Chapter Text
Von Anfang an gab es nur Jamal und seinen Papa. Die beiden zusammen in einem kleinen Haus in der Nähe von München. Nichts besonderes, nichts großes. Aber immerhin in der Nähe eines Fußballplatzes. Seit Jamal 3 Jahre alt war, hat er dort gestanden und einen Ball gekickt. Und sein Papa war immer dabei und hat ihn unterstützt.
So ist Jamal aufgewachsen, auf dem Platz mit einem Ball und seinem Vater. Ganze 17 Jahre sogar. Und Jamal liebt die Erinnerungen an seine Kindheit. Sein Vater zeigt ihm noch immer Bilder und Videos von seinem kleinen Sohn im Trikot.
Fußball war das Talent von Jamal. Er wurde früh entdeckt und immer wieder kamen Angebote von Clubs, die ihn fördern wollten. Bayern München ganz weit vorne. Und nach ewigen Nachdenken und Gesprächen mit seinem Vater hat er das Angebot schließlich angenommen. Die Jugendmannschaft des Bayern ist toll und er liebt das Training und seine Teamkollegen. Sie spornten sich an, schlossen Freundschaften, gewannen und verloren gemeinsam.
Für Jamal ging es von da an nur noch vorwärts. Dann kam der offizielle Anruf. Er soll für die U21-Mannschaft spielen. Nun muss er nicht tagelang überlegen, nicht einmal Sekunden. Die Zusage kam ihm schneller über die Lippen als der Ball ins Tor flog. Sein Vater war so unglaublich stolz auf ihn und versprach, zu jedem Spiel zu kommen, egal, wo es sein sollte.
Bevor die Spiele kamen, wurde Jamal zum Basecamp eingeladen. Und dort lernte er Flo kennen.
Das erste Treffen war, gut gesagt, etwas holprig.
Jamal kam einen Tag zu früh an, was ihm niemand übel nahm. Ein paar andere seien auch schon da. Ihm wurde sein Zimmer zugewiesen, seinem Vater wurden ein paar letzte Formulare in die Hand gedrückt. Dann machten sie sich auf den Weg zu dem Haus, in dem sich das Zimmer befand.
Das Basecamp fand auf einem großen Gelände statt und die Räume für die Spieler waren in kleinen Häusern verteilt. Schnell hat Jamal seinen gefunden, ist die Treppe empor gestiegen, überprüft die Nummer dreimal mehr und drückt dann die Klinke nach unten. Dicht hinter ihm ist sein Vater.
Das Zimmer war gemütlich eingerichtet und hell erleuchtet, da die Sonne durch das große Fenster schien. Mitten im Raum hing ein schneeweißes Nationaltrikot mit einer 10 darauf und dem Namen ‚Musiala‘. Vorsichtig fasste Jamal es an, so als würde es sich in Luft auflösen, wenn er zu viel Druck ausübt. Ein kleines, abwesendes Lächeln zierte seine Lippen. Hier war er wirklich richtig.
„Na dann, Großer“, meinte sein Vater und stellt den Koffer ab. Er hat darauf bestanden, diesen zu tragen. Jamal drehte sich zu dem Mann um, der bereits seine Arme geöffnet hat, um seinen Sohn zu umarmen. Jamal lässt sich in die Arme fallen und ein letztes Mal fest drücken.
„Tschau, Papa“, sagte er dann und löste sich wieder. Sein Vater drückte seine Schulter, deutete nach draußen und wünschte ihm viel Erfolg und Spaß. Und dann stand Jamal plötzlich allein im Zimmer, im Basecamp für die U21 Nationalmannschaft.
Er machte sich also daran, seinen Koffer auszuräumen und die Klamotten ordentlich im Schrank zu verstauen und nahm sich im gleichen Atemzug vor, eine Runde Basketball spielen zu gehen. Vielleicht traf er ja jemanden, der ihm dabei Gesellschaft leisten wollte.
Plötzlich klopfte es an seiner Tür. Irritiert ging Jamal durch den schmalen Flur und fragte sich, ob sein Vater vielleicht etwas vergessen haben könnte. Aber es war nicht sein Vater, der vor der Tür stand. Es war ein Mädchen, vielleicht 2 oder 3 Jahre älter als er und ihn breit angrinste. Sofort streckte sie ihm die Hand entgegen und plauderte los: „Hi, ich bin Juli. Mein Bruder hat das Zimmer neben dir, aber er ist zu schüchtern, um hier jemanden vor dem Training kennenzulernen. Freut mich sehr“.
Jamal war etwas überfordert mit der offenen Art und den schnellen Worten und dem breiten Grinsen. Allgemein war er überfordert. Sein Mund war trocken und kurz vergaß er, wie man dachte. Langsam hob er seine Hand, denn Juli hatte ihre immer noch ausgestreckt, darauf wartend, dass ihr Gegenüber sie endlich schüttelte. Das tat Jamal dann auch. Erwartungsvoll, aber nicht drängend, sah Juli ihn dann an.
„Äh“, machte Jamal nicht sonderlich schlau.
„Du heißt?“, fragte Juli und grinste weiter mit der Sonne um die Wette.
„Jamal“, antwortete er etwas dümmlich und kratzte sich am Hinterkopf. Diese Konversation konnte fast gar nicht unangenehmer werden. Es gab in seinem Leben erst 2 Situationen, die dieser Konkurrenz machen konnten. Die erste war, als er in der ersten Klasse war und am dritten Tag schon in die falsche Klasse gegangen ist und dann in einem Heulkrampf zusammengebrochen ist, weil er nicht wusste, wo er hin musste. Und die zweite Situation war, als er 10 Jahre alt war und ein Mädchen abgewiesen hat, das mit ihm ausgehen wollte. Und das vor all ihren Freundinnen.
Juli schien gar nicht zu bemerken, wie verwirrt Jamal ist, weil sie einfach weiter redete. „Mein Bruder war seit Wochen so nervös, das glaubst du gar nicht. Und er bestand darauf, dass wir schon heute fahren, weil er es einfach nicht abwarten konnte. Und jetzt macht er sich in die Hose und will gar nicht aus seinem Zimmer raus. Und deswegen muss ich ihm jetzt Freunde besorgen“.
Jamal kam nicht ganz hinterher, weil Juli ziemlich schnell sprach. Und endlich wurde er aus der Situation gerettet, als ein Junge aus der Tür neben seiner trat.
„Juli, ich hab dir doch gesagt, dass du das nicht machen sollst“, rief er dem Mädchen zu und seine Wangen wurden rot, als er Jamal bemerkte. Das war wohl der Bruder, über den Juli ununterbrochen gesprochen hatte. Ohne Schuhe, nur in Socken, kam er nun zu den beiden und versuchte Juli am Arm wegzuziehen.
Jamal musterte den Jungen interessiert. Er konnte nicht älter sein als er, er hatte kurze hellbraune Haare und trug ein einfaches weißes T-Shirt. Seine Arme schienen definiert zu sein und sein Gesicht hatte scharfe Kanten, die ihm eine unvergleichliche Form verliehen.
„Sei mir mal ein bisschen dankbarer. Das ist Jamal und er ist genauso einsilbig wie du“, meinte Juli und deutete auf den Jungen, der irritiert in seiner Zimmertür stand und gerade überlegte, genau diese zu schließen.
Doch dann rief eine dritte Stimme von unten: „Juli, komm wir fahren. Flo bekommt das schon hin“. Eine weibliche Stimme, wahrscheinlich die Mutter der beiden Geschwister, dachte sich Jamal. Vielleicht war es wirklich gut, wenn Juli jetzt wieder fährt und Flo und er sich erst beim ersten Training sehen. „Komme“, schrie Juli nach unten und legte dann einen Arm um Flos Schultern.
„Na dann, Flori. Vermiss mich nicht zu dolle“, sagte sie und wuschelte durch die kurzen Haare, die danach in alle Richtungen von Flos Kopf abstanden. Jamal dachte ganz kurz, dass das sehr niedlich aussah.
