Chapter Text
Skinny Norris saß mal wieder so richtig tief in der Scheiße. Während diesmal wenigstens keine Schläger hinter ihm her waren, er keine Schulden zu begleichen hatte und ihm auch keine Elektroschocks drohten (Niemals wieder wollte er diese Schmerzen spüren. Nie wieder!), so war das, was er nun zu erledigen hatte, nicht viel einfacher.
Skinny brauchte einen Job, und diesmal einen legalen. Mittlerweile hatte er bestimmt ganz Rocky Beach abgesucht und niemand, wirklich niemand schien einen Job für ihn zu haben. Ihm blieben nur noch wenige Optionen. Die Stadtbücherei, Booksmith und die wahrlich schlimmste Option, über die Skinny nun wirklich nicht nachdenken wollte. Zu keinem Preis der Welt würde er bei McSherlocks Onkel um einen Job betteln. Nein. Obwohl Skinny sich nichts Langweiligeres vorstellen konnte, als in der Bücherei zu arbeiten. Er war viel zu unruhig, um die dort erwartete Ruhe zu wahren, noch dazu war er sich nicht sicher, ob man ihm dort überhaupt eine Chance geben würde. Auch Booksmith war kein idealer Arbeitsplatz für Skinny. Er hatte zwar als Kind gerne gelesen, aber seit er seine rebellische Phase begonnen hatte, zählte Lesen nicht zu seinen Prioritäten.
Skinny wog seine Optionen ab. Die Bücherei schloss er für sich aus, aber bei Booksmith würde er es versuchen. Fuck it, dachte er sich, Arbeit ist immer noch Arbeit. Das versuchte er sich zumindest einzureden.
Seit das Arschloch von einem Vater mit dem Skinny gesegnet worden war ihm unmissverständlich klargemacht hatte, dass er ihm niemals wieder unter die Augen zu treten braucht und auch keinen einzigen Cent mehr erwarten kann (nicht, dass Skinny jemals etwas von seinen Eltern erwartet hatte), war er finanziell auf sich allein gestellt. Seine erste Amtshandlung war also gewesen, alle Luxusgüter, die er besessen hatte, zu Geld zu machen.
Bei vielen Dingen war ihm die Trennung sehr leichtgefallen, da sie nur allzu deutlich die Werte seiner Eltern widerspiegelten. Prestige, Ego, IchbinwasbesseresalsihrunddaskönntihranmeinerUhrerkennen, etc. All das war Skinny schon lange egal gewesen. Nur eine Sache tat ihm sehr weh, als er sie abgeben musste. Seinem Camaro, Baujahr 1979, welcher mit seiner metallicblauen Lackierung immer so unglaublich toll in der Sonne geglitzert hatte, trauerte Skinny bis heute hinterher. Das Auto war sein ein und alles gewesen und eine der wenigen Entscheidungen, die sein Vater gutgeheißen hatte.
Nicht, dass Skinny damals schon großen Wert auf die Meinung seines Vaters gelegt hatte, nichtsdestotrotz musste er sagen, dass er stolz auf sich war, als sein Vater ihm anerkennend zugenickt hatte, nachdem er das erste Mal mit dem Camaro auf den Hof seiner Eltern gerollt gekommen war.
Arrogantes Arschloch, rief Skinny sich in den Kopf. Norris Senior konnte ihn mal. Er war sein eigener Mensch, er war erwachsen und brauchte seine Eltern und deren Anerkennung schon lange nicht mehr.
Er vermisste seinen Camaro konstant, die Wunde der Trennung war nie ganz verheilt. Sein aktueller fahrender Untersatz, wenn er denn mal fuhr, war geradezu erbärmlich. Wie so oft in den letzten Tagen erinnerte sich Skinny daran, dass er froh sein konnte, überhaupt ein Auto zu haben. Paul hatte ihm gnädiger Weise seinen alten Volvo 245 überlassen. Eigentlich auch ein ziemlich cooles Auto, wenn Skinny ehrlich war, nur dass dieser Wagen eine Grundsanierung dringend nötig hatte. Dafür fehlte ihm natürlich aber das Geld, siehe momentane Jobsuche. Aktuell freute Skinny sich einfach darüber, nicht noch auf das Niveau des Fahrradfahrens herabsinken zu müssen.
