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Früher waren Familienfeiern eine wundervolle Sache.
Damals, in der Kindheit, fühlte ich mich stets wie der Star, einem Wunderkind gleich. Ich sagte die zuvor in der Schule mühsam auswendig gelernten Gedichte auf und bekam dafür Lob. Ich improvisierte die Melodie vom Ententanz auf der Blockflöte und erntete Beifall - Mittlerweile weiß ich zwar, dass es kein Beifall der Freude, sondern der Erleichterung war, dass das Drama endlich ein Ende nahm, aber es geht hier nun mal ums Prinzip. Ich bekam sogar Komplimente dafür, wie sehr ich doch gewachsen sei, und da kann ich ja nun beim besten Willen nichts für. Kurzum: Was auch immer ich tat - Selbst, wenn ich gar nichts dafür konnte - wurde von allen Familienmitgliedern hart abgefeiert.
Irgendwo in meiner Jugend setzte dann der erste Wandel ein, der sich bis in meine jungen Erwachsenenjahre fortsetzte - Langsam aber sicher verwandelte sich das Lob in Verständnis: „Es ist völlig okay, noch keine Freundin zu haben; lass dir da ruhig Zeit“; „Es ist nicht schlimm, dass du noch nicht weißt, was du mit deinem Leben anzufangen gedenkst; fühl dich ganz frei“; „Du hast dein Studium geschmissen? Kein Ding. Der Kollege meines Nachbarn hat das auch gemacht, du bist noch so jung!“
Ermutigt und bestärkt lebte ich also mein Leben - Begann eine Ausbildung, führte eine andere zu Ende; feierte die wildesten Partys in meiner Jungs-WG; bekam eine Freundin, dann eine zweite und dritte; mit der vierten zog ich zusammen. Und all das war cool für meine Familie. „Zieh dein Ding durch“; „Genieß dein Leben“; „Aber denk an die Verhütung – Ich bin noch zu jung, um Oma zu werden, ha-ha-ha.“
Dieser letzte Satz ist der springende Punkt. Irgendwann, als aus meinen jungen Erwachsenenjahren schließlich die nicht mehr ganz so jungen Erwachsenenjahre wurden, verwandelte sich das Verständnis in… etwas anderes. Und aus dem Satz „Ich bin noch zu jung, um Oma zu werden“ wurde… ebenfalls etwas anderes.
Früher waren Familienfeiern eine wundervolle Sache… Was, zum Teufel, ist in der Zwischenzeit nur falsch gelaufen?!
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„Denk bloß an den Käsekuchen“, sagt meine Mutter in solch vorwurfsvollem Ton, als stände ich bereits mit leeren Händen vor ihrer Tür. „Und pass auf, dass er nicht wieder anbrennt; so etwas können wir den Gästen beim besten Willen nicht servieren!“
„Ja, Mama“, sage ich artig. „Du, meine Bahn kommt gerade, ich muss Schluss machen. Wir sehen uns dann morgen Mittag.“ Von der Bahn fehlt zwar noch jede Spur, doch diese kleinen Notlügen gehören mittlerweile zu meinem Alltag wie der dünne Kaffee auf der Arbeit und die Parfümwolken, die meine Freundin in meiner Wohnung zurücklässt.
Das Käsekuchen-Fiasko ist schon fast ein Jahr her und bis heute habe ich das Problem nicht verstanden. Auf dem Kuchen war bloß eine einzige verbrannte Stelle, die noch dazu recht klein war. Man hätte sie herausschneiden oder mit einer ordentlichen Portion Puderzucker überdecken können, aber nein – Der Kuchen wurde in den Kühlschrank verfrachtet, damit ich ihn am Abend wieder mit nach Hause nehmen konnte, und ich wurde zum Bäcker geschickt, um einen würdigen Ersatz zu besorgen. Und das, obwohl nicht mal der Papst zu Besuch kam, sondern bloß die entfernte Sippschaft, die gewiss Besseres zu tun hat, als uns aufgrund eines leicht verbrannten Kuchens aus der Erbfolge zu streichen.
Neben einem Sixpack Bier besorge ich auf dem Heimweg eine günstige Backmischung inklusive der fehlenden Zutaten und mache mich zuhause frisch ans Werk. Anderthalb Stunden und sechs Bier später kann sich das Ergebnis wahrlich sehen lassen – Eine Meisterleistung; Backkunst in Vollendung. Ich hätte Konditor werden sollen.
