Work Text:
“Und warum willst du auf den Server?”
Mike schluckte und wackelte von einem Bein auf das andere, hielt dem eisigen Blick des Kontrolleurs aber stand.
“Familie besuchen…”, murmelte er schließlich.
Der Kontrolleur beugte sich weiter über das Papier, welches Mike ihm gegeben hatte, bevor sein Blick mehrmals zwischen dem braunhaarigen Jungen und dem Ausweis hin und her wechselte.
“Familie also...Und wer?”
Mike wollte Stöhnen, es war also so einer. Na gut, dann halt wie immer.
“Meinen Vater. Er ist ein Kopfgeldjäger und gerade ist er auf dem Server…”
Lügen. Lügen. Lügen. Immer weiter Lügen.
“Und er meinte, ich solle doch vorbeikommen, weil der Server im selben Netz liegt wie unser Heimatserver.”, beendete er seine Erklärung.
Der Kontrolleur betrachtete ihn weiter. Mike gab ein kleines aufgesetztes Lächeln von sich. Er bete, dass der andere keine weiteren Fragen stellte.
“In Ordnung.”, murmelte der Mann und drehte sich zum Portal. Mikes Schultern fielen erleichtert und seine Fühler zuckten. Nochmal gut gegangen.
“Ach eins noch.”, warf der Kontrolleur plötzlich ein.
Oh oh.
“Wie lange willst du bleiben?”
Mike blinzelte und befeuchtete seine Lippen. Das war ungut. Sein Gehirn raste nach einer Antwort, die irgendwie in diesem Kontext vernünftig klingen würde.
“5 Tage-?”
Der Kontrolleur nickte und aktivierte das Portal zum Server. Mike seufzte leise und ging lächelnd hinein. Er schloss die Augen und ließ sich fallen, sein Körper zerfiel und wurde wieder zusammengesetzt.
Doch statt Schmerz spürte er nur ein leichtes Kribbeln.
Sobald seine Füße unter ihm Boden berührten, riss Mike seine Augen auf. Er musste die ersten Sekunden mühsam blinzeln, die Abendsonne tauchte ihn in ein warmes, aber grelles Licht.
Er stand inmitten eines riesigen Marktplatzes, auf einer erhöhten Plattform, hinter ihm das Portal.
Um ihn herum erstreckte sich die riesige Hauptstadt des Servers, welchen Mike sich nach langem Kopfzerbrechen ausgesucht hatte.
Der Server war beliebt und verdammt weitläufig, doch immer noch kontrollierter, als andere Anarchie-Welten.
Ein leichtes Grinsen breitete sich auf seinen Lippen auf. Er hat wirklich den perfekten Server gefunden, um unbemerkt zu bleiben. Mike schüttelte leicht den Kopf und blickte über seine Schulter - seine durchsichtigen Pastellflügel waren noch da.
Sehr schön. Auf dem Server waren Hybriden-Merkmale also erlaubt.
Das würde die Sache viel einfacher machen.
Und gleichzeitig schwerer, wie er keine Sekunde später erfuhr, als eine fremde Person ihn anrempelt und ausversehen seine Flügel berührte. Mike zischte schmerzhaft und drehte sich zu dem Fremden, doch dieser lief einfach weiter.
Murrend presste er seine Flügel enger an sich. Vielleicht war die überlaufende Stadt vorerst nicht der beste Platz.
Aber im Stadtkern zu bleiben war sowieso nicht sein Plan, hier war schließlich alles Spawn Proof.
Mike hüpfte die letzten Treppen hinunter und holte noch einmal tief Luft, bevor er sich durch die Mengen drängte.
⋆ ---––——––--- ⋆
Mike zog die Kapuze seines Umhangs enger an seinen Kopf und schlüpfte mit einer Gruppe von Kopfgeldjägern in die Taverne. Zum Glück waren diese recht ähnlich gekleidet.
