Work Text:
Mit einem dumpfen Geräusch landete ein fetter Papphefter vor Adam auf dem Besprechungstisch. Leos Hand streifte seine Schulter, während er hinter ihm um den Tisch herumlief und in Richtung der Tafel sprach, an der bereits einige Fotos hingen.
“Cilia Mesny, 45. Wurde gestern Morgen tot in ihrer Wohnung aufgefunden…” während er Leos Ausführungen zuhörte, warf er einen Blick herüber zu Esther und Pia, die bereits in die Akten vor sich vertieft waren.
“...als letztes wurde sie von den Teilnehmerinnen ihres Literaturclubs gesehen, die wir nochmal befragen sollten. Da gibt es allerdings ein kleines Problem: die wohnen fast alle kurz hinter der Grenze und sprechen nur französisch.”
Adam zog die Augenbrauen hoch. “Ein Literaturclub auf französisch? Willkommen im 18. Jahrhundert."
Esther sah von ihren Unterlagen auf und zog ihrerseits die Augenbrauen hoch. "Manch Einer würde es auch als intellektuelles Hobby bezeichnen.”
Adam kramte in seinem Hinterkopf nach einer angriffslustigen Erwiderung, beschloss dann aber, dass er jetzt eigentlich keinen Bock hatte, sich darauf einzulassen. Außerdem kam Leo ihm sowieso zuvor:
“Esther, ich würde sagen, du kommst mit mir mit. Adam, Pia - ihr grabt euch in der Zeit mal in ihr Privatleben rein. Sie hatte scheinbar so gut wie keine Verwandtschaft, aber der Nachbar hat angedeutet, dass sie ständig Besuch von allen möglichen Leuten hatte.”
“Nichts leichter als das.” sagte Adam mit einem Seufzen, lächelte Leo aber zu, der bereits die Autoschlüssel einsteckte und Richtung Tür verschwand.
“Bis später.”
Pia griff nach der Tüte, die in der Mitte des Tisches lag, fischte ein Croissant heraus und schien schon völlig vertieft in die Akte vor sich. Adam blätterte die ersten paar Seiten des Hefters vor sich um und seufzte erneut. Das Sammeln von Hintergrundinformationen gehörte bei weitem nicht zu seinen Lieblingsaufgaben, aber immerhin war er mit Pia hier. So waren ihm wenigstens ausreichend Snackpausen gesichert. Als er die nächste Seite aufschlug, verzog er belustigt das Gesicht.
“Dieser Buchclub heißt nicht ernsthaft Cœur à Cœur, oder?! Fokus auf Literatur der Romantik. Wow, echt. Herz an Herz?”
“...du und ich,
SOS, ich liebe dich.” sang Pia leise.
“Ich und du immer zu, du und ich…
Blümchen? Irgendwer?” Sie schaute hoch und blickte gespielt entgeistert in die Runde.
Esther ging kopfschüttelnd an ihr vorbei, während sie sich ihren Mantel überzog.
“Manchmal glaube ich wirklich, ich arbeite in einem Irrenhaus.”
Pia lachte und legte in einer fast schon frechen Geste ihr Kinn auf ihren Händen ab.
“Und trotzdem kommst du immer wieder.”
Esther schüttelte wieder den Kopf, doch als sie Pia ansah, bekamen ihre Augen ganz kurz diesen warmen Ausdruck, den Adam schon ein paar Mal beobachtet hatte. Kurz darauf fiel die Tür ins Schloss und Adam und seine Kollegin waren allein.
“Dann wollen wir mal sehen, was Frau Blümchen so zu verbergen hat.”
Adam summte zum wiederholten Male vor sich hin und beschloss, dass es ihm nun endgültig reichte. Frustriert knallte er seine beiden Handflächen auf den Tisch.
“Mann, Heinrich, es reicht mir langsam mit dem scheiß Ohrwurm! Seit du vorhin mit dem Lied angefangen hast, krieg ich’s nicht mehr aus dem Kopf!”
Pia, die erst völlig erschrocken zusammengefahren war und sich fast an ihrem Kaffee verschluckt hatte, grinste ihn nun über den Rand ihres Laptops an.
“Gern geschehen. Was sollte einem den Arbeitsalltag erleichtern, wenn nicht Blümchen?”
