass es ein glückliches Ende haben konnte. Er mochte es sehr.
Als er eine Seite umblätterte, wanderte sein Blick und blieb an Martin hängen. Er steckte gerade ein Blatt Papier in einen Briefumschlag. Johnny sah zu, wie Martins lange Finger, vom Zeichnen sehr geübt und präzise, den Umschlag verschlossen. Als Martin in seine Richtung sah, schaute er schnell wieder auf sein Buch.
Martin musste nicht bemerken, wie sehr er Jonathans Gefühlswelt einnahm. Er dachte fast immer an Martin – was er wohl über einen bestimmten Film denken mochte, wie er einen bestimmten Konflikt zwischen ihren Freunden gelöst hätte... Johnny hatte sogar angefangen, Gedichte über ihn zu schreiben. Sie befanden sich in einem kleinen, grauen Notizbuch, das er unter all seine anderen Notizbücher gestapelt hatte. Er hatte mehrere, jedes für einen anderen Themenbereich: Eines für Theaterstücke, eines für Songtexte, eines, in das er seine Gedanken während des Spazierengehens notierte, und eines für... naja.
“Wem gehört denn das hier?”, fragte Sebastian laut und Johnny schreckte aus seinen Gedanken hoch. Sebastian hielt einen kleinen, in Geschenkpapier eingewickelten Gegenstand in die Luft.
“Das gehört mir!”, keuchte Matz und machte hektisch einen Satz auf Sebastian zu. Der zog nur die Augenbrauen hoch. “Schon gut, ich werde es schon nicht auspacken!”, spottete er.
“Wollen wir essen gehen?”, warf Martin ein, bevor es wieder zu einer Diskussion kommen konnte und ließ den Brief in seine Manteltasche gleiten.
Nach dem Mittagessen trennten sie sich. Uli und Matz verschwanden, nachdem Matz innerhalb kürzester Zeit zwei Portionen Kartoffelsuppe in sich hineingeschüttet hatte. Sebastian und Martin wollten Hausaufgaben machen (trotz der gerade erst angebrochenen Ferien), und Jonathan beschloss, seinen Besuch bei Justus anzutreten.
Als Herr Bökh ihm öffnete, hörte er Musik aus der alten Anlage hervordringen. Zu seiner Überraschung war es nicht Bach, sondern ein Rocksong. Eine ein bisschen schroffe Männerstimme sang:
“So here it ist, merry Christmas,
Everybody’s having fun
Look to the future now,
It’s only just begun”
“Jonathan!”, sagte Justus fröhlich und Johnny war erleichtert. Kein Ärger, offensichtlich. “Setz dich doch bitte.”
Johnny ließ sich auf dem alten, grünen Sofa nieder und Justus nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.
“Ich will dich gar nicht lange aufhalten. Ich bin mir sicher, du hast am letzten Tag mit deinen Freunden Besseres zu tun, als dich mit deinem alten Lehrer zu unterhalten.” Er zwinkerte Johnny zu. “Ich wollte dir nur meine herzliche Einladung aussprechen. Herr Utthofft – euer Nichtraucher – und ich werden uns morgen Nachmittag hier in meinem Büro auf Kaffee und Plätzchen treffen und wir würden uns selbstverständlich sehr freuen, wenn du dich zu uns gesellen möchtest.”
Jonathan grinste. Er war sich ziemlich sicher, dass Justus und der Nichtraucher sich nicht nur zum Kaffeetrinken trafen. “Sehr gerne, Herr Bökh. Vielen Dank für die Einladung.”
“Und da ist noch eine Sache.” Justus hob seine Stimme. “Der Essay, den du letzten Herbst für den schulinternen Schreibwettbewerb verfasst hast, war ganz fantastisch – aber das weißt du ja selbst.”
Jonathan spürte, wie er errötete.
“Könntest du dir vorstellen, für unsere Schülerzeitung eine regelmäßige Rubrik zu schreiben, worüber auch immer du möchtest?”
Oh. Er fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Geschmeicheltheit und Überforderung. “Äh - über was auch immer ich möchte?”
“Exakt.”
Die Schallplatte hatte mittlerweile aufgehört zu spielen. Nur das dumpfe Geräusch des Plattenspielers war zu hören.
