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Fingerfarben

Summary:

Thiel geht zu Boerne, weil er nicht alleine sein kann und ist überrascht, von einem Boerne, der voller Farbe ist und zwei Kindern, die bei Boerne auf dem Boden sitzen.

Notes:

Die Fic wurde für den März Prompt "Finger painting" für das Fandom free Bingo auf Tumblr geschrieben.

Work Text:

Thiel wusste gar nicht so genau, warum er gerade bei Boerne klingelte. Irgendwie war ihm in seiner Wohnung die Decke auf den Kopf gefallen und sein erster Gedanke war halt einfach Boerne, weil Boerne war ja irgendwie immer da. Außerdem hatte Boerne gestern Urlaub gehabt und im Hausflur hatten sie sich seit dem auch nicht gesehen, dabei war Boerne zu Hause, Thiel hatte ihn gehört. Also klingelte er jetzt, um Boerne zu fragen, ob sie zusammen einen Wein trinken wollten oder so.

Thiel war erleichtert, als die Tür sich öffnete und dann starrte er Boerne überrascht an. Der hielt seine Hände vor sich, sie waren voller Farbe, in seinem Gesicht waren einige bunte Striche und auf seinem T-Shirt war ebenfalls Farbe und war das nicht… Thiel könnte schwören, da war ein Handabdruck auf Boernes Brust, ein sehr kleiner, wohl von einem Kind.

"Uhm… hallo", sagte Thiel etwas überfordert. Er hatte sowieso nicht wirklich einen Plan gehabt, aber der Anblick brachte ihn jetzt doch sehr aus dem Konzept. Also Boerne in einem T-Shirt war ja sowieso schon ein Anblick, den er selten bekam und der ihm sehr gut gefiel, dazu die Farben überall und dieses Funkeln in den Augen.

"Oh hallo, Thiel, kommen Sie doch rein, wir malen gerade mit Fingerfarben", sagte Boerne und trat beiseite.

Wir? Gut der Handabdruck musste ja irgendwo her kommen. Hatte Boerne jetzt eine Kinderbetreuung aufgemacht? Thiel lachte beinahe, weil er konnte sich nichts absurderes vorstellen. Er betrat hinter Boerne das Wohnzimmer und sah dort zwei Kinder auf dem Boden sitzen. Der schweineteure Hochbauschflokati war umgeschlagen worden, um Platz zu machen, auf dem Boden lag etwas das aussah wie eine Wachstischdecke, darauf standen viele Farbtöpfe und ein paar Blätter lagen herum. Er hätte nicht erwartetet, dass Boerne ein solches Chaos in seiner Wohnung dulden würde und dann auch noch mit Farben. Thiel war nicht sicher, wie alt die Kinder waren, seit Lukas hatte er wenig Kontakt mit Kindern, er würde aber sagen irgendwo zwischen vier und sechs vermutlich. Ein Mädchen und ein Junge, beide die Hände voller Farben, die sie auf den Blättern verteilten.

Der Junge sah auf und hob sein Blatt hoch. "Guck mal, Onkel KF, ich hab dich gemalt", verkündete er. Auf dem Blatt war ein blauer Kreis, zwei Punkte in rot und lila, die wohl die Augen sein sollten, ein gelber Strich für die Nase und ein oranger Mund. Und Boerne lächelte.

"Sehr schön, Mario", lobte er. "Sagt hallo zu Herrn Thiel", fügte er noch hinzu.

"Hallo Herr Thiel", sagten die beiden im Chor. Thiel drehte sich zu Boerne.

"Und Sie haben jetzt eine Kindertagesstätte?" fragte er ihn.

"Natürlich nicht, das sind Mario und Maja, die Kinder von Betty", erklärte Boerne in einem Ton, als ob das doch klar sein sollte. "Betty und ihr Mann sind zu ihrem fünften Hochzeitstag verreist und ich kümmere mich in der Zeit um die beiden."

