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>> Mike POV <<
Die großen Säulen prangten nur so vor mir. Über meiner Schulter hing ein kleiner Rucksack, ich hatte noch nicht so recht gewusst, was ich alles einpacken sollte, darum war er so gut wie leer. Nervös krallte sich meine Hand in das Band, als wäre es mein letzter Lebenshalt.
Kurz wollte ich mein Handy herausholen und verängstigt meinem besten Freund schreiben. Aber wie würde das rüberkommen? Besser, ich machte das nicht.
Ich zögerte lange, in das Gebäude zu gehen. War das wirklich der rechte Ort zur rechten Zeit? Extra war ich früher aufgestanden, um der Erste zu sein. Nun allerdings trieben die anderen Studenten schon von allen Seiten ein, so lange stand ich schon am Treppenansatz. Alle gingen rein, also setzte ich mich auch in Bewegung.
Mit jeder hinaufgestiegenen Treppenstufe wurde ich etwas selbstbewusster. Ich würde das schaffen. So wie ich es geschafft hatte, mein Abi zu bestehen, so wie ich es geschafft hatte, auf Social Media groß zu werden. Ich würde es schaffen, Informatik zu studieren. Ich würde die Lehramtsprüfung schon irgendwie bestehen.
Heute war erst der erste Tag, ich sollte mir noch keine großen Gedanken machen.
Ich kam in eine große Halle. Alles um mich herum schien überwältigend. Ich war immer noch eine Stunde zu früh für meinen ersten Kurs. Was sollte ich so lange machen? Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass sich die Zeit wirklich nicht verflüchtigt hatte. Ich mit meiner gewohnten Sprunghaftigkeit begann mich zu langweilen, kaum dass ich stillstand. Fragmentarisch sah ich mich nach bekannten Begriffen um. Alles war so fachmännisch ausgedrückt, ich verstand nichts. Nichts, bis auf eine Anschrift: Bibliothek.
Ich war nie ein großer Leser gewesen, aber was blieb mir wohl anderes übrig? In den Hörsaal konnte ich ja wohl kaum schon gehen.
So trottete ich an einen Ort, in dem ich mich nie freiwillig gesehen hätte. Eine einladende Tür, geschmückt mit Ornamenten, markierte den Eingang. Nach einem kurzen Herunterdrücken der Klinke ging eben jene Tür auf.
Mir kam der Geruch von frischem Papier entgegen. Ich saugte alles auf, was zu sehen war.
Ein großer, majestätischer Raum mit vielen Regalen war es. Von dem einen philosophischen Namen bis zum Nächsten, von denen ich keinen kannte, war alles vorhanden.
Hinter einem großen Pult mit einem großen Computer darauf saß ein unscheinbarer Bibliothekar, anscheinend auf seine Arbeit am Computer vertieft. Man konnte von ihm nicht viel ausmachen, weswegen ich mich direkt weiter umsah.
Nahe seines Pultes stand ein großer, runder Tisch mit gemütlichen Sesseln als Sitzebenen.
Es schien leicht beiges Licht durch den Raum. An manchen Ecken standen Pflanzen. Eine angenehme Atmosphäre herrschte hier drinnen. Hier könnte man es aushalten. Warum hatte ich nie eine Bibliothek besucht?
Ich schien so sehr zu früh zu sein, hier war genauso wenig etwas los wie vor 10 Minuten noch vor dem Universitätskomplex.
Ich ging auf den Tisch zu und ließ mich auf einen der Stühle fallen.
Könnte ich hier mein Handy benutzen? War das verboten? Bestimmt.
Würde es einen schlechten Eindruck machen, in einer Bücherei zu fragen, ob ich hier surfen kann? Sicher.
War es mein erster Tag und ein guter Eindruck wäre Willkommen?
Ja klar.
Machte ich es trotzdem?
Natürlich.
So schnell, wie ich mich setzte, stand ich auch wieder auf und lief auf den Bibliothekar zu. Meine Tasche ließ ich am Platz liegen.
Kurz vor dem Arbeitsplatz blieb ich stehen.
Wenigstens höflich könnte ich mich ja ausdrücken.
„Ähm.. Entschuldigen Sie? Darf ich sie etwas fragen?"
So schlecht war das doch gar nicht, oder?
Zuerst sah es danach aus, als würde er mich ignorieren.
Ich sah sein Gesicht immer noch nicht. Er schien noch jung zu sein, trug eine moderne Cappie tief ins Gesicht gezogen und schien fokussiert auf den Bildschirm vor ihm. Eine Brille mit runden Gläsern trug er auch, das ließ ihn schlau wirken.
Er erinnerte mich an irgendwen.