“Mir fallen ungefähr 3000 andere Dinge ein als dieses schreckliche Lied.”
“Dafür, dass du es so schrecklich findest, kennst du die Melodie aber überraschend gut.”
Das brachte Adam einen Moment ins Schleudern. “Naja, ich musste es in Berlin gefühlt jedes Wochenende auf irgendwelchen Partys hören.”
Pia nickte wissend, musste aber kichern, als sie sich wieder ihrem Bildschirm zuwandte.
“Was?” fragte Adam.
“Nichts, nur - apropos Party, vielleicht finden wir einen Weg, deinen Ohrwurm wieder loszuwerden. Ich seh‘ hier auf den Seiten der Lokalzeitung die ganze Zeit Werbung für diese 80er-90er-Jahre Party nächsten Samstag."
Adam hielt inne.
„Das meinst du jetzt nicht wirklich ernst, oder?“
Pia lachte und schüttelte den Kopf. Beruhigt wandte Adam sich wieder seiner Akte zu, in der er jetzt schon zum vierten Mal den ersten Satz der Zeugenaussage las.
„Wobei…“
Adam seufzte und schaute Pia mit hochgezogenen Augenbrauen quer durch den Raum an.
„…wär doch eigentlich lustig, oder? Wenn wir immer nur zu Schreibtischarbeit verdonnert werden, verdienen wir auch mal wieder ein bisschen Spaß.“
Im Prinzip musste Adam ihr zustimmen. Denn wenn selbst Pia zugab, dass sie viel Zeit im Büro verbracht hatten, war die Lage schon ziemlich gravierend. Aber Partys waren schon lange nicht mehr Adams Ding, aus verschiedenen Gründen.
„Ich glaub ich bin zu alt für sowas. Da springen doch mittlerweile nur vapende 19-jährige rum und ab zwei Uhr spielen sie eh keine guten Songs mehr.“
Pia, die zu Adams Leidwesen mittlerweile sichtlich angetan von der Idee schien, rollte ihren Stuhl ein wenig zur Seite, um einen besseren Blick auf ihn zu bekommen.
„Ach Opi, wir könnten ja zeitig hin und auch zeitig wieder gehen, damit du rechtzeitig im Bett bist.“
Adam ignorierte ihre Worte. „Wollen nicht irgendwelche von deinen Freundinnen mit dir hingehen?“
Pia winkte mit leicht verzogener Mine ab. „Hör bloß auf, da brauch ich mir keine Hoffnungen machen. Die machen in letzter Zeit nur gender-reveal Partys, oder Wein-Tastings, die dann um 21 Uhr enden, weil sie ihre Kinder zuhause ins Bett bringen müssen. Versteh mich nicht falsch, ich mag auch das, aber ein wenig Abwechslung wär echt mal wieder schön.“
Adam seufze zum wiederholten Mal, weil er ganz genau wusste, dass er aus der Nummer nun nicht mehr rauskam.
Es war schon längst dunkel, als Adam in Pias Straße anhielt. Er parkte den Wagen am Straßenrand und wollte gerade sein Handy aus der Tasche holen, um ihr zu schreiben, als ein lautes Pfeifen ihn innehalten ließ. Er schaute reflexartig hoch und konnte durch die Scheibe erkennen, wie im Haus neben ihm ein Fenster in der ersten Etage ein Fenster aufging. Pia winkte ihm zu und bedeutete ihm die Scheibe herunterzulassen. Kopfschüttelnd gehorchte er und lehnte sich aus dem Seitenfenster.
„Hey, was machst du denn hier für Lärm?“ rief er nach oben.
„Willst du etwa die Cops rufen wegen Ruhestörung?“ kam es von oben zurück.
Adam lachte. „Sollte ich vielleicht.“
„Die oder die?“ Pia streckte zwei Jacken aus dem Fenster, eine knallrot-orange und die andere blau-grau mit einem breiten gelben Streifen.
„Ganz klar die rote!“
Pia nickte ihm enthusiastisch zu und schloss das Fenster. Kurze Zeit später tauchte sie unten vor der Haustür auf.
