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"Für dich"

Summary:

Für Olrox übertritt Mizrak eine Linie — und er würde es wieder tun.

Notes:

Diese Geschichte ist auch auf Englisch verfügbar / This story is also available in English.

(See the end of the work for more notes.)

Chapter Text

17. September 2025 – Serra da Mantiqueira

Der Mann fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. Mizrak ließ sich nicht die Zeit darüber nachzudenken, dass dies schon der zehnte Tote war, den er zurückließ. Er war sich nicht einmal sicher, ob er es bereuen sollte oder nicht. Für mehr als zweihundert Jahre hatte er es vermieden, Menschen zu töten. Nun ließen sie ihm keine Wahl. Sie hatten Olrox.
Seine vampirischen Sinne verrieten ihm mehr, als das kalte Licht des Betonbunkers. Schon hinter der nächsten Kreuzung warteten fünf Männer. Zwei rechts, drei links. Sie schwiegen, doch er hörte ihre Herzschläge. Ruhig. Beherrscht. Das hier waren Profis, die es gewohnt waren, gegen Vampire wie ihn zu kämpfen. Sie hatten sicher Ausrüstung, die ihnen genau verriet, wo er gerade war.
Mizrak stürzte nach vorn. Die Soldaten waren schnell. Schneller als normale Menschen. Und stärker. Aber nicht schnell genug für ihn. Die ersten beiden hatte er ausgeschaltet, bevor ihnen bewusst gewesen war, dass er bei ihnen war.
Gleißender Schmerz zuckte über seinen Nacken und streifte sein Gesicht. Diese verdammten UV-Lampen!
Mizrak fuhr herum. Er duckte sich unter dem Strahl weg und rammte den Träger in die Betonwand. Er hörte - und spürte - sämtliche Rippen brechen. Dagegen half weder die Kevlar-Rüstung, noch die Keramikverstärkung. Grimmige Genugtuung machte sich in ihm breit, als er ihm die Taschenlampe entriss und auf den nächstbesten Gegner richtete. Der Mann riss den Arm hoch, um seine Augen zu schützen, aber nicht schnell genug. Mizrak nutzte den Moment und brach ihm das Genick.
Schüsse peitschten durch den Gang. Instinktiv wich er aus und tötete den letzten Soldaten ebenso schnell wie seine Kameraden. Millisekunden an Reaktionszeit, der kein Mensch folgen konnte. Durch chemische Drogen verbessert oder nicht.
Einen Moment lang blieb Mizrak stehen und lauschte. Über das Röcheln des Sterbenden hörte er tief in dem Komplex das Brummen von Maschinerie. Klimakontrolle vielleicht. Hoffentlich. Doch er spürte noch etwas anderes. Er wandte sich nach links und rannte den Korridor entlang. Türen flogen an ihm vorbei, doch er folgte dem Gefühl, das ihn durch die unterirdische Anlage führte. Die Gänge waren verwaist. Niemand versuchte ihn aufzuhalten.
Vor einer Panzerstahltür blieb er stehen. Sie war mit einem Codeschloss gesichert. Hier war er richtig. Mizrak schnaubte verächtlich. Er grub seine Krallen in das Metall und riss sie aus dem Rahmen. Schüsse peitschten. Im selben Moment roch er es. Olrox. Sein Blut. Vergraben unter dem Gestank von Chemikalien und Medikamenten.
Ein Knurren entkam Mizraks Kehle. Der über die letzten Stunden sorgfältig gezügelte Zorn in ihm kochte über. Er würde ihnen keine Gelegenheit mehr geben zu bereuen, was sie getan hatten.
Er schleuderte die Stahltür in die Richtung, in der er drei Herzschläge vernahm. Einer schnell, die anderen ruhig. Zumindest bis sie von der Tür getroffen wurden. Ein panischer Hüpfer, dann Stille.
Zwei blieben übrig. Ein weiterer hektischer Puls und der viel zu langsame Herzschlag Olrox’. Mizrak fuhr herum. Ein Mann in einem weißen Kittel wich mit erhobenen Händen vor ihm zurück, bis er an ein Regal stieß. Zwischen ihnen eine medizinische Liege und darauf …
Olrox.
Nackt. Seine Blöße nur notdürftig mit einem dünnen Laken bedeckt. Knöchel und Handgelenke an das kalte Metall gefesselt. Mizrak roch verbrannte Haut und Silber. Ein dünner Schlauch führte von einer Infusion in seinen linken Arm. Auch am rechten war ein Zugang gelegt. Olrox zeigte kein Zeichen von Bewusstsein. Mizraks Herz zog sich zusammen. Die Erleichterung, dass sein Gefährte am Leben war, verschwand unter dem erneut aufflammenden Zorn.
“Bitte …” Die Stimme des Mannes im Kittel zitterte. “Ich mache hier nur meine Arbeit.”
Mizrak verengte die Augen. Von der Brusttasche leuchtete ihm das Logo der Organisation entgegen. Vampirzähne, die von einem Schwert durchbohrt wurden. Der Orden des heiligen Michael. Vampirjäger unter der Kontrolle der katholischen Kirche.
Früher hatte er die Augen vor dem verschlossen, was manche Kirchenoberhäupter im Namen des Glaubens verbrachen. Heute nicht mehr. Heute wusste er, dass Glauben eine Sache war, die Kirche eine völlig andere.