„Tschüss, Jamal. Pass bitte auf Flori auf“, lachte Juli ihn danach auch an, mit diesem breiten Grinsen, dass sie wohl ununterbrochen auf dem Gesicht trug.
Es dauerte nicht lange, dann waren Juli und Flos Mutter weg. Jamal und er standen sich immer noch gegenüber, ohne dass einer etwas sagte. Flo schaute betreten auf seine besockten Füße und Jamal knibbelte an seinen Fingernägeln herum und trat von einem Fuß auf den anderen. Warum konnte er solche Situationen einfach nicht händeln?
„Ähm“, machte Flo auf einmal und räusperte sich, „ich geh dann mal wieder. Vergiss einfach alles, was Juli gesagt hat“. Und damit ging er tatsächlich und betrat das Zimmer neben Jamals. Und Jamal schaffte es nach 2 Minuten sinnlosem Rumstehen, dann auch endlich seine Tür wieder zu schließen und sich in der Ruhe seines Zimmers zu verstecken. Auf Basketball hatte er nun keine Lust mehr.
Statt Flo erst beim Training zu sehen, sah Jamal ihn bereits beim Abendessen wieder. Der Saal war gähnend leer, nur Flo und 2 andere Spieler waren da. Schnell füllte sich Jamal seinen Teller am Buffet auf und ging dann auf Flos Tisch zu. Wortlos setzte er sich zu ihm. Eine Weile herrschte Ruhe zwischen den beiden, die sehr betreten wirkte. Irgendwann schaute Flo auf.
„Du musst echt nicht den Babysitter spielen. Juli hat echt keine Ahnung, wovon sie da geredet hat“, meinte er und Jamal sah ertappt auf. Hatte Flo das etwa so aufgenommen, als er sich zu ihm gesetzt hatte? Er hatte sich dabei nicht viel gedacht, er wollte einfach nicht alleine sitzen.
„Ich will nicht den Babysitter spielen“, antwortete er. Flo schaute ihn bloß aus misstrauischen Augen an, nahm seinen Teller und erhob sich. Dann verließ er den Speisesaal und machte sich wahrscheinlich auf den Weg in sein Zimmer. Jamal blieb sitzen, aß betreten auf und ging dann ebenfalls in sein Zimmer. Das direkt neben Flos lag.
Die Nacht verging schnell und Jamal wurde von seinem Wecker aus dem Schlaf gerissen. Kurz war er verwirrt, wo er war. Nur kurz, er stand auf und zog sich sein Schlafshirt über den Kopf. Plötzlich klopfte es an seiner Tür. Es fühlte sich ein wenig an wie ein Deja-Vú. Nur in Boxer bekleidet, öffnete er die Tür und stand vor einem sehr verschlafen aussehenden Flo. Er trägt über seiner Unterhose noch ein Shirt, das ihm bestimmt 3 Größen zu groß war.
„Stell deinen Wecker bitte leiser“, war das einzige, was er sagte. Jamal war zu perplex über diese Worte, dass er nur langsam nicken konnte. Vielleicht raubte ihm der Anblick seines Gegenübers auch einfach den Atem. Oder es war die Müdigkeit, die noch in seinem Körper lag. Bestimmt war es die Müdigkeit, die seine Denkfähigkeit verlangsamte.
Anscheinend fiel Flo dann auch auf, dass Jamal halbnackt vor ihm stand. Auf einen Schlag wurde sein Gesicht rot wie eine Tomate und er flüchtete quasi in die offenstehende Tür nebenan.
Jamal wollte nicht hinterfragen, was diese kurze Begegnung war, also schloss er die Tür und zog sich ein Trainingsshirt an, bevor er ins Bad ging und seine Zähne putzte. Heute kämen die anderen Jungs vom Team an und morgen
würde das erste Training stattfinden. Es konnte nur bergauf gehen.
Während Jamal frühstückte, hörte er ein paar Stimmen chaotisch übereinander reden. Ein paar Teammitglieder waren wohl angekommen und begrüßten sich herzlich. Natürlich, viele kannten sich bereits von anderen Camps. Plötzlich war Jamal sich nicht mehr sicher, ob alles bergauf ging. Was, wenn die anderen ihn total komisch fanden und ihn genauso ignorieren wie Flo?
Lange konnte er sich keine Gedanken machen, denn schon kamen die Stimmen in den Saal und erblickten den Jungen. Sofort wuselten sie auf ihn zu.
„Hey, du bist Jamal, stimmts?“, fragte einer, der sofort Jamals Hand ergriff und diese schüttelte. Perplex nickte der Angesprochene und nahm ein paar weitere Hände an. Alle waren freundlich und freuten sich ehrlich, den Neuankömmling zu begrüßen.
„Also, das sind Jo, Leon, Serge und David. Und ich bin Rob“, stellte einer sich und die anderen vor. Ohne darauf reagieren zu können, lenkte etwas die Aufmerksamkeit der 5 Jungs von Jamal weg. Eher jemand. Flo, der gerade den Saal betreten hatte. Offenbar warteten die anderen darauf, dass er ebenfalls zu Jamals Tisch kommen würde, weswegen sie stehen blieben, allerdings mit dem Rücken zu Jamal.
Flo kam tatsächlich zu ihnen und begrüßte alle mit einem kurzen Handschlag. Wie auch bei Jamal stellte Rob alle vor und Flo lächelte sie freundlich an. Das Lächeln hatte Jamal noch nicht gesehen. Flo schaute ihn eher grimmig an. Auch jetzt nahm er den anderen nicht wahr. Stattdessen unterhielt er sich lieber mit Jo über Pflanzen. Das Thema hatte Jo angefangen, in der Hoffnung ein paar mehr Spieler für seine Gartenpläne zu begeistern. Der einzige, der überzeugt davon war, war David.
Und plötzlich fühlte sich Jamal sehr fehl am Platz und wollte am liebsten abhauen. Also nahm er seinen Teller, murmelte etwas von „Luft schnappen“ und verließ mit schnellen Schritten den Raum. Niemand fiel wirklich auf, dass er schnell abhauen wollte. Sie unterhielten sich angeregt mit Flo.
Jamal machte sich auf den Weg zum Basketballfeld. Vielleicht beruhigte es ihn, wenn er ein paar Körbe warf. Und tatsächlich tat es ihm sehr gut, wieder ein wenig Basketball zu spielen. Zumindest macht es ihm solange Spaß, bis Flo auftaucht. Der tauchte inzwischen immer dann auf, wenn Jamal gerade eine ruhige Minute hatte.
„Darf ich mitspielen?“, rief er über den Platz und deutete auf den Korb. Jamal blieb mitten in der Bewegung stehen und fragte sich, ob er sich verhört hatte. Er hatte Flo bisher eher als eine mürrische und unhöfliche Person wahrgenommen. Er nickte und warf ihm den Ball zu, den Flo geschmeidig fing und einen perfekten Korbleger ausführte. Jamal war beinahe beeindruckt.
Ein paar Minuten spielten sie einfach. Besser gesagt, sie warfen nacheinander Körbe und redeten dabei nicht. Jamal wusste immer noch nicht genau, warum Flo nun hier ist. Will er wirklich nur Basketball spielen und akzeptierte den Fakt, dass Jamal hier war?
„Sorry, dass ich so scheiße zu dir war“, meinte Flo irgendwann und warf Jamal den Ball zu. Beinahe hätte er ihn nicht gefangen, weil ihn das, was Flo gerade sagte, schon wieder völlig aus der Bahn geworfen hatte. Der Junge warf ihn seit gestern ständig aus der Bahn, das musste wirklich aufhören.
„Es ist nur so“, fuhr Flo fort, „meine Freundin hat vor 2 Wochen mit mir Schluss gemacht. Sie meinte, mir sei Fußball wichtiger als sie. Und wahrscheinlich hat sie damit auch Recht. Auf jeden Fall bin ich seitdem einfach nur pissig drauf“.