Er sendete einen kurzen Dank an die schlafende Person, von der er sich den Umhang geliehen hatte. Aber er brauchte ihn nunmal mehr, als die Person - hoffte er zumindest.
Er musste in die Taverne, das war schließlich der Ort, wo Kopfgeldjäger ihre Aufträge bekamen. Und diese waren der einzige Weg für Mike an Geld zu kommen, selbst wenn er offiziell keine Lizenz als Kopfgeldjäger hatte.
Aber die meisten Leute schauten den anderen Weg, solange ihre Aufträge erfüllt wurden. Selbst wenn ein Teenager ohne Lizenz mit Hybriden-Merkmalen vor ihnen stand.
Mike trennte sich von der Gruppe und lief in eine der dunklen Ecken und lehnte sich angespannt an die Wand. Seine Augen flogen von einer Person zur nächsten, doch soweit, wie er erkennen konnte, war keine Polizei dabei, die die Lizenzen kontrollierte.
Er entspannte sich langsam und genoss die leise Musik und das Raunen aus den Stimmen. Auf der anderen Seite, neben der Bar, war eine riesige Pinnwand mit verschiedenen beschriebenen Papieren.
Bingo.
Doch statt direkt dorthin zu gehen, verweilte Mike eine Weile im Dunklen. Egal, wie wenig kontrolliert die ganze Angelegenheit manchmal war, gab es immer wieder Tavernen oder Gilden, die ganz genau schauten, wer was abriss.
Wie ein Adler betrachtete er die Pinnwand und die wechselten Leute - er brauchte nur eine Gruppe und dann konnte er ohne Probleme darin verschwinden.
Ungeduldig tippte er mit seinem Fuß auf dem Boden - nur eine Gruppe. Wie hart war das? Die Taverne war schließlich verdammt voll.
Mike biss sich auf die Lippe und versuchte, sich wieder zu entspannen, er hatte schließlich Zeit.
Er war mehrere Netzwerke von seinem ursprünglichen Heimatserver und seiner Familie entfernt. Selbst wenn er gefasst wurde, würde es dauern, bis er zugeordnet werden könnte. Und in ein paar Monaten war das auch egal, weil er dann offiziell 18 war.
Die Zukunft sah blendend aus.
Bis auf das kleine Problem namens: Essen. (Und das größere: Geld)
Bei dem Gedanken knurrte Mikes Magen und er hielt sich eine Hand gegen seinen Bauch. Er brauchte dringend etwas, nach dem ganzen Server hin- und herwechseln.
Doch er befürchtete, dass keiner der Aufträge schnell zu erfüllen war - schließlich brauchte jeder hier Geld, die guten und einfachen waren also schon weg.
Plötzlich stand eine Gruppe von ihrem Tisch auf, Mike machte sich sofort bereit loszulaufen, doch noch bevor er einen Schritt nach vorne machen konnte, tippte ihn jemand an.
Mike zuckte zusammen und blickte panisch die Person an.
Die Person war ein Mann, vielleicht Mitte zwanzig, mit gräulicher Haut und dunkelblauen, leicht lockigen Haaren, obwohl diese ebenfalls teilweise von einer Kapuze versteckt wurden. Er trug unter seiner leichten Rüstung formelle Kleidung und an seiner Seite hing warnend ein Schwert.
Der Mann sah ihn etwas enttäuscht, aber auch belustigt an, seine hell-lilanen Flügel zuckten leicht und zeigten seine Irritation.
Mike entspannte sich sofort und ein kleines Lächeln kämpfte sich auf seine Lippen. Leise begrüßte er den Älteren: “Hi Basti!”
Der Blauhaarige seufzte nur und schüttelte den Kopf, doch trotz dessen hatte er ebenfalls ein Lächeln auf dem Gesicht.
“Hallo Wichtiger. Schön, dich wieder zu sehen.” Der Braunhaarige nickte. Er und Basti hatten sich vor Jahren auf einem anderen Server getroffen, als sie beide demselben Auftrag nachgekommen sind.
