Chapter Text
Wenn man Philipp nach einer Sache fragen würde, die er an seinem Beruf als Politiker nicht ausstehen konnte, dann wären es wohl die Interviews mit der heute-show gewesen. Offiziell würde er sich so eine Aussage natürlich nie erlauben - dafür wusste er zu gut, welchen Einfluss die Satire Sendung, leider Gottes, auf die Wählerschaft hatte. Offiziell hätte er wahrscheinlich wieder etwas von Querdenkern oder Pegida erzählt, denen jegliche Vernunft ja bekannterweise sowieso fremd war.
Inoffiziell fragte er sich, wie groß der Unterschied zu den Reportern der heute-show da noch war. Vernunft schien auch bei diesen oftmals ein rares Gut zu sein. Und wenn auch die Diskussionen mit Querdenkern oder der AfD-Fraktion wesentlich weniger Fakten-basiert und häufig wesentlich gehässiger waren, war man zumindest offen in seiner Verachtung füreinander. Was man über seine Auftritte in der Satire Sendung nie sagen konnte. Hier gab es immer nur falsch-freundliches Lächeln und hinterhältig-höfliche Beleidigungen.
Klar, auch er tat immer höflich, wenn man sich in der Pressehalle des Bundestages begegnete. Aber was sollte er auch anderes tun? Eine Show abziehen und sich damit unter den wachsamen Augen eines Großteiles der Bevölkerung lächerlich machen? Und klar hätte Philipp ihnen einfach aus dem Weg gehen können. Aber am Ende bedeutete das nur, dass er das Narrativ jemand anderem in die Hand gab. Statt einer witzigen Antwort würde nur ein schmieriges Bild seiner vorbeieilenden Person zu sehen sein, während das Publikum darüber lachte, wie viel Angst er vor zwei mickrigen Reportern hatte.
Er erinnerte sich noch genau daran, wie sein PR-Berater Sandro ihm erklärte hatte, was für eine wertvolle Plattform die Sendung ihm bieten konnte, speziell aufgrund von Philipps besonderen Umständen. Philipp hatte natürlich großes Interesse daran sich zu präsentieren, immerhin war er Politiker. Zu so einem Beruf gehörte schon eine ordentliche Priese Ego, das konnte er nicht abstreiten. Doch wenn er in einer Talkshow auftrat, oder ein Video für den TikTok Kanal der CDU drehte, war er es, der die Zügel in der Hand hielt. Bei den Interviews der heute-show hingegen hieß es sich vorführen zu lassen, mit der vagen Hoffnung vielleicht einen schlagfertigen Konter bringen zu können, um sich selbst zu präsentieren, bevor er von denen präsentiert wurde.
Und vielleicht war es das, was Philipp an der Sache am meisten ärgerte: keine Wahl zu haben. Egal was er tat, in irgendeiner Weise würde es die Sendung immer schaffen ihn ins lächerliche zu ziehen. Ganz scheinheilig würden sie ihn angucken, versteckt hinter ihren klobigen Mikrofonen und mit ihren riesigen Kameraaugen auf ihn gerichtet. Und wie sollte Philipp da nein sagen? Wie sollte er nicht höflich bleiben, obwohl er den zwei Knalltüten eigentlich gerne mal gehörig seine Meinung geigen wollte. Was wussten die schon vom Regieren?
Auch heute war es wieder ein süffisantes Lächeln, ein gerufenes „Herr Amthor!“ was die Falle zuschnappen ließ. Philipp seufzte schwer, als er sich seinem Schicksal ergab. Hinter den beiden war ein Aufsteller positioniert, auf welchem irgendwelche Lebensmittel zu sehen waren. Na, das konnte ja heiter werden.
