Work Text:
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Die Giraffensprache ist ein von Marshall B. Rosenberg entwickeltes Konzept der Gewaltfreien Kommunikation, das auf Wertschätzung, Empathie und respektvoller Interaktion basiert.
Als „Sprache des Herzens“ dient sie dazu, Konflikte friedlich zu lösen, indem Gefühle und Bedürfnisse klar ausgedrückt werden, ohne zu bewerten oder anzugreifen. Sie strukturiert Kommunikation in vier Schritten: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte.
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„Es interessiert doch sowieso kein Schwein, was ich brauche und ob ich etwas scheiße finde.“
Adam drückt sich in den angeblich magentafarbenen Sessel und schürzt missmutig seine Lippen. Sein Blick huscht kurz zu seinem Therapeuten, der wie immer geduldig aussitzt, was er ihm vor die Füße kotzt und dann seinen klugen Senf dazu gibt.
Gerade eben sprechen sie über das Thema Bedürfnisse und gerade eben hat Adam die Frage, ob er seine Bedürfnisse artikulieren würde, mit einem Nein beantwortet. Also weder so kurz noch so eloquent, aber da muss der wuchtige Mann mit dem noch viel wuchtigeren, schwarzen Schnauzer durch. Wenn Adam eine Schublade aufmachen würde, würde er Uzun in die des Sozialarbeiters für Folsterhöhe stecken. Da Adam aber Schubladen genauso hasst wie Schränke, tut er das nicht und tut sein Bestes, den Mann bereuen zu lassen, dass er jemals Psychotherapeut geworden ist.
Bislang erfolglos.
„Woher wissen Sie das?“
„Seh‘ ich.“
Seine Argumentation ist ebenso unschlüssig wie vorgeschoben und sie beide wissen das. Adam gibt zuerst nach und verschränkt die Arme eng vor seinem Körper, schützt sich vor allzu bitteren Wahrheiten. Früher hat es niemanden interessiert, was er gedacht und gebraucht hat, im Gegenteil. Sein Willen hat keine Rolle gespielt. Er hat im Laufe seines Lebens einen Workaround gefunden – einfach nichts sagen, dann kann auch niemand ablehnen.
Der nun auf dem Prüfstand eines dicken, schwarzen, sich hebenden Schnauzers steht, während Uzun seine Lippen öffnet.
„Wie wäre es, wenn Sie das ausprobieren? Kommunizieren Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen, Ihrem Freundeskreis, wenn Sie etwas nicht wollen oder sich mit etwas nicht wohl fühlen.“
Bullshit, denkt Adam. Was soll das schon bringen?
„Wie wäre es, wenn wir das zu Ihrer Hausaufgabe fürs nächste Mal machen? Sie versuchen das und dann sprechen wir über die Reaktionen Ihrer Mitmenschen?“
Adam hält das nach wie vor für Schwachsinn. Andererseits hat Uzun schon andere kluge Dinge gesagt, die Adam wider Erwarten geholfen haben. Doch das hier…das ist intim. Er öffnet sich doch dadurch und was, wenn sie ihn auslachen dafür? Wenn es lächerlich ist? Wenn sie nein sagen?
Er hat auch gelernt, dass nicht alles, was die Dreckssau ihm angetan hat, auch auf andere Menschen überklappbar ist.
Verdammte Logik. Vor einem Bungeesprung in einer indischen Großstadt hätte Adam weniger Respekt.
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Die erste Gelegenheit kommt schneller als gedacht und schneller als von Adam geplant.
Eigentlich wäre er gerne bei etwas Harmlosen geblieben, etwas, das nicht gleich wieder scheiß Erinnerungen an seine ebenso ätzende Kindheit und Jugend aufwirft. Aber nein. Es müssen Zähne sein. Ausgerechnet. Zähne.
So wie die Milchzähne, die die Dreckssau ihm gezogen hatte, bevor sie ausfallen konnten. Adam erinnert sich noch zu gut daran, wie er geschrien hat damals. Und wie er sie angucken musste, blutig in seiner Hand. Kleine weiße Stummel, so wie die auf dem Bild jetzt.
Adams Puls schießt in die Höhe, pocht in seinem Rachen und er versucht krampfhaft, das Bild nach hinten zu schieben, woanders hinzuschauen und zu ertragen.