„Tut mir Leid. Das mit der Trennung“, meinte Jamal. Zu dem Rest der Offenbarung konnte er nicht wirklich etwas sagen. Es war eine Erklärung, das schon, aber eben keine Entschuldigung. Jamal hatte schließlich nichts gemacht.
„Schon okay. Und als ich Juli erzählt habe, was passiert ist, hat sie sich vorgenommen, Freunde für mich zu finden. Und das regt mich einfach auf. Sie begreift einfach nicht, dass ich so gut wie erwachsen bin und mein Leben selbst auf die Reihe bekomme“.
Jamal schaute auf den Boden und versuchte, eine Antwort zu formulieren, die nicht nach „ich habe keine Ahnung, was du das redest, ich habe keine Geschwister“ klang. Er kam zu keiner guten Entscheidung. Also schwieg er und Flo warf den Ball auf den Korb. Dieser prallte mit lautem Poltern ab und fiel zu Boden. Er rollte langsam auf Jamal zu und blieb vor seinen Füßen liegen. Jamal beugte sich nicht nach unten, um ihn aufzuheben und kickte ihn nur ein wenig hin und her.
Flo hatte auch nichts mehr zu sagen und sah Jamal zu, wie er planlos den Ball zwischen seinen Füßen hin und her rollte. Er kaute auf seiner Unterlippe herum und fragte sich, ob er zu viel gesagt hatte oder ob es Jamal überhaupt interessierte, was er gesagt hatte. Eigentlich wollte er sich ja bloß entschuldigen.
„Hast du noch mehr Geschwister?“, fragte Jamal schließlich. Ein bisschen weit weg vom Thema, aber Flo verstand, wo es herkam.
„Ja, neun“, antwortete er mit trockener Stimme. Jamal schaute abrupt auf und kickte den Ball aus Versehen ein wenig zu stark, sodass er über den Platz rollte und in den Büschen daneben landete.
„Neun?“, fragte Jamal entsetzt. Flo nickte bloß und machte sich auf den Weg, den Ball zurückzuholen. Jamal hatte in etwa die Reaktion, die jeder hatte, wenn er von seinen Geschwistern erzählte.
Als er mit dem Ball zurückkam, hatte sich Jamal schon wieder gefangen, seine Augen waren wieder zu einer normalen Größe geschrumpft und sein Mund geschlossen. Flo warf den Ball und traf den Korb.
„Gewonnen“, meinte er grinsend. Sie hatten keinen Wettkampf gespielt, aber er wollte es einfach sagen. Jamal lachte auf und schüttelte den Kopf. „Noch nicht, ich darf noch einmal“.
Jamal traf nicht und musste somit zugeben, dass Flo doch gewonnen hatte. Im gleichen Atemzug drohte er eine Revanche an, die Flo nicht ausschlagen konnte.
Das Mittagessen hatten die beiden wegen ihres Spiels verpasst, deswegen gingen sie zusammen zu ihrem Komplex an Zimmern. Sie redeten kein Wort weiter und verabschiedeten sich nicht groß. Im Camp sah man sich rund um die Uhr, es werden keine 24 Stunden bis zu ihrem nächsten Treffen sein.
Jamal fiel auf sein Bett, als er das Zimmer betrat. Das mit Flo war so verwirrend gewesen. Seine Entschuldigung, das Schweigen zwischen den wenigen Sätzen. Jamal dachte, im Camp hier Freunde zu finden sei einfacher. Aber er hatte ja noch den ersten offiziellen Abend vor sich, wo alle Spieler da waren und er viele von ihnen das erste Mal traf.
Bis dahin waren es noch ein paar Stunden, also zog er sein Handy hervor. Ein paar Nachrichten von seinem Papa, eine von seiner Oma, die ihm viel Spaß wünschte und versprach, alle Spiele zu schauen und eine von Maya, seiner besten Freundin.
Maya und er hatten sich auf Jamals ersten Oktoberfest kennengelernt, nachdem sie Bier über seine Lederhose geschüttet hatte. Ihr tat es total Leid und Jamal hatte kurzerhand vorgeschlagen, dass sie ihn einfach auf einen Kaffee einladen sollte und die Sache damit gegessen war. Das hatte sie auch gemacht, sich dabei noch ein paar Mal mehr entschuldigt. Und daraus war irgendwie eine sehr gute Freundschaft entwickelt, in der sich Jamal wirklich wohl fühlte. Maya war witzig und einfühlsam und eine verdammt gute Zuhörerin.
Sie war es, die Jamal zugehört hatte, als er plötzlich in eine Sexualitätskrise gerutscht war, weil ein Junge, den er im Urlaub kennengelernt hatte, plötzlich mit ihm flirtete. Und er mitgemacht hatte und es beinahe in einem Kuss ausgegangen war. Jamal war dann schnell weggerannt und hatte Maya angerufen.
Als er wieder in München war, hatten er und Maya sich mit Schokolade und Eis bewaffnet und solange darüber geredet bis sie Bauchschmerzen hatten und Jamal sich eingestehen konnte, dass er vielleicht ein kleines bisschen sehr schwul war.
Das war etwa ein halbes Jahr her.
Maya:
Und, schon irgendwelche süßen Jungs kennengelernt ;)
Jamal schüttelte den Kopf. Eigentlich hätte er eine Frage dieser Art erwarten können.
Jamal:
Nee
Außerdem sind die doch eh alle hetero
Ist immer noch ein Camp für FUßBALL
Ist halt nicht der Sport für Schwule
Es erschienen direkt zwei graue Haken, aber nachdem sie sich nicht direkt blau färben, schaltete Jamal sein Handy wieder aus und griff nach seiner Schullektüre. Auch wenn er jetzt für Deutschland in der U21-EM spielte, war er ein Schüler. Sein Vater bestand darauf, dass er das Abi machte, falls Fußball doch nichts werden sollte.
Dann klopfte es an der Tür, noch bevor Jamal die richtige Seite aufschlagen konnte. Also rappelte er sich wieder vom Bett auf und öffnete die Tür. Flo stand dahinter. Das ging ja sehr schnell mit dem Wiedersehen.
Ein bisschen wunderte es Jamal schon, warum der andere jetzt wieder vor seiner Tür stand. Es kann keine 10 Minuten her sein, als sie noch auf dem Basketballplatz standen und ihr erstes richtiges Gespräch führten.
„Hey“, meinte er. Jamal wartete auf eine Erklärung für sein spontanes Auftauchen, aber Flo sprach nicht weiter. Also zog Jamal eine Augenbraue nach oben und schaute den anderen fragend an. Sein Blick sprach Bände und Flo verstand endlich.
„Äh“, machte er schlau. Er wusste wohl genauso wenig wie Jamal, was er wollte. „Hast du… hast du Duschgel? Ich hab meins, glaub ich, vergessen und das ist mir erst gerade aufgefallen“. Flo kratzte sich am Hinterkopf, etwas verlegen und mit geröteten Wangen.
„Klar“, meinte Jamal und kehrte Flo den Rücken zu. Etwas witzig war es ja schon, wie verpeilt er da vor seiner Tür steht und verlegen nach Duschgel fragt. Jamal machte sich auf den Weg ins Bad und holte eine Flasche Duschgel aus dem Kulturbeutel. Gut, dass sein Papa darauf bestanden hatte, zwei einzupacken.
„Hier, behalts. Ich hab noch mehr“. Jamal drückte Flo die Flasche in die Hand, der sie annahm. Die Röte aus seinen Wangen ist noch nicht ganz verschwunden. „Danke. Ähm… wir sehen uns dann“.
Dann ist Flo wieder im Zimmer nebenan verschwunden und Jamal konnte sich endlich auf seine Lektüre konzentrieren.
Jedoch nur 10 Minuten, ehe die nächste Person seine Aufmerksamkeit verlangt. Maya, die ihn anruft. Jamal wusste, dass er sie nicht wegdrücken konnte. Wenn er es tat, hätte sein Handy in einer Minute einen Absturz, weil sie so viel schrieb. Also drückte er auf den grünen Hörer und hielt sich das Telefon ans Ohr.
