Work Text:
Thiel war komplett durchgefroren. Normalerweise wurde es in Münster nicht so kalt und der Schnee hatte noch sein übriges getan. Sie waren den ganzen Tag draußen unterwegs gewesen. Thiel klopfte sich den Schnee von den Klamotten und betrat seine Wohnung, während Boerne in seine eigene Wohnung verschwand. Er freute sich darauf, sich gleich auf sein Sofa zu kuscheln und sich aufzuwärmen. Die Heizungen hatte er alle hoch gedreht, bevor er gegangen war, damit die Wohnung nicht auskühlte. Allerdings fühlte sich die Wohnung ziemlich kalt an. Thiel legte eine Hand auf die Heizung. Kalt. Scheiße aber auch. Sie war definitiv an. Thiel lief durch die Wohnung und fand jede Heizung kalt vor. Schnellen Schrittes verließ er die Wohnung.
"Boerne!" polterte er noch bevor er die Klingel drückte. Dann wurde die Klingel aber doch auch noch misshandelt, bis die Tür aufging. Boernes Gesicht war noch rot von der Kälte, aber er hatte bereits die Jacke ausgezogen. Und in Boernes Wohnung war es warm.
"Meine Heizung ist wieder kaputt", erklärte Thiel, immer noch etwas aufgebracht.
"Das kann doch gar nicht sein", wandte Boerne ein und drängelte sich sofort an Thiel vorbei in dessen Wohnung, wo er anfing, durch alle Zimmer zu gehen und die Heizungen zu inspizieren. Schließlich schien Boerne fertig zu sein.
"Ich wollte gerade den Kamin anmachen, wollen Sie erstmal rüber kommen?" fragte Boerne schließlich.
"Ach? Kann es doch sein, dass meine Heizung kaputt ist?" fragte Thiel spitz.
"Ich rufe gleich einen Techniker an", sagte Boerne nur. Das reichte Thiel schon mal aus. Er suchte sich noch trockene Klamotten raus und zog sich um, bevor er zu Boerne ging, der gerade am Telefon war. Er schien also wirklich einen Techniker anzurufen. Thiel ging ins Wohnzimmer, wo tatsächlich schon ein Feuer im Kamin brannte und das Wohnzimmer war angenehm warm. Der Wollpullover, den Thiel angezogen hatte half auch sehr. Er war zwar immer noch durchgefroren und es würde etwas dauern, bis er wieder richtig warm war, aber das half schon mal. Er setzte sich aufs Sofa und wartete auf Boerne.
Boerne beendete das Gespräch, kam aber nicht ins Wohnzimmer, sondern hantierte irgendwas in der Küche rum. Kurz darauf kam Boerne schließlich ins Wohnzimmer, in den Händen hatte er zwei dampfende Tassen.
"Der Handwerker kann erst in drei Tagen kommen", sagte er, während er die Tassen abstellte.
"Hmpff, dann ist die Wohnung aber unbenutzbar in der Zeit, da kürze ich Ihnen die Miete."
"Tun Sie das", antwortete Boerne ruhig und Thiel blinzelte verwirrt. Boerne hatte bei sowas doch immer widersprochen, aber jetzt wirkte er ganz ruhig. "Sie können natürlich so lange hier bleiben und hier schlafen", fügte er noch hinzu. Vielleicht würde er die Miete doch nicht kürzen, war ja auch ganz schön hier. Und eigentlich hatte er das nur gesagt, um mit Boerne zu stänkern.
"Ich hab Kakao gemacht", sagte Boerne schließlich noch und deutete auf die Tassen auf dem Tisch. Dann nahm Boerne die Decke von der Sofalehne und setzte sich damit neben Thiel. Relativ nah neben Thiel. Er breitete die Decke über sich aus und hielt dann die Seite, auf der Thiel saß nach oben.
"Wollen Sie mit unter die Decke?" fragte er.
"Hmm", machte Thiel, rutschte aber näher, so dass Boerne die Decke über seine Beine legen konnte. Er lehnte sich vor und griff nach der Tasse. Sie war schön warm in seinen Händen. Seine Hände waren noch halb taub von der Kälte, da tat die warme Tasse gut. Boerne rutschte unter der Decke noch etwas näher an Thiel heran, so dass sich ihre Beine nun berührten und Thiel tat sein Bestes, sein schnell schlagendes Herz zu ignorieren. Er zog die Decke etwas höher und sie saßen schweigend zusammen, nippten an ihrem Kakao. Thiel sah dabei ins Feuer, das Knistern und die Bewegungen der Flammen waren beruhigend. Ihm wurde nach und nach wärmer und es war wirklich gemütlich. So ein Kamin hatte wirklich was für sich. Sah auch edel aus, hier in Boernes Wohnung. Er stellte schließlich seine leere Tasse neben die von Boerne und lehnte sich wieder zurück. Und irgendwie lehnte er plötzlich gegen Boernes Schulter. Der sagte nichts dazu, im Gegenteil, er hob seinen Arm und legte ihn um Thiel. Okay, sie taten das nun also. Und Thiel wollte es auch. Er rutschte noch etwas näher an Boerne heran und Boerne drehte seinen Oberkörper, so dass Thiel nun gegen seine Brust lehnte. Dann kamen Boernes Arme unter Thiels Armen hervor und Boerne umarmte ihn von hinten.