„Versuchen Sie es“, brummt aber Uzun in seinem Hinterkopf und Adam knurrt innerlich. Der kalte Schweiß bricht ihm aus, als er die Lippen öffnet.
„Kannst das bitte wegnehmen, Esther? Leute ich träum von so `nem Scheiß, ausgeschlagene Zähne, das ist…“, presst er hervor und es ist mehr ein Flüstern als alles andere. Es klingt böse und barsch und eine Sekunde lang herrscht bei Esther, Pia und Leo überraschtes Schweigen.
Die Sekunde Unendlichkeit tauft Adam sie, weil sie sich zieht wie Kaugummi und er fast damit rechnet, dass er ausgelacht wird. Esther sieht in jedem Fall so aus und selbst Leos Augen sind groß, dabei sollte der ihn doch am Besten kennen.
Dann nimmt Esther das Bild weg und es ist für alle in Ordnung. Niemand sagt etwas, alle akzeptieren es ohne Kommentar. Adam begreift im zweiten Anlauf, dass es wirklich passiert ist. Er hat einen Wunsch geäußert, hat sich geöffnet und angreifbar gemacht.
Aber niemand hier hat ihn angegriffen. Sie haben ihn noch nicht einmal ignoriert. Sie sind auf ihn eingegangen.
Obwohl es Pia, Esther und Leo sind, vor allem Leo, ist Adam doch erstaunt und eine kleine, fast kindliche Stimme in ihm wagt Hoffnung in all der Sorge und Angst, dass es so sein würde wie früher.
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Dieser verdammte Fall geht an seine Nerven.
Dieses Dorf mitten in der Pampa mit seinen verschlossenen, unfreundlichen Bewohnern geht ihm auf die Eier. Jetzt schon. Vielleicht auch deswegen, weil Adam hungrig ist und vergessen hat, sich etwas mitzunehmen.
Hungrig ist er auch schon gewesen, als sie den Tatort besichtigt haben und er für einen kurzen Moment versucht gewesen ist, den Rest aus der Schokoladenpackung zu essen. Wäre Leo nicht gewesen und hätte Hennys warnender Blick nicht in seinem Rücken geprickelt, hätte Adam eventuell vielleicht…
Doch nein.
Also ist er hungrig und der Hunger in ihm ist nie gut. Wie auch die Erinnerung an seine Zähne ist der Hunger ein Erbe der Dreckssau und zentrales Motiv in Adams Leben. Er hat Angst vor dem Hunger, er fürchtet ihn auf eine irrationale Art und Weise. Eigentlich hat er immer etwas dabei, zumindest einen Kaugummi, doch jetzt ist da nichts. Nur Esther, Leo und sie in diesem gottverlassenen Ort voller Montagues und Capulets.
„Gibt’s in diesem Kaff eigentlich auch was zu essen?“, brummt er unwirsch, bevor er sich davon abhalten kann. Den dummen Spruch mal außen vorgelassen, aber das, was er hier tut, ist, einen Wunsch zu äußern. Sich zu exponieren und seinen Hunger zuzugeben.
Spätestens seitdem Leo ihm gestanden hat, dass er mit Pia und Esther über Adams schlimme Kindheit gesprochen hat, glaubt Adam, dass er transparent für die beiden Frauen ist und dass sie ihm konsequent verschweigen, was sie über sein ach so schlimmes Schicksal wissen. So reißt niemand einen dummen Spruch, wenn Adam den Tag über Dinge isst. Niemand guckt komisch, außer Esther, die es anscheinend für nicht gangbar hält, morgens um halb elf lauwarme, ungewürzte, sabschige Nudeln zu essen.
Mit Knoblauch.
Muss ihre französische Seele sein.
Adam bereut seine Worte, so geknurrt sie auch gewesen sind, keine Sekunde später. Auch wenn das mit den Zähnen gut gegangen ist, heißt das doch noch lange nicht, dass er jetzt wieder Schwäche eingestehen muss…zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden.
Idiot, schimpft er mit sich selbst, als er auf das triste Dorf starrt, das hinter der Baumreihe lauert und sitzt die einkehrende Stille im Auto aus. Aus dem Augenwinkel heraus sieht er, wie Leo über den Spiegel zu Esther schaut. Leo hat mit Sicherheit noch am Ehesten vor Augen, wie hungrig er seine ganze Jugend gewesen ist, wie viel er in sich hineingestopft hat, wenn Leo ihm etwas von Zuhause mitgebracht hat.
