Work Text:
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„Wenn du ausgemessen hättest, wie weit du den Schreibtisch von der Wand entfernt haben willst, wäre das jetzt alles kein Problem.”
Es war geradezu lustig mitanzusehen, wie Leo an der Auswahl von Verlängerungskabeln verzweifelte.
„Ist nur ein Problem, wenn man Perfektionist ist,” murmelte Adam und verkniff sich wohlweislich das ‘so wie du’.
Hatte er halt vergessen sich darum zu kümmern, aber er hätte auch noch paar Tage ohne auskommen können.
Nur hatte Leo sofort das halb-aufgebaute Ikearegal stehen lassen, und beschlossen, dass sie jetzt zum Baumarkt fahren mussten.
„Nimm einfach das längste, ist doch egal, wenn bisschen Kabel unter dem Tisch liegt”, schlug Adam deswegen vor.
„Leo? Leo Hölzer!”
Adam drehte sich überrascht um, registrierte aus den Augenwinkeln, dass Leo es ihm gleichtat, als ein älterer Mann auf sie zuhumpelte, so schnell es die Holzlatten über seiner Schulter zuließen.
Adam trat einen Schritt zurück und sah Leos Gesicht aufleuchten, als er ihn erkannte: „Herr Werner, guten Tag!”
Adam entging nur knapp einer weiteren Platzwunde, als er sich unter den Holzstangen wegduckte, die Herr Werner nun ungeschickt unter den anderen Arm klemmte, um Leo einen Klaps auf die Schulter zu geben und sofort in einen Monolog über die Auswahl an Mahagoni-Bodenbrettern überzugehen.
Etwas hilflos blickte er zu Leo, der ihm über Herr Werners Kopf hinweg zuzwinkerte und mit einem energischen Räuspern den Redeschwall unterbrach: „Adam, das ist der Nachbar meiner Eltern, Herr Werner.”
So schnell konnte Adam seine Hände gar nicht aus der Jackentasche ziehen, als der grauhaarige Mann sich bereits zu ihm gewendet hatte und mit einem erfreuten „Nett, Sie endlich kennenzulernen!” seine Hand ergriff und feste schüttelte.
Adam konnte gerade noch ein schnelles „ja, ebenso” einwerfen, nicht mal darüber nachdenken was ‘endlich’ implizierte, bevor Herr Werner bereits weitersprach.
Der Mann wäre ein absoluter Traum in einem Verhör, dachte er sich kurz und stutzte dann bei dessen nächsten Worten.
„Ja, die Barbara - Leos Mutti - hat schon erzählt, dass du wieder zurück bist. War ja auch höchste Zeit! Aber ich sag immer, niemand verlässt Saarbrücken und kommt nicht nochmal zurück.”
‘Wenn man etwas liebt, kommt man zurück’, hallten die Worte seiner Mutter in Adams Ohren nach und er konnte nicht anders, als zu Leo zu sehen, der seinen Blick etwas zurückhaltend traf, als wäre ihm das Gespräch unangenehm.
Komisch - war doch sein Nachbar und nett war er zudem.
„Ja, immer gesagt hab ich das und die Irmi - meine Frau - hat mir immer zugestimmt. ‘Siehst du’, hat sie gesagt, meine Irmi, ‘siehst du wie glücklich der Leo jetzt ist, weil er mit seinem Adam zusammenzieht’. Ja, so gefreut haben wir uns, als die Barbara uns das erzählt hat, ist ja nicht mehr selbstverständlich, so was! Unsere Tochter zum Beispiel, ja ja erfolgreich ist sie, aber…”
Adam runzelte die Stirn, blendete gekonnt Herr Werners Geschichte über die unglückliche Tochter aus und versuchte seine Gedanken zu ordnen.
‘Leo und sein Adam’ - so so, da hatte Barbara Hölzer aber einiges an Gerüchten in die Welt gesetzt.
Er blickte amüsiert zu Leo, der mit roten Ohren zu Boden sah.
“Aber wenn man glücklich ist, dann ist alles andere unwichtig, nicht wahr?”
Gerade noch rechtzeitig nickte Adam dem älteren Herren zustimmend zu und erwiderte: “Ja, wir sind sehr… glücklich.” Er verkniff sich ein Grinsen und schüttelte die ausgestreckte Hand zum Abschied.