Das erklärte das alles natürlich. Thiel hatte Betty nur einmal getroffen, da war sie gerade 18 geworden und er hatte immer noch das Bild von der sehr jungen Frau im Kopf, die zwar legal erwachsen war, aber sich doch so gar nicht so verhalten hatte. Aber das war jetzt auch schon… Thiel war nicht sicher, bestimmt 15 Jahre her, Betty musste also in ihren Dreißigern sein. Da konnte man natürlich schon verheiratet sein und Kinder haben.

"Ah", sagte er nur.

"Ah", echote Boerne, seine wie üblich sehr kurze Antwort. "Setzen Sie sich dazu, wir haben noch ein paar Blätter übrig", wies Boerne ihn an. Das war nicht, wie er sich das vorgestellt hatte, aber trotzdem ließ er sich auf den Boden sinken, sich sehr bewusst, dass er eigentlich zu alt war, um auf dem Boden zu sitzen. Bestimmt würde er das morgen sehr deutlich merken. Aber er konnte Boerne doch sowieso nichts abschlagen.

Boerne setzte sich neben ihn und tunkte tatsächlich seinen Finger in einen der Farbtöpfe und begann die Farben auf seinem Blatt zu verteilen.

"Was malst du da?" wollte Maja jetzt wissen.

"Das ist ein menschliches Herz", erklärte er, während die Farben tatsächlich eine halbwegs erkennbare Form annahmen. Natürlich würde er Organe malen. Die Kinder hingen an seinen Lippen, während er den beiden mehr und mehr über die menschliche Anatomie erzählte. Thiel war ein bisschen überrascht, dass die beiden von dem Thema so gar nicht abgeschreckt zu sein schienen.

Und Thiel beobachtete nur, wie Boerne mit den Kindern interagierte und musste einfach lächeln, weil das war schon alles irgendwie niedlich. Maja war ihm irgendwann auf den Schoß gekrochen, eine Hand war in seinem Gesicht gelandet und jetzt hatte Boerne einen kleinen, bunten Handabdruck im Gesicht. Boerne so zu sehen ließ Thiels Herz schneller schlagen, er war irgendwie so unglaublich gelöst und glücklich. Es war offensichtlich, dass Boerne die beiden liebte. Thiel fragte sich, ob Boerne sich wohl Kinder gewünscht hatte. Jetzt war es irgendwie zu spät, um noch eigene Kinder zu bekommen. Und Boerne hatte auch, seit sie einander kannten nie eine Beziehung gehabt.

Maja wandte sich nun an ihn. "Onkel KF hat gesagt, ihr arbeitet zusammen. Schneidest du auch tote Menschen auf", fragte sie. Thiel sah überrascht zu Boerne und fragte sich, ob das eine angemessene Art war, Kindern zu erklären, was Boerne beruflich machte. Aber die Kinder schien das nicht im geringsten zu stören.

"Nein, ich bin Polizist", antwortete er und erntete ein paar große Augen und Fragen, wie viele Bösewichte, er schon gefasst hatte. Jetzt war es also er, der ausgefragt wurde. Zwischendurch ging sein Blick zu Boerne und er bemerkte, dass Boerne ihn ähnlich ansah, wie er vorhin Boerne angesehen hatte. Ein Lächeln breitete sich in Boernes Gesicht aus, als ihre Augen sich trafen und er musste automatisch zurück lächeln. Sein Herz raste. Was passierte hier? Flirteten sie gerade miteinander? Thiel zwang sich, seine Aufmerksamkeit wieder den Kindern zuzuwenden.

Und schließlich hatte er sich dazu überreden lassen, auch etwas zu malen. Er malte normalerweise nicht und hatte keine Ahnung, was er tat und hatte eher etwas abstraktes aufs Papier gebracht. Die Kinder fanden es trotzdem gut.