„Hey!“ sagte sie, als sie die Beifahrertür öffnete und einstieg. Sie trug den gleichen hohen Zopf wie immer, doch ihre Augen war etwas dunkler geschminkt als sonst und hellroter Nagellack zierte ihre Fingernägel. Irgendwie freute sich Adam, dass sie sich dafür Zeit genommen hatte.
„Ich fass immer noch nicht so ganz, dass du mich hierzu überredet hast.“ sagte er.
„Glaub mir, ich auch nicht.“ gab sie zurück und zupfte am Gurt herum. Als sie sich zu Adam umdrehte, stockte sie kurz und bekam große Augen.
„Oh mein Gott… nicht dein fucking Ernst, oder?“ Pia zog Adams Jacke an seiner Schulter ein Stück zur Seite und starrte auf das pink, blau und gelb gestreifte Bowlinghemd darunter. Dann fing sie an zu lachen.
„Das ist ja einfach nur absolut geil. Aus welcher Ecke deines Schrankes hast du das denn ausgegraben?“
Adam ließ sich ein wenig von ihrem Lachen anstecken und zwinkerte ihr zu.
„Betriebsgeheimnis. Ich dachte, wenn schon, dann zieh ich mir wenigstens was passendes an.“
Er startete den Motor und lenkte den Wagen in Richtung Vorstadt.
„Und es ist wirklich in Ordnung für dich, dass du fährst? Und dass du dann nichts trinken kannst?“ fragte Pia nach einer Weile.
„Stört mich nicht. In meinen Berlin-Zeiten hatte ich mehr als genug Alkohol für ein ganzes Leben.“
Fast jedes Wochenende war er damals losgezogen, war in Bars versackt und rausgeschmissen worden, hatte versucht, sein Leben in Saarbrücken und alle Erinnerungen, die daran hingen in Longdrinks und Shots zu ertränken. Ohne Erfolg, denn in den dunkelsten Stunden der Nacht hatte ihn sowieso alles immer wieder eingeholt. An einem wolkenverhangenen Sonntagmittag, an dem er nach einer weiteren, besonders schlimmen Nacht in einem fremden Bett aufgewacht war, voller Scham und angewidert von sich selbst und der Welt, hatte er geschworen, sich nie wieder zu betrinken und es ab diesem Tag an radikal eingehalten.
Er spürte, wie Pia ihn von der Seite ansah.
„Deine wilde, rebellische Phase?“ Ironie lag in ihrer Stimme, doch es schwang auch etwas Ernsteres darin mit, so als hätte sie schon wieder sofort verstanden, wie und warum es Adam damals so ergangen war.
„So was in der Art.“ seufzte er und fügte dann hinzu: „Mein Vater hat mir ziemlich früh ziemlich deutlich gemacht, was er von Partys hält, nämlich Ablenkung für Schwächlinge, die nicht wissen, worauf es im wahren Leben ankommt. Und als ich in Berlin war und all die Möglichkeiten hatte… da wollte ich ihm das Gegenteil beweisen. Oder vielleicht auch irgendwie bestätigen, keine Ahnung. Ergibt keinen Sinn, ist ja auch egal.“
Sie hielten an einer roten Ampel und er merkte, dass Pias Blick noch immer auf ihm ruhte. Ganz kurz drehte er sich zur Seite, um ihren Blick zu erwidern.
„Muss ja nicht immer alles Sinn ergeben.“ sagte sie mit einem Schulterzucken und dafür war Adam dankbar.
„Außerdem,“ setzte Adam an als die Ampel auf Grün sprang und er den Gang einlegte, „muss ja jemand auf dich aufpassen, wenn du dir heute die Kante gibst.“
Pia stieß entrüstet Luft durch die Lippen. „Aufpassen kann ich auch gut auf mich allein und“ sie machte eine kurze Pause, „ich geb mir heute ganz bestimmt nicht die Kante.“
Boom Boom Boom Boom!! von den Vengaboys hämmerte in Adams Kopf und in seiner Brust, als er sich durch das Gedränge vor der Bar schob. Der Club war eher ein besserer Keller und jetzt wahrscheinlich schon heillos überfüllt, aber Adam kannte die Art von Türsteher am Eingang. Solange jemand dem eine Zigarette anbieten würde, würde der schon noch Leute reinlassen. Das Publikum war überraschend gemischt und er war sich sicher, dass er auch schon zwei oder drei andere Leute aus dem Präsidium im Gedränge erkannt hatte. Alles in allem fand Adam, es hätte schlimmer sein können. Doch trotzdem verengte er seine Augen angestrengt zu Schlitzen, versuchte durch den leichten Schleier aus Luftfeuchtigkeit etwas zu erkennen. Kurze Zeit später atmete er erleichtert auf, als er Pias auf-und-ab-schwingenden Zopf vor sich in der Menge entdeckte. Zwei andere Frauen und ein schlaksiger Typ standen neben ihr, mit denen sie scheinbar in ein Gespräch verwickelt war. Ihr Glas war nur noch ein Drittel voll.