Vieles von dem, was er heute über den Beruf “Kopfgeldjäger” und dessen Ausübung wusste, hat er ursprünglich von Basti gelernt. Er verdankte dem Älteren mehr als sein Leben, an dem Punkt.
Etwas freudiges kribbelte in seinem Bauch und ohne seine Stimme groß leiser zu machen, platzte er aufgeregt hervor: “Machen wir wieder Aufträge zusamm’?”
Der Blauhaarige legte seinen Kopf leicht zur Seite und zuckte schließlich mit seinen Schultern.
“Ich sehe keinen Grund, warum nicht. Ich nehme an, du warst bis jetzt zu schüchtern, dir alles durchzulesen.” Sprach er, wobei er bei dem letzten Teil des Satzes leicht grinste. Mike rollte die Augen, bevor er sich verteidigte:
“Is ja nich so, als könnte ich einfach dahin gehen!”
Basti schnaubte und schüttelte erneut den Kopf, bevor er mit großen Schritten in Richtung der Pinnwand lief. Mike quietschte und spurtete sich zu Basti aufzuschließen. Auf dem Weg dahin zog er seine Kapuze enger und warf ab und zu schnelle Blicke durch die Taverne.
Das Duo kam schließlich vor der riesigen Pinnwand zu stehen.
Mike überflog die Zettel nach Item wünschen, die meisten hatten mittelmäßige bis wenig Bezahlung. Normalerweise hätte er sie ohne Probleme genommen, doch er musste mit Basti teilen.
Mike murrte leicht und blickte zu Basti, welcher immer noch die Sachen durchlas - immer zu kalkulierend, ob sich der Aufwand der einzelnen Items im Vergleich zur Bezahlung lohnte und wie einfach die Items zu bekommen waren, etwas, an dem Mike noch arbeitete, auch mal auf knopfdruck zu können.
Der Braunhaarige wackelte ungeduldig hin und her und schwor sich zu warten, aber die Langeweile packte ihn wie immer schneller, als er sich dagegen aussprechen konnte.
Genervt blickte er sich in der Taverne um. Es waren fast nur noch Kopfgeldjäger da, was nichts Gutes versprach - die Chance, dass sie kontrolliert werden, war deutlich höher.
Endlich seufzte Basti und Mike drehte sich sofort zu dem Älteren. Dieser warf ihm einen unzufriedenen Blick zu, bevor er murmelte: “Nichts Gutes, weder besonders aufregend, noch wenig Aufwand mit guter Bezahlung.”
Mike machte einen leichten Schmollmund. Normalerweise blieb der Blauhaarige nie lange an einem Ort und noch weniger, wenn die Aufträge sich nicht lohnen. Aber Mike wollte definitiv etwas mit dem anderen machen, schließlich sahen sie sich nur alle paar Monate!
Vielleicht etwas öfter, Mike war schließlich nicht dumm - er wusste meistens, wo der Ältere hinwollte.
Aber ohne Lizenz, kam er nicht überall hin. Ein Problem was sich lösen sollte, sobald er 18 war. Er würde das Examen wahrscheinlich mit Bravour bestehen, schließlich hatte er jetzt schon einige Jahre Erfahrung.
Und danach stand ihm die Welt offen!
Doch Basti unterbrach seine Gedanken: “Vielleicht sieht es in ein paar Tagen besser aus…Wo hast du dich untergemischt?”
Er speicherte die Information ab, dass Basti offenbar vor hatte, noch ein paar Tage in der Stadt zu bleiben und widmete sich der tragenden Frage, wo seine Unterkunft war. Eine Frage, über die er selbst noch nicht einmal nachgedacht hatte.
Mike biss sich auf die Lippe und überlegte, wie hoch die Chance war, dass er, wenn er einen random Ort nannte, Basti nachfragen würde. (Sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit war sehr hoch.)
Doch der Ältere nahm ihm mit einer strengen Stimme seine Antwort ab: “Du hast eine, richtig?”
