Work Text:
Als ich mir gerade ein Glas Wasser eingegossen habe, höre ich es hinter mir rascheln und kann seinen Blick auf meinem Hinterkopf geradezu spüren.
„Hab ich dich geweckt? Tut mir leid.“ Ein Gähnen unterdrückend drehe ich mich zu Leo, der sich gerade mit zugegeben ziemlich niedlichem müden Blick aufgesetzt und seine Decke von sich geschoben hat.
„Nein, alles gut, ich kann nur irgendwie nicht schlafen.“ Leicht macht sich ein Schmunzeln auf meinen Lippen breit.
„Na, dann sind wir schon zu zweit.“ Ohne zu Zögern drehe ich mich wieder um in Richtung Küche und hole ihm auch ein Glas aus dem Schrank, aus dem Augenwinkel kann ich ihm dabei zuschauen, wie er, inzwischen im Stehen, all seine Gliedmaßen von sich streckt. Um ehrlich zu sein kann ich meinen Blick kaum von ihm lösen. Das Schulterholster auf der Arbeit macht mir mein Leben doch schon schwer genug und jetzt steht er auch noch im Tanktop mit kurzen Hosen vor mir. Langsam macht mich das alles etwas wahnsinnig, aber ich weiß einfach nicht, wie ich dieses Thema ansprechen soll, zu groß ist die Angst, unsere Freundschaft zu gefährden. Und ich will ihn auf gar keinen Fall in irgendetwas drängen, was er nicht will.
Das Glas dankend entgegennehmend setzt er sich mir gegenüber an den Tisch und lässt seinen Blick, an mir vorbei, aus dem Fenster in die inzwischen schon hell werdende Landschaft schweifen. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es schon halb fünf morgens ist, das wird mit Sicherheit kein guter Arbeitstag. Naja, immerhin müssen wir heute erst gegen Mittag da antanzen.
Ich kann nicht anders, als einige Zeit lang sein Gesicht zu mustern. Diese immer dunkler werdenden Ringe unter seinen Augen machen mir langsam wirklich Sorgen, irgendwie habe ich in letzter Zeit das Gefühl, dass er öfter mal nicht so gut schläft, oder gar nicht, so wie heute. Seine Gesichtsfarbe scheint mir auch immer blasser zu werden. Mit einem fragenden Gesichtsausdruck fängt er meinen Blick schließlich ein, woraufhin sich meine Augen kurz ertappt auf die Tischplatte vor mir richten. Doch kurze Zeit später habe ich mich dagegen entschieden, das als nichts abzutun und ihn endlich anzusprechen. Ich meine wenn, wann nicht jetzt, hier stört uns niemand und wir haben noch Zeit, bis wir wieder los müssen.
„Leo, kann es sein, dass es dir… Momentan irgendwie nicht so besonders gut geht? Du bist irgendwie so blass und diese Ränder unter deinen Augen sehen auch nicht mehr gesund aus wenn ich ehrlich bin.“ Noch während ich die Worte ausspreche, sehe ich schon an seinem Blick, dass ich Recht habe.
„Ach, ich weiß auch nicht, was los ist, aber ich kann einfach nicht schlafen momentan. Um genau zu sein, hat das schon angefangen, als … naja, als dein Vater aufgewacht ist. Ich meine, da hat das ja auch Sinn gemacht, schließlich hab ich mir wirklich Sorgen gemacht, dass er sich doch noch erinnert und mir das irgendwie heimzahlen will oder so. Aber jetzt ist er nicht mehr da und schlafen kann ich immer noch nicht.“ Ich habe mir schon gedacht, dass das wieder mit der Sache von damals zusammenhängt… Ich glaube, das wird ihn bis ans Ende seines Lebens verfolgen, alles nur meinetwegen…
„Ist es noch schlimmer geworden, seit du hier im Haus bist? Leichter macht es das bestimmt nicht, oder?“
„Überraschender Weise nicht. Ehrlich gesagt hatte ich das eigentlich auch erwartet, aber das einzige, was mir hier mehr zu schaffen macht als sonst ist das verdammte Schlafsofa.“ Ein wenig beginnt er bei dem letzten Satz zu schmunzeln und massiert sich seine offenbar ziemlich verspannten Schultern.