“Du hättest dir deinen Arbeitgeber besser aussuchen sollen”, knurrte Mizrak. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, trat er an die Liege heran und griff nach dem Verschluss der Fesseln. Er zischte vor Schmerz, als das Silber ihm die Finger versengte, doch er ignorierte es. Unter dem Silber war Olrox’ Haut wund und aufgerissen. Mizrak sandte ein Stoßgebet an Gott, dass er nicht zu spät war. Dass sich sein Geliebter erholen würde.
Eine Bewegung am Rand seines Blickfelds alarmierte ihn. Der Wissenschaftler hatte eine Hand in die Tasche gesteckt. Nicht mit ihm. So leicht würde er sich nicht übertölpeln lassen! Mizrak sprang über die Liege und auf ihn zu. Mit eisenhartem Griff packte er dessen Handgelenk. Knochen knirschten. Der Mann schrie auf. Ein kleiner Zylinder fiel zu Boden. Auf der einen Seite blinkte ein roter Knopf.
Mizrak knurrte. Er kannte diese kleinen Gasgranaten. Menschen waren immun, doch Vampire verloren innerhalb von Sekunden das Bewusstsein.
Er packte den Mann am Hals. Kraftlos schlug er nach ihm. Einen Moment lang war Mizrak versucht, ihm einfach das Genick zu brechen. Er hatte ihn angegriffen. Oder nicht? “Du kannst von Glück reden, dass mir Gott beigebracht hat, nicht zu töten”, knurrte er. Im Kampf zu töten war eine Sache. Jemanden kaltblütig hinzurichten, eine andere. Mit einem gezielten Schlag schickte er ihn ins Reich der Träume und ließ ihn fallen.
“Beeindruckend, Mister Calloway”, erklang eine Stimme hinter ihm. “Oder sollte ich Sie lieber ‘Mizrak’ nennen?”
Er fuhr herum. Von einem Monitor in der Ecke sah ihm ein älterer Mann entgegen. Graue Haare, Vollbart, stechend kalter Blick aus grauen Augen. “Hargrove …” Bisher hatte er kein Bild von ihm gehabt, doch es war kein Zweifel, dass dies der Mann war, der hinter dem Orden stand. Über dem Bildschirm blinkte das Licht einer Kamera.
“Glauben Sie nicht, dass sie mit dieser Aktion irgendwas erreicht hätten. Wir haben bereits, was wir wollten.” Er hielt eine kleine Ampulle mit Blut hoch. "Auf Wiedersehen, Mizrak. Grüßen Sie Olrox von mir. Wenn er wieder wach ist." Der Bildschirm erlosch.
Mizrak wurde kalt. Hargrove wusste zu viel. Viel zu viel. Hatte er Olrox dadurch entführen können? Darüber würde er sich später Gedanken machen. Zuerst mussten sie hier heil heraus kommen. Behutsam entfernte Mizrak die Nadeln. Ein paar Tropfen Blut perlten nach, doch dann schlossen sich die Wunden.
Wie gern würde er warten, bis Olrox wieder das Bewusstsein erlangt hatte, doch die Zeit lief ihnen davon. Jede Sekunde hier war ein Risiko. Er hob ihn hoch und rannte nach draußen. Die Flure mit dem kalten Licht entlang. Vorbei an den getöteten Soldaten. Ob noch welche übrig waren, die auf sie warteten? Schickte Hargrove Verstärkung? Mizrak hörte nichts, doch er hielt sich bereit. Als er sich dem zerstörten Eingang näherte, verlangsamte er seine Schritte. Das war Hargroves letzte Chance, sie aufzuhalten. Keine Herzschläge, kein Rascheln von Stoff oder das Schaben von Kevlar. Angespannt überwand er die Überreste der Bunkertür. Die Nacht empfing ihn kühl und sternklar. Neumond. Die Dunkelheit hüllte sie wie eine schützende Decke ein. Erst, als er eine beträchtliche Entfernung zwischen sich und dem Bunker wusste, wagte er es aufzuatmen.
Olrox regte sich in seinen Armen und er blieb stehen. Sein Herz machte einen erleichterten Hüpfer, als er endlich wieder dessen leuchtend grünen Augen sah. Noch unfokussiert. Olrox’ Blick flackerte rastlos hin und her. “Du bist in Sicherheit. Ich bin hier.” Es dauerte einen Moment bis Begreifen einsetzte.
Aufatmend lehnte sich Olrox bei ihm an und schloss erschöpft die Augen. “Du hast dich für mich in Gefahr gebracht …” Sein Puls war noch immer viel zu langsam. Was hatten sie ihm nur injiziert?
Mizrak küsste ihn auf die Stirn. “Wenn nicht für dich, für wen sonst?” Es gab nur wenige Personen für die er sein Leben riskieren würde und Olrox stand da an erster Stelle.
Dieser sah zu ihm auf. Seine Brauen zogen sich zusammen. “Du bist verletzt.” Olrox hob die Hand, um sie an seine Wange zu legen, hielt jedoch inne, bevor er die verbrannte Haut berührte.
Mizrak drehte den Kopf und küsste die Handfläche. “Das wird heilen.” Langsam setzte er seinen Weg fort.
Irgendwann brach Olrox das Schweigen. “Wir können nicht nach Hause.”
Mizrak nickte. “Zumindest noch nicht.” Bisher hatten sie dem Orden des Heiligen Michael aus dem Weg gehen können. Nun würden sie sich ihm stellen müssen. Ein Leben auf der Flucht hatte ihm schon damals in Frankreich widerstrebt, als Olrox ihn gebeten hatte, mit ihm in die neue Welt zu gehen. Nun, da sie ein gemeinsames Zuhause hatten, war ihm diese Vorstellung noch mehr zuwider. “Aber bald.”
Der Orden würde fallen. Und dann konnten sie nach Hause zurück.