Mike starrte ihn an.
“Wichtiger.” Der Braunhaarige schluckte und zwang sich zu einem trockenen Lachen.
“Nun, also haha, du wirst lachen…”, quasselte der Jüngere und Basti unterbrach ihn mit einem lauten Stöhner, der aus der Tiefe seiner Seele kam. Mike wurde leicht rot und kratzte sich an seinem Hinterkopf.
Immerhin musste er sich jetzt nicht mehr um eine Unterkunft kümmern.
⋆ ---––——––--- ⋆
Mike schwang seine Beine vor und zurück und betrachtete weiter den Älteren, wie dieser seine Gurte und Rüstung anzog. Es war fast schon hypnotisierend, wie schnell und einfach es der Ältere aussehen ließ.
Der Braunhaarige warf einen kleinen Blick aus dem Fenster. Der Himmel war teilweise noch dunkel, doch die ersten Sonnenstrahlen machten sich leicht am Horizont bemerkbar.
Wenn Mike die Zeit schätzen müsste, würde er knapp vor 6 Uhr sagen.
Mit anderen Worten: Basti war verdammt früh dran, sogar für seine Arbeitsverhältnisse.
Mike spitzte seine Lippen, immerhin wurde ihm jetzt so einiges klar. Der Ältere blieb mehrere Tage hier, weil er bereits einen Auftrag hatte. Einer, der sichtlich nicht einfach war, so früh wie der andere dran war.
“Bastiiiii–” trällerte er von dem Bett aus. Der Andere brummte als Antwort und Mike sammelte seinen Mut: “Was ist der Auftrag?”
Der Blauhaarige drehte sich zu ihm, nun komplett fertig gekleidet, bevor er seufzend durch seine Haare fuhr: “Blazerods, Glowstone und Nether Warzen.”
Basti zählte alles ohne jegliche Nervosität auf, doch seine Flügel zuckten hinter ihm und verrieten seine innere Unruhe. Mike verstand es, normalerweise war die Bezahlung nie gut genug, um in den Nether zu gehen.
Eine der ersten Sachen, die Basti ihm damals beigebracht hat.
Mike blinzelte sich wieder in die Gegenwart zurück und ging die Items nochmal durch.
“Potions?”, fragte er.
Basti zuckte mit den Schultern, bevor er sich wieder zu seinem Equipment drehte und antwortete: “Wahrscheinlich. Am Ende geht es mich nichts an…”
Mike stieß Luft aus und unterdrückte sich einen leichten Schmollmund. Natürlich verstand er, warum sich Kopfgeldjäger so wenig dafür interessierten, was Leute damit machen, solange sie ihre Bezahlung erhielten - aber Mike war nunmal neugierig.
Frustriert sprang er vom Bett auf und watschelte zu Basti hinüber, welcher sich mit einem fragendem Blick zu ihm drehte.
“Kann ich mitkommen?”
Basti starrte ihn skeptisch an.
“Nein.”
"Ach komm! Bitte! Ich werd auf dich hören!”, quengelte der Braunhaarige und stupste den Älteren mehrmals an.
"Immer noch nein.”
“Bastiiiiii–!”
⋆ ---––——––--- ⋆
Mike blinzelte wild und versuchte, seinen sich drehenden Magen zu beruhigen. Er hatte nicht einmal einen Schritt gemacht, da traf ihn ein Schwall an Hitze und stickiger, heißer Luft.
Ja, er bevorzugte definitiv die Overworld.
“So, wo lang?”, fragte er leicht außer Atem und drehte sich mehrmals um und scannte nach etwas Schwarzem, doch die Suche blieb erfolglos. Was wahrscheinlich an den dichten blauen Bäumen um sie herum lag - verdammter Warped-Forest.
“Mhm…lass da lang.”, sprach Basti und zeigte leicht nach links. Mike nickte und folgte dem Älteren. Der Weg war nicht schlecht, sie mussten sich nicht einmal Überbrückungen machen oder groß Höhenunterschiede ausgleichen.