Er wird nichts sagen, oder?
„Die Schweiz. Da kann man was essen.“
Esther verarscht ihn. Natürlich. Etwas Kleines, Junges in Adam schreckt davor zurück und er hasst sich für den Stich, den es in seinem Magen verursacht. Hat er also doch Recht gehabt, es nicht zu tun, weil sich öffnen bedeutet, verletzt zu werden. War das Mal mit den Zähnen wohl die rühmliche Ausnahme.
„…so heißt die Dorfkneipe“, ergänzt Esther. „Da gibt’s meistens lauwarme Würstchen und alte Brötchen.“
Adam dreht sich nach hinten und mustert Esther, die ihn so herausfordernd anstarrt, als würde sie ihn umbringen, wenn er auch nur einen Ton dazu sagt. Will er nicht, keine Sorge, dafür läuft ihm aber das Wasser im Mund zusammen bei der Vorstellung an Würstchen im Brötchen. Auch wenn es keine Lyoner ist. Aber so richtig mit Senf und Ketchup.
Erst als er in das viel zu heiße, knackige und überwürzte Würstchen beißt und feststellt, dass das Brötchen dazu von vorgestern sein muss, gesteht Adam sich ein, dass es das zweite Mal ist, dass er etwas gesagt, sich geöffnet hat und dass niemand ihm dafür einen reingedrückt, ihn verspottet oder es ihm versagt hat.
Bei seiner verbrannten Zunge hilft das wenig.
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Mit Clemens Scherfs Tod endet noch gar nichts und nach einer Nacht des tiefen, traumlosen Schlafes geht es weiter. Leo ist deutlich erschöpft von den letzten drei Tagen und Adam weiß schon, dass seine Aufgabe am Wochenende sein wird, Leo mithilfe eines vorgeschobenen Bingewatch-Grundes an die Couch zu fesseln. Caros Hinweis, dass Adam sich einfach auf ihn setzen könnte, ist da auch wenig hilfreich, ganz im Gegensatz zu Adams seit Leos Entlassung aus dem Krankenhaus mutmaßlich gesteigerten Bedürfnisses, sich Serien anzuschauen.
Also nicht wirklich, aber für Leo macht er das.
Jetzt aber ist es Freitag und sie müssen nochmal los, weil die Kolleginnen und Kollegen von der Streife nicht alle Zeugenaussagen genommen haben. Es fehlen zwei, natürlich nicht von der gleichen Familie, sondern einmal Louis und einmal Feidt. Ohne sie ist das Bild nicht vollständig und ohne wird das auch nichts mit der schnellen, zielgerichteten Auswertung seiner Unterlagen, also geht’s nochmal in Richtung Hohenweiler für Leo und ihn.
Pia darf immer noch nicht und Leo lässt Esther nicht noch einmal in die Nähe des Dorfes, wie er ihr schon zu erkennen gegeben hat, kurz bevor er sie nach Hause geschickt hat für den Rest der Woche. Urlaub, oder in Kennerkreisen auch Zwangsurlaub genannt.
Es schüttet in Strömen und dicke Tropfen klatschen laut gegen die Scheibe, als Adam sich den Autoschlüssel nimmt und Leo stumm auffordert, mitzukommen. Dieser erhebt sich – ganz wie die Oma, die hinterm Steuer gesessen hat vor drei Tagen – schleppend und verlässt hinter ihm das Büro. Kurz vorm Aufzug bleibt er jedoch stehen und starrt nachdenklich erst nach draußen, dann auf Adams Hoodie.
„Geh mal deine Jacke holen, du wirst sonst noch klatschnass.“ Es ist der Teamleiterton, der ihn hier trifft und der Adam schnauben lässt. Er klemmt sich ein „Ja, Mama!“ und drückt den Fahrstuhlknopf.
„Adam“, wird er gemahnt und es juckt und kribbelt in ihm. Einfach ins Büro zurück zu gehen und die scheiß Jacke zu holen, wäre das Einfachste. Es würde ihm Diskussionen ersparen, wenn er sich einfach fügt. Aber genau da beginnt das Kribbeln und die innere Unruhe.
„Leo.“ Adam beginnt und vollendet nicht, was er eigentlich sagen will…was ihm auf der Zunge liegt. Geht schon. Passt schon. Oder ein einfaches, ausweichendes Brummen nebst aussitzen.