„Vielleicht liegt es daran, dass… dass du da bist. Zuhause habe ich ja nie Gesellschaft und ich glaube, das macht das ganze irgendwie schlimmer. Aber seit ich hier bin, ist es weniger geworden. Zugegeben, der heutige Tag ist dafür vielleicht ein schlechtes Beispiel, aber so grundsätzlich ist es leichter.“ Eine Woge der Erleichterung macht sich bei dieser Antwort in meiner Brust breit. Ich hatte mir, noch während ich die Frage gestellt habe, Sorgen um die Antwort gemacht. Nicht, dass ich das persönlich nehmen würde, es wäre absolut legitim, wenn ihn das Haus erdrückt, es erdrückt mich ja manchmal – diese Nacht zum Beispiel – genauso. Aber ich will einfach nicht, dass er sich für mich schon wieder das Leben schwer macht und hier bleibt, obwohl es ihn fertig macht. Es ist schön zu hören, dass das nicht der Fall ist.
„Wir tauschen. Keine Widerrede. Ich habe dir von Anfang an mein Bett angeboten, damit du es wenigstens bequem hast, wenn du hier schon auf mich aufpassen musst. Und besonders in dieser Lage sollst du wenigstens in nem richtigen Bett schlafen, wenn du schonmal durchschläfst.“ In seinen Augen sehe ich bereits den Wunsch, mir das wieder auszureden, aber jeden Versuch, mich davon zu überzeugen, schmettere ich hemmungslos ab. Das hätte ich schon machen sollen, als er die erste Nacht hier verbracht hat. Da hat er schon Schlafstörungen und ich mute ihm auch noch dieses elende Schlafsofa zu.
„Adam-“
„Vergiss es. Du Bett, ich Schlafsofa.“ Ein wenig macht sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit bei dem Anblick des hilflosen Leo.
„Adam-“
„Nö.“
„Jetzt lass mich doch ausreden, verdammt. Können wir uns dein Bett nicht einfach teilen? Ist ja groß genug und dann haben wir es wenigstens beide bequem.“ Bei seinem Vorschlag setzt mein Herz kurz aus und ich schaffe es tatsächlich nicht mehr, ihm zu widersprechen. Er scheint auch gemerkt zu haben, wie sich das anhört, denn seine Wangen füllen sich ebenfalls nach und nach mit Farbe und er scheint meinem Blick etwas auszuweichen. Er zieht sein Angebot aber nicht zurück.
„O-Okay, wenn dich das nicht stört, gerne.“ Alles Selbstbewusstsein, was in mir noch übrig ist, lege ich in das Lächeln, das ich ihm entgegenbringe. Bloß nichts anmerken lassen…
„Na dann. Ein paar Stunden haben wir ja noch.“ Meinen Worte scheinen ihm ebenfalls etwas mehr Selbstbewusstsein verschafft zu haben, denn er steht einfach auf und zieht mich einfach sich her, sich auf dem Weg noch sein Kissen schnappend. Mein Herz identifiziert diese Lage offenbar als Hochleistungssport, hoffentlich hört er meinen Puls von 5000 nicht, das würde das alles nicht gerade weniger kompliziert machen als es wahrscheinlich sowieso schon wird.
In meinem Schlafzimmer angekommen lassen wir uns beide erschöpft auf je eine der Hälften nieder und ungefragt werfe ich eine Hälfte meiner Decke über ihn, schließlich hat er seine im Wohnzimmer zurück gelassen. Dankend zieht er sie näher an sich. Ob das wohl seine Intention war? Ach verdammt, wenn mir jetzt nur noch solche Hirngespinste durch den Kopf gehen, werde ich wohl nie wieder schlafen. Er hat sie einfach vergessen. Einfach vergessen hat er sie, da bin ich mir sicher, so.