„Hallöchen“, trillerte die Mädchenstimme durchs Telefon.
„Hey, Maya“.
„Wir müssen sehr, sehr dringend an deinem Gaydar arbeiten“. Sie fiel mit der Tür direkt ins Haus. Den Kontext verstand Jamal nicht ganz.
„Hä?“ „Dein Gaydar“. Jamal wurde nicht schlauer aus diesen Worten und wiederholte seine Antwort noch eine Spur verwirrter. Und dann noch: „Wofür brauch ich denn jetzt mein Gaydar?“
„Angeblich ist da kein nicht-hetero Typ? Ich glaubs auch“. Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus. Jamal schloss die Augen und rieb seinen Nasenrücken zwischen Daumen und Zeigefinger. Maya sprach einfach weiter: „Sowas ein Camp ist doch voller Typen, die sich nicht outen wollen. Du bist ja wohl ein perfektes Beispiel“.
„In welchem Psychologie Buch hast du das denn gelesen?“, fragte Jamal. Maya wollte Psychologie studieren, sobald sie mit der Schule fertig ist und las sich in ein paar Themen ein. Sie hatte ein ganzes Regal voller solcher Bücher in ihrem Zimmer.
„Das wüsstest du wohl gerne. In dem steht nämlich auch, wie man einen süßen Fußballer für sich gewinnt“.
„Gut, dass ich keinen Fußballer will. Die sind alle so eingebildet“.
Jamal und Maya alberten noch ein wenig herum und machten sich über Jamals Männergeschmack lustig - vor allem Maya - bevor Maya von ihrer Mutter gerufen wurde und sie sich verabschieden mussten. „Ich ruf morgen nochmal an“, versprach Maya und Jamal war sich nicht ganz sicher, ob er sich darauf freute.
Er liebte Maya wirklich sehr, aber sie war einfach manchmal sehr impulsiv und energisch. Quasi das Gegenteil von ihm, wenn er nicht auf dem Platz stand.
Jamal schaute sich dann die Nachrichten seines Papas an, der ihn fragte, wie es ihm geht und ob er Spaß hatte. Er antwortete kurz mit ‚gut‘ und ‚ja‘ und schloss dann sein Handy und legte es auf den Nachttisch neben seinem Bett. Und endlich fand er Ruhe, sein Buch zu lesen.
Irgendwann schaute Jamal auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits Zeit war, zum Abendessen zu gehen und das gesamte Team in voller Größe zu sehen. Als er nach draußen trat, überlegte er kurz, ob er bei Flo klopfen sollte und ihn fragen sollte, ob er mitkommen wollte. Er hob sogar schon seine Hand, bereit zu klopfen, als er es sich dann anders überlegte und einfach zum Saal ging. Vielleicht brachte er den Mut ja in ein paar Tagen auf.
Im Speisesaal war der Lautstärkepegel deutlich höher als am Vortag. Ein paar Grüppchen hatten sich bereits gefunden und an einem der vielen Tische versammelt. Der Raum war gefüllt mit Gelächter und spürbar guter Laune. Jamal nahm sich ein wenig Essen auf einen Teller und setzte sich dann zur Gruppe um Jo, David und Leon, die er schon am Vormittag kennenlernen durfte.
Sofort wurde er herzlich Willkommen geheißen und den anderen vorgestellt, die sich ihm ebenfalls vorstellen. Die anderen kannten sich schon, ein paar spielten sogar im selben Verein, die meisten kannten sich jedoch schon aus vorherigen Camps. Jamal fühlte sich trotzdem nicht ausgeschlossen oder unerwünscht, eher das komplette Gegenteil.
Kurz denkt er an Mayas Worte ‚Wir müssen dein Gaydar reparieren‘. Doch als er die anderen ansah, wusste er, dass das nicht nötig sein würde. Bei keinem springt es an, weil alle hetero sind. Wie man es im Profifußball erwartet. Jamal ist bloß die Ausnahme und damit die Bestätigung der Regel. Und es macht ihm nichts aus, nicht wirklich. Er will hier Fußball spielen und nicht die Liebe seines Lebens finden. Oder zumindest seine erste Liebe.
Flo sah er beim Abendessen nicht. Es waren zu viele Menschen im Raum und die Lautstärke stieg mit jeder Minute an. Jamal blieb bis zum Schluss mit der Gruppe um Jo, David und Leon. Am Abend tat er sich mit ihnen zusammen, um im Gemeinschaftsraum Mario Kart zu zocken. Er schnitt völlig schlecht ab. Viele erzählten ihm, wie sie mit ihren Geschwistern und Freunden spielten und deswegen schon Übung hatten.
Erst als er wieder zu seinem Block ging, sah Jamal Flo wieder. Der andere kam aus einer anderen Richtung. Sie trafen sich bei der Treppe, die nach oben zu ihren Zimmern führt.
„Was hast du gemacht?“, fragte Flo während sie gleichzeitig die wenigen Stufen nach oben stiegen.
„Mario Kart mit ein paar von den Jungs gezockt“, antwortete Jamal und Flo nickte. Sie waren oben angekommen und Jamal machte sich bereit, sich zu verabschieden, aber Flo folgte ihm wie selbstverständlich zu seiner Zimmertür. Jamal schaute ihn fragend an. „Darf ich noch mit zu dir?“.
Und so kam es, dass die beiden auf Jamals Bett saßen und irgendwie über alles und nichts sprachen. Es begann bei einer Diskussion über Eissorten („Vanille ist deutlich besser als Schoko“ „Dann hattest du noch nie gutes“) und endete bei Flos Liebesleben, der endlich ausheulte, was ihm schon lange auf der Seele lag.
„Ich glaub nicht, dass ich in der Beziehung je so wirklich glücklich war. Irgendwie hatten nur alle plötzlich ne Freundin und haben mich dann zu ihr gedrängt. Ich glaub, wenn ich sie wirklich geliebt hätte, wäre mir der Fußball nicht so wichtig gewesen. Verstehst du?“
Jamal hörte ihm geduldig zu und nickte immer mal an den richtigen Stellen. So wirklich etwas sagen konnte er nicht. Er hatte schlicht absolut keine Erfahrung.
„Hast du deinen Freunden nicht gesagt, dass du dich lieber auf Fußball konzentrieren willst? Die müssten doch bestimmt auch gemerkt haben, das du deine Prioritäten dort hast“.
Flo summte als Antwort. Dann eine kurze Pause, in der er zu überlegen schien. „Schon. Sie meinten aber alle plötzlich, dass sich Küssen tausendmal besser anfühlt als ein Tor zu schießen. Oder das sich meine Prioritäten ändern werden, wenn ich wirklich jemanden habe“, fügte er dann hinzu und zuckte mit den Schultern.
„Irgendwie war küssen aber echt nicht so cool, wie es alle immer beschrieben haben. Es war… Ich weiß nicht, ganz komisch. Hast du schonmal jemanden geküsst?“, schwenkte Flo den Fokus von ihm weg. Jamal schüttelte den Kopf.
Er hatte nicht viel Ahnung, was Küssen angeht. Er hatte niemanden geküsst, hatte auch nie wirklich Beschreibungen bekommen oder Erzählungen. Seine wenigen Freunde hatten sich nie mit ihm darüber unterhalten und Maya wollte ihm nie erzählen, wie ihr erster Kuss verlief.
„Hm… Ich dachte einfach irgendwie, dass sich sowas besser anfühlen muss. Sie hat auch probiert, weiterzugehen. Aber ich… Ich konnte es einfach nicht. Es war wie so eine Blockade in mir, die mich daran gehindert hat. Ich weiß, das klingt total bescheuert. Ich meine, da ist ein total hübsches Mädchen, das dich total gerne hat und mit dir schlafen will und dann… bekommst du keinen hoch und es fühlt sich einfach nur befremdlich an“, erzählte Flo frustriert weiter. Offenbar ging es ihm sehr nah, wie er diese Beziehung erlebt hatte.