 

Die Kinder mussten irgendwann ins Bett und Boerne lud ihn ein, noch ein Glas Wein mit ihm zu trinken. Er trug immer noch das T-Shirt, das ihm so unglaublich gut stand, hatte überall Farbe, sogar einige Haarsträhnen leuchteten bunt.

"Ich wusste gar nicht, dass Sie so gut mit Kindern können", sagte Thiel und stellte sein Weinglas wieder ab. Sofort lächelte Boerne wieder.

"Ich auch nicht, aber die beiden…"

Thiel fragte sich, was Boerne davon gehalten hätte, dass Thiel ihn gerade in seinem Kopf als niedlich bezeichnete.

"Hätten Sie gerne Kinder gehabt?" fragte Thiel vorsichtig. Boerne wurde nachdenklich.

"Vielleicht. Ich habe nie darüber nachgedacht, was ich will. Isabell wollte Kinder, es war klar, dass wir irgendwann Kinder haben würden. Meine Eltern hatten es auch erwartet, aber es hat sich nie ergeben und wir haben uns scheiden lassen, bevor sie schwanger werden konnte. Und als Katja schwanger wurde und ich noch dachte, es wäre mein Kind… ich habe mich schon gefreut."

"Hmm, ich hatte mir auch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, irgendwie war einfach klar, dass wir ein Kind haben würden und als Lukas dann da war… das war schon schön. Ich wünschte, ich wäre mehr da gewesen, als er klein war."

Er dachte plötzlich an all die Momente, die er verpasst hatte, weil er gearbeitet hatte und dann an die noch viel mehr Momente, die er verpasst hatte, weil Lukas einfach so weit weg war. Sie hätten sich wohl auch scheiden lassen, wenn er mehr da gewesen wäre, es hatte doch irgendwie nicht gepasst. Aber vielleicht wäre Susanne dann nicht nach Neuseeland gezogen und er hätte Lukas öfter sehen können. Aber es machte keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen.

Er sah wieder zu Boerne und der Anblick von Boerne, der überall Farbspritzer, Streifen und Handabdrücke hatte brachte ihn wieder zum Lächeln. Er sah inzwischen ähnlich aus. Und der Nachmittag war wirklich verdammt schön gewesen. Sie sahen sich für einen Moment schweigend an. Boerne streckte seine Hand aus und strich mit den Fingerspitzen über Thiels Wange.

"Sie haben da was", sagte er leise. Thiel lehnte sich in die Berührung.

"Sie haben überall was", sagte Thiel. Boerne lehnte sich etwas näher.

"Ja? Wo denn?" flüsterte er. Und ja, er flirtete definitiv. Thiels Atmung stoppte kurz. Dann hob er seine Hand und begann über Boernes Gesicht zu streichen, überall, wo er Farbe hatte.

"Da und da und da und da…" flüsterte er. Strich dann in Boernes Haare, durch die Strähnen, die bunt leuchteten, ließ seine Hand wieder nach unten gleiten, über die Flecken auf Boernes T-Shirt. Boerne sah ihn unverwandt an, rutschte noch etwas näher an ihn heran, bewegte seine Finger auch über Thiels Gesicht.

"Da auch", sagte Boerne schließlich und strich mit seinem Daumen über Thiels Lippen. Das bezweifelte Thiel zwar, aber das war nicht der Moment, um das zu sagen. Er öffnete seine Lippen ein wenig. Lehnte sich noch etwas näher, sah auf Boernes Lippen.

"Ja?" flüsterte er. Sie würden sich gleich küssen, jeden Moment, Thiels Herz raste, das Blut rauschte ihm in den Ohren. Aber als ihre Lippen sich tatsächlich trafen war plötzlich alles ruhig, sein Körper entspannte sich, seine Atmung beruhigte sich. Das war es. Das war was er wollte, was er brauchte, wo er sich wohl fühlte. Er schlang seine Arme um Boerne und ließ sich mehr in den Kuss fallen.