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Müde rieb Reynolds sich die Augen. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, eigentlich war die Nachtschicht schon vorbei und er sollte auf dem Weg nach Hause sein. Stattdessen stand er neben der Bahnstrecke und betrachtete die Überreste von dem, was mal ein Mensch gewesen war.
Nicht, dass es noch als Mensch zu erkennen gewesen wäre. Eher ein Haufen Einzelteile.
Mit dem Leben nicht zu vereinbarende Verletzung.
Das traf es hervorragend. Toter ging es wirklich nicht. Der Zug hatte ganze Arbeit geleistet.
Als sich Schritte näherten, hob er den Kopf. McDermott kam auf ihn zu, zwei Beweismitteltüten in der Hand.
„Brieftasche und Abschiedsbrief“, erklärte der Sergeant. „Identität ist geklärt, und es war offensichtlich auch kein Unfall.“ Sein Blick huschte die Strecke entlang, dorthin, wo der Güterzug schließlich zum Stehen gekommen war, und wo die unter Schock stehende Lokführerin in den Händen einer Notärztin war. „Vielleicht hilft ihr das.“
Seufzend nickte Reynolds. Natürlich mussten sie noch überprüfen, ob die Einzelteile sich auch tatsächlich zu der Person zusammensetzten, deren Ausweis im Portemonnaie steckte, und ob der Brief stimmig war. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass hier kein faules Spiel getrieben wurde.
Selbstmord. Schlicht und ergreifend.
Auch er sah zum Notarztwagen hinüber.
Eigentlich kam er mit Selbstmorden zurecht. Doch es waren solche wie dieser hier, die ihm an die Substanz gingen. Wenn Unbeteiligte gegen ihren Willen in die Sache hinein gezogen wurden.
Hätte der Tote vor ihm gestanden, hätte er ihn vermutlich geschüttelt und gefragt, ob ihm keine bessere Methode eingefallen war. Eine, die nicht jemand anderen zum ausführenden Arm machte. Die arme Frau war unschuldig, und trotzdem würde ihr das Geschehen noch tage-, wochen-, monatelang auf dem Gewissen lasten. Jahrelang, womöglich, vielleicht bis ans Ende ihres Lebens.
„Ich hasse diesen Job“, sagte er zu niemandem bestimmten.
Niemand machte sich die Mühe, etwas zu erwidern.
