Work Text:
More than anything, I knew that I did not want to be drawn into that circle, that I did not want to take my place amongst them and forget who I was.
-Jennifer Saint, Ariadne
Die Apokalypse tat niemandem gut. Es war, als hätte jemand alle Farben aus Winden rausgesaugt; die Überlebenden waren alle Leichenblass, Gesichtszüge eingesunken, Haare schlaff und leblos. In den seltenen Momenten, in denen die verbliebenden Bewohner des einst so friedlichen Städtchens ein fremdes Gesicht antrafen, blickte ihnen nur ein weiterer bleicher Geist entgegen. Leblose, verzweifelte Gestalten, die besseres zu tun hatten, als sich um ihr Äußeres zu kümmern. Früher war Schönheit genetisch, jetzt ein Luxus, den sich keiner leisten kann. In einer Welt ohne Spiegel verlernt man, sein eigenes Gesicht zu erkennen.
Es war ein kühler Frühlingsmorgen, Tau glitzerte auf den wenigen Grashalmen, die sich durch die Asche gekämpft hatten, an dem der See das erste Mal klar genug war, um so etwas wie ein Gesicht in seiner Reflexion im Wasser erkennen zu können. Jonas war damit beauftragt, Fallen rund um den See aufzustellen. So sehr es ihn anfangs davor grauste, unschuldige Kleintiere zu fangen und teils stundenlang zappeln zu lassen, bevor sie grausam getötet wurden, bemerkte er doch recht schnell, dass sein Leben dadurch sehr viel angenehmer wurde. Hanno war nie sehr einfühlsam was Jonas' Skrupel anging. Was zuerst zu der ein oder anderen Streitigkeit geführt hat, wurde schnell zu einem Fixpunkt in Jonas' Leben, ein Anker, für den er unglaublich dankbar war. Hanno wusste immer, was zu tun war.
Wenn Jonas Hunger hatte, gab Hanno ihm zu essen. Wenn Jonas sich an einem scharfen Stück Glas verletzte, war Hanno da, um ihn zu verarzten. Wenn Jonas einen Streit anfing, beendete Hanno ihn schnell. Bei Kälte hatte er in Sekunden ein Feuer entfacht. Wenn Jonas die Energie nicht fand, um aufzustehen, stellte er ihm eine Schüssel Eintopf, einen Becher Wasser und einen kleinen Notizzettel neben die Matratze. Manchmal war es ein Bibelzitat, manchmal ein Ausdruck ihres geteilten Schmerzes, manchmal ein Auftrag für Jonas, damit er sich nicht ganz so nutzlos fühlte. An diesem Frühlingsmorgen sollte er Fallen aufstellen. Sein Frühstück blieb unberührt, doch Jonas wollte keine noch größere Last für Hanno sein und machte sich demotiviert auf den Weg.
So fand er sich schließlich am Seerand, schockiert sein eigenes Gesicht erblickend. Es war kaum ein Jahr seit der Apokalypse vergangen, doch er sah aus wie 25. Schmerz, Verlust und Trauer standen ihm ins Gesicht geschrieben. Je länger er in seine Augen starrte, desto mehr verschwammen die Gesichtszüge, wandelten sich, bis er nicht mehr wusste, ob er sich selbst oder den Fremden vor sich hatte. Oder ob da überhaupt jemals eine Unterscheidung möglich war.
Von da an hielt er immer einen Meter Sicherheitsabstand zum See.
Mit der Druckwelle zersprangen alle Spiegel, doch jetzt, wo Jonas das erste mal seit der Apokalypse direkt mit dem langsamen aber beständigen ticken der Zeit konfrontiert worden war, war es fast so, als starrten seine leblosen Augen aus jeder Ecke zurück. Er sah sie in den wenigen verbliebenen Fensterscheiben, beim Essen im leeren Löffel, bei jedem Blick in Hannos Augen. Oh, Hanno.
Anfangs fiel es Jonas leicht, immer auf ihn zu vertrauen. Der Mann, der in allen Situationen die richtige Antwort parat hat, eine Lösung für jedes Problem, pragmatisch aber effizient. Dabei niemals gefühlskalt, nein, Gefühle wurden einfach immer sofort entblößt. Hanno kannte kein Geheimnis, keine Privatsphäre war ihm zu intim. Es war so leicht zu vergessen, dass Hanno genauso ein Jugendlicher war, der brutal aus seiner Zeit gerissen wurde. Erst nach diesem einen verhängnisvollen Morgen, an dem Jonas sich selbst konfrontierte, bemerkte er, wie ähnlich ihre verlorenen Blicke waren.
Hanno war auch nur ein Kind, als er in diese ganze Welt hineingezogen wurde. Seine Familie wurde ihm nach und nach gezielt entrissen, Schritt für Schritt wurde er sein ganzes Leben lang auf diesen Moment vorbereitet, doch niemand ist jemals bereit für eine Welt wie Winden nach Juni 2020. Jedes "ich weiß, was zu tun ist", gesprochen mit gespielter Überzeugung, devoter als es Jonas jemals sein könnte, war eher ein "Gott, gib mir die Kraft, das hier durchzustehen, um eines Tages das Paradies zu finden", ein "ich bin bereit, alles aufzugeben", ein "ich bin doch auch nur ein Kind", ein "BITTE HILF MIR". Doch Hilfe kam nie.
Jonas setzte sich das Ziel, Hanno dabei zu helfen, dass er erkennt, wie ähnlich die beiden waren. Wie sehr sie beide kämpften, um nicht der zu werden, der sie tief drinnen vielleicht schon immer gewesen waren. Mit jedem "Wir sind gleich, es gibt kein Paradies, wir müssen dagegen ankämpfen!", verlor er mehr und mehr Willenskraft, mit jedem geantworteten "Gott stellt uns allen eine Probe, das hier ist meine. Ich trage meine Bürde. Ich führe durch die Sintflut", bröckelte ein Stück von Hanno Tauber und auch ein wenig von Jonas' eigener Fassade weg, bis sein Spiegelbild im Löffel ihm vorkam wie 50 und sein vertrautester Gesprächspartner Noah war. Es waren kaum 5 Jahre vergangen.
Nach seinem gescheiterten Versuch, allem ein Ende zu setzen, verstand er sich selbst besser als je zuvor. Das erste Mal seit vielen Jahren wagte er sich wieder ganz nah an die Kante des Sees, der mit so vielen bittersüßen Erinnerungen verbunden war. Sein Gesicht kam ihm wieder jung vor, irgendwie unschuldig. Statt Mitte 50 sah er sich wieder als der Jugendliche, der er eigentlich hätte sein sollen. Weg waren die fremden Gesichtszüge, die ihm durch den Türschlitz des Bunkers am besten bekannt waren, weg waren Narben und Verbrennungen und die unkenntliche, verschwommene Visage. Hier war nur mehr Jonas, und doch war er sich selbst noch nie fremder gewesen.
Jeder Tag von nun an war für ihn unausweichlich, jeder Schritt in die falsche Richtung unaufhaltsam. Die Zeit tickt unbarmherzig weiter vorwärts. Jeden Tag ein Blick in die Spiegelung, jeden Tag das gleiche Gesicht. Nach mehr als 10000 Blicken merkt man nicht mehr, dass sich langsam aber sicher etwas verändert hat. Alles verändert hat.
Jonas schreitet nicht allein durch das Portal. Mit ihm reisen zwei Geister, einer alt und grimmig, der andere jung und naiv. Er hält ganz ganz fest die Hand des jungen Jonas, unfähig, ihn loszulassen. Sein Geist hatte nie eine Chance, frei zu sein.