Ich stand so nah bei ihm, ich konnte ihn glatt riechen. Er roch... bekannt. Es war komisch. Alles hier an der Uni war neu, nur hier, an einem Ort, den ich so in der Art noch nie gesehen hatte, kam mir etwas bekannt vor? Wie komisch.
Ich konnte den Mann sein Gesicht leicht verziehen sehen.
Ihn zu fragen war wohl doch keine gute Idee gewesen. Ich hatte es hier offensichtlich mit einem Griesgram zu tun.
Leicht drehte er seinen zu Boden gesenkten Kopf und setzte an zu sprechen.
„Mike?"
Woher kannte der meinen Namen? Warum kam mir seine Stimme so bekannt vor?
Panisch tat ich einen Schritt zurück.
Er hob seinen Kopf.
Ich musste mich irren. Das konnte doch nicht sein.
Ich starrte ihn an. Er starrte mich an.
Ich sah brüchige, blonde Locken, eine abgerundete Nase und ein zu bekanntes Gesicht.
Das konnte doch nicht wahr sein.
Jeden hätte ich erwartet, nur nicht ihn.
Vor mir saß niemand anders als Hugo.
Der beste Freund, dem ich vorher noch schreiben wollte.
Ich hatte so viele Fragen, ich konnte sie nicht alle ordnen.
Was machte der Typ hier?
„HUGO?"
Schrie ich darum zunächst, anstatt einer Frage zu stellen. Ich war entsetzt.
„Was machst du hier?"
Was hatte der denn Mut, MICH das zu fragen?
„Was machst DU hier?"
konterte ich.
„Okay, okay erstmal ruhig."
Der. Will. Mich. Doch. VERARSCHEN?
„Was für ruhig, bro? Warum chillst du hier? Als Bibliothekar? Hugo, du hast viel zu erklären."
„Ja, das habe ich, aber real talk ruhig, bro. Leise. Erstmal, sag bitte nicht Hugo. So heiße ich hier nicht."
„Wie du heißt, hier so nicht? Bist du jetzt ein FBI-Agent?"
„Nein, nein, so ist das nicht. Es ist simpel: Die hätten einen bekannten Streamer einfach nicht genommen als Bibliothekar. Ich bin Tobi. Ok? Hab mich mit dessen Papieren beworben."
„WARUM ARBEITEST DU ABER HIER? UND WARUM WEIß ICH NICHTS DAVON?"
„Warte mal, warum schiebst du hier eigentlich alle Fragen auf mich ab? Du hast mir auch nicht erzählt, dass du studierst."
„Das ist was ganz anderes."
„Ach ja?"
„Ja. Jetzt lenk nicht ab und beantworte meine Fragen."
„Meine Eltern wollten, dass ich einen „Richtigen" Job mache, neben dem Streamen. Und es hat sich einfach nie die Gelegenheit ergeben, das zu erwähnen"
„Es hat sich nie die Gelegenheit dazu ergeben? Bist du nicht mehr ganz schippe? Du bist mein bester Freund. Sowas sagt man dem halt. Aber was denken sich deine Eltern eigentlich? Mit Streamen verdienst du das Dreifache!"
Langsam musste ich wirklich angepisst klingen. Wie konnte er mir so etwas nur so lange verheimlichen?
„Ich weiß. Aber sie haben schon recht, irgendwie. Wenn mal Falloff ist? Was mache ich dann? So habe ich wenigstens eine Base."
Er versuchte es mir noch ruhig zu erklären, ich hatte allerdings inzwischen aufgegeben.
„Weißt du was? Ich frag einfach nicht mehr."
Ich seufzte, er räusperte sich.
„Also, was war ihre Frage?"
Er sagte es bewusst neckend.
„Du Bastard siezt mich doch jetzt nicht."
Normal hätte ich mitgefeixt, aber gerade konnte ich es nicht ausstehen.
„Was war ihre Frage?", wiederholte er.
Der wollte mich doch verarschen.
„Lieber Herr Tobias."
Man konnte die unterdrückte Wut förmlich riechen. Ich packte ihn hinten am Kragen und zog ihn heraus aus seinem sicheren Platz, hinter der Theke hervor. Ich konnte sein Herz laut schlagen hören. Mein Mund wanderte an sein Ohr, ich hauchte ihm zu.
„Sie können mal meinen Arsch ficken, Sie kleiner, kleiner Bastard."
Damit warf ich ihn hart auf den Boden und versuchte leicht auf ihn einzuprügeln. Ernsthaft verletzen wollte ich meinen guten Freund nicht, doch in diesem Moment war ich nicht gerade gut auf ihn gestimmt.