„Leo, stopp“, sagt er anstelle dessen und zwingt sich regelrecht dazu, Leo ins überraschte Gesicht zu sehen dabei. „Ich möchte nicht mit Jacke raus und es ist meine Entscheidung.“
Mutige Worte für jemanden, der die Konfrontation so lange scheut, bis es wie bei einem Vulkan aus ihm herausbricht, befindet Adam. Mutige Worte, die vermutlich zu Diskussionen führen. Leo ist so ein Mensch. Gut und gut gemeint sind zwei diametrale Gegensätze, aber bei Leo kumulieren sie sich manchmal zu einer unguten, zähen Masse.
Leo setzt an etwas zu sagen und lächelt erst einmal. Dann atmet er tief aus und nickt.
„Okay. Und entschuldige. Natürlich ist das deine Entscheidung.“
So einfach ist das. Adam blinzelt und ist sich in den ersten zehn Sekunden sicher, dass da nicht noch ein Nachspiel kommt. Aber das bleibt aus, Leo drückt noch einmal den Knopf zum Aufzug und geht nahtlos dazu über, über den Fall zu sprechen und die Aussagen, die sie noch einholen müssen. Er respektiert Adams Wunsch.
Und sitzt es kommentarlos aus, als Adam nach den Befragungen wie ein nasser, begossener Pudel neben ihm sitzt und sich die Sitzheizung auf volle Stärke anmacht, während das Autoaußenthermometer 20° anzeigt.
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Seine Wünsche zu formulieren, steht auf dem einen Blatt. Es ist mittlerweile gut beschrieben und Adams Erstaunen, das darauf folgt, wenn seinen Wünschen entsprochen wird, wird von Mal zu Mal ein Stück kleiner. Es wird normaler und weniger pulserhöhend. Es wird…Alltag.
Aber um Hilfe bitten, das ist es nicht. Hiernach zu fragen, hat etwas damit zu tun, dass Adam seine eigenen Bedürfnisse äußert und nicht nur versucht, die Probleme alleine zu lösen.
So wie jetzt. Er ist in die klassische Ikea-Falle getappt und steht nun vor seinem Auto, dessem trotz Größe zu kleinen Kofferraum und einer Ansammlung von fachmännisch gepackten Ikeapaketen, in denen sich sein neuer Schrank befindet. Groß, ausladend, ohne Türen. Weiß in weiß, damit ihn auch bloß nichts an den Schrank der Dreckssau erinnert, in dem er Zeit seiner Jugend eingesperrt gewesen ist.
Es passt nicht, so sehr Adam auch drückt und schiebt, versucht, Tetris zu spielen.
Schnaufend setzt er sich auf die Kante seines Kofferraumes und starrt frustriert den freudestrahlenden Menschen hinterher, die ihre Möbelstücke problemlos in ihre Autos bekommen. Er überlegt, ob er hineingehen und die Hälfte der Pakete zurücklegen lassen soll, damit er zweimal fahren kann. Dann müsste er niemanden behelligen.
Was eine gute Lösung wäre, wenn nicht Uzuns Stimme verdächtig originalgetreu in seinen Ohren klingeln würde. Die eigenen Bedürfnisse äußern und lernen, dass man sich auch auf Andere verlassen kann. Und dazu zählt wohl auch im Hilfe zu fragen.
Das Ding ist…Esthers französische Klapperkiste ist zu klein. Pia hat kein Auto. Da bleibt dann nur Leo. Mehr Menschen kennt Adam in Saarbrücken nicht gut genug, um sie um etwas zu bitten.
Adam knirscht mit den Zähnen. Eigentlich soll Leo sich noch schonen. Andererseits muss er ja nichts schleppen, das übernimmt Adam alles. Er muss ja nur fahren und das geht wieder gut. Mit jedem Tag wird Leo gefühlt einen Kilometer die Stunde schneller.
Er greift zu seinem Telefon und wählt Leos Nummer, die ohnehin ganz oben bei den letzten Anrufen steht. Adam wird es nicht laut zugeben, aber er kennt sie auswendig, was auch daran liegt, dass Leo seine Nummer nie geändert hat. Der Grund dafür ist umso traurig wie er bitter ist: damit Adam ihn erreichen kann, wenn er denn möchte.
Fünfzehn Jahre hat Adam für das Möchten gebraucht, heute ist er schneller.
