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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2025-09-27
Words:
1,357
Chapters:
1/1
Hits:
8

Umkehrgrenzpunkt

Summary:

"Du hältst das Tranchiermesser fest umklammert. Unter der langärmeligen Regenjacke ist es kaum sichtbar, doch du hättest wohl wild damit wedeln können und niemand hätte es je bemerkt. Die Autofahrer schauen nach vorne, die Fußgänger nach unten und du schaust nach oben, zum Himmel."

Notes:

Eine kurze, intensive Geschichte im Stil der klassischen Kurzgeschichte, verfasst in der zweiten Person, Präsens.

Work Text:

Regen peitscht den schmutzigen Boden. Festgetretenes Papier löst sich von Asphalt und verschwindet nach kurzer, taumelnder Fahrt hinter gurgelnden Einlaufgittern, die Farben und Gerüche aller weltlichen Dinge mit sich hinabspülend.

Autoreifen versprühen funkelnde Fontänen, vor denen sich die Passanten zu schützen versuchen; unter Schirmen kauernd; den Blick fest gen Boden gerichtet, um nicht in die Pfützen zu sinken.

Ist es nicht seltsam? Die Zeitung von gestern durchweicht im Abfalleimer von heute und alle warten gebannt darauf, dass der Regen morgen vorbei ist.

Du hältst das Tranchiermesser fest umklammert. Unter der langärmeligen Regenjacke ist es kaum sichtbar, doch du hättest wohl wild damit wedeln können und niemand hätte es je bemerkt. Die Autofahrer schauen nach vorne, die Fußgänger nach unten und du schaust nach oben, zum Himmel. Tropfen hämmern auf deine Haut und du schließt für einen Moment die Augen.

Als du sie wieder öffnest, steht ein Fremder neben dir, hier an deinem Umkehrgrenzpunkt; seitlich der viel befahrenen Hauptstraße und gegenüber der Haltestelle, an welcher, falls man der Anzeige trauen kann, in exakt acht Minuten ein Bus hält.

„Lange nicht gesehen. Danke, dass du auf mich gewartet hast.“ Der Fremde grient dich an, völlig ungeniert, wie du aus deinen Augenwinkeln feststellst. Er trägt weder Schirm noch Hut und nicht mal einen Mantel; die rote Theaterschminke läuft seine Wangen hinunter wie Blut. Du ignorierst ihn, blickst nach vorne. Sieben Minuten. „Gut siehst du aus. Abgesehen von, naja… Du weißt schon.“

Natürlich weißt du schon: Immerhin erträgst du dich jeden Morgen im Spiegel, siehst, wie der Schatten immer tiefer wird, der Glanz immer stumpfer. Der Fremde macht eine weitumfassende Geste, wobei er ins Taumeln gerät und den Schwung nutzt, um sich lachend im Kreis zu drehen.

Ein Auto fährt vorbei, viel zu dicht am Bürgersteig und genau durch die sprudelnde Abflussrinne. Der Wasserschwall schwappt über dich hinweg, in den feinen Ritzen deiner Regenjacke eisig zerfließend. Unwillkürlich erschauderst du.

„Oje, oje, oje-mi-ne“, säuselt der Fremde. „Mit solch ungeschickten Händen lässt sich Fleisch nicht besonders gut schneiden. Wärm dich lieber irgendwo auf. Dort hinten ist ein solch reizendes Café und du hast immer noch… etwa sechs Minuten, nicht wahr?“

Du schüttelst den Kopf und bewegst dich minimal auf der Stelle, um nicht so stark frieren zu müssen. Deine Finger sind steif, doch du wagst nicht, sie von dem Messer zu lösen. „Warum jetzt?“, murmelst du, den Blick starr auf die Anzeige neben der Haltestelle gerichtet. „Warum ausgerechnet jetzt?“

„Wann denn sonst?“ Der Fremde grinst noch immer; du spürst seinen durchdringenden Blick auf deiner Haut. „Dieser Tag! Dieser Ort! Sie eignen sich perfekt für ein ‚Ausgerechnet jetzt‘, sind wie gemacht dafür.“

„Du kommst zu spät.“ Deine Stimme klingt nicht so zweifelsfrei, wie sie klingen sollte. „Ich habe mich entschieden.“

Der Fremde macht eine wegwerfende Handbewegung. „Menschen ändern ihre Meinung andauernd. Du. Ich. Wenn wir uns damals für eine andere Route entschieden hätten, denkst du –“

„Hör auf.“ Deine freie Hand ballt sich zur Faust; sie zittert so stark wie die andere. Fünf Minuten.

„Ich war immer ganz gut in Latein, nicht wahr? Mal sehen, ob ich’s noch drauf hab. Vigilans… vigilantis… Vigilantismus, so war es doch, nicht? Oculum pro oculo… Zahn um scheiß fucking Zahn und so.“

Der Fremde bricht in irres Gelächter aus. Er krümmt sich dabei, so wie sein Gegenstück sich einst krümmte, bevor es auf regennass-glänzenden Boden sank und nie wieder aufstand.

„Ein Mensch opfert sich für einen anderen und der opfert sich für das Andenken des Menschen, der sich einst für ihn opferte. Preisfrage: Ist das ursprüngliche Opfer mehr oder weniger wert, wenn das konsekutive Opfer erbracht wurde? Ich frage für einen Freund. Übrigens finde ich –“

Der Fremde spricht munter weiter und du versuchst, seine Stimme auszublenden. Du beißt die Zähne aufeinander und hörst ihn immer noch; du kneifst die Augen zu und hörst – ihn – immer – noch.