Leicht stieß ich ihm in die Rippen. Ich machte einen Fehler, war kurz unaufmerksam, schon stieß er zurück. Natürlich tat er das. Er tat das immer. Dieser kleine Gremlin musste immer das letzte Wort haben.
„Sie werden schon noch sehen."
Er knurrte schon fast, als er das sagte
Wir rollten herum am Boden, versuchten Fäuste auszutauschen.
Ihm gelang es nicht, einen Schlag zu landen, mir gelang es nicht.
So rangen wir, während keiner so wirklich die Oberhand gewinnen konnte. Ich holte aus, verfehlte. Er sah meinen Schlag kommen, wich aus.
Wir blendeten alles aus. Das angenehm beige Licht, den Papiergeruch, die auch von innen verschnörkelte Tür, die Bücherregale. Alles. Es gab uns beide und unsere Fäuste, sonst nichts. Auch meine Angstgefühle waren vergessen. Meine Nervosität war wie weggeflogen.
Ich liebte dieses spielerische Rängeln. Ich liebte die Nähe zu ihm. Ich liebte Hugo, schon länger.
Gerne hatte ich ihn bei mir. So richtig glauben, dass er wirklich hier war, konnte ich jedoch nicht.
Ein Faustschlag, der mich traf, brachte mich zurück ins Diesseits. Er war hier, er war nahe bei mir.
Ich liebte, wie er mich immer ablenken konnte und wie er es immer schaffte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Meine Wut war verflogen. Ich wollte ihn nicht mehr schlagen. Also stoppte ich mit den hektischen Bewegungen. Blieb einfach nur über ihm thronend und ihn anstarrend am Verharren.
Seine Cap war heruntergefallen, die Locken sahen plötzlich nicht mehr brüchig, sondern engelsgleich aus. Die Brille lag bei der Kopfbedeckung, so konnte ich endlich seine Augen sehen, klar und deutlich. Seine wunderschönen, blauen Augen, darüber die süßliche, runde Nase.
Er hatte auch aufgehört sich zu bewegen, starrte mich einfach an. Er starrte mich zurück aus diesen wunderschönen blauen Augen an.
Es war da so eine Spannung. Halb unangenehm, halb angenehm war sie.
Ich sah weiter in seine Augen. Ich konnte sehen, wie die Wut längst verflogen war, so wie bei mir ebenfalls.
Von Überraschung oder Verwirrtheit war auch nichts mehr zu sehen.
Ich konnte aus den Augen lesen, dass er es bewunderte, wie ich es immer schaffte, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein.
Ich wusste, gerade war die rechte Zeit.
Ohne den Augenkontakt zu brechen, lehnte ich mein Gesicht immer weiter zu ihm hin. Immer kleiner wurde der Abstand, immer dichter wurde die Spannung. Mein Ziel sah so rosig weich aus, ich konnte mein Glück kaum fassen.
Kurz vor seinem Mund stockte ich. So sicher war ich nicht mehr.
Ich vernahm ein kleines Nicken.
Ich durfte.
Ich küsste.
Ich küsste ihn auf die Lippen.
Mein Bauch explodierte, nicht vor kassierten Schlägen, sondern vor Schmetterlingen.
Es war genau so, wie es in Hunderten uns umgebender Büchern geschrieben stand: Elektrisierend, beglückend und blühend. Es fühlte sich richtig an. Wie richtige Zugewandheit.
Es war alles andere als ruhig. Wir machten keine halben Sachen.
Unser Kampf war in Form von Zungenrangeln im Mund fortgesetzt worden.
Ich hatte nicht um Einlass gebeten, das hatte Hugo aggressiv gemacht.
Aber wir mochten es.
Wir waren keine einzelnen Personen mehr, wir waren eine Einheit.
Ich nahm ihn beim Nacken, zog ihn vom Boden hoch. Das alles, ohne den Kuss zu brechen. Ich konnte nicht genug von ihm bekommen. Wir küssten uns auch noch, als ich ihn in eine Umarmung zog.
Ich spürte ihn in den Kuss lächeln. Beim Spüren seiner Wärme, musste ich zurücklächeln.
Er nahm mein Gesicht in seine Hände, ich hielt unsere Körper weiterhin nah mit den meinen.
Alles war perfekt.
„Hier Professor! Ich konnte nicht hören, worüber sie geredet haben, aber der Mann hat Tobias in einen Kampf gezogen! Da sind sie!"
Warte was?
Ich riss meine Augen auf, von denen ich nicht gemerkt hatte, dass sie geschlossen gewesen waren.
Panik übermannte mich. Da waren Leute?