Mit einem letzten Klaps auf Leos breite Schulter und einem von Herzen kommenden „einen schönen Tag wünsch ich euch beiden”, drehte sich Herr Werner um, stieß mit den Holzlatten unter seinem Arm eine Plastikbox aus dem Regal und spazierte - ohne davon Notiz zu nehmen - in Richtung Ausgang.
Während Leo, wie der hilfsbereite Bürger der er war, die Box vom Boden aufhob und wieder ordentlich ins Regal schob, grinste Adam belustigt.
“Da hat deine Mutter ja ganz schön was in die Welt gesetzt. Wie regelmäßig muss ich jetzt mit Glückwünschen rechnen?”, witzelte er.
Leo hatte sich immer noch nicht umgedreht und murmelte etwas wie „ich hab meiner Mutter gesagt, dass wir in eine WG ziehen, und sie macht sowas daraus”.
Adam schnaubte belustigt, lehnte sich mit verschränkten Armen gegen das Regal: „So wie Herr Wagner das erzählt hat, glaub’ ich, dass Irmi schon Handtücher mit unseren Initialen bestickt. Aber…”, er zögerte einen Moment. „Wenn ich dadurch Teil des Hölzer-Clans werde, habe ich eigentlich gar nichts dagegen.”
Leo hob nun überrascht den Kopf, Stirn leicht gerunzelt - als müsste er prüfen, dass Adam das ernst meinte.
Dieser grinste ihn schief an: „Deine Mutter kocht nun mal besser als meine.”
Doch Leo schüttelte den Kopf: „Du hättest ihn nicht auch noch bestätigen sollen in seiner Illusion.”
„Und Irmis Träume an junge Liebe platzen lassen?”, warf Adam gespielt entrüstet ein.
Leo ging nicht darauf ein, rieb sich mit der Hand über die Stirn. „Ich werde das klären, wenn ich meine Eltern besuche, ja?” Er seufzte, griff blind nach einem Verlängerungskabel und machte sich zielstrebig auf den Weg in Richtung „Garten und Geräte”.
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„Leoo,” Adam trottete langsam hinter ihm her. „Das ist doch alles nicht so ernst.”
Doch der dunkelhaarige Mann vor ihm reagierte nicht, zog bereits drei unterschiedliche Düngertüten aus dem Regal und begann diese so gründlich zu inspizieren, als wären es die wichtigsten Beweismaterialien für den nächsten ungeklärten Mord.
Adam verkniff sich einen Kommentar über den wahren Grund warum sie zum Baumarkt fuhren.
Eigentlich war es ja beeindruckend, wie ernst Leo es mit seinen Zimmerpflanzen meinte. Und wenn er ehrlich war, hörte er lieber einem weiteren Vortrag von Leo über die richtigen Bewässerungstechniken und Unterschiede in Wurzelstrukturen zu als Esther, die behauptete sich auch auszukennen.
Er vergrub die Hände wieder in den ausgeleierten Taschen seiner Jeansjacke und sah sich um.
Sein Blick schweifte über Dünger, Töpfe, Handschuhe jeglicher Größe und Beschaffenheit, und blieb dann bei den Spaten hängen.
Für einen Moment stockte ihm der Atem. Es waren unauffällige Spaten: Holzgriff, Metallblatt, sauber glänzend und mit roten Rabattschildchen gekennzeichnet.
Aber sein Kopf füllte sich sofort mit etwas anderem.
Dunkelheit. Der kalte Boden und moderige Geruch der Garage.
Das verzerrte Gesicht seines Vaters.
Dann ein Lichtstrahl, ein Spaten, Leos blasses Gesicht.
Ein harter Aufprall. Noch einer. Blut.
Stille. Bis auf Leos panischen Atem und Adams heiße Tränen.
Adams Hände waren geballt in seinen Taschen, als er zittrig und langsam ausatmete. Er blickte automatisch zu Leo hinüber, der gerade den Kopf hob.
„Gut, dass du zum Umtopfen keine größeren Geräte brauchst.” Er zwang sich zu einem Lächeln, sah dann auf das Schild vor sich und blinzelte irritiert. „Im Angebot wäre Spaten…” Seine Stimme rutschte ungläubig ab: „ROLAND?”