Er tippte ihr auf die Schulter, woraufhin sie herumwirbelte. Als sie realisierte, dass es Adam war, strahlte sie.
“Mann, Pia, wo warst du denn?” rief er, um die Musik zu übertönen.
„Sorry, ich war kurz auf Klo und dann hab ich noch Bekannte getroffen.“ rief sie zurück und machte eine Geste in die Runde. Am Füllzustand ihres Glases und dem schiefen Lächeln auf ihrem Gesicht bestätigte sich die allgemein bekannte Tatsache mal wieder, dass Pia absolut gar nichts abkonnte.
Adam winkte kurz in die Runde und eine der Frauen musterte ihn kurz, sagte irgendetwas, doch Adam verstand kein Wort. Er grinste und nickte einfach.
„So.“ rief Pia über den langsam ausfadenden Song, „Und jetzt gehen wir aber tanzen.“ Sie leerte den Rest ihres Glases in einem Zug, worauf Adam angesichts des Alkoholgehalts des Inhalts die Augenbrauen hob. Er kam allerdings nicht dazu, etwas zu sagen, da Pia ihn bereits an den Schultern fasste und zu Cindy Laupers Girls Just Wanna Have Fun mitten in die Menge schob.
„Ich glaube meine Bekannte Linda steht `n bisschen auf dich.“
Adam schaute kurz zurück. Pias Bekanntschaften standen immer noch an der Bar und tatsächlich erhaschte er noch kurz den Blick der dunkelhaarigen, kurvigen Frau, die versucht hatte, mit ihm zu reden.
Er zuckte mit den Schultern. „Kann sie ja.“
Pia lachte, während sie ihre Schultern im Takt der Musik bewegte. „Oooh, Adam der Herzensbrecher.“
Adam schluckte den bitteren Beigeschmack herunter, den ihre Worte unabsichtlich hinterließen und strich sich eine verschwitzte Haarsträhne von der Stirn. Für einen kurzen Moment wurde es leiser – dieser DJ hatte Übergänge wirklich nicht drauf - und wüster Stimmentumult füllte Adams Ohren. Pia fächelte sich mit flachen Händen Luft zu.
„Herz an Herz, hörst du mich…“ drang es plötzlich aus den Lautsprechern und Adam sah zu wie Pias Blick aufleuchtete wie eine Supernova. Sie sang sofort lautstark mit.
„…ich und du, immer zu, du und ich“ Adam musste grinsen und stimmte mit ein. Die Welt schien um ihn herum kleiner zu werden. Pia fasste seine Unterarme und warf sie im Takt auf beiden Seiten abwechselnd vor und zurück. Es war absolut lächerlich. Ein Lachen stahl sich seine Kehle hinauf und kämpfte sich über seine Lippen. Für einen kurzen Moment dachte er an den alten Schürk, der in seiner schmucklosen Urne tief in der Erde vor sich hin rottete und alles hieran gehasst hätte. Adam lachte noch ein bisschen lauter und sprang mit Pia auf und ab, bis seine Knie schmerzten. Er gab sich dem Moment hin, und für einen kurzen Augenblick war es fast so ein bisschen wie früher in Berlin, aber doch so anders: die Musik füllte seinen Kopf, doch er konnte noch klare Gedanken fassen, anders als damals immer. Und er war hier nicht mit irgendwelchen verlorenen Seelen, die er beim Vorglühen kennengelernt hatte, sondern mit Pia, die ihm wirklich etwas bedeutete und ohne die er gar nicht hierhergekommen wäre.