Der Volvo brachte ihn netterweise tatsächlich bis vor die Tür von Booksmith, wo Skinny ihn elegant in eine Parklücke rangierte. Wenn er eins konnte, dann war das Autofahren und darauf war er verdammt stolz.
Jetzt, wo er tatsächlich vor dem Buchladen stand, wurde er doch etwas nervös. Sollten sie ihn hier nicht nehmen, war er wirklich gearscht. Er wollte das hier doch gar nicht, das war ein Fehler, ein riesiger Fehler, er war zu nichts zu gebrauchen niemand wollte ihn er war zu viel zuvielzuviel!!!!
Atmen, verdammt noch mal! befahl er sich selbst. Ein und aus.
Ein…
…und aus.
Skinny schaffte das schon. Immerhin hatte er dem Inspektor nach seiner letzten Begegnung mit den Gesetzeshütern hoch und heilig versprochen, sich einen Job zu suchen.
Einen ehrlichen Job, Skinner, hatte der Inspektor gesagt. Ich möchte dich wirklich nie wieder in unseren Zellen sehen.
Und wenn ich mich nicht erwischen lasse? hatte Skinny gefragt. Der Inspektor hatte nur eine Augenbraue gehoben, die Skinny sehr deutlich wissen ließ, dass er eh immer erwischt wurde.
Daher sein Versprechen an den Inspektor.
Du hast es dir selbst versprochen, erinnerte ihn eine Stimme, die verdammt besserwisserisch klang.
Nun saß er also in seinem Auto vor Booksmith bei dem Versuch, sein Versprechen zu halten und versuchte nicht in Panik zu geraten. Er atmete noch einmal tief durch und stieg dann aus dem Auto.
Die Sonne schien, der Himmel war blau und es war rundum ein wunderschöner Septembertag. Skinny wollte nichts lieber tun, als sich in sein Auto zu setzen und zu fahren, zu fahren, zu fahren und nicht in den Rückspiegel zu schauen. Er strich sich durch seine Haare und rückte seine Sonnenbrille zurecht. Was konnte schon schiefgehen. Er würde jetzt da rein gehen, sein charmantestes Lächeln lächeln und sicherlich mit einem schlechtbezahlten Job in der Tasche den Laden verlassen. Ganz sicher.
Mit selbstsicheren Schritten ging Skinny die fünf Stufen zum Eingang hinauf (wenn er eins konnte, dann eine Selbstsicherheit ausstrahlen, die er beim besten Willen noch nie besessen hatte). Er betrat den Laden, schob sich die Sonnenbrille ins Haar und sah sich um.
Der Laden hatte etwas Gemütliches an sich, das Licht war warm, die Regale alt und es roch nach Büchern. Skinny fühlte sich fehl am Platz.
Hinter der Kasse saß ein Mädchen, vielleicht ein paar Jahre jünger als er, und tippte auf ihrem Handy herum. Sonst war der Laden leer. Klar, bei dem strahlenden Sonnenschein waren die meisten Leute bestimmt am Strand aufzufinden. Wenigstens hatte er kein Publikum, welches sich über seinen vermutlich kläglichen Versuch, einen Job zu bekommen, lustig machen konnte. Er trat an die Kasse heran und räusperte sich. Das Mädchen sah auf.
“... Ja?”, fragte sie und musterte ihn von oben bis unten. Ihre Abneigung war unverkennbar.
Scheiße, dachte Skinny. Bestimmt kannte sie ihn, wusste genau, mit was für Sachen er sonst in Verbindung stand. Egal. Er hatte eine Mission. Selbst wenn sie seiner Anfrage nur mit Gelächter entgegenkam, hätte er es wenigstens versucht.
“Hey, ääähm. Hi. Äh, also, ich… ich wollt fragen, ob ihr hier vielleicht noch ne Aushilfskraft oder so gebrauchen könnt?”
