Work Text:
Der Psychologe sah sie über diese lächerliche runde Brille hinweg an, die eher einem Kostümfundus entsprungen zu sein schien. „Es tut mir leid, aber unter diesen Umständen kann ich Sie nicht einsatzbereit schreiben.“
Es dauerte zwei Sekunden, bis die Nachricht bei ihr ankam. Sie starrte ihn an. „Wie bitte?“ Eigentlich sollte es doch nur eine Formalität sein: die Sitzungen absolvieren und, sobald sie damit fertig war, in ihren regulären Dienst zurückkehren.
„Meine Empfehlung wird lauten, Sie dauerhaft auf einen Verwaltungsposten zu versetzen oder Sie möglicherweise vorzeitig in den Ruhestand zu schicken“, fuhr der Psychologe fort, freundlich lächelnd, als würde er ihr einen Gefallen tun.
„Ruhestand?“, brauste sie auf. „Ich bin noch keine fünfzig!“
„Mrs Rellow.“ Wieder dieser beruhigende Tonfall, den sie von Anfang an nicht hatte leiden können. Ihr entging nicht, dass er ihren Dienstgrad bereits aus seiner Anrede entfernt hatte. „Sie haben Ihre Frau verloren.“ Als wüsste sie das nicht. „Ihre Frau ist vor Ihren Augen ertrunken und Sie konnten sie nicht retten. Nach allem, was sie mir erzählt haben, belastet dieses Erlebnis Sie noch immer massiv. Bitte verzeihen Sie mir, dass ich es daher nicht für angebracht halte, dass Sie weiter im aktiven Rettungsdienst tätig sind.“
Bitter wandte sie den Blick ab. Dabei hatte sie ihm kaum die Hälfte erzählt – nichts von den Albträumen, die sie heimsuchten, in denen Caroline ihr wieder und wieder entglitt, in denen sie alles tat, um sie retten, und es doch nie genug war.
Trotzdem wollte sie wieder raus, wollte sie in ihren Job zurück. Was blieb ihr denn sonst noch, nach Carolines Tod? Ein hübscher, langweiliger Bürojob, in dem ihre größte Herausforderung die Untiefen der Gerüchteküchen sein würden?
Vielleicht war das ohnehin der Plan. Ihr einen so unzumutbaren Posten anbieten, dass sie lieber gleich ging. Angeeckt war sie schließlich schon oft genug.
