Chapter Text
(i) L E O
Es war Punkt 18 Uhr, als Esther nach ihrer Jacke an der windschiefen Garderobe griff. Leo war der Einzige der aufschaute. Pia war immer noch vertieft in die Aufzeichnungen der Überwachungskameras und Adam... war vermutlich gerade auf der Suche nach Snacks und überhaupt nicht am arbeiten. Vielleicht war das der Grund, warum sie auf Leos fragenden Blick einging.
"Im Gegensatz zu euch, hab ich noch ein Privatleben und werde heute mal keine Überstunden machen."
"Oh, bist du etwa verabredet?" Selbst Leo, der sich sonst aus dem Privatleben und Klatsch und Tratsch des Kollegiums raushielt, schaute sie auf einmal absolut gespannt an. Vielleicht war es aber auch nur die Möglichkeit einmal kurz an etwas anderes als den aktuellen Fall zu denken, der ihn nachbohren ließ.
"Tatsächlich hab ich ein Date, ja." Jetzt schaute auch Pia neugierig auf. War ja klar. Aber sie konnte den beiden nicht böse sein. Nicht wenn sie so glücklich war wie in diesem Moment.
"So wie du strahlst, schätze ich, dass es was Ernstes ist?" Leo wirkte ehrlich interessiert. Natürlich war er das. So war Leo einfach. Und auch wenn Esther meist auf Abstand ging, versuchte Privat- und Arbeitsleben zu trennen, war das in diesem Team ein Ding der Unmöglichkeit. Und vielleicht war es auch an der Zeit, sie ein bisschen an ihrem Leben teilhaben zu lassen.
"Ja, ich mag sie... tatsächlich wirklich gerne." So laut ausgesprochen, war es ihr dann doch etwas unangenehm. Sie war zwar niemand, der versteckte wer sie war, allerdings war sie auch normalerweise niemand, der solche Sachen an die große Glocke hing.
Die breit grinsenden Gesichter machten es nicht besser. Esther konnte spüren, wie sie rot wurde. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie war kein verliebter, hormongesteuerter Teenager mehr. Sie wurde nicht rot. Und doch sprach die Hitze in ihren Wangen und das Flattern in ihrem Magen eine andere Sprache.
"Ja, dann - worauf wartest du noch? Dein Date wartet." Mit einer galanten Bewegung öffnete Leo ihr die Tür zum Flur. Dankbar, dass sie keine große Sachen draus machten, warf Esther sich ihre Jacke über den Arm. Leo zwinkerte ihr gutmütig zu. Er kannte sie manchmal besser als sie wollte.
"Und wehe, wir sehen dich auch nur eine Minute vor deiner nächsten Schicht wieder hier."
"Mach es jetzt nicht kaputt!" Aber Leo schob sie nur zur Tür hinaus.
"Viel Spaß!", riefen sie ihr hinterher. Manchmal wusste sie nicht, ob sie ihre Kollegen hassen oder lieben sollte. Aber sie hatte verdammtes Glück.
(ii) A D A M
"Hey, Baumann! Mensch, öfter hier?"
"Adam, meine Wochenende geht noch genau fünfzehn Minuten und bis dahin will ich auch nichts von dir hören!" Natürlich ignorierte er sie, holte zu ihr auf, besaß sogar die Dreistigkeit seinen Arm um ihre Schulter zu legen. Mit mehr Kraft als nötig schubste sie ihn von sich, eilte ins Gebäude, hoffte, dass die Tür ihm ins Gesicht knallen würde.
Wirklich, so früh von Adam Schürk genervt zu werden, sollte verboten werden.
"Warum denn so feindselig? Wurdest du von dem, der dich hier grad abgesetzt hat, etwa nicht gut durchgevögelt?"
Der Satz war auf so vielen Ebenen grenzüberschreitend und unprofessionell, dass Esther ihm eigentlich gar keine Antwort würdigen sollte. Doch dieses eine, kleine Detail wurmte sie. Es sollte sie nicht stören. Es sollte sie nicht mal interessieren, was Adam von ihr dachte. Und normalerweise kümmerte sie das auch nicht. Aber dieser eine Punkt...