“Aber ich habe keine Ideen.”
“Doch die hast du. Du brauchst mich nicht zu belügen.”
Jonathan wurde noch röter, falls das irgendwie möglich war. Schreiben, worüber auch immer er wollte? Aber was war, wenn ihm die Ideen wirklich ausgingen, oder noch schlimmer, wenn sie so albern waren, dass die ganze Schule sich über sie lustig machen würde?
“Das musst du nicht jetzt entscheiden. Sag mir morgen beim Kaffee Bescheid.”
“Mann, natürlich sagst du zu!” Sebastian kickte grauen Schneematsch von der einen Seite der Straße auf die andere. “Wenn mir jemand anbieten würde, jeden Monat in der Schülerzeitung das Wissen über Chemie zu vermitteln, das unser Waschlappen von Chemielehrer vergeigt zu erklären...”
“Nein, du würdest bestimmt nicht nein sagen.”, antwortete Johnny und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. “Aber ich glaube, selbst, wenn ich das Angebot annehme, stände Chemie nicht ganz oben auf meiner Liste möglicher Themen.”
“Ich finde auch, dass du Justus zusagen solltest.”, meinte Martin, der bis jetzt geschwiegen hatte. “Du möchtest doch, du hast nur Angst. Angst kann man überkommen, das Wollen eher nicht.”
Martin hatte Recht, wie eigentlich immer. Er hatte das Talent, schwierige Themen ganz einfach herunterzubrechen. Er sah einfach durch Probleme hindurch wie manchmal durch Jonathan, wenn er sich wieder in eines seiner Alben oder Bücher verkriechen wollte.
Der Nichtraucherwagen war hell erleuchtet, Rauch quoll aus dem Schlot. Sie wurden erfreut begrüßt. “Schön, dass ihr da seid. Ihr seid ja so beschäftigt, man sieht euch ja kaum noch. Wo habt ihr denn die beiden anderen gelassen?”
Das wussten sie auch nicht genau. “Weihnachtserledigungen.”, erklärte Martin diplomatisch.
Der Nichtraucher trug einen dicken Wollpullover und eine bunte Schürze. Der heiße Ofen war gefüllt mit Plätzchen. Notenschlüssel, Sterne und Blitze.
Sebastian sagte: “Wir wollten Ihnen noch unser Weihnachtsgeschenk vorbeibringen.” und legte ein großes Päckchen auf den Tisch. Martin zog den Briefumschlag aus seiner Manteltasche. “Von uns allen.”, fügte er an.
“Meine Güte, Jungs!” Der Nichtraucher strahlte. “Der Aufwand wäre doch wirklich nicht nötig gewesen.
“Das nicht.”, erwiderte Jonathan. “Wir wollten Ihnen nur zeigen, dass...” Er wusste nicht, wie er den Satz beenden sollte. Es war ein schwieriges Jahr gewesen. Matz war mehrfach hier gewesen, um sich nach einer Schlägerei vom Nichtraucher verarzten zu lassen und Sebastian hatte angefangen, den Nichtraucher mehrmals in der Woche zu besuchen, unter dem Vorwand, ihn bezüglich seines medizinischen Wissens zu konsultieren. Und Johnny... Johnny durfte, wann immer er wolle, vorbeischauen und das Klavier benutzen oder die alte Plattensammlung durchstöbern.
“Wir wollten zeigen, dass wir Sie nicht für selbstverständlich halten.”, beendete Martin den Satz.
“Oh, Jungs.” Die Augen des Nichtrauchers wurden schmal und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen.
Für ein paar Sekunden sagte niemand etwas. Sie sahen ihn an, den Mann, zu dem sie vor ein paar Jahren noch heraufblicken mussten, und mit dem sie nun fast auf Augenhöhe waren.
Martin und Johnny machten sich alleine auf den Rückweg. Sebastian war schon früher gegangen, um Hefte für seinen Vater abzuholen. Das war lang schon nicht mehr vorgekommen, aber manchmal war es besser, keine Fragen zu stellen, vor allem innerhalb der letzten paar Monate, in denen Sebastian schneller als ein Heliumballon in die Luft gegangen war.