Sehr elegant, Skinny. Wirklich. So eloquent hast du dich selten ausgedrückt. Innerlich schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Nach außen hin bemühte er sich um sein freundlichstes und selbstsicherstes Lächeln. Vermutlich sah das gerade eher wie eine Grimasse aus.
“Skinny, richtig?” fragte ihn das Mädchen. Ihr Gesichtsausdruck war gefährlich neutral.
“Jep, genau der. Und du bist nochmal?” fragte Skinny betont höflich. Vielleicht lehnte er mittlerweile die Erziehung seiner Eltern ab, trotzdem fiel es ihm erstaunlich leicht, das Gelernte einwandfrei anzuwenden. Wie alte Schuhe, die ihm immer noch akkurat passten.
“Lesley. Lesley Dimple.”
“Freut mich deine Bekanntschaft zu machen, Lesley”, sagte Skinny und streckte ihr sogar die Hand hin. Er erkannte sich selbst fast gar nicht wieder.
Not macht erfinderisch, oder auch übertrieben höflich, dachte Skinny.
Zu Skinnys Überraschung schüttelte Lesley seine Hand tatsächlich und beäugte ihn interessiert.
“Nun, Skinny, ich bin hier zwar festangestellt, bin aber nicht in der Lage zu sagen, ob wir eine Stelle für dich hätten. Das müsste ich Mr. Smith fragen. Der ist zurzeit aber im Urlaub und kommt erst Ende der Woche wieder. Wenn du so lange warten kannst, würde ich ihn dann fragen.” Sie lächelte zwar nicht, ihr Tonfall zeugte aber davon, dass sie ihr Angebot ernst meinte. “Ich kann dir nur nicht versichern, dass wir tatsächlich jemanden brauchen.”
Skinny war etwas perplex. Er hatte mit einer Zusage oder einer Absage gerechnet. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, mit einer Absage. Mit einem Vielleicht und einem Warte ein paar Tage hatte er nicht gerechnet.
“Ääääh okay, ähm, Danke?”
Reiß dich zusammen, verdammt noch mal!
Er holte Luft. Lesley sah ihn erwartungsvoll an.
“Ich warte gerne bis Mr. Smith aus dem Urlaub zurück ist. Danke, Lesley.”
“Dank mir nicht zu früh”, antwortete sie. Irrte sich Skinny oder zuckte ihr Mundwinkel? “Ehrlich gesagt”, fuhr Lesley fort “bist du überhaupt nicht so, wie ich mir dich vorgestellt hab.”
Das überraschte Skinny. Sie musste seine Verwirrung wohl auf seinem Gesicht ablesen können.
“Naja, dein Aussehen passt. Haare gefärbt und wild, Style eher Punk und ein leichter Hauch von Zigarette.” Sie zählte seine Attribute an einer Hand auf. “Aber du bist deutlich höflicher als ich vermutet habe”, schloss Lesley.
Skinny trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Ihm war die ganze Situation ja eh schon unangenehm genug, musste sie ihn da jetzt auch noch so durchschauen? Sein altes Ich, was er wohl noch nicht weit genug hinter sich gelassen hatte, hätte jetzt irgendeine Beleidigung rausgehauen und wäre aus dem Laden gestürmt. Mit Tür Knallen, versteht sich. Aber Skinny hatte ein Versprechen gegeben und vor ihm lag der erste potenzielle Job, der ihm auf seiner Suche untergekommen war. Diese Chance wollte er auf keinen Fall vermasseln. Also schluckte er seinen alten Instinkt runter und atmete nochmals tief durch.
“Nun, Lesley. Ich weiß ja nicht, was du alles über mich gehört hast, aber ich bin jetzt ein neuer Mensch. Keine Gaunerei mehr! Absolutes Ehrenwort!” Sein zweiter Instinkt, wenn ihm etwas unangenehm war, war anscheinend, die Dinge zu übertreiben.
Man lernt auch immer was Neues über sich, dachte Skinny.