Die Musik und die Lichter wirbelten um sie herum, während sie tanzten, lachten und sich durch die Menge schoben. Das Zeitgefühl verließ Adam und er wusste nicht, zu wie vielen Songs sie getanzt hatten, ehe Pia ihm zu verstehen gab, dass sie eine Pause brauchte.
Sie war mittlerweile richtig in Fahrt, hatte sich von jedem Song mitreißen lassen, als wäre er ihr absoluter Lieblingshit. Adam konnte nicht anders, als zu grinsen. Sie zwängten sich durch die Menschenmenge zu einer weiteren Bar in einem etwas abgeteilten Bereich, an dem die Musik nicht ganz so laut war. Dort angekommen bestellte er eine Cola für sich und ein Glas Wasser, welches er Pia wortlos hinhielt. Diese stellte gerade ein leeres Shotglas zurück auf den Tresen, nahm dann einen großen Schluck Wasser und blinzelte zu ihm hoch.
„Bist du sicher, dass du nicht heimlich doch ein bisschen trinkst? Du gehst ja voll ab!“
Adam konnte sein Lächeln nicht aufhalten und zwinkerte ihr zu. „Keinen einzigen Tropfen. Aber manche Dinge verlernt man eben nie.“
Die Nacht schritt weiter voran, die besten Hits waren alle gespielt und Adam spürte so langsam seine Gliedmaßen bei jeder Bewegung protestieren. Sie waren gerade auf dem Weg zu einer weiteren Pause an der Bar, als Pia sich lachend an seinen Arm klammerte. „Adam, ich liebe das! Das ist so…cool! Du bist einfach so cool.“ Sie klopfte mit der flachen Hand auf sein Schlüsselbein. „Warum machen wir das hier nicht öfter?“
„Weil ich jetzt schon Muskelkater habe und du spätestens morgen früh schwören wirst, nie wieder zu trinken“, konterte er trocken, während er sie um eine Gruppe Jugendliche steuerte, in die sie fast hineingeschwankt wäre.
„Tss“, machte Pia und lehnte ihren Kopf für einen Moment schwer gegen seine Schulter. „Du redest die ganze Zeit von „morgen“… aber das ist erst…morgen…!“ Sie unterbrach sich selbst, um laut zu lachen. „Und guck mal, wie gut’s mir gerade geht!“ Sie breitete dramatisch die Arme aus und drehte sich einmal um die eigene Achse – nur um dabei fast das Gleichgewicht zu verlieren. Adam griff instinktiv nach ihr und hielt sie fest.
„Okay, komm, bevor du dich noch selbst umhaust, sollten wir langsam mal los“, entschied er und führte sie zur Garderobe.
„Aber Adam…“ Pia zog die Stirn kraus. „Wir haben noch nicht mal… also… ich wollte doch noch…“
Adam lachte leise und schüttelte den Kopf. „Steig lieber in deine Jacke, bevor du mir hier irgendwann einschläfst.“
„Bin gar nicht müde…“ gab sie zurück, aber es war deutlich zu sehen, dass sie ein Gähnen unterdrücken musste.
Adam schob sie sanft Richtung Ausgang, während sie immer noch leicht wankend neben ihm herlief. Die kalte Nachtluft schlug ihnen entgegen, und Pia zog fröstelnd ihre Jacke enger um sich. Adam warf einen Blick auf sie – rote Wangen, müdes, aber glückliches Lächeln, ein bisschen wackelig auf den Beinen und er musste zugeben, dass es eine seiner besten Entscheidungen seit langem Gewesen war, sich von ihr zum Mitkommen überreden zu lassen.
Pia tastete plötzlich hastig ihre Jackentaschen ab, dann ihre Hosentaschen.
„Adam?“ sagte sie in diesem jammernden, müden Tonfall, den Betrunkene irgendwann annehmen.
„Ja?“
„Ich find meine Schlüssel nich.“
Adam seufzte.