„Roland?”, hörte er Leo wiederholen. Nun auch noch mit Blumentopf bepackt, kam er auf Adam zu und kniff die Augen zusammen, um das Schildchen zu entziffern.
„Das ist ein Scherz,” sagte Leo, ein dünnes Lächeln auf den Lippen - aber seine Worte klangen zu hoch, zu aufgesetzt und Adam hörte das Zittern in seiner Stimme.
Für einen Moment standen sie beide einfach nur schweigend nebeneinander und starrten das schicksalsbehaftete Werkzeug an, bis Leo geräuschvoll ausatmete.
Erschrocken drehte Adam sich zu ihm um, befürchtete schon, ihm gleich das benutzte Taschentuch aus seiner Hosentasche anbieten zu müssen, bevor er bemerkte, dass Leo lachte.
Nicht laut lachte, aber unterdrückt, mit gerunzelter Stirn und kleinen Lachfältchen, die seine glitzernden Augen umrandeten.
Adam starrte ihn einen Moment ungläubig an, tastete dann doch nach dem zerknüllten Taschentuch in der engen Jeans und hielt es Leo, halb im Spaß, halb ernst, hin.
„Brauchst du das mal?”
Leo schüttelte den Kopf, balancierte seine Einkäufe auf einen Arm und kicherte, während er sich mit der Hand über die Augen wischte: „Ausgerechnet der Spaten…” Seine Schultern zuckten erneut vor unterdrücktem Lachen. „…Und dann auch noch Roland.”
Adam spürte, wie sich seine Mundwinkel langsam zu einem Grinsen verzogen.
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Leo drehte sich um und nickte in Richtung Deko-Abteilung: „Deswegen blinkt es dort die ganze Zeit so.”
Adam hatte den blinkenden Aufsteller bis jetzt erfolgreich aus seinem Sichtfeld verdrängt, aber die roten Lichter flackerten so penetrant, dass er die Stirn runzelte und brummte: „Wenn du da jetzt einen kaufst, glaubt dir niemand mehr, dass wir nur in eine WG ziehen.”
Er streckte aus Reflex die Hand nach dem Blumentopf aus, der drohte von Leos Arm zu kippen, doch er glitt ihm aus den Fingern, kaum dass er ihn berührt hatte.
Nicht wegen des Gewichts, sondern weil Leo leise fragte: „Wäre das denn so schlimm?”
Das Pflanzgefäß rollte unbemerkt den Gang entlang, während Adam erstarrte, seine Hand unschlüssig in der Luft hängend.
Er ließ seinen Blick undefiniert am Regal entlangwandern, als würden ihm Rankhilfen für Bohnen eine Antwort liefern, während er Leos Blick auf sich spürte und die Worte in ihm nachhallten. Wäre es denn so schlimm?
Als Leo sich räusperte und Anstalten machte, sich an Adam vorbeizuschieben, hob dieser die Hand, als wollte er ihn stoppen und ließ sie dann wieder sinken.
„Nein,” sagte er und dann mit Nachdruck: „Nein, wäre es nicht!”
Das ließ Leo stehenbleiben.
Er drehte sich wieder zu Adam hin und das künstlich-grelle Flurlicht fiel sanft auf seine Figur, zauberte goldene Strähnen in die dunklen Haare und glättete die Sorgenfalte auf seiner Stirn, bis Adam sich fast einbilden konnte, dass er ihm aufmunternd zulächelte.
„Verdammt Leo, natürlich habe ich kein Problem damit!” Es klang heftiger, als er wollte - nicht vor Wut, sondern aus der Dringlichkeit, die ihn erfasste, wenn es um Leo ging.
Er fuhr sich hastig durch die Haare und ergänzte: „Hast du eins? Ein Problem damit?”
Leo sah ihn nur an, mit großen Augen, zögerte.
Der Moment zog sich so lange hin, dass sich in Adams Bauch etwas verspannte, eine Schwere ihn ergriff, die sich wie ein Schutzmantel um ihn legte. Klar, sie hatten kaum über die letzten 15 Jahre geredet, Ex-Partner ganz ausgeschlossen, aber dass ausgerechnet Leo ‘jeder Mensch verdient Liebe’ Hölzer ihn nun mit diesem verständnislosen Blick ansah, traf Adam völlig unvorbereitet.
