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Leo hatte geglaubt, Adam bereits in so gut wie allen Stimmungs- und Lebenslagen gesehen zu haben.
Viele schlechte, sehr viele sehr schlechte, aber vor allem in letzter Zeit auch viele schöne.
Aber so schön war keine davon gewesen, und wenn es da noch mehr gab, die er noch nicht kannte, konnte er es nicht erwarten, sie kennenzulernen.
Er kam nicht dazu, den Gedanken fortzuführen, denn für eine halbe Sekunde tauchte Adam vor ihm auf, brüllte ihm unverständliche Worte entgegen, nur um sofort wieder in der Menge zu verschwinden.
Wobei „verschwinden” nicht ganz stimmte, immer wieder blitzte der vertraute Blondschopf zwischen all den anderen Köpfen auf.
Wann immer sich dabei ihre Blicke kreuzten, schenkte Adam ihm ein breites Grinsen, oder ein schelmisches Zwinkern.
Leo war unendlich verliebt. In Adam sowieso, aber ganz besonders in diese neue Version von ihm. Wobei Adams Outfit dem auch nur zugute kam.
Er musste Pia unbedingt dafür rügen, dass er bisher nicht einmal Bilder von diesem Adam zu Gesicht bekommen hatte.
Andererseits wäre vermutlich kein einziges Foto auch nur ansatzweise an die echte Erfahrung rangekommen.
Normalerweise ging nämlich Pia mit Adam zu solchen Konzerten. Seit einer Weile schon, die gegenseitige Begleitung hatte angefangen mit Adam, der ihr ungewohnt schüchtern ein übriges Ticket angeboten hatte. Mittlerweile fragten die beiden meist überhaupt nicht mehr nach, ob der jeweils andere mitkommen wollte, sondern kauften einfach stillschweigend zwei Tickets.
Leo hingegen war kein Mensch für laute Veranstaltungen und schon gar nicht für Konzerte von Bands, deren Musik sich größtenteils weit jenseits seiner Schlagzeug- und E-Gitarren-Toleranzgrenzen abspielte.
Bei den vergangenen Konzerten dieser Art hatte er also getrost Pia den Vortritt gelassen und sich, je nach Entfernung des Veranstaltungsorts, manchmal mit Esther darum gekabbelt, wer von ihnen nun sicherstellen durfte, dass die anderen beiden nicht zu später Stunde noch lange in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein mussten. Oder überhaupt noch nach Hause kamen.
Pia und Adam ergänzten sich in ihrer Ungeduld nämlich leider so perfekt, dass keiner von beiden Lust hatte, sich nach Konzerten noch auf Parkplätzen mit anderen Menschen auseinanderzusetzen und ließen das Auto deshalb immer zuhause.
Weil aber Pia heute keine Zeit und Leo die Band nach kurzem Hören für nicht ganz schlimm befunden hatte – und weil er außerdem verdammt verliebt war und Zeit mit Adam dementsprechend wertschätzte – war er kurzerhand mitgekommen.
Er würde Pia Hörnchen mitbringen müssen, dafür, dass sie ihm diesen Anblick kampflos überließ.
Besagter Anblick begann schon bei Adams Outfit.
Keines der Kleidungsstücke oder Accessoires hatte Leo vor diesem Abend jemals an Adam gesehen, was auch erklärte, warum der nach der Arbeit extra in seine Wohnung gefahren war.
Leo war noch nie in dieser Wohnung gewesen, aber geschätzt befanden sich sowieso mindestens achtzig Prozent von Adams Habseligkeiten mittlerweile in Leos. Offensichtlich jedoch eben nicht alles.
Die Chucks, die Adam trug, hatten vermutlich mehr von der Welt gesehen als Leo in seinem ganzen Leben und waren so oft geflickt und geklebt, dass es an ein Wunder grenzte, dass das Konstrukt noch hielt.
Ergänzt wurde die liebevoll zerstörte Basis von ebenso zerstörten, aber weniger geflickten und makellos tiefschwarzen ripped Jeans und einem völlig ausgewaschenen Bandshirt, das mittels einer Zickzackschere seiner Ärmel beraubt worden war.
Allein das wäre vermutlich genug gewesen, Leo das Denken um einiges schwerer zu machen. Aber Adam war starker „Ganz-oder-Garnicht-Mensch“, dementsprechend war das selbstverständlich nicht alles.
Lederarmbänder, die in Kombination mit ein paar Ringen an den schmalen Fingern Fantasien in Leo auslösten, die selbst zensiert kaum jugendfrei wären.
Silberne Ketten, die seinen wunderschönen Hals perfekt in Szene setzten.