Leider sieht meine Freundin, die kurz darauf zu Besuch kommt, das ein wenig anders. Sie beäugt den Zustand meiner Küche mit kritischem Blick, bevor sie mir einen Kuss gibt und angewidert die Nase rümpft. „Hast du getrunken?“
„Nur ein, zwei Bier“, nuschle ich und gebe mir Mühe, wie ein verantwortungsbewusster Erwachsener auszusehen, der sein Leben völlig im Griff hat - Was ebenfalls eine Meisterleistung ist; Schauspielkunst in Vollendung.
Erneut scheint meine Freundin das ein wenig anders zu sehen, doch glücklicherweise lässt sie meine Aussage auf sich beruhen und kontrolliert nicht einmal die Anzahl leerer Bierflaschen im Pfandkorb. „Ich kann morgen nicht mitkommen“, sagt sie stattdessen… und das ist so ziemlich die schlimmste Strafe, die sie mir hätte auferlegen können.
Es ist nämlich so: Meine Verwandtschaft ist zuckersüß und zuvorkommend und höflich und charmant und liebreizend…, wenn meine Freundin dabei ist. Bin ich stattdessen alleine… „Warum das denn nicht? Alle freuen sich schon so auf dich, das hat meine Mutter mir vorhin noch am Telefon gesagt.“ Das hat sie natürlich nicht, aber ich erwähnte ja bereits die kleinen Notlügen, die man braucht, um das Minenfeld des Lebens unverletzt zu überqueren.
„Ich hatte mich auch schon so auf alle gefreut, aber leider haben sie mir eine Doppelschicht reingedrückt“, sagt meine Freundin bar jeden Bedauerns. „Bei uns geht derzeit die Grippe um, weißt du.“
Und vage wird mir bewusst, dass ich vielleicht nicht der einzige Mensch auf diesem Planeten bin, der die Vorzüge kleiner Notlügen zu schätzen weiß.
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„Der sieht halbwegs passabel aus“, begrüßt mich meine Mutter und reißt mir den Kuchen aus den Händen. „Ich stelle ihn erstmal in die Küche. Onkel Olaf sitzt bereits im Wohnzimmer. Frag ihn doch mal, was er trinken möchte und kümmere dich ein wenig um ihn. Die anderen sollten bald hier sein.“
Manchmal wünschte ich, ich hätte Geschwister. Das würde alles um so vieles einfacher machen. Der Fokus würde auf ihnen liegen; auf ihren großen Häusern, ihren dicken Karren, ihren beispiellosen Karrieren als Oberarzt, Staatsanwalt oder Friedensbotschafter im tibetanischen Dschungel. Ihre Partner würden lächelnd an ihrer Seite sitzen als Leuchtfeuer der Unterstützung, von allen geliebt und bewundert für die bilderbuch-schönen Kinder, die artig ihre zuvor mühsam auswendig gelernten Gedichte vortragen oder ihr Lieblingslied auf der Blockflöte spielen, zum Leidwesen, äh, Wohlgefallen aller Anwesenden. Und wie sehr sie doch gewachsen sind, die kleinen Racker!
Doch stattdessen bin ich es, der ins Wohnzimmer zu Onkel Olaf schlurft und ihm um zwölf Uhr Mittag ein Glas Rotwein einschenkt; der sich neben ihn setzt und an den richtigen Stellen nickt, während er in Erinnerungen schwelgt und nach und nach die restlichen Gäste eintrudeln, Onkel und Tanten und Großonkel und Großtanten, wie auch immer sie alle heißen mögen.
„Wo ist deine Freundin?“, ist der Satz, mit dem die meisten von ihnen mich begrüßen. Kein ‚Wie geht es dir?‘ oder ‚Schön, dich zu sehen‘, nein. „Ihr seid doch noch zusammen, oder?“
„Ja, selbstverständlich“, sage ich und bediene mich dabei einer weiteren Notlüge. Denn ganz so selbstverständlich ist das alles gar nicht. Tatsächlich überlege ich seit Wochen, ob unsere Beziehung überhaupt eine Zukunft hat. Doch wenn ich das hier erwähne… Der Fallout würde selbst das Käsekuchen-Fiasko anno 2024 in den Schatten stellen, da bin ich mir sicher.
