Work Text:
Es kam ihr im Drogeriemarkt, fiel ihr ein wie ein Blitz, der ihren ganzen Körper durchfuhr.
Esther hielt nicht viel vom Einkaufen. Supermärkte, Drogerie oder Baumarkt empfand sie als lästige Orte des Anstehens und Durchquetschens, aber manchmal musste es eben sein. Und so stand sie da, in ihrem braunen Trenchcoat und den Stiefeletten, ihre Tasche über den Arm geworfen und roch belanglos und mit wenig Begeisterung an Seifen. Nachdem sie die letzten beiden Wochen intensiv an einem Fall gearbeitet hatten - ein Fall, der für Esther intensiver gewesen war als für ihre drei Mitstreitenden, war ihr gesamter Haushalt leergefegt von Dingen, die man im Alltagsleben benötigte. Seife, Shampoo, Spülmittel.
Die braune Apothekerflasche mit der hip wirkenden Aufschrift verriet ihr den Duft, der sie so aus der Bahn warf. Orange-Bergamotte. Der Duft von Pia Heinrich. Der Duft, der sie von nun an für immer in die Tiefen dieses einen Moments katapultieren würde, schmerzvoll und süß zugleich, das Blut und das Pflaster in Personalunion.
Für einen Moment schloss sie die Augen, dachte zurück a den Moment vor nicht einmal 48 Stunden. Ihr Herz zog sich schmerzvoll zusammen, der Fall hatte sie weich gemacht und verletzlich und das wusste sie, aber zeigen durfte sie es nicht. Die Flasche landete wieder im Regal und dennoch kehrten die Bilder zurück in Esthers Bewusstsein. Irgendwo im Hintergrund piepten die Scanner der Kasse leise wie der Rückwärtsgang des Krankenwagens, mit dem sie nicht hatte mitfahren wollen.
//
Sie hatte auf der Kante des Einsatzfahrzeugs gehockt, zusammengesunken, starr. Die beiden jungen Sanitäter hatten sie ein Mal durchgecheckt, irgendwas von „sie ist okay.“ gemurmelt und das hatte ihr gereicht, um sich erschöpft bei geöffneter Tür auf die Bodenfläche eines geöffneten Mannschaftsbus sinken zu lassen und ins Nichts zu starren. Das Pflaster auf ihrer Stirn hatte geziept, die Schrammen von den Sträuchern, durch die sie gefallen war, brannten sich in ihre unbedeckten Arme wie Feuer. Es war ein Sommertag gewesen, sie hatte doch nur ein T-Shirt angehabt statt der üblichen Blusen. Sie wusste, dass sie ihre Jeans ausziehen sollte, nochmal nachsehen ob die Hüfte, auf die sie beim Fall gekracht war, schon blau-rot anlief. Aber sie tat es nicht, sie saß einfach nur da und spürte, wie die Wut in ihr Aufstieg. Die Wut, dass sie langsamer gewesen war als der Täter, die Wut, dass ein Garagendach doch ein Ort war, von dem man nur allzu gut fallen konnte. Sie war besiegt worden.
Bevor die erste Träne hatte fallen können, legten sich zwei Hände sanft auf ihre Knie, dort, wo die Jeans ein riesiges Loch hatte. „Hey, Baumann.“, hatte Pia sanft gemurmelt, einer ihrer Daumen hatte Kreise gezogen auf Esthers verletztem Bein. Esther hatte aufgeschaut, in Pias müdes Gesicht geblickt, die Wärme auf ihren Beinen gefühlt. Pia war immer müde, und auch immer warm - ganz als ob diese Dinge Hand in Hand gingen. Es tat so unendlich gut, hatte Esther gedacht, dass sie jetzt da war. Sie schaute nur, sprach nicht. Pia war heil geblieben dieses Mal, und das war es, was zählte.
„Du..“, hatte Pia angesetzt und abgebrochen, stattdessen nur ein „Warte mal.“, gemurmelt und sich aus ihrer Sportjacke geschält. „Komm schon.“, waren ihre Worte gewesen als Esther bemerkte, dass sich nun auch auf Pias eigenen Armen, die mit der kühlen Nachtluft in Berührung kamen, eine Gänsehaut bildete. In einem Schwung legte sich der olivgrüne, synthetische Stoff um Esthers Rücken. Pia hatte dabei gewirkt wie ein Tier, das sein Fell lassen musste. Eine Schlange, die sich häutete. Pia ohne Jacke, das war fast unvorstellbar, hatte Esther gedacht und doch hockte sie vor ihr, fast nackt, und sah so viel zierlicher aus als sonst.
Esther wehrte sich kaum, brachte nur „Aber du..“ hervor und Pia hatte abgewunken. „Mach dir mal um mich keine Gedanken, ich zieh dem Schürk seine Jeansjacke ab wenn‘s hart auf hart kommt.“, war Pias Antwort gewesen. Ein gespielt belustigter Ton war in ihrer Stimme gewesen, ein Ton der sagte, dass sie Angst um Esther hatte. Pias Hände hatten sich dann langsam zu Esthers Schultern bewegt, ein paar Mal über dem Stoff der eigenen Jacke darüber gestrichen, Wärme generiert. Esther hatte nicht gewusst, dass man sich grauenhaft und im siebten Himmel zugleich fühlen konnte. Himmel oder Hölle - und sie war irgendwo im süßen Fegefeuer. Pia, der Engel der Nacht, hatte keine Ahnung gehabt, ihr nur aufmunternd zugelächelt.
„Ich fahr dich jetzt nach Hause.“, hatte Heinrich dann gesagt. Als Esther aufgestanden war, humpelnd und mit zusammengebissenen Zähnen, um Pia zu ihrem Wagen zu folgen, war es geschehen. Sie war richtig in die Jacke geschlüpft, hatte sogar den Reißverschluss geschlossen. Und da hatte er sie durchströmt - der Geruch, der Pia Heinrich war. Oder ihre Seife, ihr Parfüm, ihr Waschmittel. Esther war zu müde gewesen, es zu identifizieren, zu benennen, und doch hatte der Geruch sie eingenommen, fast unter Drogen gesetzt, wie ein Rausch. Sizilien im Sommer und sie beide am Strand, Wein unter Bäumen und Pias Hand auf ihrer, wenn die Sonne ins Meer fiel. Vielleicht war das alles ein Traum. Der Schmerz in ihrer Stirn, ihrer Hüfte und der in ihrem Herzen, der Schmerz, der die Sehnsucht war, diese Frau zu sehen. Sie schluckte ihn herunter.
//
Esther fiel auf, dass sie nun doch wieder die Verpackung der Seife in der Hand hielt. Sie starrte sie an. Orange-Bergamotte. Herb, fruchtig, ehrlich und roh. Mit einem festen Griff stellte Esther die Sehnsucht wieder ins Regal, drehte sich um und verließ den Laden, ohne irgendetwas gekauft zu haben. Draußen zog sie ihren Trenchcoat fester an sich. Er fühlte sich fremd an seit vorgestern.