Und ja, vielleicht wollte sie ihm auch einfach nicht das letzte Wort gönnen.
"Das geht dich zwar eigentlich einen feuchten Dreck an, aber im Gegensatz zu dir, krieg ich tatsächlich auch mal meinen Mund auf, wenn ich jemanden gut finde und himmel sie nicht nur mit sehnsuchtsvollen, blauen Augen an. Also ja, ich hatte ein sehr erfülltes Wochenende mit ihr gehabt, ich vermute mal du hast dagegen nur wieder traurig auf deinen Handybildschirm gestarrt und ihm doch nicht geschrieben."
"Erfülltes Wochenende mit ihr also, soso." Am liebsten würde sie ihm das süffisante Grinsen aus dem Gesicht schlagen. Warum genau hatte sie sich nochmal zu einer Antwort hinreißen lassen?
Diesmal drehte sie sich um und ließ ihn wirklich stehen. Sollte er doch das letzte Worte haben, dass all ihre Nerven blank lagen, noch bevor der Tag überhaupt angefangen hatte, war es nicht wert. Genauso wenig, wie eine Anzeige wegen Körperverletzung.
(iii) P I A
Pia stand vor dem Jahreskalender im Pausenraum und seufze tief.
"Was ist los? Dein nächster Urlaub noch so lange hin?" Sie drückte ihr eine Tasse des etwas besseren Filterkaffees in die Hand. Keine Ahnung, wie es möglich sein konnte, dass der Kaffee, der aus der selben Maschine kam, bei ihnen im Büro so gelinde gesagt scheiße schmeckte, hier im Pausenraum tatsächlich aber ganz annehmbar war.
"Nee, aber ich hab völlig vergessen, dass dieses blöde Sommerfest nächste Woche schon ansteht. Du suchst nicht zufällige noch eine Begleitung?"
"Fragst du mich gerade wirklich, ob ich deine Plus Eins für das Sommerfest sein soll, auf das ich auch eingeladen wurde?" Pia blinzelte sie zuckersüß an, nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und verzog das Gesicht. Schnell warf sie noch zwei Würfel Zucker in ihre Tasse.
"Jaah? Ich geh mal stark davon aus, dass du an dem Abend noch nichts vor hast, oder?" Esther musste lachen.
"Das nicht, aber ich hab tatsächlich schon eine Begleitung. Und sie freut sich unerklärlicherweise schon sehr drauf, weswegen ich sie auch nicht einfach so ausladen kann. Aber du kannst dich ja gerne trotzdem zu uns gesellen, wenn du das willst."
"Danke, Esther. Mal schauen... Vielleicht frag ich auch einfach Jessi von der Streife..."
"Gute Idee! Dann kann sie uns gleich erzählen, was da zwischen diesem Neuen... äh Bastian hieß der doch, oder? Na, was da zwischen dem und Michael vorgefallen ist." Pia sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Was denn?"
"Nichts. Ich find es nur spannend, wie du dir sofort alle Namen merken kannst, wenn es um sowas geht, du aber Monate gebraucht hast um Adams Namen drauf zu bekommen."
"Es ist Schürk."
"Touché."
"Naja egal, wen bringst du denn dann eigentlich mit? Kenn ich ihn? Oh, nein, warte- ist es diejenige, die dich gestern hier abgesetzt hat? Adam hat da was in die Richtung erwähnt." Esther überkam der Drang ihre Tasse nach einem gewissen blonden Kollegen zu werfen, der nicht mal im Raum war.
"Natürlich hat er das. Aber ja... Noémie wird mich begleiten." Pias Funkeln in den Augen war gefährlich. Fast genauso gefährlich, wie Adams Talent dazu, sie auf die Palme zu bringen. Nur, dass sie bei Pia definitiv darauf vertrauen konnte, dass sie Sachen für sich behalten würde, wenn sie sie darum bat.
"Und nein, ich werde dir jetzt nicht mehr erzählen. Wir müssen wieder zurück."
"Ich lad dich bei Gelegenheit mal auf ein Frühstück ein und dann wirst du nicht drum herum kommen! Ich will alles wissen!"
"Tu was du nicht lassen kannst." Das kleine Lächeln, konnte Esther sich allerdings nicht verkneifen.