„Gut“, sagt Onkel Olaf, der mittlerweile bei seinem dritten Glas Rotwein angekommen ist – Eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass der Kuchen noch gar nicht serviert wurde. „Behalt dieses Weib bei dir, Junge. Schließlich weiß man nie, ob man noch etwas Besseres findet.“
Ich mag Onkel Olaf; wenn auch bloß aus dem Grund, dass meine Mutter und ihre Schwester, die gute Tante Martha, ihn beinahe noch tiefer verachten als meine Wenigkeit. Schwarze Schafe müssen zusammenhalten, also nicke ich ihm zur Antwort andächtig zu, als hätte er mir gerade die Formel ewigen Glücks oder die Lottozahlen der nächsten Woche überbracht.
„Man weiß aber auch nicht, ob sie vielleicht noch etwas Besseres findet“, wirft Tante Martha ein, die just in diesem Moment das Zimmer betritt, zusammen mit meiner Mutter. In jeder Hand tragen sie einen Kuchen, den sie mit viel Brimborium auf dem Tisch platzieren, als handele es sich um Staatsgeschenke aus Fernost. Mit einem Anflug von Erleichterung erkenne ich, dass meine Backmischung dem kritischen Auge der Fachjury standhalten konnte und es aufs Treppchen geschafft hat… und dann wird mir klar, dass die Worte meiner Tante eine subtile Beleidigung meiner Person darstellten. Ich öffne den Mund, um etwas zu entgegnen, doch Martha kommt mir zuvor: „Immerhin hast du ja ganz schön zugelegt, nicht?“
Ich merke, wie mir meine Gesichtszüge zu entgleisen drohen und blecke die Zähne in einem strahlenden Lächeln. Mir liegen ein paar scharfe Konter auf der Zunge, welche die erlauchte Partygesellschaft jedoch gewiss nicht zu schätzen wüsste. Was ist nur aus den guten alten ‚Wie sehr du doch gewachsen bist‘-Zeiten geworden? Sobald es in die Breite geht statt in die Höhe, ist es vorbei mit Lob und Anerkennung. „Ich wollte eigentlich ein Sixpack“, versuche ich es mit Humor, „aber es gab nur noch Fässer im Angebot.“ Was folgt ist betretenes Schweigen. Onkel Olaf ist der Einzige, der grunzend zu lachen beginnt, bevor er sein Weinglas leert und lautstark nach Nachschub verlangt. Guter, alter Onkel Olaf.
„Mit dem Alkohol solltest du vielleicht auch ein wenig zurückrudern“, sagt Tante Martha zu mir. „Schließlich bist du jetzt in einem gewissen Alter…“ Sie wirft einen vielsagenden Blick in die Runde und macht diese bestimmte Geste mit den Händen, die darauf abzielt, dass doch jemand anderes den sprichwörtlichen Ball in die Hand nehmen und das Gespräch fortsetzen möge.
„Als ich in deinem Alter war, hatte ich bereits vier Kinder“, sagt Großtante Hilda, während sie mit einem im Vorfeld von meiner Mutter auf Hochglanz polierten Löffel in einer Tasse frisch aufgebrühten Hagebuttentees rumrührt. Mit geschürzten Lippen und hochgezogenen Brauen schafft sie es irgendwie, vom anderen Ende des Tisches aus auf mich herabzublicken, obwohl ich mindestens einen Kopf größer bin als sie. „An Alkohol war da gar nicht zu denken. Wir hatten ja auch so gut wie nichts damals.“
„Das stimmt“, sagt meine Mutter, obwohl sie gewiss dreißig Jahre jünger ist und die Zeiten, von denen Großtante Hilda spricht, nie miterlebte. „Übrigens habe ich letztens Leon getroffen, vielleicht erinnerst du dich an ihn? Dein alter Schulfreund?“
Natürlich erinnere ich mich an Leon. Immerhin gingen wir fast dreizehn Jahre lang in dieselbe Klasse und wohnten zufällig nur wenige Straßen auseinander. Während ich in die Stadt zog, blieb er auf dem Land, und unser zugegebenermaßen nie besonders enger Kontakt kam endgültig zum Erliegen. Doch da meine Mutter seit jeher gut mit der seinen befreundet war, sah sie es offenbar als ihre ganz persönliche Heldenpflicht an, mich weiterhin haarklein über Leons Leben auf dem Laufenden zu halten. Über sein duales Studium, seine Verlobung und Heirat, den Hausbau… und noch bevor meine Mutter weiterspricht, weiß ich ganz genau, worauf das Gespräch hinauslaufen wird.