Sündhaft präzise verschmierter Eyeliner und flauschig-wuschelige Haare, die geradezu dazu einluden, sich während gieriger Küsse hineinzukrallen.
Noch viel besser als das Outfit – bereits der Fakt, dass da etwas noch besser sein konnte, kam Leo absurd vor – war allerdings Adams Verhalten. Seine Stimmung.
Das Grinsen, wann immer sein Gesicht aus dem Moshpit auftauchte. Befreites Lachen in kurzen Pausen, das kindliche, beinahe magisch berührte Leuchten in den blauen Augen.
So gelöst hatte er ihn noch nie gesehen. Irgendwo war es fast ein wenig ironisch, denn in Menschenmassen war Adam tendenziell eher angespannt.
Aber offensichtlich nicht in dieser, so gar nicht.
Beinahe sah Leo ihn bildlich vor sich, den jungen Adam, der irgenwann zum ersten Mal auf irgendeinem Konzert gelandet war. Mit großen, nervösen Augen und einem Zeigefinger, der am Einlass unruhig mit der Ecke des Tickets spielte. Wie er sich wachsam umschaute, eine Eigenheit, die er auch jetzt noch nicht abgelegt hatte. Selbst am Einlass zu dieser Halle nicht.
In dieser Halle angekommen war da allerdings keine Spur mehr von Wachsamkeit oder Nervosität gewesen.
Das war Adam, eine Version, die er vielleicht auch außerhalb dieser Halle hätte sein können, wären die Sterne anders gestanden.
Leo mochte den Gedanken daran, dass in irgendeinem Paralleluniversum ein dauerhaft glücklicher Adam existierte, einer, der keine Abneigung gegen Zuneigung in die DNA graviert bekommen hatte. Der nicht hatte kämpfen müssen, und lügen, und allein sein. Eine Version von Adam, die den Knast nur von außen kannte und für den „Papa” kein Wort mit bitterem Beigeschmack war.
Ein Adam, der möglichst oft so sein konnte wie dieser hier.
Strahlende Augen und ein leichter Schweißfilm auf der Haut, tanzend und springend und sich lachend die Haare auschüttelnd.
Immerhin in dieser Bubble existierte dieser Adam auch in diesem Universum, und Leo hatte das unfassbare Privileg, ihn so sehen zu dürfen.
Der Gedanke, ihn küssen zu wollen, war nicht neu. Dieses und viel tiefere Begehren brodelten schon eine gefühlte Ewigkeit in Leo, aber noch nie war das Verlangen so groß gewesen, so ununterdrückbar.
Er wollte Adam küssen. Er musste Adam küssen, heute Abend, heute Nacht, endlich dieses vorsichtige Hin und Her zwischen ihnen beenden, das sich seit Wochen abzeichnete.
Eindeutig mehr als Freundschaft, zu viele Berührungen, um noch zufällig zu sein, aber bis jetzt hatte noch keiner von ihnen den Mut gefunden, daraus mehr zu machen.
In diesem Moment kam es Leo aber nicht mehr nach einer Frage des Mutes vor. Viel eher wie der einzig logische Schluss dieser gesamten Phase, die unaufhaltbare Konsequenz von allem, was passiert war.
Wohlweislich hielt er sich raus aus den Moshpits und Walls of Death und wie sie alle hießen. Körperlich hätte er damit zwar keine Probleme, doch die Aussicht auf Ellenbögen, Knie, Köpfe an mehr oder minder empfindlichen Körperstellen reizte ihn überhaupt nicht. Anders als Adam, der sich begeistert in die Menschen stürzte, so wild, dass Leo sich vielleicht Sorgen gemacht hätte, wäre er nicht so verflucht attraktiv dabei gewesen.
Überraschenderweise schaffte er es tatsächlich, sich vom Gröbsten fernzuhalten und die elektrisierende Energie an Ort und Stelle zu genießen. Zumindest, solange das main set lief. In der kurzen Pause danach kostete er den Anblick von Adam, der gierig seine Wasserflasche leerte, aus.
Nach eineinhalb Songs der Zugabe tauchte der wieder vor ihm auf.
Adam streckte grinsend seine Hand aus und nickte mit dem Kinn in Richtung des Kreises, der sich direkt neben ihnen bildete.
Leo schüttelte augenblicklich den Kopf. Das Lächeln konnte er trotzdem nicht unterdrücken.
„Vergiss es.”
In der Sekunde, in der Adam seinen Kopf schief legte, fiel jeglicher Widerstand in sich zusammen.
„Komm schon?”, bat er leise und griff nach Leos Hand. Locker nur, sodass der die Option hätte, zurückzuziehen, wenn er das denn gewollt hätte.