“Ach wirklich?” sagte sie, und diesmal täuschte sich Skinny nicht. Sie lächelte wirklich für einen kurzen Augenblick. “Sagen wir es so, was ich bisher von dir gehört habe, hat ein entschieden anderes Bild gemalt.”
Auch wenn ihr Ton wieder ernster geworden war, ihr Gesicht blieb offen und ehrlich neugierig.
“So?”, fragte Skinny. Nun war er tatsächlich neugierig, was für ein Bild sie von ihm hatte. Er trat noch einen Schritt näher an den Kassentisch und lehnte sich gekonnt lässig mit seinen Unteramen darauf. Dieses Gebiet war ihm schon deutlich vertrauter. “Dann erzähl doch mal von diesem gefährlichen Skinner Norris”, drängte er sie verschmitzt.
Gerade als Lesley ansetzen wollte, barst die Tür auf und drei Gestalten versuchten, gleichzeitig hindurchzukommen.
“Lesley!” rief eine Skinny nur allzu vertraute Stimme. Er erstarrte. War er gerade noch entspannt und hatte sich in Lesleys Anwesenheit zumindest nicht unwohl gefühlt, klingelten nun alle Alarmglocken in seinem Kopf. Skinny richtete sich auf und verschränkte defensiv die Arme vor seiner Brust.
“Lesley, du wirst nicht glauben, wie der Fall mit…”
Anscheinend hatten die drei nun bemerkt, dass Lesley nicht allein im Laden war.
Für ein paar Sekunden starrten die drei Skinny verdutzt an.
Skinny starrte zurück.
Jonas war der Erste, der sich wieder fasste.
“Skinny”, sagte er. Machte eine Pause. Dann, “Was machst du hier?”
Satzzeichen Nummer Zwei und Drei schienen sich auch langsam wieder zu fangen und versuchten anscheinend, mehr oder minder erfolgreich, nicht zu defensiv zu wirken.
Skinny lockerte systematisch seine Muskeln. Zuerst seine Schultern, dann seinen Rücken. Schließlich lehnte er sich betont lässig mit der Hüfte gegen den Kassentisch.
“Ob du's glaubst oder nicht, Jonas, auch ich darf mich in einem Bücherladen aufhalten,” entgegnete Skinny bissig. Seine gezwungen lässige Haltung hielt er nur mit größter Anstrengung aufmerksam. Die drei Schlaumeier waren wirklich die letzten, die er als Zeugen für seine Arbeitssuche dabeihaben wollte. Er musste raus hier, bevor er sich die Chance bei Lesley vergeigte. Sie schien offensichtlich eine Freundin der Schnüffler zu sein und er wollte die wenigen Sympathiepunkte, die er sich anscheinend bei ihr erarbeitet hatte, nicht sofort wieder verlieren. Ergo, schnell raus. Denn Skinny Norris und die drei Satzzeichen war nie eine gute Kombi.
An Lesley gewandt sagte er, “Ich geh’ mal eben eine rauchen, bin aber gleich wieder da.” Er hoffte, dass sie verstand, dass er ihr Angebot schätzte und nicht abhauen würde.
“Skinny, hey, warte doch!” hörte Skinny Jonas ihm noch hinterherrufen, doch da hatte Skinny sich schon an ihnen vorbeigeschoben und den Laden schon verlassen.
Draußen lehnte er sich an sein Auto, zog eine Zigarette aus seiner Schachtel hervor und zückte sein Feuerzeug. Sobald er den ersten Zug Rauch einatmete, fühlte er, wie sich ein Teil der Spannung löste. Zwar hatten die drei ihn überrascht, aber sie waren sich immerhin nicht an die Gurgel gegangen. Skinny hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen und die drei waren ja auch gar nicht seinetwegen da gewesen. Vielleicht blieb es einfach mal bei einer zufälligen Begegnung. Davon hatten sie in ihrer Bekanntschaft bisher nicht so viele von gehabt.