Jamal verstand diesen Frust. Er hatte davon gelesen, als er tief in seiner Sexualitätskrise steckte und sich auf Foren Berichte durchgelesen hatte. Still und heimlich nachts unter der Bettdecke, hatte den Suchverlauf direkt danach gelöscht, damit ja niemand etwas davon erfuhr. Selbst erlebt hatte er diese Gefühle von Befremdlichkeit nie, aber das, was Flo beschrieb, hörte sich stark danach an. Aber niemals im Leben würde er seinen Verdacht laut äußern.
„Sorry, ich laber dich total voll und wir kennen uns gefühlt nur ne Stunde so richtig und ich hab mich erst total wie ein Arsch verhalten und jetzt musst du dir mein verkacktes Liebesleben anhören, das eigentlich nicht existent ist“, meinte Flo und lehnte seinen Kopf nach hinten. Seine Augen waren geschlossen und er sah komplett fertig aus. Das war er wahrscheinlich auch.
Jamal setzte sich auf und stützte sich auf seinen Ellbogen, um den anderen anzuschauen. „Wenns raus muss, muss es halt raus. Ich bin wahrscheinlich der Letzte, der dir Liebestipps geben kann, aber ich höre dir zu“, meinte er mit sanfter Stimme. Flo öffnete seine Augen und auf seinen Lippen erschien ein müdes, mattes Lächeln. „Danke“, murmelte er und setzte sich dann wieder auf, um auf einer Augenhöhe mit Jamal zu sein.
Sein Blick fiel auf die Uhr, als er sein Handy öffnete. Es ist beinahe Mitternacht. Keiner der beiden Jungs hatte bemerkt, wie schnell die Zeit vorangeschritten war und erschraken nun beide.
„Fuck, es war doch gerade erst 20 Uhr“, sagte Flo nüchtern. Dann stand er auf und deutete auf die Zimmertür. „Ich glaub, ich sollte mal rüber“.
Jamal nickte und stand ebenfalls auf. Zusammen gingen sie die, zugegeben sehr wenigen, Schritte zur Tür, wo beide nicht wirklich wissen, wie sie sich verabschieden sollten.
Schließlich hob Flo die Hand, um einen Handschlag auszuführen. Und beinahe war Jamal das zu wenig. Trotzdem schlug er ein, sie sagten "Gute Nacht“ und Flo verschwand.
Jamal ließ sich aufs Bett fallen und schaute auf sein Handy. Sein Papa hatte ihm bereits eine Nachricht geschrieben und eine gute Nacht gewünscht. Jamal antwortete schnell mit einem Herz und öffnete die Nachricht von Maya, die sie vor ein paar Stunden bereits geschickt hatte.
Maya:
Hast du nochmal Zeit zum quatschen?
Hallo?
Jamal?
Sag nicht, du hast doch einen süßen Typen abgeschleppt
Ich störe nicht mehr
Viel Spaß
Denk an Verhütung ;)
Jamal:
Du spinnst, weißt du das?
Dann legte Jamal das Handy zur Seite und ging ins Bad, um Zähne zu putzen. Als er ein paar Minuten später im Bett lag, konnte er nicht anders, als zu denken, dass Flo tatsächlich irgendwie süß war. Also, irgendwie. Ein klitzekleines bisschen. Nur minimal. Also wirklich nur ein ganz kleines bisschen süß.
Das Training begann entspannt. Ein paar kleine Teamübungen, damit alle miteinander warm wurden. Dann Partneraufgaben, damit jeder mit jedem spielen konnte. Jamal hatte Spaß, wirklich sehr viel Spaß. Das Level, auf dem er spielen durfte, war enorm und er freute sich, dass ihm dieses Niveau zugetraut wurde.
Am meisten Spaß macht es mit Flo. Die beiden verstanden die Spielweise des anderen auf Anhieb, wussten, wie der Ball kommen würde und wussten, wie sie den Ball spielen mussten, um den Fuß des anderen zu erreichen. Es war blindes Verständnis von Anfang an. Was von den anderen nicht unbemerkt blieb.
In der Kabine klopften alle möglichen Spieler der Mannschaft auf die Schultern der zwei neuen Mitspieler und faselten etwas von ‚neue Hoffnung‘. Jamal machten diese Komplimente stolz. In seinem Kopf spuken ständig die Vorurteile von schwulen Fußballern. Doch jetzt weiß er, dass er gut war, verdammt gut. Seine Sexualität hatte damit nicht das geringste zu tun. Heute konnten ihm diese Gedanken nichts anhaben.
„Willst du eigentlich noch deine Revanche?“, fragte Flo, während sich die Spieler umzogen. Sie standen nebeneinander und Flo hatte gerade sein verschwitztes Trikot über den Kopf gezogen. Jamal zog sich gerade frische Socken an und saß deshalb auf der Bank. Sein Blick glitt für eine Sekunde über den Oberkörper seines Teamkollegen und schnellte dann zum Gesicht.
„Klar“, antwortete er, nachdem er kurze Zeit ins fragende Gesicht Flos geschaut hatte.
„Cool, in einer Stunde?“ Jamal nickte und Flo begann zu strahlen. Oder zumindest zu lächeln und brachte Jamal automatisch ebenfalls dazu. Sie zogen sich schließlich schweigend um. Die Kabine ist mit Musik gefüllt, Gelächter und den Gesprächen der anderen. Jamal mochte die Stimmung und blieb ein paar Sekunden einfach sitzen, um den Moment zu genießen. Das erste Training lief gut, er fühlte sich wohl mit dem Team, das ihn direkt aufgenommen hatte.
Doch dann: „Ey, Schwuchtel behalt deine Augen bei dir“. Jamals Kopf fuhr direkt auf den Boden, in der Annahme, man hätte ihn bemerkt. Aber niemand beachtete ihn, sondern denjenigen, der es gesagt hatte. Es war auch nicht er gemeint, wie er feststellte. Das Gelächter hatte aufgehört und Jo ging zu dem Spieler, dessen Namen Jamal gerade nicht wusste.
„Ich will solche Wörter nicht hören. Nicht von dir und sonst auch von niemand anderem“, meinte er mit ruhiger, fester und bestimmter Stimme. Jamal überzog eine Gänsehaut. Jo war wohl nicht umsonst Teamkapitän. Alle respektierten ihn und niemand machte Witze, wenn er solche Dinge sagte.
Der Angesprochene nickte bloß und zog sich dann weiter um, ohne noch einen Ton von sich zu geben. Jamal hatte das Gefühl, er müsse sich bei Jo bedanken. Aber das erschien ihm völlig sinnlos. Dann könnte er ihm auch direkt sagen, dass er schwul ist. Vielleicht könnte er es irgendwann, aber es musste wirklich nicht direkt nach dem ersten Training sein. Immerhin weiß er, dass nicht das komplette Team homophob war. Und das war doch schonmal ein Fortschritt.
Als Jamal wieder in seinem Zimmer ankam, ging er ins Bad und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. So ganz konnte er die Situation in der Kabine einfach nicht vergessen. Dieses blöde Wort steckte ihm in den Knochen, dabei waren sie nicht einmal an ihn gerichtet.
Nicht einmal das Basketballspiel mit Flo hatte ihn wirklich ablenken können. Was zu einer erneuten Niederlage geführt hatte. Flo fragte immer mal nach, warum Jamal plötzlich so abwesend wirkte. Doch Jamal hatte nur abgewunken und den Korb um Längen verfehlt. Schließlich konnte er Flo schlecht sagen, dass dieses blöde Wort immer noch in seinem Gedächtnis steckte und dass er es unweigerlich auf sich schloss.
Sie waren zusammen zu ihrem Gebäude gegangen und Jamal war quasi in sein Zimmer geflüchtet. Und nun stand er am Waschbecken, krallte sich daran, dass die Knöchel schon weiß hervortraten. Seine Augen hatte er geschlossen und er konzentrierte sich stark auf seine Atmung.
