Work Text:
Müde blicke ich über den Rand meines Computers hinweg zu Adam, der auf der anderen Seite des Schreibtischs offenbar gerade dabei ist, im Sitzen einzuschlafen. Immer wieder fallen ihm die Augen zu und er fährt sich mit der Hand über das Gesicht. Und ich komme nicht umhin, diesen Zustand ziemlich niedlich zu finden.
Schon seit heute Nachmittag sitzen wir hier und durchforsten Berge an Akten, auf der Suche nach irgendwelchen brauchbaren Daten für unseren Fall. Inzwischen ist es dunkel draußen, wir sind wohl, ohne es zu merken, zur Nachtschicht übergegangen.
Als ich meine Arme von mir strecke und dazu übergehe, mir meinen vom Sitzen schmerzenden Rücken zu massieren, blickt Adam auf und beginnt, offenbar unterbewusst, seine wahrscheinlich ebenfalls schmerzenden Gliedmaßen zu strecken.
„Kaffee?“
„Kaffee.“
Ohne weitere Worte erheben wir uns von den Schreibtischstühlen und durchqueren die Meter bis zur Küchenzeile. Doch wie sollte es anders sein, das Glas mit dem Instant Kaffee ist bis auf einen halben Löffel vollkommen leer. Pia macht wirklich zu viele Nachtschichten…
„Der Imbiss am Bahnhof hat doch bis nach Mitternacht auf, machen wir nen Spaziergang? Ich könnte mir sowieso mal die Beine vertreten.“ Mit einem Lächeln nicke ich ihm zu, sodass wir uns gemeinsam auf den Weg nach draußen machen. Es ist immer wieder ein merkwürdiger Anblick, das Präsidium so leer zu sehen, schließlich macht eigentlich fast immer irgendjemand Nachtschicht. Heute sind wir wohl die Einzigen, selbst Pia hat es angesichts des Feiertags morgen heute früher nach Hause geschafft. Irgendwas machen wir falsch, dass wir hier immer an den ganzen Feiertagen stehen. Aber naja, auf uns wartet zuhause ja niemand, da kann man schon mal die Feiertage im Büro verbringen und die Prämie mitnehmen…
Ein wenig fröstele ich, als wir stumm den Fußweg neben der Saar bestreiten. Ich hätte meine Jacke wohl doch lieber mitnehmen sollen, es scheint sich in den letzten Stunden doch deutlich abgekühlt zu haben. Wenige Sekunden später spüre ich den vom Tragen angewärmten Stoff seiner Jeansjacke an meinen Schultern, woraufhin sich ein Schmunzeln auf meinen Lippen breit macht.
„Sicher? Dann ist dir doch gleich kalt, du hattest die doch sogar im Büro schon an.“
„Mit geht’s gut Leo, mach dir keine Sorgen. Ich glaube Esther würde durchdrehen, wenn du jetzt krank wirst.“
„Ach, aber du darfst krank werden, oder wie?“ Auf seine hochgezogene Augenbraue hin entkommt mir ein Lachen. Wo er recht hat, hat er recht, da hätte ich auch vorher drüber nachdenken können.
Einige Zeit lang macht sich eine friedliche Stille zwischen uns breit. Dankbar für die Wärme ziehe ich seine Jacke noch ein wenig fester um meine Schultern und lasse den Blick über die Saar neben mir schweifen, auf der sich die Lichter der Straßenlaternen spiegeln.
Neben mir spüre ich, dass Adam wohl etwas mit sich ringt. Er hat schon mehrfach Luft geholt, konnte sich aber wohl nicht dazu durchringen, zum Sprechen angesetzt. Letztlich konnte er sich doch überwinden.
„Leo, sag mal, was ist eigentlich zwischen dir und Pia?“
Vor Überraschung gefriere ich in meiner Bewegung und bleibe stehen, fixiere mit etwas ungläubigem Blick seine Augen.
„I-ist schon gut, wenn du da nicht drüber reden willst, vergiss es einfach.“ Etwas beschämt will Adam zum Weitergehen ansetzen, wovon ich ihn jedoch mit einem Griff nach seinem Unterarm abhalte.
„Wie kommst du denn auf sowas?“
„I-Ich weiß nicht, irgendwie wirkt ihr so vertraut miteinander, da dachte ich… ach vergiss es einfach.“ Wenn ich mich nicht vollkommen irre, zeichnet sich so etwas wie… Eifersucht in seinen Augen ab. Bei diesem Anblick muss ich ein leichtes Schmunzeln unterdrücken.
„Adam, ich bin schwul.“ Dieser Funke von Hoffnung, der bei meinen Worten in seinem Gesicht aufblitzte, bestätigt meine Theorie, die mir offen gesagt schon seit einer ganzen Weile immer mal wieder durch den Kopf geht. Sorgen um seine Reaktion mache ich mir nicht. Ich kenne ihn gut genug dafür, um zu wissen, dass er das nicht ablehnt. Wahrscheinlich sogar eher im Gegenteil.