Den letzten Kontakt zum Trio der Neunmalklugen hatte er nach der Aktion mit den Puppen gehabt. Eine Episode, an die er sich nun wirklich äußerst ungern erinnern mochte. Er hatte sich da mal wieder auf einer wunderbaren Abwärtsspirale befunden. Jede Idee, die am Anfang noch so genial gewirkt hatte, hatte ihn am Ende wieder eingeholt und für nur noch mehr Probleme gesorgt. Er war wirklich froh, mit allen Gliedmaßen davongekommen zu sein.
Skinny musste sich eingestehen, dass Jonas’ Aussage dem Inspektor gegenüber ihn echt überrascht hatte. Nicht in hundert Jahren wäre er auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet Mr. Gesetzestreu Justus Jonas ihn in Schutz nehmen würde.
Um ehrlich zu sein hatte er seitdem richtig Respekt vor den Detektiven. Und ja, in diesem Kontext gestand er ihnen diesen Status zu, wenn auch nur in seinen eigenen Gedanken. Denn auch wenn die drei immer noch etwas naiv auf Skinny wirkten, so musste er doch auch ihre Erfahrung wertschätzen. Er wollte gar nicht wissen, wie oft Andrews schon entführt worden war, wie oft Shaw seine Angst überwunden hatte und wie vielen Waffen Jonas schon mit nichts als seiner logischen Art gegenübergestanden hatte. Die drei waren tough. Mutiger als Skinny waren sie sowieso.
Dieser neugefundene Respekt hatte ihn auch dazu verleitet, sie anzurufen. Der neue Skinny wollte jemand sein, der sich bei anderen bedankte, wenn sie ihm halfen. Und Jonas hatte wortwörtlich Skinnys Arsch gerettet. Vermutlich hätte er jetzt auch im Gefängnis hocken können. Tat er aber nicht. Und er würde einen Teufel tun diese Chance zu vermasseln. Daher auch die ehrliche Jobsuche.
Er war gerade dabei, seine zweite Zigarette anzuzünden, als Jonas nun doch den Laden verließ und zielstrebig auf Skinny zuging. Skinny richtete sich augenblicklich etwas auf und tastete nach seinem Autoschlüssel in seiner Hosentasche. Respekt ja, Vertrauen eher nein. Manche Sachen änderten sich eben nicht von jetzt auf gleich.
“Skinny,” setzte Jonas an. Er wirkte gefasster als im Bücherladen. “Lesley hat erzählt, dass du einen Job suchst.”
Jonas musste sehen, dass Skinny direkt ein scharfer Kommentar auf der Zunge brannte. Er hob die Hand und Skinny schluckte seine Gemeinheit erneut herunter. Er musste aufpassen, nicht, dass er zu schnell zu viele gute Gewohnheiten entwickelte.
“Sie hat außerdem erzählt, dass sie Mr. Smith zwar ans Herz legen wird, dich einzustellen, aber dass dieser erst am Ende der Woche wieder im Lande sein wird und sie weiterhin nicht garantieren kann, dass Mr. Smith tatsächlich einen Job für dich habe.” Hier stoppte Jonas kurz.
Skinny hob eine Augenbraue, verkniff sich aber jeglichen Kommentar. Er war zu interessiert daran, was Jonas ihm tatsächlich zu sagen hatte. Dieser schien nun aber doch etwas zögerlich geworden zu sein. Skinny blickte ihn weiterhin gespannt an.
“Nun ja, es ist so, dass mein Onkel auf dem Schrottplatz immer sehr gut Hilfe benötigen kann. Und ich meine, selbst wenn Mr. Smith dich einstellt, könntest du allerfrühestens nächste Woche hier starten. Onkel Titus braucht hingegen eigentlich immer Hilfe, also könntest du theoretisch bereits morgen starten. Und selbst wenn Mr. Smith dich dann nimmt, hättest du eine Woche mehr Arbeit.”
Am Ende dieses Wortschwalls atmete Jonas einmal tief ein. Nun war es wieder an Skinny, ihn anzustarren.
“Was ich damit sagen will, ist, du könntest ein paar Tage auf dem Schrottplatz arbeiten. Falls du willst.”