„Er ist kürzlich Vater geworden!“ Ihre Stimme trieft dermaßen vor künstlichem Stolz, dass man fast den Eindruck gewinnen könnte, sie hätte den Säugling eigenhändig zur Welt gebracht. „Kannst du dir das vorstellen? Ein kleiner, gesunder Junge!“
„Ähm… schön“, sage ich und hoffe, es ist die richtige Antwort.
„Ja, sehr schön“, pflichtet meine Mutter mir bei. „Vor allem, weil die beiden Armen es so lange erfolglos versuchten. Zum Glück gibt es heutzutage ja Mittel und Wege, sodass ihr Herzenswunsch schließlich doch noch in Erfüllung ging.“
„Ähm… schön“, wiederhole ich und hoffe, es ist immer noch die richtige Antwort… Auch wenn mich das Gefühl beschleicht, dass ich wie ein wackliges Boot auf hoher See geradewegs in eine Gewitterfront treibe.
„Ja, sehr schön“, wiederholt auch meine Mutter. Es klingt irgendwie bissig. „Vor allem, weil Leons Mutter sich ja so sehr auf Enkelkinder gefreut hat.“
Sie blickt mich erwartungsvoll an. Ebenso wie Tante Martha. Ebenso wie Großtante Hilda. Onkel Olaf leert sein viertes Glas Wein und schafft es nicht ganz, hinter vorgehaltener Hand ein Rülpsen zu unterdrücken. „Ähm…“, sage ich erneut, bin mir jedoch nicht sicher, ob ein weiteres „schön“ meinerseits den Sturm nicht endgültig entfachen würde.
Und weil ich nicht schnell genug reagiere, schaltet sich erneut Tante Martha in das Gespräch ein. Sie spricht die, wie ich sie liebevoll nenne, sieben magischen Worte der Hölle, die ganz gewiss mindestens jeder zweite kinderlose Mensch spätestens in seinen Dreißigern irgendwann einmal in der ein oder anderen Form zu hören bekommt.
„Wann ist es denn bei euch soweit?“
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Ich habe da diesen Bekannten, der auch seit Kurzem stolzer Besitzer eines männlichen Nachkommen ist. Wir sehen uns jedes Jahr exakt einmal, auf einer Grillfeier des erweiterten Freundeskreises. Kinder waren nie ein Thema; es wurde über Musik gefachsimpelt, über anstehende Konzerte; manchmal auch über die beste Zeit des Jahres, die Kirschbäume zurückzuschneiden - Ganz normale Gesprächsthemen halt.
Doch in diesem Jahr war alles anders. Wie manch anderer mit seinem dicken Mercedes vorfährt, die Hand lässig aus dem Fenster gelehnt, frei nach dem Motto: „Hier, schaut mal! Ich hab‘ mir ‘ne Karre gekauft“, führte mein Bekannter uns seinen Nachwuchs vor. Er nahm dabei die große, szenische Route durch die Menge an Leuten, blieb bei jedem Partygast stehen, den Säugling in die Luft haltend wie der Affe Rafiki einst den kleinen Simba gen Himmel streckte, auf dass die niederen Tiere am Boden wiehernd und trötend mit ihren Hufen scharren konnten.
Auch bei mir blieb er stehen, streckte mir das fröhlich glucksende Ding beinahe ins Gesicht, frei nach dem Motto: ‚Seht her - Ich hatte Geschlechtsverkehr und habe nicht verhütet!‘, doch was stattdessen seinen Mund verließ war - welch Überraschung - der folgende Satz: „Wann ist es denn bei euch soweit?“ Und dabei beließ er es nicht einmal. Was folgte, war: „Langsam müsst ihr ja mal nachlegen, ha-ha-ha.“
Mir war vorher nie bewusst, dass das Zeugen von Kindern einem Wettbewerb gleicht. Doch genau das ist die Realität: Fängt einer an, wird allen anderen das Gefühl vermittelt, nun selbst an der Reihe zu sein. Es wird Druck aufgebaut - Manchmal ganz bewusst und manchmal subtil, doch er ist dennoch da. Das Ticken der biologischen Uhr gleicht einem Kampf gegen die Zeit; ein rückwärts laufender Countdown der Fruchtbarkeit - Lässt du die Zeit ungenutzt verstreichen, erhältst du ein Einwegticket ins Jammertal, wo du den Rest deiner Tage in Isolation und trauriger Reue verbringst, auf den Königsfelsen blickend und - wie damals schon Scar und seine Hyänen - langsam der Bitterkeit und Bosheit verfallend.