Jonathan steckte seine behandschuhten Finger in die großen Jackentaschen. Links eine kirschrote Sonnenbrille für Mona, die er ihr in den nächsten Tagen vorbeibringen wollte. Rechts eine in grünes Papier eingewickelte CD für Martin.
"Hast du Pläne für die Weihnachtsferien?”, unterbrach Martin seine Gedanken.
“Ich möchte die Ruhe nutzen, um ein bisschen zu schreiben.” Johnny dachte an das graue Notizbuch und daran, ob es wohl leichter oder schwerer sein mochte, es zu füllen, wenn Martin nicht da war. “Und ich möchte Mona besuchen. Aber erst in ein paar Tagen. Ihre ganze Familie ist über die Feiertage zu Besuch.”
Martin fragte nicht weiter. Johnny studierte sein Seitenprofil. So gut sein bester Freund darin war, anderen an der Nasenspitze abzulesen, was mit ihnen nicht stimmte, so gut war er darin, seine eigenen Gedanken und Gefühle hinter einer leblosen Fassade zu verstecken.
“Was ist mit dir? Hast du Pläne?”
Martin zuckte mit den Achseln. Seine Miene blieb ausdruckslos. “Ich werde meiner Mutter im Haushalt helfen. Sie ist ja so selten zu Hause, wegen der neuen Arbeit. Und ich habe mir einen Job besorgt, für die kommenden zwei Wochen. Um Mama ein bisschen unterstützen zu können.”
“Einen Job?”
“Nur Zeitungen austragen.”
“Machst du dir Sorgen um sie?”
Martin bohrte seine Schuhspitzen in den Schnee, der hier im Park noch ganz frisch und unberührt war.
“Was heißt Sorgen – es ist nur schwierig, das ist alles. Es war sehr schlechtes Timing, dass ihre Firma gerade dann geschlossen hat, als Papa und sie sich getrennt haben.”
“Aber sie hat doch wieder einen neuen Job.”
“Ja, als Kassiererin. Da verdient sie viel weniger. Und ihre Schichten gehen bis spätabends.”
Johnny war wütend, wütend auf Martins Vater, auf die Welt, die die nettesten Menschen oft in die misslichsten Lagen brachte.
“Weißt du, manchmal komme ich mir so selbstsüchtig vor – ich verbringe hier ein so... privilegiertes Leben, ich darf lernen, was mich interessiert, mit meinen besten Freunden in einem Zimmer schlafen, anstatt bei ihr zu Hause zu sein. Andere Jungs in unserem Alter arbeiten längst oder machen eine Ausbildung.” Martins Stimme war sehr leise geworden.
Johnny griff nach seiner Hand und ignorierte das warme Gefühl in seinem Bauch.
“Du weißt, was deine Mutter sagen würde.”, flüsterte er. Sie waren stehen geblieben, unter einem Baum neben dem Teich. “Du hilfst ihr am meisten, wenn du das tust, worin du gut bist.” Er sah zu Martin hinauf, auf seine von der Kälte geröteten Wangen. “Abgesehen davon weiß ich nicht mehr, was ich hier ohne dich machen würde.”
Martin ließ seine Hand los und vergrub die seine tief in der Manteltasche. Jonathans Seite versetzte ihm einen kleinen Stich. Hatte er zu viel gesagt? Was hatte er gedacht? Nichts, wenn er ehrlich war.
Der andere Junge setzte sich wieder in Bewegung. Die Kirchenglocken schlugen, aber abgesehen davon war es so still, wie es nur an seltenen Dezembernachmittagen sein konnte. Johnny machte ein paar große Schritte, um Martin einzuholen.
“Lass uns reingehen, es ist kalt.”, schlug Martin verhalten vor. “Vielleicht sind Matz und Uli wieder aufgetaucht.” Johnny erwiderte nichts, er sah in Martins Gesicht, das undurchdringbar wie zuvor war. Was konnte er nur tun, um diesem besten aller Jungen zu zeigen, wie wertvoll er war? Dass er nicht für jedes Übel auf der Welt verantwortlich war? Wie konnte er das tun, ohne sein eigenes Herz irreparabel zu verletzen? Er wünschte, er wäre mit gesprochenen Worten so gut wie mit geschriebenen. Er wünschte, er wäre so einfühlsam und freundlich wie der Junge neben ihm.