“Wir reden heute über Fleischersatzmitteln,“ erklärte Köster, Witzfigur Nummer eins, und bestätigte damit Philipps schlimmste Erwartungen. „Wir haben sogar vegane Currywurst dabei,“ fügte er hinzu und hielt ein Schälchen in seinen Händen hoch. „Wollen Sie nicht auch mal probieren?“
Philipp schob seine Brille auf seiner Nase zurecht. Wie ein Mantra versuchte er sich erneut Sandros Erklärungen in Erinnerung zu rufen – dass seine Auftritte in der Sendung bei den Wählern gut ankommen würden. Angeblich ließen sie ihn zugänglicher wirken, was auch immer das bedeuten sollte. Also Augen zu und durch. Was man nicht alles für ein bisschen kostenlose PR tat. Er zwang ein freundliches Lächeln auf seine Lippen. „Nein danke. Also sowas ist echt nicht mein Fall. Ich kann ja auch einfach das Original haben.“
Das schien dem Köster gar nicht zu gefallen. Wahrscheinlich hatte er sich gefreut Philipps angewiderte Reaktion vor laufender Kamera zu kommentieren. Philipps angebliche Verachtung für Vegetarier war für so eine Show natürlich immer leicht gefundenes Fressen. Wortwörtlich. „Ach, kommen Sie schon. Probieren kostet ja nichts.“ Die Schale wurde ihm mit erhöhter Aufdringlichkeit entgegengedrückt. „Schmeckt auch fast genau wie das Original.“
Philipp brummte wenig überzeugt. Eigentlich wollte er nein sagen. Eigentlich wollte er einfach weiter gehen und seiner wirklich wichtigen Arbeit nachgehen. Aber da war schon wieder dieses Grinsen. Dasselbe Grinsen, welches auch Max Bergmann getragen hatte, damals in der neunten Klasse, als er Philipp seinen ersten Shot angeboten hatte. Auch damals hatte Philipp nachgegeben, überwältigt von dem bewertenden Blick seiner Klassenkameraden in seinem Rücken und dem unguten Gefühl, dass er sich noch unbeliebter machen würde als er eh schon war, wenn es jetzt nicht mitzog.
Nun waren da keine Klassenkameraden in seinem Rücken. Aber trotzdem erinnerte ihn jede Interaktion mit Köster irgendwie ein bisschen an damals, mit der Kameralinse so direkt auf seine Reaktion gerichtet. Alles wurde direkt bewertet. Und egal was er tat, gewinnen konnte er sowieso nicht. Sagte er jetzt nein, würde das seinem Image als spaßfreier Spießer bestimmt nicht helfen. Er hörte wieder Sandros Stimme in seinem Hinterkopf und stellte sich die Zahlen vor, die so ein Video wohl bringen würden. Er seufzte. „Gut aber dann nur ein Stück,“ hörte er sich selber sagen.
Die Reporter grinsten sich zufrieden an.
Überraschenderweise schmeckte die Wurst dann auch wirklich gar nicht so schlecht. Nicht dass er das vor laufender Kamera zugeben würde. „Zufriedenstellend, würde ich sagen,“ sagte er stattdessen. „Aber jedem das seine.“
„Oder das ihre,“ korrigierte Van der Horst, der Größere der beiden Knalltüten, der bisher nur doof grinsend daneben gestanden hatte.
Philipp rollte die Augen. Mal wieder ein vollkommen irrelevanter Beitrag zu diesem Interview. Aber was sollte man von den beiden auch erwarten - dass sie sich für richtige politische Argumentationen Zeit ließen?
„Also was würden Sie denn zu einem vegetarischen oder veganen Tag in Mensen und Cafeterien sagen?“ fuhr Köster dann auch direkt fort. Er sortierte die Karten in seiner Hand und sah Philipp mit seinem typischen erwartungsvollen Blick an.
„Naja, man muss es ja nicht übertreiben. Jeder sollte selber entscheiden können, was er essen will.“ Es hieß diplomatisch bleiben, versuchen möglichst wenige Wähler zu verärgern. Philipp räusperte sich leicht. Sein Hals kitzelte seltsam.
„Oder sie,“ warf Van der Horst erneut ein. Philipp ignorierte ihn diesmal einfach und versuchte weiterhin Köster einigermaßen freundlich anzuschauen. Locker, aber nicht zu aufdringlich hatte ihm Sandro mal eingebläut. Wenn möglich, irgendwann einen Witz einbringen.
„Aber das statistische Bundesamt hat herausgefunden, dass mit einem vegetarischen Tag in Kantinen-“ Kösters wahrscheinlich mal wieder unglaublich parteiischer Faktenschwall wurde von einem leichten Husten unterbrochen.
„Tschuldigung,“ sagte Philipp und griff nach seiner Wasserflasche, um einen Schluck davon zu nehmen. Leider lies das kribbelnde Gefühl damit auch nicht nach. Er schluckte den Reiz hinunter. Locker und offen. Locker und offen.
Köster setzte zu einem weiteren Versuch an. „Das statistische Bundesamt hat herausgefunden-“
Erneut musste Philipp husten. Diesmal energischer. Der Reporter sah verärgert von seinen Karten auf. „Kann ich daraus entnehmen, dass Sie dem statistischen Bundesamt nicht zustimmen?“
Philipp schüttelte seinen Kopf. „Muss mich wohl verschluckt haben,“ krächzte er, während er sich erneut wenig erfolgreich die Kehle benetzte. Sein Kopf schrie ihn an irgendeinen Witz zu machen – er wusste, dass er sich gerade wie ein ganzschöner Trottel aufführte - doch ihm wollte einfach nichts einfallen. Er nahm einen rasselnden Atemzug. Irgendwie wollte das mit dem Luft holen auch nicht mehr so ganz funktionieren. Sein Hals brannte jetzt förmlich und ihm war seltsam warm.