Er schluckte, das ‘war nur ein Spaß‘ und ein sarkastisches Lachen schon auf den Lippen, als Leo ein raues „nein” von sich gab.
„Nein?”
„Nein, ich habe kein Problem damit”, wiederholte Leo mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck. Mit einem leisen, verlegenen Schnauben fügte er hinzu: „Ich war so lange in dich verliebt.”
Seine Augen suchten nun Adams.
„Ich wusste es nur nicht, bis du verschwunden bist und es mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen hat.”
Leo zuckte entschuldigend mit den Schultern.
„Naja, auf jeden Fall denken die…,” er machte eine allumfassende Handbewegung, „…Leute, dass du für mich zurückgekommen bist. Und ich weiß natürlich, dass das nicht stimmt,” fügte er hastig hinzu, „aber so entstehen nun mal Gerüchte.”
Adams Magen machte einen verräterischen Salto, als Leo ihn so schief angrinste und zu allem Überfluss noch hinzufügte: „Glaub mir, ich konnte nie jemanden mit nach Hause bringen, ohne dass meine Mutter Vergleiche zu dir gezogen hat.”
Es wurde still zwischen den beiden.
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Zumindest so still es in der Gartenabteilung des Baumarkts sein konnte.
Adam sah dank Leos unverschämt eng anliegendem T-Shirt jeden einzelnen Atemzug, den der andere Mann nahm - mehr als er ihn hörte.
Verliebt in dich.
Verliebt in dich.
Die Worte tönten unablässig in seinem Kopf.
Adam hob den Kopf und traf Leos Blick.
Grün-blaue, ehrliche Augen. Eine Kombination, die Adam nirgendwo anders je gesehen hatte, egal wie weit er die Welt bereist und wie vielen Menschen er in die Augen geblickt hatte.
Als er einen mutigen Schritt auf Leo zu trat, legte sich seine Hand beinahe automatisch um die starken Handgelenke, die die Düngertüten an Leos Brust gepresst hielten. Die warme Haut unter seinen kalten Fingern ließ einen Schauer durch seinen Körper ziehen.
Leo wich weder seiner Berührung noch seinem Blick aus, und während Adam noch fieberhaft versuchte seine Stimme wiederzufinden, bildete sich ein sanftes Lächeln auf den Lippen des anderen Mannes .
Das gab Adam das verbleibende bisschen Mut, Leo sanft, aber bestimmt, noch ein Stück näher zu ziehen, bis sich nicht nur ihr Atem vermischte, sondern er weiche Lippen auf seinen spürte.
Der Mittelpunkt seiner Welt war sofort Leo, sein Geruch umhüllte ihn – frisch gewaschene Wäsche und würziges Aftershave und er bildete sich ein, das Hörnchen vom Frühstück auf seinen Lippen zu schmecken.
Leos Bartstoppeln kratzten an seinem Kinn, ein willkommenes Gefühl, das er sofort vermisste als er einen Herzschlag später sich zurückbewegte und seine Hand fallen ließ.
Er räusperte sich, etwas atemlos, definitiv sprachlos und spürte den rasenden Herzschlag in seiner Brust.
„Ich hätte mir keinen besseren Ort dafür vorstellen können”, in Leos Augen blitzte der Schalk und er grinste über das ganze Gesicht, so dass Adam kurz davor war ihn erneut an sich zu ziehen.
„Dein Charme ist überwältigend,” brummte er, aber konnte das Lächeln nicht ganz von seinen Lippen verbannen.
Leo zwinkerte ihm zu, bevor er sich umdrehte und weiter den Gang entlang schlenderte, als wäre nichts passiert.
Adam schüttelte den Kopf, hob den vergessenen Blumentopf auf und folgte ihm.
„Wenn du jetzt eine von diesen Lichterketten kaufst…,” drohte er, als Leo vor dem Regal stehenblieb und ihn herausfordernd angrinste.
Ja, was war dann? Wahrscheinlich würde Adam dann trotzdem seinen ersten Epilepsieanfall in Kauf nehmen, solange er Leo unter den blinkenden Herzchen ansehen dürfte.
Also nahm er dramatisch seufzend eine der Schachteln entgegen und wurde sofort mit einem zweiten sanften Kuss belohnt.
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