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Es dauerte einige Minuten, bis ich endlich damit aufhörte, Sterne zu sehen. In den letzten Minuten war der Tinnitus unerträglich geworden und machte es schwer, überhaupt irgendetwas wahrzunehmen. Schon wieder spürte ich diesen verdammten Druck auf der Brust, weshalb ich mich zur Sicherheit ins Bad verzogen hatte. Wenn ich schon zusammenbrach, dann wenigstens hier – allein, anstatt im Büro vor allen anderen.
Innerlich verfluchte ich mich selbst. Dafür, dass ich so schwach war. Dass ich nicht leisten konnte, was man von mir erwartete. Dass ich so lange gebraucht hatte, um endlich wieder arbeitstauglich zu werden und es nun trotzdem nicht reicht, um einen einzigen verdammten Tag durchzustehen. Mehrmals schlug ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und als auch das nichts brachte, lehne ich mich rücklings gegen die Wand und wartete, wartete darauf, dass sich irgendetwas ändern würde. Langsam aber sicher stieg Panik in mir auf, wofür ich mich nur noch mehr verurteilte. Erstens weil dies bedeutete, dass es noch länger dauern würde, bis ich diesen Raum wieder verlassen konnte und weil es schlicht und ergreifend erbärmlich war. Ich konnte spüren, wie sich meine Atemfrequenz beschleunigte, jedoch war es wenigstens ein kleiner Trost, dass das nicht an der Lungenembolie lag, sondern an der wachsenden Panikattacke.
Ich schlug mir die Hände vors Gesicht und zog an meinen Haaren, in der Hoffnung dieser Schmerz würde allen anderen unterdrücken, doch es half nichts, abgesehen davon, dass ich von meinem Umfeld nun gar nichts mehr mitbekam. Nicht einmal, als die Tür zum Bad geöffnet und vorsichtig wieder geschlossen wurde.
Erst Adams warme Hand auf meiner Schulter ließ mich aufschrecken. Ruckartig hob ich den Kopf, was die langsam stärker werdenden Kopfschmerzen nicht gerade besser machte, und ich konnte sehen, dass er sprach, jedoch kamen die Schallwellen nicht gegen den Ton in meinen Ohren an.
„Ich… höre nichts.“ Brachte ich zwischen zwei Atemzügen hervor, bedacht leise, da ich angesichts des Lärms in meinem Kopf nicht abschätzen konnte, wie laut ich sprach. Adams Gesicht veränderte sich vor mir von Sorge in Angst und ich sah ihm förmlich an, wie hilflos er sich fühlte. Übelnehmen konnte ich es ihm nicht, schließlich war er nicht der Einzige, der nicht wusste, wie man mit so etwas richtig umgehen sollte. Inzwischen spürte ich meinen Puls in meinem Hals und nahm gar nicht mehr wahr, wie sehr ich eigentlich nach Luft schnappte, bis Adam nach meiner Hand griff und sie vorsichtig auf meine Brust legte, seine eigene direkt darüber.
Einen Moment lang wusste ich nicht, was er damit erreichen wollte. Dann nahm er meine andere Hand und platzierte sie auf seiner Brust und ich verstand es. So ruhig wie möglich atmete er ein und aus, demonstrierte mir, wie meine Atmung eigentlich sein sollte. Ich sollte ihm eigentlich dankbar sein, dankbar für alles, was er tat. Dafür, wie sehr er sich um mich sorgte und was er alles tat, um sicherzugehen, dass es mir gut geht. Ich sollte mich wertgeschätzt fühlen, durch all die Mühe, die er aufbrachte, die Geduld.