Mike sprintete leicht und schloss zu Basti auf, so dass sie nun nebeneinander liefen, da der Wald sich langsam lichtete.
In der Ferne konnten sie ganz leise, das Quietschen eines Ghast’s hören, irgendwo blubberte auch Lava und aus ihrem Sichtfeld teleportieren sich ab und zu Enderman, welche ihre Laute von sich gaben, die Basti manchmal dazu brachten kurz inne zu halten.
Mike fragte sich, ob Basti sie verstand oder seine Intuition Alarm schlug, doch er behielt seine Frage für sich. Egal, wie gut er den anderen kannte und Basti ihn, gab es zwischen ihnen Grenzen, die nicht übertreten werden durften.
Und eine war die Herkunft des anderen.
Selbst wenn Mike wusste, dass Basti irgendeine Art von End-Creature war, ließ er dem Anderen die Illusion von Anonymität. Oder vielleicht war es nur für Mike eine Illusion und dem Älteren war durchaus bewusst, wie viel er manchmal Preis gab.
Basti war ein Enigma, so wie das End an sich - ein Ort, den Mike nur drei Mal gesehen hatte. Alle mit Basti.
Mike seufzte leise und versuchte seine verstreuten Gedanken wieder auf die Aufgabe vor ihm zu lenken: Eine Festung suchen.
Doch sein Gehirn protestierte, die wenigen Dinge, die seine Aufmerksamkeit auf sich zogen und die leichte Stille, machten es ihm unglaublich schwer.
An sich war es nicht still und langweilig, aber gleichzeitig passierte nichts. Der Nether war nie still, aber dem Braunhaarigen kam es trotzdem zu leise vor, vielleicht fehlten ihm die menschlichen Stimmen?
Nun, es gab einen einfachen Weg, das Problem zu lösen.
“So– was kann man aus den Items brauen?”, fragte er schließlich. Der Andere gab ein kleines Lachen von sich, bevor er Mike über seine Schulter einen amüsierten Blick zuwarf.
“Immer noch damit beschäftigt?” Mike nickte wild, aber ein kleines Lächeln breitete sich aus. Theoretisch hatte er bereits eine Idee und so blendend interessierte es ihn nicht unbedingt, aber er wollte Basti einfach reden hören.
“Nun wahrscheinlich Strength, wenn er das Blaze Powder nicht nur zum Befeuern des Brewing Standes nutzt.”
Mike wollte schon dazwischen grätschen, doch Basti griff plötzlich seinen Arm und drückte ihn weg von einer sehr plötzlich aufgetauchten Klippe.
Vor ihnen breitete sich ein riesiger Lavasee aus - sie hatten das Ende des Waldes erreicht.
“Oh mein Gott!”, quietschte der Braunhaarige und hielt sich mit einer Hand verkrampft an dem Blauhaarigen fest.
Mikes Herz schlug hart gegen seine Brust und er versuchte, die ansteigende Panik wieder zu unterdrücken. Manchmal hasste er, wie einfach und schnell der Nether seinen eigenen Tod heraufbeschwören konnte.
Er beugte sich leicht nach vorne. Unter ihnen ging es, bis auf einige vereinzelt Insel aus Netherrack, direkt in die Lava.
Die beiden betrachteten in kompletter Stille den unendlichen See aus Orange-, Gelb- und Rottönen, der blubberte und brodelte.
Basti murrte plötzlich neben ihm und Mike unterdrückte sich ein kleines, wackeliges Lächeln bei dem Geräusch. Er konnte sich denken, was als nächstes folgen würde.
Sein Gemüt klart mehr und mehr auf.
“Ist das der Part, wo wir anfangen zu cheaten?”, fragte Mike kichernd, seine Brust wurde jede Sekunde leichter. Das Adrenaline von seinem Nahtod jagte weiter durch seine Venen, doch diesmal zu einem anderen Effekt.