„Hey, was ist los?“, fragt Leo etwas atemlos und Adam möchte wetten, dass er wieder trainiert.
„Zu viel Schrank für zu wenig Auto“, kommt er eher holprig zur Sache zu Sache und am anderen Ende der Leitung herrscht verwirrtes Schweigen.
„Das bedeutet?“ Da ist er schon wieder, der Ton von einem, der einen Fall lösen möchte. Typisch Leo ey.
„Ich steh hier beim Ikea und habe mir einen neuen Schrank gekauft. Das sind zu viele Pakete für meinen Wagen und ich will nicht zweimal fahren. Kannst du kommen? Ich lade auch dein Auto voll, du musst nichts machen.“
Leo gibt ein Geräusch von sich, als würde er abwinken. „Alles gut, ich mache ohnehin grad Krafttraining. Klar komme ich.“ Wusste Adam es doch. „Soll ich meine Mama mitbringen? Dann können wir den auch gemeinsam bei dir aufbauen.“
Sein Verhältnis zu Mutter Hölzer ist weitaus besser als das zu Vater Hölzer, aber das bedeutet nicht, dass Adam gleich im ersten Moment zustimmen wird. Auch nicht im zweiten. Erst im dritten macht er sich Gedanken darüber, wie er den über zwei Meter hohen Schrank alleine aufbauen wird und kommt zum Schluss, dass er Hilfe benötigt. Wieder ist es so einfach, auch wenn der Gedanke, dass er nicht gut genug ist, das Monstrum von einem Schrank nach Hause zu wuchten und es aufzubauen, beharrlich an seinem Selbstwertgefühl nagt. Wie auch der Gedanke, dass er anderen mit seinen Wünschen zur Last fällt.
„Okay“, haucht Adam und es ist eine Kriegserklärung an eben jenes, dummes Ich.
„Gib uns einen Moment, wir sind bald da.“
Was sie auch sind. Mit einem Lächeln, dem Pick-Up von Leos Eltern, mit dem seine Mutter meist durch den Urwald vor den Toren der Stadt fährt um sich um ihr Revier zu kümmern, und viel trockenem Humor, der es Adam leicht macht, dagegen zu halten.
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Seitdem Adam weiß, wie oft Pia an den Tod denkt, nimmt er sie oft unauffällig mit ins Leben und bietet ihr für schlaflose Nächte Gespräche an. Damit die Einsamkeit nicht ganz so schlimm ist und sie ein Ventil für die dunklen Gedanken hat, sollten diese zu stark werden.
Das bringt sie heute an die nächtliche Saar, in der die Lichter der umliegenden Fenster glitzern wie auf dem Wasser schwimmende Lampen. Es hat etwas Tröstliches und Vertrautes, denn nachdem die Dreckssau endlich im Koma gewesen ist, hat Adam die Chance genutzt, nachts vor der Enge des Hauses zu fliehen und ist auf Streifzüge gegangen, die ihm einen Hauch von Freiheit versprochen haben. Er hat Spielplätze heimgesucht und seine Kindheit nachgeholt. Er hat Steine in die Saar geworfen und den Wellen des Wassers hinterhergeschaut, er hat die Erwachsenen vor den Clubs beobachtet, wie sie in allen Stadien der Wachheit, der Nüchternheit und der Emotionen die dröhnenden Bässe der Diskos verlassen haben.
Zumindest für den Anfang hat es gereicht und ist anscheinend hängen geblieben.
Zeit genug hat er, denn Pia ist heute besonders tief in ihren Gedanken versunken, die immer ein Motiv haben: das Verlassenwerden, das Zurückbleiben, das einsam Sein. Mara und die Lücke, die sie in ihre Familie gerissen hat.
Ihre Schritte hallen gedämpft durch die Nacht und Adam kann den Spielplatz näherkommen sehen, auf dem er als Jugendlicher nachts geschaukelt hat. Er lächelt bei dem Anblick und fragt sich, ob er auch jetzt noch auf die schwarzen, in die Jahre gekommenen Gummisitze passen würde. Er verwirft den Gedanken wieder, hier geht es um Pia, nicht um seine Wünsche.
Als sie den Spielplatz erreichen, bleibt sie jedoch stehen und sieht zu ihm hoch. Wie weggeblasen ist ihr abwesender Blick und aufmerksam wartet sie. Worauf, weiß Adam nicht, bis er begreift, dass er in ihrem Fokus ist. Sie nickt stumm zum Spielplatz und die Botschaft ist klar, auch wenn Adam nicht wirklich weiß, wie sie darauf kommt.