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„Was denn?“, frage ich, Unwissenheit simulierend, und blicke Tante Martha mit meinem unschuldigsten Lächeln ins Gesicht.
„Na, du weißt schon.“ Sie wirft mir diesen vielsagenden Blick zu, für den sie beim Patentamt gewiss eine Menge Geld bezahlen musste, und macht erneut diese bestimmte Geste mit den Händen.
‚Gut, dass du fragst‘, würde ich am liebsten antworten. ‚Ich habe hier diesen Sechs-Etappen-Plan, den ich gerne mit dir durchgehen würde. Auf der Eins steht Geschlechtsverkehr, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich davor noch ein romantisches Abendessen mit roten Stabkerzen einbauen sollte.‘
„Ach“, sage ich stattdessen, als sei mir gerade klargeworden, wovon sie spricht. „Du meinst das Buch, von dem ich beim letzten Mal erzählt habe. Mein Science-Fiction-Roman. Leider bin ich über die ersten hundertfünfzig Seiten noch nicht hinausgekommen. Du weißt ja sicher, wie das ist: Zwischen Arbeit und Haushalt bleibt gar nicht mehr so viel Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich hänge übrigens an dieser bestimmten Stelle, vielleicht könntest du mir helfen. Der Hauptcharakter ist gerade –“
„Wer möchte Kuchen?“, unterbricht mich meine Mutter und strahlt mit bissiger Fröhlichkeit in die Runde.
„Kuchen ist irgendwie nicht so meins“, sagt Onkel Olaf. „Aber gegen ein Gläschen Wein hätte ich nichts einzuwenden.“ Dann wendet er sich an mich. „Wo, sagtest du, ist der Hauptcharakter gerade?“
Guter, alter Onkel Olaf.
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Letztens erzählte mir eine alte Bekannte, die ich zufällig an der Tankstelle traf, dass ihre beste Freundin jetzt schwanger sei; und sie war völlig aufgelöst, da sie selbst nun natürlich auch so schnell wie möglich geschwängert werden müsse, damit die Kinder auch bloß in dieselbe Klasse kommen.
Kein Scheiß.
„Und was, wenn eure Kinder sich auf den Tod nicht ausstehen können?“, gab ich zu bedenken, was sie ganz und gar nicht witzig zu finden schien.
„Ich halte Menschen, die keine Kinder bekommen, ja für furchtbar egoistisch“, antwortete sie scharf. „Die scheren sich nur um ihr eigenes Vergnügen, nicht um die Nachwelt.“
Ich fand diese Einstellung furchtbar dumm und einseitig, was ich ihr auch ins Gesicht sagte, woraufhin sie sich von mir abwandte und hocherhobenen Kopfes zu ihrem Cabrio stolzierte. Sie fragte nicht einmal nach meinen Gegenargumenten, obwohl die, wie ich finde, absolute Spitzenklasse sind.
Meines Erachtens nach sind Menschen, die Kinder bekommen, genauso egoistisch wie der ganze Rest. Die wenigsten entscheiden sich für ein Kind, weil sie damit rechnen, den nächsten Heiland zu gebären, der die Menschheit ins Paradies zurückführt. Die wenigsten bekommen ein Kind, weil es ihnen ein Bedürfnis ist, ihren Mitbürgern die Rente zu sichern. Nein. Kinder sind etwas, das Ernest Becker einst als „Unsterblichkeitsprojekte“ bezeichnete - Ein Versuch, das eigene Leben über den physischen Tod hinaus zu verlängern. Du willst, dass deine Gene fortbestehen - Phantastisch. Du willst im Alter nicht alleine sein - Ergibt Sinn. Du hast schon immer gern mit Puppen gespielt und brauchst irgendetwas, in das du all deine Zeit und all dein Geld investieren kannst - Cool. Aber auch egoistisch. Und das ist okay, denn: Kaum etwas, das wir in diesem verdammten Leben tun ist wirklich und wahrhaftig selbstlos. Irgendein niederes Motiv gibt es meistens.