Wie lange war es her, dass jemand ihn gehalten hatte? Dass er mit jemanden gekuschelt hatte? Ewig. Er hatte keine Ahnung. Jahre. Und er hatte nicht wirklich bemerkt, dass er es vermisst hatte, erst jetzt, in Boernes Armen merkte er es. Und er spürte Gefühle hochkommen, von denen er nicht wusste, dass er sie hatte. Boernes Kopf berührte seinen von der Seite. Thiel schloss die Augen und versuchte, sich einfach nur darauf einzulassen. Er spürte ein Brennen in seinen Augen, als sich Tränen ihren Weg nach draußen suchten. Er würde doch jetzt nicht weinen.
Thiel legte eine Hand auf eine Hand von Boerne, die auf Thiels Bauch lag. Seine Finger rutschten zwischen Boernes Finger und er griff zu, vielleicht ein bisschen stärker als nötig, aber er wusste nicht wohin mit seinen Gefühlen.
Und dann schluchzte er. Scheiße. Er würde doch jetzt nicht heulen nur weil Boerne ihn umarmte. Doch, scheinbar schon, denn eine Träne lief ihm über sein Gesicht.
"Weinen Sie?" fragte Boerne.
"Nein", schluchzte Thiel. Das war furchtbar peinlich und seine Antwort war ganz offensichtlich eine Lüge, was auch Boerne bemerkte. Er lehnte sich um Thiel herum und strich ihm die Träne von der Wange, das ließ Thiel nur erneut aufschluchzen. Er spürte, wie sich seine Brust zusammen krampfte. Er hatte es vermisst, er hatte nicht mal gewusst wie sehr und jetzt kam alles irgendwie hoch. Er richtete sich auf und rutschte etwas weg von Boerne. Dabei wollte er so unbedingt von ihm gehalten werden. Verärgert wischte er sich die Tränen aus den Augen. Boerne legte eine Hand auf seine Schulter.
"Was ist denn los?" fragte er, seine Stimme überraschend sanft. Thiel schniefte nochmal und sah Boerne an, der ihn aus großen, besorgten Augen ansah. Schnell sah Thiel nach vorne, fixierte das Feuer im Kamin mit seinen Augen, bloß nicht Boerne ansehen.
"Ist schon lange her, dass… also naja…" er gestikulierte vage.
"Dass jemand Sie in den Arm genommen hat", schlussfolgerte Boerne.
"Ja", antwortete Thiel kurz angebunden.
Boerne legte seinen Arm wieder um Thiel und zog ihn ganz sanft wieder an sich. So leicht, dass Thiel einfach dagegen halten könnte, aber er ließ sich einfach gegen Boerne ziehen. Boerne drehte sich komplett zur Seite, zog Thiel näher und ließ sich dann nach hinten fallen, so dass er nun auf dem Sofa lag und Thiel auf ihm. Thiel drückte sein Gesicht in Boernes Schulter, die Tränen kamen immer noch und es war ihm verdammt peinlich, aber es fühlte sich auch verdammt gut an. Boerne zog die Decke wieder über sie und strich ihm sanft über den Rücken, bis er irgendwann aufhörte zu weinen.
Thiel drückte sich etwas hoch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
"Tut mir leid", nuschelte er peinlich berührt. Aber Boerne lächelte und strich ihm über die Wange. Seine grünen Augen sahen ihn so liebevoll an.
"Muss dir nicht leid tun", sagte er leise, seine Stimme klang rau. Thiel schmiegte sich automatisch in die Berührung. Er brauchte das wirklich so dringend, dass ihn jemand berührte, dass Boerne ihn berührte.
"Okay", sagte er und lehnte sich herunter. Kurz vor Boernes Gesicht stoppte er, sie sahen einander in die Augen, er spürte Boernes Atem auf seinen Lippen.
"Was ist jetzt?" flüsterte Boerne. "Küsst du mich oder nicht?"
Und dann küsste Thiel ihn endlich. Und Boerne erwiderte den Kuss. Sie küssten sich langsam und vorsichtig. Mussten sich beide erst mal daran gewöhnen, was hier passierte.