„Das… Wieso hast du mir das nie gesagt?“ Bei seinen Worten machen sich trotz all dem einige Schuldgefühle in mir breit. Ich hätte nicht gedacht, dass es ihn stören würde, dass wir über sowas noch nie geredet haben. Außerdem habe ich eigentlich immer angenommen, dass er das… naja, dass er sich das irgendwie schon gedacht hat.
„Ich, ich weiß nicht, das Thema kam irgendwie noch nie auf… Ich hätte es dir sagen sollen, tut mir leid.“ Mit etwas schulderfüllten Ausdruck richte ich meine Augen wieder auf seine, in seinem Gesicht zeichnet sich jedoch keine Wut oder Enttäuschung oder sonst irgendwas ab. Wie ich es mir gedacht habe.
„Da hast du recht, über Beziehungen haben wir wirklich noch nie gesprochen… Also… hast du jemanden?“ Bei dieser vor erzwungener Neutralität nur so triefenden Frage muss ich ein Grinsen mit größter Mühe unterdrücken. Er braucht gar nicht denken, ich würde die Hoffnung nicht sehen, die schon seit Minuten seine Augen erfüllt.
„Nein, habe ich nicht, aber ich habe momentan auch nicht die Intention, jemanden neues kennenzulernen. Um ehrlich zu sein, habe ich schon seit längerem ein Auge auf jemanden geworfen.“ Ich hatte wirklich gehofft, mein sehr offensichtlicher Blick zu ihm bei meinen letzten Worten wäre offensichtlich genug. Aber sein etwas enttäuschtes „Oh“ machte mir klar, dass man ihn mit dem Zaunpfahl wohl schlagen muss, damit er ihn bemerkt.
„Mein Gott Adam, du bist echt schwer von Begriff.“ Dieser verwirrte Blick ist wirklich zum Dahinschmelzen.
„Dich. Adam, ich mag dich. Sehr sogar. Schon eine ganze Weile, um ehrlich zu sein.“ Bei meinem nicht gerade poetischen Liebesgeständnis spüre ich, wie mir das Blut in die Wangen schießt. Etwas romantischer hätte das ja schon sein können.
Dieses mal ist er es, der mitten auf dem Weg stehenbleibt und sich nicht mehr rührt. Sein Blick ist gezeichnet von einer Mischung aus Unglaube und Freude, er scheint wohl nicht so ganz zu wissen, ob er mir glauben soll oder nicht.
Letztendlich schlägt sein Blick jedoch in Freude um. Mit einem etwas nervösen Lächeln und ebenfalls rotem Gesicht schließt er die Distanz zwischen uns und greift nach meiner Hand, die er zögerlich in seine schließt.
„Ich… ich dich auch.“
Obwohl ich es ja bereits wusste, bleibt mir bei diesem Geständnis die Luft weg. Ich glaube, das ist das erste Mal, dass er mir tatsächlich sagt, was er fühlt. Bisher hat er sich immer rausgeredet, wenn es um emotionale Themen ging. Angesichts des Zitterns seiner Stimme scheint es ihm wohl ziemlich schwer gefallen zu sein, diese Worte laut zu sagen und mir steigen die Tränen in die Augen bei dem Gedanken daran, dass er sich nur für mich überwunden hat.
Ohne weiter darüber nachzudenken, ziehe ich ihn an seiner Hand in eine Umarmung und schlinge meine Arme enger um ihn als je zuvor. Meinen Kopf in seiner Halsbeuge abgelegt, nehme ich stumm seinen Geruch in mich auf. Er tut es mir gleich und legt seinen Kopf leicht auf meinen, platziert seine Hand an meinem Hinterkopf und fährt mir mit seiner anderen Hand seicht über den Rücken.
Eine ganze Weile lang verweilen wir in dieser Umarmung, offenbar dankbar für die Wärme des anderen angesichts der kalten Nachtluft um uns herum. Nachdem wir uns von einander gelöst haben, schließt er erneut seine Hände um meine, löst seinen Blick nicht von mir.
Und als diese so schönen, blauen Augen auf meine treffen, schieße ich auch mein letztes Fünkchen Selbstkontrolle in den Wind. Mit meiner freien Hand in seinem Nacken ziehe ich ihn zu mir und lege endlich meine Lippen auf seine.
Bereits seit Monaten war das der einzige Wunsch, der jedes mal in mir aufkam, als ich ihn sah. Als ich ihm in die Augen geschaut habe. Als mein Blick immer und immer wieder an seinen Lippen hängen geblieben ist.
Und es ist schöner, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.