Er musste mit jemandem reden, schnell. Und die einzige Person, die ihm gerade in den Kopf kam, war Maya. Oke, die Wahrheit war, dass sie erst die zweite war, die ihm einfiel. Zuerst kam ihm Flo in den Kopf, aber es war eher wie ein Schatten. Nicht greifbar, kurz und verschwand ohne etwas zu hinterlassen. Also griff Jamal zu seinem Handy und wählte die Nummer seiner besten Freundin.
Es dauerte keine 5 Sekunden, bis sich jemand am anderen Ende meldete.
„Hallöchen. Womit verdiene ich diese Ehre?“, begrüßte Maya ihn mit froher Stimme. Sie schien glücklich zu sein, so wie Jamal sie kannte.
„Sag mir einfach, dass ich das hier überlebe, ohne das jemand rausfindet, dass ich schwul bin“, bat er und klang weinerlich. Etwas übertrieben war es vielleicht schon, aber es beschrieb irgendwo doch die Situation.
„Du überlebst, ohne das jemand herausfindet, dass du schwul bist“, meinte sie mit gleichbleibender Fröhlichkeit. Jamal lachte kurz auf, genau das brauchte er jetzt.
„Danke“. „Willst du mir jetzt sagen, was los ist?“, fragte sie. Jamal nickte leicht, bis ihm auffiel, dass Maya das nicht sah.
„Gab einfach nur ne blöde Situation in der Umkleide. Und ich mach mir nen viel zu großen Kopf drüber wahrscheinlich“, gab Jamal zu. Er machte sich oft einen Kopf darüber, was andere Leute dachten. Über ihn, von ihm. Vor allem die Spieler, die in seinem Team waren, mit denen er sich umzog. Es gab immer noch die Jungs, die dachten, dass Jamal sich an ihnen aufgeilte, sobald sie ihr Trikot auszogen. Totaler Quatsch, wie Jamal fand, aber versuch das mal diesen Trotteln zu erklären.
„Komm, spucks aus. Ich kenne deinen Kopf, der dreht jetzt schon völlig durch“.
„Es hat nur jemand in der Kabine ‚Schwuchtel‘ gesagt. Ich war nicht mal gemeint und trotzdem geht's mir nicht aus dem Kopf“, erklärte Jamal und fühlte sich ein wenig bescheuert. Es schien so eine banale Sache zu sein und er schob eine riesige Panik.
„Oh Mann, wie scheiße. Und hat niemand was gesagt?“, fragte Maya und klang plötzlich nicht mehr so froh wie am Anfang des Telefonats.
„Ja, doch. Jo. Er ist der Kapitän“, meinte er.
„Dann hat Jo scheinbar ein Gehirn, kann er froh drüber sein“. Maya legte eine kurze Pause ein, ehe sie fortfuhr. „Jamu, mach dir darüber nicht so viele Gedanken. Du hast ja selbst gesagt, es ist Fußball, da gibt es eben Idioten. Du kannst nichts dafür, nichts für dieses ignorante Denken und schon gar nichts für deine Sexualität. Ich weiß, es muss sich echt beschissen anfühlen, aber das wird. Wenn Jo indirekt auf deiner Seite ist, wird sich bestimmt niemand mit dir anlegen“.
Jamal war wirklich glücklich, Maya zu haben. Sie fand so oft die richtigen Worte, um ihm mit seinem Kopf zu helfen. Sie redeten noch eine kurze Weile, ehe sie wieder auflegten. Jamal trat dann aus dem Bad und…
Vor ihm stand Flo.
„Deine Tür stand offen und ich wollte schauen, ob alles gut ist bei dir“, erklärte er. Seinem Blick zufolge hatte er das Gespräch verfolgt. Und wusste nun, dass Jamal schwul war. Sein Gesicht war etwas weiß und er sah schuldbewusst drein. Jamal überkam Panik. Flo wusste Bescheid. Sein Gehirn erlitt einen Kurzschluss.
„Raus!“, schrie er panisch und deutete auf die Tür. Er war den Tränen nahe. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Sein Outing war sein Ding, Flo hatte nichts in seinem Zimmer verloren und sollte seine Nase nicht in seine Angelegenheiten stecken und ihm nicht beim Telefonieren zuhören. Er sollte einfach verschwinden, weil er nichts in seinem Leben zu suchen hatte. „Hau ab!“, brüllte er erneut und seine Augen füllten sich mit Tränen. Sein Körper hatte eine klare Abwehrhaltung angenommen.
„Jamal, mir ist es völlig egal, dass du…“ „GEH ENDLICH! ICH WILL DICH NICHT SEHEN!“, schrie Jamal und endlich schien Flo zu verstehen, dass es absolut nicht der richtige Zeitpunkt war, Jamal zu besänftigen. Also ging er aus der Tür und schloss sie hinter sich.
Jamal fiel auf dem Boden zusammen, seine Beine gaben nach. Aus seinen Augen liefen Wasserfälle aus Tränen, er fand keine Kraft sie wegzuwischen, weshalb sie auf seinem Oberteil und dem Boden landeten. Er atmete durch den Tränen und Schluchzer und rang nach Luft. Seine Lunge füllte sich nur schwer. Er verschluckte sich und hustete, bis ihm der Hals weh tat. Seine Wangen waren salzig und klitschnass und die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen.
Jamal wusste nicht, wie er sich beruhigen sollte und blieb einfach auf dem Boden liegen, bis er nichts mehr spürte. Die Tränen trockneten auf seinen Wangen zu salzigen Spuren und seine Atmung legte sich. Der Boden war eiskalt, seine Hände zitterten.
Jamal blieb liegen, in der Hoffnung, nie wieder aufstehen zu müssen. Das war doch sein Outing und Flo hatte es ihm ruiniert. Flo hatte nichts in seinem Leben verloren und jetzt hatte er es nichtsahnend einfach kaputt gemacht. Scherben hinterlassen, die Jamal mit Mühe zusammengehalten hatte. Und niemand war da, der diese Scheiben wieder zusammensetzen konnte.
Die Sache war, wenn Jamal ein Problem hatte, rief er Maya an. Hatte er immerhin schon vor einer halben Stunde, als Flo noch nicht Bescheid wusste. Doch jetzt, wo er es wusste, konnte sich Jamal nicht dazu durchringen, sein Handy aus dem Badezimmer zu holen, Mayas Nummer zu wählen und ihr alles zu erzählen.
Er hatte sich nicht vom Boden bewegt, keinen Millimeter, seit er darauf zusammengebrochen ist. Seine Beine hatte er nah an die Brust gezogen und umklammert. Die Tränen hatten irgendwann aufgehört und Jamal konnte nur noch atmend liegen und hoffen, dass Flo nicht im Camp rumrennt und jedem sein Geheimnis erzählte.
Jamal ließ das Abendessen ausfallen. Immerhin hatte er es geschafft, aufzustehen und ins Bad zu gehen. Sein Spiegelbild sah genauso furchtbar aus, wie er sich fühlte. Die Wangen sind rot wie Tomaten, die Augen tränen unterlaufen. Also spritzte er sich kaltes Wasser ins Gesicht und schaute dann gar nicht mehr in den Spiegel. Er griff bloß nach seinem Handy und schmiss sich dann aufs Bett.
Am liebsten würde er nie wieder aufstehen. Einfach in diesem Bett liegen bleiben und nie wieder einem seiner Mitspieler begegnen, vor allem nicht Flo. Doch der Plan ging nicht auf. Es klopfte an der Tür und Jamal bekam wieder eine milde Panik. Trotzdem stand er auf und drückte ein paar Sekunden später die Klinke nach unten.
Dahinter stand Jo mit einem Teller Nudeln in der Hand. „Hey, du warst nicht beim Abendessen“, meinte er bloß und lächelte. Jamal brauchte zwei Sekunden, um es zu verstehen. Jo war aufgefallen, dass er nicht da war, er hatte sich die Mühe gemacht, ihm einen Teller übrig zu lassen und diesen extra zu ihm zu bringen.