Doch alles, was ich fühlen konnte, war Druck. Er erdrückte mich mit dieser Nähe, die sonst nicht zwischen uns herrschte, zumindest nicht so wie jetzt. Bisher war es immer er gewesen, der in schwierigen Lagen war und immer war ich zur Stelle, um ihm zu helfen – etwas, was ich gern tat, schließlich war er mir wichtig. Adam tendierte dazu, die Menschen wegzudrücken, die gut zu ihm waren, aber das war mir egal, schließlich wusste ich ganz genau, dass das nichts mit mir als Person zutun hatte, sondern mit seiner Vergangenheit. Aber ich kam mir falsch vor in diesen vertauschten Rollen. Natürlich hatte er mich auch schon in schwierigen Phasen erwischt und mir bei der ein oder anderen Panikattacke geholfen, aber seit dem verdammten Unfall kam ich mir mehr vor wie ein Sozialfall als ein Freund, der mit ein paar Problemen fertig werden musste.
Kurzum, ich wollte einfach weg. Ich wusste, dass sinnlos sein würde, jetzt einfach wegzulaufen – schließlich konnte ich Adams Sorge ja doch nicht entkommen – aber der Instinkt zur Flucht besiegte in diesem Moment alle Logik. Als der Lärm in meinen Ohren endlich einen ertragbaren Pegel erreicht hatte, zog ich meine Hände zurück und brachte Abstand zwischen uns, etwas zu schnell um noch als normal betrachtet werden zu können. Ich wollte mich bereits zum Ausgang des Bads bewegen, als mir meine Beine einen Strich durch die Rechnung machten. Kaum zwei Schritte später – Adam hatte noch nicht einmal zu protestieren anfangen können – knickten meine Knie ein und ich hätte vermutlich unsanften Kontakt zum Boden hergestellt, hätte Adam mich nicht abgefangen.
„Hey, Leo, mach langsam.“ Seine Stimme war durchsetzt von Sorge und der Ton hinterließ einen bitteren Geschmack in meinem Mund. Vorsichtig setzte er mich auf dem Boden ab und kniete sich vor mich, die Hände noch immer fest an meinen Oberarmen, wie um zu vermeiden, dass ich noch weiter in mich zusammensacken konnte. Was für ein jämmerliches Bild ich doch abgeben musste…
„Was ist passiert?“
„Ich… Nichts, Adam, es ist alles gut, es geht gleich wieder.“ Stammelte ich und ich konnte spüren, wie mich der Klang meiner Stimme verriet.
„‘Nichts‘, ja das sehe ich. Ernsthaft, was war da draußen los? Du bist schon die ganze Zeit nicht bei der Sache, seit ihr wieder da seid.“
Einen Moment lang zögerte ich, hin und hergerissen eine neue Lüge zu konstruieren oder ihm einfach die Wahrheit zu sagen. Als ich den Kopf hob und in diese verdammten Augen blickte, blieb mir die Lüge im Halse stecken.
„Ich… Als wir Esthers Bruder verfolgt haben, ist mir nach nicht mal einer Minute die Luft ausgegangen. Sowas darf mir einfach nicht passieren, die ganze Geschichte ist doch lang genug her.“ Unfähig, den Augenkontakt aufrecht zu erhalten, fuhr ich mir erneut mit den Händen durchs Gesicht und ich konnte spüren, wie mir das Blut in die Wangen schoss, während ich die Worte aussprach. Ein Polizist, der nicht einmal eine Minute lang sprinten kann, ein Witz von einem Beamten bin ich geworden.
„Leo, du hattest ‘ne Lungenembolie, niemand erwartet von dir Hochleistungssport.“ Ich wusste, dass Adam diese Worte ernst meinte, doch nichtsdestotrotz fühlte es sich an, als würde er sich über mich lustig machen.
„Trotzdem, ich bin wieder im Dienst, da sollte ich meine Arbeit auch richtig machen können.“
„Du verletzt dich nur selbst, wenn du nicht anfängst, ein bisschen kürzer zu treten. Leo, das ist mein Ernst, ich mache mir wirklich–“
„Verdammt, ich weiß, dass du dir Sorgen machst. Seit Wochen tut ihr alle nichts anderes, als euch Sorgen um mich zu machen und um ehrlich zu sein macht es mich langsam wahnsinnig. Ich bin kein rohes Ei, dass bei jeder Berührung kaputt gehen könnte, also hört verdammt nochmal auf, mich so zu behandeln.“ Noch während ich sie aussprach, bereute ich meine Worte, und doch konnte ich mich nicht davon abbringen.