—
Sein Handydisplay zeigte 02:43 an, als Adam sich auf das rechte Ende der L-förmigen Couch fallen ließ, seine vom Tanzen schweren Beine hochlegte und noch etwas tiefer in die Polster sank. Über den Bildschirm flimmerte irgendeine abartige Datingshow und er musste den Ton etwas lauter stellen, denn seine Ohren rauschten noch ein bisschen von der Musik. Kurz darauf erschien Pia aus dem Flur aus Richtung des Badezimmers und schlurfte mehr als ein bisschen unkoordiniert zu ihm herüber, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen. Beim Anblick des Fernsehers wurde sie kurz etwas munter.
„Boah, Take Me Out läuft?!“
Sie ließ sich neben Adam auf die Couch fallen, griff in die Tüte Schokolinsen, die er schon bereitgestellt hatte und lehnte sich, ohne zu zögern, gegen ihn, die Schläfe an seiner Schulter.
„Das wundert mich jetzt so gar nicht, dass du die Show kennst.“ bemerkte Adam mit einem Blick in ihre Richtung, wofür er seinen Nacken ein wenig verrenken musste.
Er spürte mehr, als er hörte, wie sie kicherte. Vielleicht hätte sich diese Nähe komisch anfühlen sollen, aber da Pia das ganze scheinbar ohne jegliche Hintergedanken und so ganz selbstverständlich hinnahm, beschloss er, das Gleiche zu tun.
„Du etwa nicht? Das is pures Qualitätsfernsehen.“ nuschelte sie und erklärte ihm kurz das Prinzip der Sendung.
„Aber wirklich heiß is der Typ jetzt nich.“ fügte sie hinzu, als Dominic, 27, auf dem Bildschirm vorgestellt wurde.
„Ach komm, sein Lächeln ist doch ganz süß.“ argumentierte Adam, was Pia nur mit einem Brummen quittierte. Für eine Weile verfolgten sie, völlig ironisch natürlich, wie Fragen gestellt wurden und immer mehr Frauen auf den Buzzer drückten. Pias müde Stimme durchbrach schließlich ihr Schweigen
„Ich find deine neue Wohnung übrigens richtig cool. Und sorry nochmal, dass du jetzt doch irgendwie auf mich aufpassen musstest… Ich ruf morgen den Schlüsseldienst an und dann bist du mich auch wieder los.“
Adam schnaubte belustigt. „Ist schon okay. Wärst du nicht hier, wäre ich ja nie in den Genuss dieser Sendung gekommen.“
„Stimmt wohl.“ erwiderte Pia und nahm sich eine weitere Handvoll Schokolinsen.
„Aber im Ernst,“ fügte er hinzu, „mach dir keine Gedanken. Du bist hier jederzeit willkommen – mit oder ohne eigenen Wohnungsschlüsseln.“
Pia lachte leise und rutschte noch etwas näher.
„Danke, Adam.“ sagte sie. Sie schob ihren Arm auf Adams Bauch und eine friedliche, schwere Wärme machte sich in ihm breit. Für einen kurzen Moment fragte er sich, aus welchem Grund Pia sich so betrunken hatte, oder ob es einfach Zufall war. Aber Adam beschloss, diese Sorgen auf ein anderes Mal zu verschieben. Für heute genügte es ihm zu wissen, dass sie den Abend wohlbehalten überstanden hatte und zumindest nicht im Büro schlief.
Er angelte mit der Hand nach der Fernbedienung und drehte die Lautstärke ein wenig herunter. Pia rührte sich seit einer ganzen Weile schon nicht mehr und ihre Wärme an seiner Seite und der Ton des Fernsehers als Hintergrundrauschen lullten auch Adam ein.
Irgendwann musste er eingenickt sein, denn als er wieder zu sich kam, liefen irgendwelche Kurznachrichten und ein kurzer Blick auf sein Handy zeigte, dass es sechs Uhr war. Pia lag inzwischen eingerollt neben ihm, die Hände lose über den Rand der Couch hängend, und schnarchte leise. So vorsichtig wie möglich, um sie nicht zu wecken, erhob er sich und breitete die dünne Wolldecke von der Armlehne über ihr aus.
Er schaltete den Fernseher aus und die Wohnung war schlagartig in Stille getaucht. Adam konnte im schwachen Licht der gedimmten Stehlampe ausmachen, wie Pia die Decke im Schlaf ein wenig fester um sich zog. Er lächelte schwach.
„Schlaf gut, du Blümchen.“