Kurz vor dem Internatsgebäude wurden sie langsamer. “Lass uns stehen bleiben.”, bat Martin, als er Herrn Kreuzkamm erspähte. “Kreuzkamm will mich immer noch dazu überreden, als Schülersprecher zu kandidieren.”
“Und ich finde, du solltest.”
“Und ich will an Weihnachten nicht darüber nachdenken. Außerdem habe ich dir dein Geschenk noch nicht gegeben.”
Jonathans Herz begann zu klopfen.
“Du musst mir nichts schenken.” Er wusste, wie sparsam Martin mit seinem Taschengeld umging.
“Ist schon ok.” Martin lächelte, das erste Mal an diesem Tag. Er zog Johnny auf eine Parkbank.
“Hier, ich zuerst.” Jonathan holte die eingewickelte CD aus seiner Jackentasche hervor. Es hatte ihn viel Zeit und einen langen Aufenthalt in den Informatikräumen der Schule gekostet, sie zusammenzustellen.
Vorsichtig löste Martin das Klebeband. Er schlug das Einwickelpapier zur Seite und starrte für ein paar Sekunden auf die bunte CD-Hülle.
“Martins Mixtape”, hatte Johnny in großen, comicartigen Lettern auf das Cover geschrieben.
“Meine Güte, Jonathan!”
“Nur eine Kleinigkeit.” Johnny fuhr sich nervös durch seine Locken.
“Das muss so viel Aufwand gewesen sein.”
“Der Nichtraucher hat mir geholfen. Ich durfte seine Plattensammlung benutzen.”
“Danke.”
Martin blickte ihn mit großen Augen an. Johnny sah zurück. Vielleicht war das Geheimnis im Umgang mit Martins Gefühlen, sie anzunehmen, wenn er sie zeigen wollte. Nicht mehr und nicht weniger.
“Jetzt kommt mir mein Geschenk ein bisschen mickrig vor.”, lachte Martin nervös. Er griff in die Innenseite seines Mantels und zog einen kleinen, dunklen Gegenstand hervor. Es war ein in Leder gebundenes, dickes Notizbuch.
“Ich dachte, du kannst es vielleicht brauchen. Gerade jetzt, wo du für die Schülerzeitung schreiben darfst.”
“Ich habe noch nicht entschieden-” Johnny brach seinen Satz abrupt ab, als er beim Blättern bemerkte, dass die erste Seite des Büchleins schon beschrieben war.
“Das musst du nicht jetzt lesen.”, sagte Martin laut und seine Ohren liefen rot an. “Ich dachte nur, falls du dich in den nächsten Wochen einsam fühlen solltest...”
Johnny schlug die Seite auf.
Lieber Jonathan,
Ich wünsche dir ruhige und erholsame Weihnachten – also Feiertage, wie du sie am liebsten hast.
Ich wollte dir nur sagen: Ich schätze deine Freundschaft sehr, besonders die vielen kleinen Dinge.
Wenn wir gemeinsam in einem Raum sitzen, ohne uns zu unterhalten, du am Schreiben, ich am Malen.
Dass ich jeden Mittwoch deinen Vanillepudding essen darf.
Dass du dir im Kino Notizen machst, um mir hinterher die jedes Detail zu erklären.
Du bist das Wichtigste, das ich aus meiner bisherigen Schulzeit mitgenommen habe.
Dein Freund
Martin.
Jonathan blickte auf und sah Martins Beine nervös hin- und her wippen. Die Kirchturmuhr hatte aufgehört zu schlagen. Kreuzkamm Senior war verschwunden. Alles war so, wie es sein sollte. Und Jonathan beschloss, sein womöglich schmerzendes Herz zu ignorieren. Er setzte sich aufrecht hin und fixierte die Augen des anderen Jungen. Die braune Iris weitete und verengte sich unregelmäßig. Aber sie wich seinem Starren nicht aus. Martin rückte ein Stück näher. Johnny konnte seine Körperwärme spüren, Martins Knie an seinem.
Dann beugte er sich vor. Martins Lippen waren weich und warm. Endlich etwas richtig Schönes, über das er in seinem grauen Notizbuch schreiben konnte, dachte Johnny.