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Onkel Olaf und ich fachsimpeln gewiss eine halbe Stunde lang über meinen Science-Fiction-Roman und ermutigt von seinem exzessiven Rotwein-Konsum wage ich es nach drei Stücken Käsekuchen mit Sahne tatsächlich, mir ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen.
„Lässt du dich vor deiner Freundin auch immer so gehen?“, fragt meine Mutter, die sich mit Tante Martha je ein kleines Stück Kuchen teilte und nun an einem Glas stillen Wassers nippt, nachdem ich die ersten Schlucke genussvoll hinuntergekippt habe. „Du brauchst dich nicht wundern, wenn sie irgendwann genug von dir hat.“
„Dann hole ich mir eben einen Hamster“, sage ich ohne groß darüber nachzudenken…, was Onkel Olaf erneut prustend lachen lässt, den restlichen Gästen jedoch ganz offensichtlich die Sprache verschlägt.
„Reiß dich zusammen“, sagt meine Mutter entrüstet. „Du bist ein erwachsener Mann!“
„Vier Kinder hatte ich in deinem Alter schon“, wiederholt Großtante Hilda mit Hochmut. „Vier Kinder; zwei davon bereits beinahe erwachsen.“
„Hervorragend“, sage ich und nicke ihr zu.
„Ich wüsste gar nicht, was ich ohne Kinder hätte tun sollen“, fährt sie fort, bevor sie sich räuspert und eine Aussage Loriots völlig falsch wiedergibt. „Ein Leben ohne Kinder ist möglich, aber sinnlos.“
„Es ist ein Leben ohne Mops“, werfe ich ein, „das möglich, aber sinnlos ist. Und außerdem soll es ja auch Leute geben, die gar keine Kinder bekommen können. Ist deren Leben dann auch generell sinnlos?“
Es sollte eine rhetorische Frage sein… doch stattdessen breitet sich eine derartige Stille im Raum aus, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können.
„Was?“, fragt meine Mutter bestürzt. „Du… kannst gar keine Kinder bekommen?“
Großtante Hilda blickt mich an, als hätte ich soeben verkündet, dass die Liebe meines Lebens röchelnd in meinen Armen verblutete… und mir wird bewusst, dass ich gerade eine völlig neue Dimension des Käsekuchen-Fiaskos ausgelöst habe.
„Du Armer“, heißt es auf einmal, „Wie lange weißt du es schon?“; „Das tut mir so leid für dich“; „Wenn ich das gewusst hätte“; „Ich habe das vorhin gar nicht so gemeint, ich habe lediglich über meine eigene Erfahrung gesprochen…“
So wird man aus der Rolle des Täters mit nur wenigen Worten in die Opferrolle verfrachtet, verbunden mit Mitleid, gutgemeinten Ratschlägen und grenzenlosem Verständnis.
…Und aus irgendeinem Grund verspüre ich nicht das geringste Interesse daran, das Missverständnis aufzuklären.
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Die Sache ist doch die: Was für den einen Glückseligkeit in Reinform bedeutet, ist für den anderen vielleicht der neunte Höllenkreis - Bis zum Hals im See des Wehklagens festgefroren. Während ich mich freudig juchzend durch knietiefen Matsch zur Hauptbühne schleppe, um zu meinem Lieblings-Gekreische die Haare fliegen zu lassen, schmieren sich andere den Matsch lieber ins Gesicht, so richtig mit Gurkenscheiben, Prosecco und dem ganzen Krempel. Und das ist völlig in Ordnung.
Es ist wie mit allem anderen: Leben und leben lassen. Du bist jetzt Veganer? Glückwunsch - Aber lass mich in Ruhe mein Fleisch grillen. Du trinkst keinen Alkohol mehr? Klasse - Darauf trink ich! Du wirst Vater? Mega - Ich mach demnächst mit meiner Freundin Schluss und kauf mir stattdessen ‘nen Hamster... Oder ‘nen Mops - Denn ein Leben ohne ist ja bekanntlich möglich, aber sinnlos.
Früher waren Familienfeiern eine wundervolle Sache… Und was zum Teufel in der Zwischenzeit falsch gelaufen ist, weiß ich ganz genau.
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ENDE
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Anmerkung:
Vielen Dank fürs Lesen! Falls dir meine Geschichte gefallen hat, könnten auch die folgenden für dich interessant sein:
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