„Also wenn du das Messer wegpackst, kannst du dir auch die Ohren zuhalten –“

„Du weißt nichts!“, bricht es aus dir hervor. Mehrere Passanten halten inne, drehen sich zu dir, die Lage sondierend, bevor sie zögerlich weitertrotten. Sie halten dich für einen von diesen Spinnern, die ab und zu die Beherrschung verlieren und austicken. Sie könnten nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. „Du hast keine Ahnung, wie es in mir drin aussieht!“

Die Hand um das Messer ist taub, jeder Atemzug wie splitterndes Eis. Dein Herzschlag dröhnt im Takt der schmelzenden Sekunden; vier Minuten noch und der Bus hat keine Verspätung. Der Fremde bewegt weiterhin seine Lippen, einem Singsang gleich, den triefenden Körper zum Klang imaginärer Dissonanzen bewegend.

„Nur noch ein klein wenig Geduld, meine Damen und Herren“, verkündet er, „Jungs und Mädels, dann ist es soweit. Die Würfel werden fallen, die Tore und Umschläge weit geöffnet... Hast du jemals innegehalten und dich gefragt, was ich von alledem halten würde?“

Es dauert, bis der Sinn der Frage zu dir durchdringt. Als es soweit ist, stößt du ein Keuchen aus. In deinem Inneren drängen sich hunderte komplexer Emotionsgebilde gegen den Damm aus Bitterkeit, den du so schnell erbautest und seitdem unter größtem Aufwand instand hältst. Das ist alles nicht fair. Das ist alles so sinnlos. „Warum bist du… und er ist…“

„So ist das Leben“, sagt der Fremde, als sei dies ein Fakt. „Die Welt ist ein seltsamer Ort, um lebendig zu sein.“

Du drehst dich zu ihm und siehst ihn an, siehst ihn zum ersten Mal richtig an, nicht nur flüchtig aus den Augenwinkeln wie ein Phantom, das du nicht loswirst.

Die wohlvertrauten Augen sind weit, gebrochen, die Haare schmutzig und zerzaust. Das Blut läuft seine Wangen hinab wie rote Theaterschminke. „Was würde ich zu dir sagen“, spricht die Erinnerung einer Stimme aus seinem Mund. „Was würde ich von dir wollen, wenn ich jetzt vor dir stände, in diesem Moment?“

Du denkst darüber nach. Aus vier Minuten werden drei, unbemerkt. „Ich weiß es nicht…“ Die Welt um dich herum zerfließt; Tränen laufen dein Kinn hinab und fallen wie Regen zu Boden. „Ich weiß nur, dass ich dich schrecklich vermisse. Jeden verdammten Tag.“

„Und das ist völlig normal, ganz natürlich, aber denk nach.“ Der Fremde mustert dich eindringlich. „Geh tief in dich. Du weißt es doch, oder? Streng dich an. Du weißt es.“

Und er hat recht. Tief in deinem Inneren kennst du die Antwort: „Wirf dein Leben nicht weg.“ Die Worte hallen nach, periodischen Schwingungen gleich, bis sie die Eigenfrequenz des Dammes treffen und die Bausubstanz bröckeln lassen. Ein Schauer jagt deinen Rücken hinab, dann ein zweiter; dein ganzer Körper erbebt. „Lebe dein Leben… für uns beide.“

Der Fremde nickt enthusiastisch. Ein Funkeln liegt in seinen Augen.

„Aber ich weiß nicht, wie.“ Deine Stimme ist so brüchig wie deine Barriere. „Manchmal bin so voller Hass, dass ich kaum atmen kann. Dann wünsche ich mir einfach, dass alles endet.“

„Auch das ist völlig normal.“ Ein Flüstern, nicht mehr als ein Säuseln im Wind. Doch jedes Wort dringt in deine Risse. „Doch du kannst lernen, loszulassen. Du kannst lernen, neu zu beginnen. Und mit der Zeit lernst du vielleicht sogar, zu verzeihen.“ Diese Zuversicht… Diese verdammte Hoffnung in seiner Stimme. „Willst du es nicht versuchen? Für mich?“

Du antwortest nicht, blickst ihm bloß in die Augen. Doch auf seinem Gesicht breitet sich dennoch ein Lächeln aus; es gleicht Licht, das durch eine dichte Wolkendecke nach unten dringt. Während du deine Hand nach ihm ausstreckst, führt er die seine zur Brust und neigt den Oberkörper nach vorne, einem stillen Abschied gleich.

Deine Finger greifen ins Leere… Und du triffst eine Entscheidung.

Nicht mal eine Minute später hält ein Bus an der Haltestelle. Menschen steigen aus, gehen ihrer Wege. Einer von ihnen trägt eine Tasche ¬– Sein einziges Hab und Gut für viel zu kurze Zeit. Er schaut nach oben, zum Himmel. Tropfen hämmern auf seine Haut. Er schließt die Augen..., bevor auch er seiner Wege geht, ein neues Leben beginnend. In Freiheit.

Regen peitscht den schmutzigen Boden. Festgetretenes Papier löst sich von Asphalt und verschwindet nach kurzer, taumelnder Fahrt hinter gurgelnden Einlaufgittern. Dort, in der Rinne, liegt ein herrenloses Tranchiermesser, frisch geschärft.

„Ist es nicht seltsam?“, wird sich fragen, wer auch immer es dort findet; an deinem Umkehrgrenzpunkt, wenn der Regen vorbei ist.

Vielleicht ja schon morgen.