Jamal öffnete die Tür ein Stück weiter, um Jo hinein zu bitten. Im gleichen Atemzug nahm er ihm den Teller ab. „Danke dir“, flüsterte er und spürte Jos Hand auf seiner Schulter, während der Blonde an ihm vorbei ins Zimmer ging und sich an die Bettkante setzte. Jamal setzte sich dazu und nahm eine große Gabel voll Nudeln. Das Weinen und die Panik hatten sein Hungergefühl betäubt, obwohl er wirklich großen Hunger hatte.
„Warum warst du nicht da? Hunger scheinst du ja zu haben“, stellte nun auch Jo fest. Und da war wieder dieses Panikgefühl in Jamal. Ihm fiel keine Ausrede ein. Nicht schnell genug. Um Zeit zu gewinnen, aß er ein wenig langsamer. ‚Denk nach‘, ermahnte er sich in Gedanken. Aber ihm fiel nichts ein. Aber die Wahrheit wollte er nicht sagen.
Obwohl… Wenn Flo es jedem im Camp erzählte, wusste Jo es entweder schon oder würde es in ein paar Stunden wissen. Vielleicht sollte er es von Jamal selbst hören.
„Ich wollte dem Team nicht nochmal begegnen. Also nicht dem ganzen Team, aber dem einen. Verdammt, ich weiß nicht mal seinen Namen. Du weißt doch bestimmt noch, heute in der Kabine, dieser kleine Zwischenfall“, fing Jamal an und sprach schnell für seine Verhältnisse. Jo nickte, offenbar wusste er, worauf Jamal andeutete. „War eine blöde Situation. Aber willst du ihm jetzt das restliche Training aus dem Weg gehen? Das wird echt nicht so leicht“, meinte er. Jamal könnte abbremsen. Es schien, als ob Jo noch nicht Bescheid wusste. Aber er würde das jetzt durchziehen, bevor Flo ihm erneut sein Outing wegnahm.
„Nee, aber zumindest heute. Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast, aber ich dachte, er hätte mich angesprochen“, erzählte Jamal weiter und hoffte sehr, dass er die Worte nicht aussprechen musste und Jo ihn irgendwie verstand. Tat er nicht, Jamal schaute in ein fragendes Gesicht. „Ich dachte, er meinte mich“, wiederholte Jamal mit Nachdruck.
„Warum sollte er dich meinen?“, fragte Jo und schien ehrlich ratlos. Und Jamal wünschte wirklich, es wäre anders. Die Nudeln hatte er bereits vergessen. Sollten sie halt kalt werden.
„Weil ich… ichbinschwul“, sagte er schnell und nuschelte. Doch Jo schien ihn trotzdem verstanden zu haben. Sein fragendes Gesicht änderte sich in einen durchaus überraschten Ausdruck. Dieser hielt jedoch nicht lange an, dann schaute Jo Jamal aufmunternd an. Jamal fiel ein Stein vom Herzen. Jo rannte nicht schreiend weg oder sprang auf und warf ihm Beleidigungen an den Kopf.
Nein, Jo tat mehr als das. Er öffnete die Arme und lud ihn in eine Umarmung ein. Jamal legte den Teller, der in seinem Schoß war, zur Seite und kroch in die Arme seines Kapitäns. „Ich bin froh, dass du mir das gesagt hast“, flüsterte Jo und löste sich dann von Jamal. Eine Hand ließ er auf der Schulter liegen.
Jamal war unglaublich erleichtert und froh über diese Reaktion. Nach der inoffiziellen Verteidigung heute in der Kabine hatte er schon geahnt, dass Jo kein Arsch ist. Aber diese Unsicherheit war trotzdem da.
„Wenn du willst, halte ich dich von dem Arsch fern. So gut es geht und so unauffällig wie möglich“, bot er dann an, als Jamal sich wieder über die Nudeln her machte. Jamal schaute auf.
„Du musst nicht. Ich glaube, wenn ich wirklich Fußballer werden will, muss ich mit solchen Leuten klar kommen“, antwortete Jamal mit leichter Enttäuschung in der Stimme. Er will Fußball spielen, nicht durchgängig diskriminiert werden. Jo schien es ähnlich zu sehen.
„Du solltest dich nicht rumschlagen müssen. Du bist gut, verdammt gut, du hast das größte Recht, hier zu sein“.
„Danke“. Jamal fühlte sich irgendwie sehr verstanden von dem anderen. Er kannte ihn seit gestern und trotzdem war Jo plötzlich wie sein sicherer Hafen hier im Camp. Vielleicht war das der Grund, warum er der Kapitän ist. Er passte gut in diese Rolle.
Am nächsten Tag in der Umkleide ging Jamal gezielt auf den Platz neben Jo zu. Flo war noch nicht in der Kabine und Jamal hoffte, dass er sich schnell genug umziehen konnte, bevor der andere kam. Allgemein war die Kabine noch sehr leer. Neben ihm und Jo waren nur noch David und Leon im Raum.
„Hey, Jamal“, wurde er fröhlich von den dreien begrüßt. Nichts scheint anders als gestern. Flo hatte die Bombe entweder noch nicht platzen lassen oder die anderen waren genauso fein damit wie Jo, der ihm einmal auf die Schulter schlug. Er hatte kein Oberteil an und Jamal freute sich, dass Jo trotzdem wie gestern mit ihm umging.
Schnell zog er sich um, jedoch nicht schnell genug. Gerade als er sich die Schuhe anzog, kam Flo in die Umkleide zusammen mit Jonathan. Angeblich spielten die beiden bei Leverkusen, nur dass Jonathan bereits bei der Profimannschaft spielte und Flo noch bei den Junioren. Jamals Blick blieb auf ihm kleben, er wollte wissen, wie Flo sich ihm gegenüber verhalten würde.
Doch von Flo kam… nichts. Nicht mal ein Blick in seine Richtung. Stattdessen setzte er sich einfach neben Jonathan, mit dem er immer noch redete und begann, sich umzuziehen. Jamal zwang sich, seinen Kopf zu drehen, auf den Boden. Dann hatte er seine Schuhe fertig geschnürt und stand auf, um schnell auf den Trainingsplatz zu kommen. Nicht mal Jo, David und Leon waren so schnell, obwohl sie schon vor ihm da waren.
Das Training zog an ihm vorbei. Jamal war zu fokussiert darauf, Flo zu beobachten. Unauffällig natürlich, aber oft genug, um zu sehen, mit wem Flo die Übungen machte und mit wem er sprach. Wer Bescheid wusste. Während sie Torschüsse übten, hatte er das Gefühl, dass ihn alle anstarrten und es einfach wussten. Und vielleicht schoss er deswegen auch sehr hart und traf die Latte.
Am Ende sollten sie entspannt ein paar Runden laufen, um ihre Kondition aufrechtzuerhalten. Jamal lief allein am Ende und beobachtete Flo, der sich mit Jo unterhielt. Bestimmt sagte er es ihm gerade. Aber Jo wusste es ja schon. Viel zu erzählen gab es also nicht. Außer vielleicht noch von seinem Gefühlsausbruch. Jamal fiel wieder ein, dass die Wände zwischen den Zimmern dünn waren. So dünn, dass Flo seinen verdammten Wecker hören konnte. Bestimmt hatte Flo sein stundenlanges Heulen mitbekommen.
Jamal schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, seine Gedanken loszuwerden. Es klappte nur halb, wenn nicht sogar gar nicht. Zu seinen kreisenden Gedanken gesellten sich nun Kopfschmerzen. Na toll.
Sobald ihr Trainer abpfiff, gingen alle in die Umkleide. Alle, außer Jamal. Wenn es jetzt wirklich alle wussten, wollten sich bestimmt ein paar nicht mehr in seinem Dasein umziehen. Also drehte Jamal noch ein paar Runden mehr, ehe er sich seine Wasserflasche schnappte und langsam in die Kabine ging.