Wollte er nicht. Er griff stattdessen Adams Hand fester und wurde prompt in eine Umarmung gezogen, die ihn ganz zufällig direkt an den Rand des entstehenden Moshpits manövrierte.
„Musst auch mal loslassen, Hölzer”, raunte Adam dicht an seinem Ohr, tief und rau und Leo wurde ein kleines bisschen schwindlig.
Bevor er antworten konnte, schlossen sich Adams Finger fest um sein Handgelenk. Ruckartig wurde er hineingezogen in die Menge an Menschen, die sich zeitgleich bewegten, prallte gegen Körper, wurde schier erdrückt von der plötzlichen Enge.
Eine Hand an seiner Schulter, ein „wehr’ dich nicht, einfach mitbewegen”, das er niemandem zuordnen konnte und trotzdem zu befolgen versuchte.
Definitiv nichts, was er unbedingt noch einmal machen müsste, aber ganz falsch fühlte es sich auch nicht an. Vor allem nicht, wenn er Adam erhaschte zwischen all den anderen, doch nochmal eine andere Perspektive als das vorherige Danebenstehen.
Jemand prallte gegen ihn, er strauchelte, wurde sofort stabilisiert von zwei sicheren Händen an seiner Hüfte.
Adam lachte leise, während er sie aus dem Getümmel lenkte, behielt die Hände nah an ihm, auch, als sie wieder ruhig standen.
Leos Worte erstarben auf seiner Zunge, als Adams Blick seinen fand.
Für den Bruchteil einer Sekunde huschten die blauen Augen zu seinen Lippen, dann sofort zurück nach oben.
Er war so nah.
Und auf einmal war es so einfach.
Adams linke Hand lag noch immer an seiner Hüfte, sein Blick hielt ihn gefangen.
Leo musste sich nicht überwinden, um nach Adams Shirt zu greifen, ihn näher zu ziehen.
„Darf ich?”, flüsterte er, als sein Gesicht bereits nur noch Zentimeter von Adams entfernt war. Es war ein Wunder, dass er ihn überhaupt verstand, bei der Lautstärke, die noch immer um sie tobte.
„Mach”, die Antwort, und ein so freches Grinsen, dass Leo sich beinahe nochmal verliebt hätte.
Völlig absurd war das alles, und gleichzeitig so unausweichlich und richtig.
In dem Kuss lag alles, zwei gestohlene Kindheiten und fünfzehn Jahre Vermissen; Lügen, Schweigen und Vertrauensbrüche.
Es verlor sich zwischen ihnen, endgültig vorbei, besiegelt mit diesem Kuss, der gleichermaßen Entschuldigung war wie Verzeihen; gleichzeitig Anfang und Ende.
Schaffte Raum für nonverbale Versprechen, für Liebe, die tiefer reichte als jede Verletzung und für ein erleichtertes endlich.
Adams Haare waren tatsächlich perfekt dazu geeignet, die Hand darin zu vergraben, während Leo die Lippen gegen seine drängte.
Er hatte nichts getrunken, nichts eingenommen, trotzdem fühlte er sich high. Bass und Glückshormone rauschten durch seinen Körper, legten auch noch die Hirnzellen lahm, die nicht bereits beim bloßen Anblick von Adam den Dienst temporär quittiert hatten.
Das Licht, das wenige Minuten später den Raum erhellte, konfrontierte ihn schlagartig wieder mit der Gegenwart.
Adam ließ sich davon nur langsam beirren, küsste ihn noch eine Weile weiter, bis er sich schließlich löste.
„Du…“, murmelte er schwach, schüttelte lächelnd den Kopf.
„Ich, was?”, hakte Leo nach, verschränkte seine Finger mit Adams.
„Du, halt. Machst mich fertig.”
Leo lachte auf.
„Mhm, tu ich das? Und was soll ich da sagen? Eyeliner, Schmuck, und diese Klamotten, die–”, er unterbrach sich selbst und zog vielsagend an Adams ärmellosem Shirt.
„Die, was?”, konnte der es natürlich nicht lassen und küsste Leo nochmal.
„Die dir verboten gut stehen. Und die ich dir trotzdem gern ausziehen würde.” Normalerweise war Leo nicht so direkt. Aber was war schon normal, wenn es um Adam ging?
Dessen Augen blitzten auf, seine Stimme rutschte auf einmal mindestens eine halbe Oktave tiefer.
„Du hast doch dein Auto auf dem Parkplatz”, raunte er und legte den Arm um Leos Rücken, während sie der Bewegung der Masse Richtung Ausgang folgten.
„Hab ich”, bestätigte Leo, „und so weit hinten geparkt, dass wir bestimmt sowieso eine Weile nicht rauskommen.”