Skinny war baff. Das Erste, was seinen Mund entkam, war “Ich denke es heißt Gebrauchtwarencenter, Jonas.”
Innerlich war Skinny schon dabei, sich zu Ohrfeigen, als Jonas ein kleines, überraschtes Lachen entwich.
Jonas sah mindestens genauso überrumpelt über diesen spontanen Ausfall seines Urteilsvermögens zu sein, wie Skinny es war.
“Jetzt mal ehrlich Jonas”, begann Skinny, “du willst mich, euren allzeitgehassten Erzfeind, in Rufweite eures geheimen Clubhauses haben? Noch dazu in Zusammenarbeit mit deinem Onkel?” Eine völlig idiotische Idee, wie Jonas bestimmt gleich klar werden würde. Doch dieser überraschte Skinny erneut.
“Erstens, es heißt Zentrale und nicht Clubhaus. Zweitens, die ganze Erzfeindgeschichte können wir meinetwegen auch endlich mal streichen. Wir sind immerhin keine 14 mehr. Und drittens, ja, würde ich. Peter und Bob sind auch okay damit. Außerdem weiß ich, wie anstrengend die Arbeit sein kann. Ein Spaziergang ist das auf Dauer nicht. Und mein Onkel braucht die Unterstützung.” Jonas nickte, ganz so, als würde er sich selbst davon überzeugen, dass dies tatsächlich eine weitere von seinen genialen Ideen war.
“Also, was sagst du?” fragte er und sah Skinny erwartungsvoll an.
Skinny wünschte sich, er hätte andere Optionen. Außerdem wünschte er sich, dass ihm die Entscheidung nicht so leichtfallen würde. Doch heute schien sein Gehirn immer einen Schritt zu langsam zu sein. Bevor er sich versah, hatte er bereits genickt.
“Jonas. Du bist verrückt. Aber okay, ich nehme das Angebot an.” Danke, dachte Skinny sich. Doch er brachte es nicht über sich, sich so verletzlich und dankbar zu zeigen. Er mochte zwar ein neuer Skinny sein, doch war er immer noch Skinny Norris.
“Okay. Gut. Okay. Ich werde meinem Onkel Bescheid geben. Der wird sich freuen. Kannst du schon morgen starten? Und wie können wir dich erreichen? Am besten gibst du mir deine Handynummer. Dann kann Onkel Titus dich kontaktieren.”
Erstaunt stellte Skinny fest, dass er nicht der einzige zu sein schien, der mit dieser Situation doch etwas überfordert war. Irgendwie niedlich, dachte Skinny, und trat sich innerlich selbst. Jetzt bloß nicht weich werden. Du bist die Personifikation von cool and collected.
“Hast ‘nen Stift?” fragte er Jonas.
Wie der gute Detektiv, der er war, zog Jonas einen Kugelschreiber aus seiner Tasche und reichte ihn Skinny. In Ermangelung von Papier griff dieser Jonas Arm und schrieb seine Nummer darauf. Erstaunlicherweise machte Jonas keine Anstalten, seinen Arm wegzuziehen.
Hm, dachte Skinny.
Als er fertig war, steckte er den Stift wie selbstverständlich in seine eigene Hosentasche. Dann grinste er Jonas schief an.
“Na, wenn das dann geklärt ist, dann lass uns mal wieder reingehen. Sonst denken deine zwei Wachhunde noch, ich hätte dich entführt. Oder schlimmeres.” Ohne auf Jonas zu warten, ging Skinny wieder in Richtung Booksmith.
Nach ein paar Sekunden hörte er, wie sich Jonas hinter ihm in Bewegung setzte.
“Peter und Bob sind nicht meine Wachhunde,” empörte sich Jonas noch, da hatte Skinny schon die Tür geöffnet und winkte Jonas hindurch.
“Der Herr”, sagte er gekünstelt höflich und verbeugte sich sogar leicht. Eine Sache würde sich nie ändern. Skinny liebte es, die drei Oberbesserwisser aus dem Konzept zu bringen.