Wie erwartet war der Großteil bereits draußen. Jamal hatte jedoch nicht das Glück, dass Flo schon umgezogen war. Stattdessen saß er nur in seiner Trainingshose auf der Bank und quatschte angeregt mit Jonathan.
Jamal schlenderte zu seinem Platz, den Blick auf die Wand gerichtet. Schnell zog er sich um und schaute nicht einmal zu einem seiner Mitspieler. Nicht mal zu Jo, der gerade aus der Dusche kam und ihn fragte, wo er gewesen ist. Jamal antwortete knapp mit „wollte noch ein bisschen länger laufen“ und schnappte sich dann seine Tasche und verschwand.
Auf dem Weg zu seinem Zimmer hörte er hinter sich eine Stimme. Flo rannte ihm nach und rief seinen Namen über den halben Campus. Jamals Kopfschmerzen wurden ein wenig schmerzhafter, als ihn der andere Junge einholte.
„Hey, wir haben seit gestern irgendwie nicht mehr geredet. Ist bisschen blöd gewesen“, meinte er. Wenn das eine Entschuldigung sein sollte, war sie echt nicht so gut. Er hatte dem ganzen Team davon erzählt und stellte jetzt fest, dass die Situation ein wenig blöd gewesen ist. Das Jamal nicht lachte.
„Ich wollte dir nur sagen, dass mich das echt nicht interessiert“, schloss Flo seine Aussage ab. Jamal antwortete nicht und ging einen Schritt schneller. Flo brauchte genau zwei Sekunden bis er wieder aufgeholt hatte.
„Jamal, bleib doch bitte mal stehen“, verlangte er nun und hielt Jamal an der Schulter fest und drehte ihn so, dass sie sich ansahen. Dann griff er mit der anderen Hand nach seiner anderen Schulter, um ihn an Ort und Stelle zu halten. „Ich habe damit kein Problem“. Flo verlieh seiner Stimme sehr viel Nachdruck und schaute Jamal intensiv in die Augen. Und Jamal wusste, dass er es ernst meinte und nicht nur so daher sagte.
„Mir ist es egal, ob du ein Problem damit hast oder nicht. Ich habe aber ein Problem damit, dass du es im ganzen Camp herumerzählst, als würdest du dich übers Wetter unterhalten. Mein Outing ist meine Sache“.
„Wovon redest du?“, fragte Flo, ehrlich bestürzt. Und Jamal dachte zum ersten Mal darüber nach, dass Flo vielleicht so viel Menschenverstand hatte und es vielleicht doch nicht erzählt hatte. Er war einfach davon ausgegangen, weil er dachte, dass… Was dachte er eigentlich?
„Du hast es nicht jedem hier erzählt?“, stellte er die Gegenfrage und Flo schüttelte den Kopf mit offenem Mund.
„Natürlich nicht. Dachtest du das ernsthaft?“, Flo schüttelte erneut den Kopf, diesmal mehr für sich selbst als zu Jamal. Jamal sagte nichts, denn es war offensichtlich. Genau das dachte er von Flo.
„Wow. Ich hab echt kein Problem damit, dass du schwul bist. Aber ich hätte echt nicht gedacht, dass du so denkst. Damit habe ich ein Problem“. Flo hatte eine zu neutrale Stimme, als er das sagte. Kühl, abweisend. Jamal hatte verkackt. Und es wurde ihm noch bewusster, als Flo seine Schultern losließ und einfach ging. Er hatte richtig verkackt. Und er hatte Flo verletzt.
Nach dem Abendessen, das Jamal nur gegen das leere Gefühl in seinem Magen zu sich genommen hatte, wurde er von Jo in den Aufenthaltsraum der Spieler gezogen. Sort war wieder eine Runde Mario Kart im Gange, bei der er einfach zusah. Wenn ihm jemand den Kontroller anbot, schüttelte er den Kopf und holte sein Handy heraus, um auf den Chat mit Maya zu starren. Schon den ganzen Nachmittag wollte Jamal ihr die Situation mit Flo beichten, aber ihm fielen die Worte einfach nicht ein. Er war einfach so ein riesiger Idiot.
Flo ließ sich nicht blicken und auch das Abendessen hatte er bereits hinter sich, als Jamal sich gerade seinen ersten Teller auf lud. Das schlechte Gewissen nagte an Jamal. Er hatte Flo nie unterstellen wollen, ein unsensibler Mensch zu sein, er wollte bloß nicht, dass jeder Bescheid wusste.
Nach etwa einer halben Stunde verschwand er unbemerkt. Jo spielte gerade selbst und wurde erneut von einem Panzer erwischt. Der Schuldige, in diesem Fall David, wurde ordentlich zur Schnecke gemacht. Und während sich jeder darüber amüsiert hatte, hat sich Jamal leise herausgeschlichen. Die kühle April Abendluft tat ihm gut. Er spürte, wie er freier atmen konnte und seine Gedanken nicht mehr rasen oder von anderen unterbrochen wurden.
An seinem Haus angekommen, ging er nicht direkt in sein Zimmer. Stattdessen blieb er vor Flos Tür stehen. Er wollte klopfen, wollte er wirklich. Er wollte sich entschuldigen. Denn eine Entschuldigung hatte Flo wirklich verdient.
‚Tief durchatmen‘, sagte er sich, bevor er tatsächlich klopfte. Es waren endlose Sekunden, die er wartete. Er schluckte, sein Adamsapfel hüpfte. Dann öffnete sich die Tür und Flo stand vor ihm. Er trug nichts als ein T-Shirt und eine kurze Hose. Er verkreuzte seine Arme, als er Jamal erblickte. Er wollte die beiden auf Distanz halten, das merkte Jamal direkt.
„Darf ich reinkommen?“, fragte er vorsichtig und Flo musterte den anderen skeptisch. Dann nickte er und gab Jamal den Weg frei. Flos Zimmer sah nicht anders aus als Jamals. Etwas unordentlich, ein paar Klamotten auf dem Boden und das Bett war nicht gemacht.
Flo deutete Jamal an, sich aufs Bett zu setzen, was er dann auch tat. Mit ein wenig Abstand setzte sich Flo ebenfalls zu ihm. Er wartete, bis Jamal den Mund öffnete. Er würde das Gespräch nicht starten.
„Es tut mir Leid“, murmelte Jamal und schaute auf den Boden. Er war braun, genauso wie seiner. Es sollte ihn deutlich weniger überraschen, als es gerade tat. Vielleicht weil er so realisierte, dass ihre Zimmer nicht unterschiedlich waren, genauso wie sie es waren. Sie sind beide 17-jährige Jungs, die ein Talent für Fußball haben. Und plötzlich fühlte es sich erstaunlich leicht an, sich zu entschuldigen.
„Ich war ein totaler Arsch. Ich hätte dir das echt nicht unterstellen dürfen“.
„Ich verstehs schon. Irgendwie“, antwortete Flo und ließ Jamal den Kopf heben. Sie schauten sich an und Flo versuchte es sogar mit einem Lächeln. „Fußball und Schwul sein sind immer noch Welten, die eher getrennt leben. Es gibt bestimmt ein paar Typen hier, die es hinausposaunt hätten“.
„Du nicht, das hab ich jetzt verstanden“. Nun lächelten beide. „Danke, dass du nichts gesagt hast“.
„Ist selbstverständlich“. Und obwohl sie beide wussten, dass es das nicht ist, nicht in ihrer Branche, sagte keiner etwas. Stattdessen legte Flo eine Hand auf Jamals Schulter.
„Ich denke, wir hatten echt nicht den besten Start“, meinte Flo in die Stille. Plötzlich hielt er Jamal die Hand hin, damit dieser sie schütteln konnte. „Wir sollten nochmal anfangen. Ich bin Flo. Und nicht homophob“.
Jamal lachte auf, es war absurd. Und dann nahm er bloß Flos Hand an und schüttelte sie, während er antwortete: „Ich bin Jamal. Und schwul“.
