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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2026-05-17
Words:
784
Chapters:
1/1
Comments:
10
Kudos:
19
Bookmarks:
1
Hits:
96

Jemand wird sich an uns erinnern, sage ich, sogar in einer anderen Zeit

Summary:

Irgendetwas erkennt Esther in diesem Gemälde wieder, ohne es gänzlich benennen zu können. Es trifft sie unvorbereitet und breitet sich irgendwo in ihrer Herzgegend aus, zieht ihr den Brustkorb zusammen und ein verwirrendes Gefühl der Verbundenheit ergreift sie. Dabei ist die Frau ihr gegenüber nicht lebendig, zweidimensional, bloß abertausende Pinselstriche auf einer glatten Leinwand.

Pia und Esther sind im Museum unterwegs - eines der Gemälde beschäftigt Esther besonders.

Notes:

Sometimes all you need for a fic is a memory of an art gallery visit and a character to project your lesbian melancholy onto...
Danke für deinen Senf, flyingpeaches! <3

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Die Frau in dem Gemälde strahlt eine tiefe Traurigkeit aus, aber das beschreibt die Bandbreite an Emotionen, die Esther entgegenschlägt, nicht einmal ansatzweise. Sie bleibt beinahe noch im Türrahmen stehen, so überwältigt ist sie von dem Anblick. Wut oder Trauer? Kampfgeist oder Resignation? Die widerstreitenden Gefühle flackern in diesem Gesichtsausdruck auf, nacheinander, nebeneinander, und wechseln sich ab in ihrer Intensität.

Irgendetwas erkennt Esther in diesem Gemälde wieder, ohne es gänzlich benennen zu können. Es trifft sie unvorbereitet und breitet sich irgendwo in ihrer Herzgegend aus, zieht ihr den Brustkorb zusammen und ein verwirrendes Gefühl der Verbundenheit ergreift sie. Dabei ist die Frau ihr gegenüber nicht lebendig, zweidimensional, bloß abertausende Pinselstriche auf einer glatten Leinwand. 

Sie hat in ihrem Leben genügend Bilder gesehen, um zu wissen, dass ein gut gemachtes Kunstwerk die unterschiedlichsten Gefühle auslösen kann, aber eine Reaktion wie diese kennt sich dann doch nicht von sich.

Die Frau hält den Kopf ein wenig gesenkt, schaut aber starr geradeaus. Wenn man bloß oberflächlich hinsehen würde, könnte man behaupten, sie täte es mit leerem Blick, aber das würde ihrer gesamten Ausstrahlung nicht gerecht. Mit dem Arm auf dem Felsen neben sich abgestützt, wirkt sie beinahe lässig, die nackten Füße und der entblößte Oberkörper lassen sie einerseits schutzlos wirken, auf der anderen Seite liegt da eine unheimliche Wehrhaftigkeit in ihrer Haltung.

Aus dem Augenwinkel nimmt Esther wahr, wie auch Pia den Raum betritt und neben ihr stehenbleibt.
"Whoa", raunt sie nach wenigen Sekunden und Esther ist sich sicher, dass sie ihren Blick sucht, aber der Ausdruck dieser Frau hält sie gefangen und sie bringt nur ein bestätigendes "Mhm." zustande.

In der Hoffnung, dass Pia ihr die mangelnde Aufmerksamkeit nicht übelnimmt, streckt sie blind eine Hand nach ihr aus und spürt kurz darauf den versichernden Druck von Pias Fingern. Nach ein paar Sekunden löst Pia sich wieder, streift im Vorbeigehen noch kurz ihre Schulter und macht ein paar Schritte auf das Gemälde zu. Sie beugt sich vor, um die Plakette an der Wand daneben zu lesen und lässt daraufhin ein sanftes Glucksen verlauten. Damit hat sie Esthers Aufmerksamkeit nun doch vollständig auf sich gezogen.

"Was steht da?"
Wenn es so amüsant ist, dass Pia deswegen lachen muss, wird sie auch neugierig.

"Sappho", liest Pia jetzt vor und dreht sich zu ihr um, eine Augenbraue bedeutungsschwanger hochgezogen. 

Die wabernde Melancholie, die Esther bis eben noch gefangen gehalten hat, entlädt sich in einem belustigten Schnauben.
Sappho. Natürlich, ausgerechnet Sappho. Wer auch sonst? Wie überaus passend, dass gerade dieses Bild sie so nachhaltig in seinen Bann zieht.

Genau dieser Gedanke scheint es wohl gewesen zu sein, der auch Pia so unterhalten hat. Zumindest kommt sie wieder zurückgeschlendert und streckt in übertriebener Geste die Hände zum Himmel.
"Keeiiine Ahnung, warum dich das so kriegt...", flötet sie und dabei wandern ihre Mundwinkel so verräterisch nach oben, dass Esther gar nicht anders kann, als zurückzugrinsen.

Kopfschüttelnd greift sie nach Pias Jacke, als sie wieder in Reichweite ist, und zieht sie sanft zu sich heran.
"Du bist wirklich zu süß manchmal." 

"Hmm, du aber auch", gibt Pia zurück und drückt ihr einen schnellen Kuss auf die Wange, bevor sie sich in einer fließenden Bewegung an Esthers Seite schiebt. Für ein paar Momente bleiben sie noch stehen und betrachten das Bild gemeinsam. 

"Jemand wird sich an uns erinnern, sage ich, sogar in einer anderen Zeit", zitiert Pia leise und Esther dreht erstaunt den Kopf zur Seite.

"Das kennst du?"

"Klar, ist ja quasi das bekannteste Fragment!"
Pia wirkt fast ein bisschen indigniert. Dann zieht sie aber schmunzelnd den Kopf ein und fügt hinzu: "Aber ich bin da im Studium auch mal in ein kleines Rabbithole gefallen. " 

Vor ihrem inneren Auge sieht Esther sie nachts an einem überladenen Schreibtisch in einem etwas chaotischen WG-Zimmer kauern, vermutlich eine Hausarbeit vor sich herschiebend, stattdessen über einem Stapel Geschichtsliteratur und Lyrikbänden aus der Bibliothek brütend. Natürlich würde Pia sich nicht nur mit den oberflächlich erreichbaren Informationen zufriedengeben, sondern sich komplett in der Biografie der griechischen Dichterin vergraben.

"Das klingt tatsächlich nach dir", neckt sie also und Pia zuckt nur mit der Schulter.

"Ist ja immer gut, sich ein bisschen mit der Geschichte seiner Community auszukennen."

"Stimmt", muss Esther zugeben und wirft noch einen nachdenklichen Blick an die Wand gegenüber. Wenn sie das Gemälde zu lange anschaut, kommen sie hier heute vielleicht gar nicht mehr weg.

Sie gibt sich einen Ruck und schaut Pia wieder an.
"Sollen wir weitergehen?" 

"Wenn du soweit bist?", fragt diese zurück.
Esther nickt und Pias Augen springen kurz zu dem Wegweiser am nächsten Türrahmen, der verrät, dass das Museumscafé nicht mehr weit ist.

"Kuchen?", schlägt sie vor.

"Unbedingt", bestätigt Esther und mit einem letzten Blick in Sapphos Augen lässt sie sich nun doch bereitwillig weiterziehen.

Notes:

Das Gemälde in question ist von Charles Mengin btw 👀