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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2025-04-26
Words:
648
Chapters:
1/1
Comments:
2
Kudos:
20
Bookmarks:
1
Hits:
226

Das Foto

Summary:

Eine zufällige Begegnung an einem Bahnsteig

Work Text:

Simon zog die Schultern hoch, um sich vor dem kalten Wind zu schützen. Die Welt des eingleisigen Provinzbahnhofs war in das kalte Blau eines frühen Spätwinterabends getaucht, Schnee lag in der Luft. Sein Zug fuhr erst in zwanzig Minuten. Unbehaglich blickte er unter dem Rand seiner Mütze den Bahnsteig entlang, der Gedanke, dass ihn jemand sehen könnte, der ihn kannte, gefiel ihm nicht.
Simon fühlte sich auf furchtbare, irrationale Art sichtbar, als könnte jeder, der ihn ansah, erraten, warum er zwei Stationen weiter in den nächsten Ort fuhr.
Doch er musste es einfach wagen. Allein beim Gedanken an Janniks Lächeln klopfte sein Herz schnell und laut. Aber Simon wusste genau, dass seine Eltern es nicht gut aufnehmen würden. Er war noch nicht bereit, sich dem zu stellen. Wenn ihn ein Bekannter zufällig sah, würde er in derbe Erklärungsnot geraten. Nein, Simon konnte froh sein, wenn ihn nicht der Mut verließ.
Aber zum Glück war da niemand, außer einem alten Mann, der mit langsamen, vorsichtigen Schritten den Bahnsteig entlang humpelte. Schwer stützte er sich auf einen Stock.
Simon beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Sein Mantel braun, die Schuhe schlammig, das Haar schlohweiß, wandte er sich zum Bahnsteig um, und blickte für einen Moment genau in Simons Richtung.
Hastig senkte er den Blick, doch er konnte sich dem Anblick des alten Mannes nicht entziehen, dessen faltiges Gesicht einen Moment lang unendlich müde wirkte; eine Müdigkeit, in der Simon die Spuren alten Schmerzes erkannte.
Doch dann war der Moment vorbei, und der alte Mann humpelte weiter.
Simon wollte seinen Blick schon wieder auf die Bahnhofsuhr richten, auf der die Zeiger höchstens ein, zwei Schritte weiter gewandert waren, als er, wiederum aus dem Augenwinkel, die Brieftasche bemerkte.
Bevor Simon wirklich wusste, was er tat, hastete er dem alten Mann hinterher.
“Warten Sie, mein Herr!”, rief er. Die kalte Luft stach in seine Lunge und nahm ihm den Atem.
Der Mann blieb stehen und drehte sich zu Simon um.
“Das haben Sie verloren, nehme ich an.”
Scheu hielt Simon ihm die braune lederne Brieftasche hin.
Bevor der Mann jedoch antworten konnte, rutschte ein kleines Stück Papier aus dem Portemonnaie. Gleichzeitig bückten sie sich danach, doch Simon bekam es als Erster zu fassen.
Es war ein Foto. Unmöglich zu sagen, wie alt es war, abgenutzt und vergilbt, mit eingerissenen Ecken und voller Knicke. Das schwarz-weiße Konterfei eines dunkelhaarigen jungen Mannes in Uniform blickte Simon entgegen, das schmale, blasse Gesicht mit seiner Stupsnase, den weichen Lippen und den zarten Wangen wirkte in seiner Ernsthaftigkeit eigentümlich verletzlich. Seine klaren, klugen Augen schienen ihm direkt in die Seele zu schauen.
Simon spürte, wie ihm die Röte in die Wangen schoss.
“Verzeihen Sie, das war keine Absicht”, stammelte er. Das heimliche kleine Artefakt schien seine Hand versengen zu wollen, als er es zurückgab. Die schreckgeweiteten hellblauen Augen des alten Mannes sprachen Bände.
Simon wusste nicht, wo er hinschauen sollte, sein Gesicht schien zu glühen. Dieses Foto war nicht für fremde Augen bestimmt. Es sollte ihn nicht faszinieren.
Der Mann musterte ihn prüfend. Simon war sich sicher, dass ihm seine Gedanken ins Gesicht geschrieben waren.
“Das waren andere Zeiten damals.”
“Ich weiß. Es tut mir leid.”
Simon wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Einen Moment lang standen sie sich verlegen und schweigend gegenüber.
Dann aber lächelte der alte Mann.
“Das ist schon sehr lange her. Aber er ist trotzdem immer bei mir.”
Sein Lächeln ließ sein Gesicht Jahrzehnte jünger wirken, weicher, zärtlicher, lebensfroher. Simon lächelte zurück, zaghaft, aber voller Herzlichkeit.
Der Spätwinterabend wirkte mit einem Mal gar nicht mehr so kalt. So standen sie da, bis…
“Da kommt mein Zug.”
Der alte Mann lächelte, tippte sich an die Stirn, die Geste eines amerikanischen GI, der er nicht war.
Simon stieg mit leichtem, klopfendem Herzen in den Zug, eine Melodie summend, voll freudiger Erwartung. Aus dem Zugfenster sah er noch, wie der alte Mann davonging, beschwingteren Schrittes als zuvor.