Er hat doch nichts gesagt.
„Du siehst aus wie einer, der Spielplätze nie losgelassen hat“, erklärt Pia sich und Adam verflucht ihren scharfen Verstand, der, wenn er nicht grad durch Müdigkeit an den Ecken abgeschliffen ist, um so viel klüger ist als Adam selbst.
Er presst seine Zähne aufeinander. Sie hat Recht.
„Na los, geh schaukeln, ich verpfeif dich auch nicht bei Esther und Leo.“ Ihr Zwinkern ist ein Ausdruck ihres Wissens und Adam ist schier hilflos der Erkenntnis ausgesetzt, dass Wünsche und Bedürfnisse noch nicht einmal laut ausgesprochen werden müssen, um erfüllt zu werden. Es reicht, wenn sie ihm anscheinend ins Gesicht geschrieben stehen.
Das oder Pia ist Telepathin.
Was auch immer es ist, Adam stapft durch den nassen Sand, der natürlich in seine Sneaker dringt. Er setzt sich fast schmollend auf die Schaukel, die einen Ticken zu schmal ist für seinen erwachsenen Hintern. Danke, deutsche DIN-Norm zur Breite von Spielplatzschaukeln. Es tut ein bisschen weh, aber es geht und alleine das Vor- und Zurückschwingen der Schaukel beruhigt ihn von Sekunde eins an.
Adam lächelt und Pia lächelt zurück, bevor sie neben ihn kommt und sich auf die zweite Schaukel quetscht.
„Mara und ich haben früher auch immer geschaukelt“, beginnt sie und Adam hört aufmerksam zu.
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Ein Bedürfnis wird Adam aber im Leben nicht äußern.
Er ist ja nicht dumm und schon gar nicht mit dem Klapperbeutel gepudert. Und riskieren will er das Leben, was er jetzt hat, auch nicht. Da kann ihm sein Therapeut noch so oft sagen, dass es gut und wichtig ist, auszusprechen, was ihn beschäftigt.
Es ist gut und Adam hat das Gefühl, dass er endlich angekommen ist – in seinem Leben, in Saarbrücken, in einer Welt des Chaos und der Veränderungen. Er ist zufrieden mit seinem Job und somit wird er ums Verrecken, seinem Bedürfnis, Leo seine größer werdende und sich mittlerweile gewandelte Liebe zu gestehen, nicht nachkommen.
Niemals!
Auf Entfremdung und peinliche Begegnungen nach einem ins Leere gelaufenen Liebesgeständnis hat er keinen Bock.
Es ist mittlerweile Winter und Leo ist wieder voll auf dem Damm. Auch er hat, bis auf wenige, kleine Aussetzer, die Explosion gut überwunden und ist zu seiner vorherigen Stärke zurückgekehrt, die ihn, wie heute, rotbäckig und mit glücklichem Strahlen auf dem Hof seiner Eltern mithelfen lässt.
Es ist zwar erst Anfang Dezember, aber der Weihnachtsbaumverkauf hat ebenso begonnen wie das muntere Schneetreiben. Adam hat dieses Wochenende nichts Besseres zu tun und hilft somit auch mit, die Tannen fachgerecht an den Bienenstock namens Kundschaft zu bringen. Es ist wuselig und stressig und fordert ihm einiges an Muskelkraft ab, die er sich mühevoller Arbeit angeeignet hat. Nicht so wie sein Fitnessteamleiter, der körnigen Frischkäse nur anschauen muss um mehr Muskeln zu bekommen.
Trotz allen Trubels finden sie einen Moment der Ruhe und bleiben in einem Durchgang stehen, der nicht stark frequentiert wird. Schulter an Schulter, die Wärme des jeweils anderen durch die dicken Jacken kaum spürbar. Adam hält seinen warmen Kinderpunsch in den eiskalten Händen, Leo seinen Glühwein und in diesem Moment ist alles perfekt. Irgendwo dudelt verfrühte Weihnachtsmusik und das tiefe Lachen von Leos Vater schallt über den Hof.
„Geht’s dir gut?“, fragt er Leo und dessen grüne Augen strahlen mit der Farbe der Nordmanntannen um die Wette.