Tatsächlich dauert es nicht lange, bis wir beide eingenickt sind, die Müdigkeit schien wohl doch größer zu sein, als ich bis eben angenommen hatte.
…
Als ich meine Augen öffnete, dauert es etwas, bis ich den Ursprung meines etwas unsanften Aufwachens – auf dem Boden neben meinem Bett statt auf meinem Nachttisch – gefunden habe. Pia… PIA… Oh Gott, ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es schon 13 Uhr ist, wir sollten schon seit ner Stunde bei der Arbeit sein. Das ist nicht gut, das ist gar nicht gut. Hoffentlich denkt sich keiner was dabei, dass wir genau gleichviel zu spät kommen… Zögerlich nehme ich den Anruf entgegen, wobei ich mein Handy fast wieder fallen lasse und halte es an mein Ohr.
„Adam, wo – Hast du auf Videoanruf geschaltet, ich sehe nur dein Ohr und – wer ist das neben dir?“ Erneut rutscht mir mein Herz in die Hose und ich halte mein Handy so, dass man nur mich in der Kamera sehen kann.
„N-Niemand. Tut mir leid, dass ich nicht da bin, ich hab total verschlafen und erst dein Anruf hat mich geweckt. Ich mache mich gleich auf den Weg.“ Pia scheint mein inzwischen tomatenfarbenes Gesicht äußerst zu amüsieren.
„Du weißt ja, was es heißt, wenn du zu spät kommst: Hörnchen mitbringen. Wie hast du es überhaupt geschafft, bis jetzt zu schlafen, wie lang warst du denn wach? War doch gar keine-“ Pias Stimme am Telefon wird kurz, wie hätte es auch anders sein können, von Leos Stimme neben mir übertönt, der sich – seinen Arm noch immer um meine Hüfte geschlungen – natürlich genau so aufrichtet, dass er schön im Bild ist.
„Adam, mit wem redest du?“ Als er seinen Blick zu mir richten will, schaut er Pia offenbar direkt in die Augen, jedenfalls zieht er sich schnell wieder aus dem Bild zurück und schlägt sich direkt beide Hände vors Gesicht.
Pias Augen werden unterdessen immer größer – sie scheint sich wohl gerade auszumalen, weshalb wir so lange wach waren – und sie dreht sich in alle Richtungen im Büro um, vermutlich auf der Suche nach Esther. Um das alles nicht noch schlimmer zu machen, lege ich auf, darf jedoch in der letzten Sekunde noch einen bedeutungsvollen Halbsatz von Pia hören: ‚ Esther, rat mal wer in Adams Bett-‘. Das kann ja heiter werden.
„Toll. Ganz toll. Wie erklären wir das irgendwem? Das weiß doch in ner Viertelstunde das ganze Büro.“ Ähnlich wie Leo eben reibe ich mir ebenfalls mit beiden Händen über die Augen und suche in meinem Kopf verzweifelt nach einer guten Erklärung für das hier.
„Naja, jetzt ist sowieso Hopfen und Malz verloren, ich würde sagen wir… ignorieren einfach alle Fragen?“ Leo scheint von seinem Vorschlag genauso überzeugt zu sein, wie ich.
„Dann denken sich doch alle sonst was aus, das ist auch nicht besser glaube ich.“ Bei der… Vorstellung werde ich sogar selbst kurz etwas rot…
„Ach was soll’s, davon können wir die beiden doch sowieso nicht mehr abhalten. Ich würde sagen, wir marschieren da jetzt einfach rein, peinlicher kann's ja sowieso nicht werden.“ Auf Leos semi-optimistisches Grinsen hin muss ich ebenfalls etwas anfangen zu lachen, damit ist das also beschlossene Sache. Zugegeben, es gäbe tatsächlich schlimmere Gerüchte. Meinerseits entspricht es ja eh, zumindest indirekt, der Realität, jedenfalls würde ich’s nicht ablehnen. Und schon wieder wächst dieses elende, naive Fünkchen Hoffnung in mir, dass es Leo so ähnlich geht, schließlich scheint ihn das alles überraschend wenig zu stören.