Jemand musste uns kämpfen gesehen haben, und dieser jemand schien petzten gegangen zu sein. Wie konnte man nur so stark alles um sich herum ausblenden? Innerlich verprügelte ich mich für meine Dummheit.
Hugo schien es nicht bemerkt zu haben. Er küsste einfach weiter.
Ich klebte so an ihm, es war schwer ihn wegzudrücken. Der Fakt, dass ich das eigentlich gar nicht wollte, machte es noch schwerer.
Er bemerkte, dass ich den Kuss nicht mehr erwiderte, so konnte ich mir eine fragende Miene auf seinem Gesicht vorstellen. Endlich schaffte ich es , mich loszureißen.
Es schien zu spät gewesen zu sein. Ein Professor und ein Student standen schon mitten im Raum. Der Student blickte verwirrt drein, der Professor genauso, nur etwas wissender.
Ich wandte mich Hugo zu. Räusperte mich.
„Ähm also... Hast du... Naja, haben sie... dieses Werk von Goethe, ehm, dieses Faust da? Ich würde.... Das gerne nochmal lesen."
Ich stotterte so stark wie nie zuvor. Goethes Faust, das war das einzige „schlaue" Buch, das ich kannte. Es war eine Pflichtlektüre in der 13. gewesen, das hieß aber nicht, dass ich es gelesen hatte.
Ich sah zum Professor, tat so, als hätte ich nicht eben noch vor seinen Augen mit einem Jungen geknutscht, lächelte ihm charmant und nervös zugleich zu.
Hugo folgte meinem Blick und begriff endlich.
„Ah, ja klar. Warte, das muss hier irgendwo sein."
Er stolperte drei Mal, als er von mir wich, und begann nun hektisch nach dem Buch zu suchen. Ich hätte ihn ausgelacht, wäre meine Brust nicht verdächtig eng.
Ich schaute weiterhin in Richtung des Professors.
Der schien leicht amüsiert zu sein.
„Meier, ich habe das im Griff, sie können gehen. Husch Husch."
Er wies dem Studenten den Weg nach draußen, womit der Junge die Bibliothek verließ.
„Wie heißen Sie?"
Ich schluckte.
„Morgenstein."
„Schön, Herr Morgenstein. Ich habe nichts gegen homoerotische Neigungen, nur würde ich es sehr begrüßen, wenn sie diese nicht in der Bibliothek oder der Universität ausleben würden. Heute ist ihr erster Tag, nehme ich an?"
Ich nickte. 90 Prozent seiner Wortwahl hatte ich zwar nicht verstanden, aber Zustimmung war immer gut.
„Gut, gut. Sie kommen mir nochmal davon. Aber Goedert!"
Hugo sah sich schnell um.
„Noch einmal ihre Pflichten vernachlässigen und am Universitätscomputer Minecraft spielen, und ich sag es dem Chef."
Damit, den Kopf schüttelnd und Grinsen verließ er den Raum.
Endlich konnte ich wieder frei atmen.
Minecraft spielen, wenn man arbeiten sollte? Ich Lächelte. Typisch Hugo.
Dieser sprach: „Das war Professor Haege, der Typ ist echt korrekt und hört sich lowkey bissl an wie Basti, findest du nicht? Professor für Geographie, Graphikdesign und Informatik."
„Trust wir haben den Großen Bastighg gesehen!"
Ich kicherte und beschloss, dem von „Basti" gesagtem nachzuforschen. Ich sah mir den Bildschirm an, und tatsächlich, Hugo stand dort, in seiner Craft Attack 13 Base.
„Du bist wirklich der randomste Typ aller Zeiten." Weiterhin kicherte ich.
„Du bist wirklich der süßeste Typ aller Zeiten." Guter Konter, Hugo.
Ich wurde rot.
Vielleicht war das doch nicht der perfekte Ort zur perfekten Zeit gewesen, vielleicht war das einfach die perfekte Person gewesen.
„Du musst zum Unterricht."
„Schade."
Ich setzte schon an zum Gehen, da wandte ich mich noch einmal um.
„Ach, meine Frage eben war, ob ich mein Handy benutzen könnte. Das brauchte ich aber doch nicht, bei einem so charmanten Bibliothekar."
„Du bist so ein Bastard Flirter."
„Werde dich auch vermissen"
Ich gab ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen, was uns beide rot werden ließ, und ging los, auf in meinen ersten Unitag.
Ich schritt durch die mit Ornamenten geschmückte Tür.
Ich war nicht mehr nervös.
Ich war verliebt.
Ein Unitagstart, den ich mir so nicht vorgestellt hatte, lag hinter mir.
Gewiss war es aber schön gewesen.
Ich lächelte.