Trotzdem versuchte er ein erneutes Husten zu unterdrücken, als Köster zum dritten Mal zu seinem Satz ansetzte. Er versuchte sich auf das Gesagte zu konzentrieren, einen möglichst interessierten Blick zu geben, was schwierig war, wenn die Welt gleichzeitig ewig weit weg zu sein schien. Irgendwie war das Licht im Raum auf einmal viel lauter als die Ausführungen seines Gegenübers. Die Worte drangen kaum zu ihm durch.
Diesmal schafften sie es zumindest bis zu dem Teil, in welchem es um die CO2 Reduzierung durch verringerten Fleischkonsum ging. Dann wurde Philipp schwarz vor Augen.
Lustig, dachte er sich, während er sich noch fallend spürte, dass er in solchen Interviews noch so sehr versuchen konnte, locker und humorvoll rüberzukommen - am Ende würde doch der Clip die Runden im Internet machen, in welchem sein Gesicht Bekanntschaft mit dem Bundestagsboden machte. Doch dazu kam es nie. Vage spürte er, wie zwei Hände ihn bei den Schultern packten.
„Herr Amthor?“
Er versuchte etwas zu sagen, aber alles, was er spürte, war Hitze und Dunkelheit. Wieder wurde irgendwas gesagt. Die Hände wanderten, um ihn unter den Armen zu stützen.
„Können wir hier bitte einen Krankwagen bekommen?“
Für wen denn einen Krankenwagen? Gab es etwa einen Notfall? fragte er sich. Vielleicht sollte er seine Hilfe anbieten. Er hatte doch mal Erste Hilfe gelernt.
Die Stimmen sagten wieder irgendetwas. Diesmal zueinander. Er wurde unsanft an den Schultern geschüttelt. Für einen kurzen Moment wurde er von Klarheit überkommen. Die Geräusche prasselten alle auf einmal auf ihn ein. Irgendjemand sagte etwas von Notfall. Ihre Position wurde durchgegeben. Sein Name fiel ebenfalls. Philipp schüttelte den Kopf. Riefen die etwa einen Krankenwagen für ihn?
Quatsch, wollte er sagen, er brauchte doch keinen Krankenwagen. Ihm war nur gerade etwas schwummrig. Es wäre doch sehr peinlich, wenn er von einem Krankenwagen abgeholt werden müsste. Allerdings kam statt Wiederworte nur ein atemloses Röcheln aus seinem Mund.
Wenig später fand er sich dann doch auf dem Boden wieder, allerdings wesentlich sanfter als zunächst angenommen. Jemand stabilisierte ihn von hinten in eine sitzende Position. Die Fliesen waren unerwartet kühl unter seinen Beinen. Er versuchte wieder aufzustehen. Er konnte hier ja nicht einfach auf dem Boden rumliegen! Wie sah das denn aus! Seine Muskeln wollten allerdings nicht wirklich kooperieren, weshalb er schließlich wieder in die Wärme der Person hinter sich sank.
„Können Sie atmen?“ fragte die Stimme erneut. Groß auf seine Antwort wurde dann aber auch nicht gewartet als zwei Finger bereits ohne Umschweife damit begannen seine Krawatte zu lockern. Für einen kurzen Moment lies der Druck auf seinen Hals nach.
„Versuchen Sie mich zu kopieren, okay?“ Eine Hand packte die seine, und es war Philipp ein wenig peinlich zu gestehen, dass er sich daran festhielt wie ein ertrinkender Mann. Oder ein erstickender. Vielleicht gab es dort gar nicht so viel Unterschied. Die Person, zu der die Hand gehörte, begann ihn in eine Atemübung zu leiten, doch mit jedem Zug wurde es schwieriger Luft in seine ächzenden Lungen zu pressen. Sein Kopf fühlte sich so an, als würde er jeden Augenblick explodieren.
Mit der Zeit wurden die Geräusche um ihn herum immer dumpfer. Er bekam kaum mit wie die Sanitäter schließlich ankamen und ihm eine Sauerstoffmaske übergestülpt wurde. Das Einzige, was er weiterhin spürte, war die Wärme einer Hand in seiner.