„Ich weiß, dass das alles nicht leicht ist, aber–“
„Weißt du das wirklich? Hast du eigentlich eine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn einen der eigene Körper im Stich lässt? Wenn man nicht einmal eine Treppe hochkommt, ohne zu keuchen? Und das auch noch als Polizist. Ich habe mich lang genug ausgeruht, ich muss das jetzt in den Griff bekommen.“ Ich konnte sehen, wie Adams Augen langsam feucht wurden, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als den Blick abzuwenden.
„Aber es ist doch niemandem geholfen, wenn du dich selbst in Gefahr bringst. Stell dir doch mal vor, das passiert nochmal, und es ist niemand in der Nähe, der dir schnell genug helfen kann. Stell dir mal vor, du stirbst da draußen und niemand von uns ist da.“ Seine Stimme brach, als er das Wort ‚stirbst‘ ausspuckte und mein Blick fand seinen. Allein der Anblick seines Gesichtsausdrucks trieb auch mir Tränen in die Augen.
„Adam, ich… Du verstehst das nicht, das…“
„Was? Was verstehe ich nicht, Leo, bitte erklär’s mir.“
„Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht kürzer treten, es geht einfach nicht. Ich bin Polizist geworden, um wiedergutzumachen, was ich damals in der Garage angerichtet habe, und jetzt hat mein Dasein nicht nur keinen Wert mehr, ich bin auch noch eine Belastung für andere. Adam, ich pack‘ das alles nicht.“ Mein Gesicht verzerrte sich, während ich die letzten Worte aussprach. Ich hatte es mir zu Aufgabe gemacht, diese Dinge für mich zu behalten und mit mir selbst zu regeln, doch in diesem Moment konnte ich diese Bürde nicht einfach wieder herunterschlucken, es brach aus mir heraus, bevor ich es aufhalten konnte.
Die Worte hingen zwischen uns in der Luft und Adam sagte nichts, er schaute mich bloß an. Ich konnte mir ausmalen, was in seinem Kopf vorging, während sich Erkenntnis in seinem Gesicht zeigte, gefolgt von einem Ausdruck, den ich nur schwer deuten konnte.
Ohne auch nur ein Wort zu sagen, zog er mich in seine Arme. Ich konnte seinen Herzschlag an meiner Brust spüren, als er mich an sich drückte, ebenso seine Hände an meinem Rücken und Hinterkopf und ich fühlte, wie meine Mauern – oder dessen Überreste – zu bröckeln begannen. Für einen Moment saßen wir einfach so da, bis ich meine Arme ebenfalls hob und mich an ihm festhielt. Das Gefühl der Scham ignorierend vergrub ich mein Gesicht in seiner Schulter und sog so viel seiner Wärme in mich auf, wie ich nur konnte.
Ich spürte seinen Brustkorb vibrieren, während er sprach, seine Stimme so leise, dass niemand außer mir sie hören könnte, selbst wenn wir nicht allein gewesen wären.
„Ich weiß, dass dir diese Worte bedeutungslos vorkommen und du mir vermutlich nicht glauben wirst, aber du hast auch einen Wert, wenn du nichts Produktives tust. Ich glaube du weißt gar nicht, wie viel du den Menschen in deinem Leben eigentlich bedeutest. Wie viel du für uns – für mich – tust, einfach dadurch, dass du da bist und dass du lebst. Und selbst wenn dem nicht so wäre, hättest du trotzdem das Recht darauf, deine Gesundheit auch mal an die erste Stelle zu setzen. Und ich weiß, dass dir das vorkommen wird, wie eine Lüge, aber du bist verdammt nochmal keine Bürde.“
Erneut kamen mir die Tränen bei seinen Worten und diese Stimme begann zu protestieren und mir zu sagen, ich hatte keinen Wert, wenn ich mein Leben nicht für andere lebte.
Doch für einen Moment, für einen kurzen Moment, und wenn es nur eine Sekunde lang war, ignorierte ich die Stimme und glaubte ihm einfach.