„Perfekt. Und dir? Ich hoffe, es sind dir nicht zu viele Menschen?“
Adam verzieht den Mund zu einer Grimasse und schüttelt den Kopf. „Macht gar nichts.“
Das ist nicht immer so, aber jetzt gerade jucken sie ihn nicht.
„Toll, dass du hier bist.“ Leos leise Worte sind wie Balsam auf Adams Seele und er strahlt – innerlich und wohlverborgen. Es sind Komplimente wie diese, die Adams Batterie nahtlos aufladen.
„Wo soll ich denn sonst sein?“, murrt er ein bisschen abwiegelnd, weil es sonst zu kitschig werden würde und alles, was ihm sonst dazu einfallen würde ein „Ich liebe, dass auch du noch da bist, obwohl ich dich fast verloren habe.“ wäre.
Leo nimmt seine Antwort als das, was sie ist und schmunzelt wissend. Er nippt an seinem Glühwein und Adam spürt, wie sich die Atmosphäre zwischen ihnen beiden verändert. Es ist, als würde sich die Welt auf sie beide zentrieren, nur auf sie. Der Geruch von Baumharz und Tannen wird zu einer Hülle und die Geräusche der lebhaften Betriebsamkeit Nebensache. Adam spürt den Shift, noch bevor Leo seinen Kopf auf seine Schulter legt.
Berührungen und Umarmungen sind normal für sie geworden, was nicht nur, aber auch, daran liegt, dass Adam Leos nackten Arsch von A nach B befördert hat im Badezimmer. Mehr als einmal. Das verbindet anscheinend und baut Hemmungen ab. Wenn ihnen danach ist, schauen sie auch eingekuschelt miteinander Filme auf der Couch oder raufen sich spielerisch. Alles normal also, was jetzt geschieht.
Auch, dass er nun seinen Arm um Leo legt und ihn an sich zieht. Wärme ist wichtig, vor allem im Winter.
„Adam?“
„Hmh?“
„…wir stehen unter einem Mistelzweig.“
Adam schielt nach oben und tatsächlich. Direkt unter dem Türsturz hängt das Mistding, wohl versteckt.
„Oh.“ Von allen Antworten, die er hätte geben können, ist es ausgerechnet eine Silbe, ein Vokal, der so nichtssagend wie vielsagend ist.
Leo wird unruhig und Adam kann spüren, wie sein Herz sich beschleunigt.
„Hast du…seit damals nie drüber nachgedacht, ob es nicht etwas wäre? Ich meine, wir, ob wir nicht etwas wären?“ Kein Wunder, dass die Frage so atemlos ist, denn Adam schießt alleine beim Hören der Puls in die Höhe. Wie muss es da erst sein, ins kalte Wasser zu springen und diese unmöglichen Worte auszusprechen?
Sie beide. Als Etwas. Beziehung auf neudeutsch, romance without a b für alle, die das Denglisch den Unternehmensberatungen nachmachen.
Adam schluckt. Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal, bevor er nickt.
„Doch schon“, gibt er zu und Leos Körper wird graduell noch weniger anschmiegsam. Noch versteift oder entfernt er sich nicht, aber Adam spürt wieder, dass sich etwas zwischen ihnen ändert. Leo hebt seinen von Adams Schulter und mehr als alles andere ist das ein Alarmzeichen für ihn, zu handeln.
„Aber ich war zu feige, dich zu fragen“, schließt er, bevor Leo noch auf falsche Gedanken kommen kann und sie sehen sich in die Augen. Die Welt bleibt auf sie konzentriert, zusammengeschrumpft und steht solange still, bis sie das hier besprochen haben.
„Oh.“ Na toll, jetzt kommt Leo auch noch damit. Was soll das denn jetzt heißen? „Aber abgeneigt wärst du nicht?“
Unmerklich schüttelt Adam den Kopf. „Nein, ganz im Gegenteil.“
Auch wenn tausend weitere Worte in seinem Inneren hin- und hertoben kann Adam nicht viel mehr sagen als das. Aber zum Glück hat auch Leo die Fähigkeit, das Mehr dahin zu erkennen. Das kurz erloschene Strahlen auf seinem Gesicht kehrt zurück, dieses Mal noch stärker, noch heller. Noch schöner.
So wie ihr zarter, vorsichtiger, kribbelnder Kuss, der besiegelt, was die Jahre vorbereitet und ein Mistelzweig in Stein gegossen haben.
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Ende.
