Chapter Text
Es ist ein windiger, sonniger Apriltag.
Das Meer blendet Sherlock so sehr, dass er die Augen leicht zusammenkneifen muss, um den Horizont zu erkennen.
Hinter ihm gibt der Kiesstrand leise nach.
Schritte kommen näher, vorsichtig, vertraut.
Noch ein paar Schritte, und im Augenwinkel sieht er den weissen, langen flatternden Rock seiner Mutter.
Als er über die Schulter zu ihr aufblickt, schliesst sie gerade ihren Spitzen-Sonnenschirm und streicht sich mit einem sanften Lächeln ein paar dunkle Locken aus dem Gesicht.
Sie geht vor ihm in die Knie, um ihm auf Augenhöhe zu begegnen.
Ihre sonst grauen Augen sind am Meer von einem klaren Himmelblau.
Eines seiner frühesten Erinnerungen war, dass sich ihre Augen mit der Umgebung veränderten.
Und jedes Mal hatte es ihn aufs Neue fasziniert.
«Mon Cœur», sagt sie leise und reisst ihn aus seiner stillen Bewunderung.
«Was machst du denn hier? Ich habe dich so sehr vermisst.» Sie zieht ihn in eine sanfte Umarmung.
Er atmet den Duft frische weisse Blumen ein.
Leicht, warm, vertraut.
Alles ist ruhig.
Geborgen.
Und für einen Moment glaubt er, er könnte für immer hierbleiben.
Doch dann –
«Du darfst nicht hier sein», flüstert sie.
Langsam löst sie sich von ihm.
«Noch nicht.»
Ihre Finger streichen zart über seine Wange.
Zuerst versteht er nicht.
Dann trifft es ihn mit voller Wucht.
Plötzlich erinnert er sich.
Brighton.
Ihre letzten Osterferien.
Und im Herbst desselben Jahres war sie gestorben..hatte ihn allein im vernebelten Yorkshire zurückgelassen.
Für einen Moment fühlt es sich an, als würde der Boden unter ihm nachgeben.
Seine Brust zieht sich zusammen, als würde ihm die Luft genommen.
Tränen steigen ihm in die Augen, schwer, unaufhaltsam.
Obwohl er bewusstlos ist, erkennt ein Teil von ihm bereits, dass dies nur ein Traum sein kann.
Dennoch klammert er sich verzweifelt an sie. Seine kleinen Hände krallen sich in ihren Rock.
«Du darfst mich nicht schon wieder verlassen! Ich…»Seine Stimme gibt wegen des Klosses im Hals nach… «so alleine…» schluchzt er kaum hörbar hervor.
Sie legt den Kopf leicht schief, fast verspielt, und sieht ihn an.
«Nein, mein Schatz», sagt sie sanft.
«Du bist nicht so allein auf dieser Welt.»
Ein Wind zieht auf. Es riecht nach Gewitter. Das Meer verdunkelt sich.
«Er braucht dich.»
Ein Gedanke schiebt sich in sein Bewusstsein – scharf, unausweichlich.
Er kennt diesen Namen.
Zu gut.
Die Wellen werden schwarz.
«Geh.» Sagt sie mit entschlossenem Blick.
Ein stechender Schmerz durchzuckt seinen Kopf.
Sein Herz setzt einen Schlag aus.
Er streckt die Hand zum Meer hinaus - Liam!!
Sherlock reisst die Augen auf und starrt mit Herzklopfen an die weisse Decke.