Der Älterer seufzte, bevor er schließlich antwortete: “Nenn es nicht so. Aber ja, das ist der Part, wo wir theoretisch cheaten.”
Mike begann zu grinsen. Endlich! Seine Flügel sehnten sich nach einem Flug, nachdem sie so lange zusammengefaltet gewesen waren. Es war ja schließlich nicht so, als könnte er jederzeit einfach herumfliegen.
“Wir bleiben aber weit über der Lava, fliegen keine Umwege, machen keine ausfallenden Manöver und bleiben stets eine Flügelspanne von einander entfernt. Verstanden?”
Der Braunhaarige nickte heftig. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er und Basti wieder zusammen fliegen würden! Etwas sanftes kribbelte in seiner Brust und sein Grinsen wurde ekstatischer.
Er wusste, dass es aus der Gemeinschaft, wo Basti herkommt, völlig normal war zusammen zu fliegen, aber in seiner Heimat war das eher eine familiäre Geste als alles andere.
Mike würde das allerdings dem Älteren nie gestehen. Kein Grund, es komisch zu machen.
Im Herzen vermisste Mike schließlich irgendwo das Prinzip einer Familie, auch wenn nicht spezifisch seine eigene.
Basti riss ihn aus seinen Gedanken, indem er ihm auf die Schulter klopfte und ernst ansah, bevor er weiter redete: “Bei den kleinsten Anzeichen von einer Person setzten wir ab, klar?”
“Absolut.”, antwortete er ernsthaft zurück.
Theoretisch war es auf den meisten öffentlichen Servern verboten, seine Hybriden-Merkmale zum Vorteil zu nutzen, allerdings kontrollierte, dass nie wirklich einer. Hieß allerdings nicht, dass sie nicht trotzdem von einer Person angezeigt werden konnten.
Manchmal vermisste er whitelisted Server für Hybriden.
Aber gleichzeitig war es auch etwas aufregendes, wöchentlich von Server zu Server zu springen und andere Welten zu sehen - nichts stagnierte, nichts war langweilig. Es gab immer etwas Neues zu entdecken.
“Okay, dann los gehts.”, sprach der Blauhaarige und holte nochmal tief Luft und wuschelte Mike noch einmal heftig durch die Haare. Der Braunhaarige quietschte leicht und blickte beleidigt zu dem Älteren, doch dieser ließ sich schon in einer drehenden Bewegung von der Kante fallen.
Mike blinzelte überrascht und der Protest blieb in seinem Hals stecken. Keine Sekunde später lachte er leise.
So viel zu keinen ausgefallenen Manövern und viel Abstand zur Lava.
Mike grinste und nahm Anlauf, bevor er sich von der Kante katapultierte. Er breitete seine Arme aus und ließ sich einfach fallen.
Der heiße Wind strich über seine verschwitzte Stirn und fuhr wild durch seine sowieso schon wild aussehenden Haare. Er genoss jede Sekunde, die er einfach in seinen Tod raste. Schließlich öffnete er seine Augen wieder und breitete seine Flügel aus.
Die heiße Luft der sehr nahen Lava gab ihm wieder Auftrieb und er schnellte etwas in die Höhe. Keine Sekunde später tauchte ein Schatten über ihm auf. Mike legte den Kopf leicht in den Nacken und grinste Basti enthusiastisch an.
Der Blauhaarige grinste genauso verrückt zurück, wie Mike sich fühlte. Sein Herz raste in seiner Brust und sein Atem kam keuchend hervor. Der Sturz in die Tiefe, bevor er zu fliegen begann, war besser als jede Droge.
Nicht dass er je welche probiert hatte…
Basti drehte sich leicht und gleitete auf Mikes Höhe. Euphorie brannte sich durch Mikes Venen und er fühlte sich benommen, sein Gehirn watet durch einen tiefen Sumpf, um von einem Gedanken zum nächsten zu kommen.
Doch Mike vertraute komplett auf seine Instinkte.
Er warf einen Blick zu Basti, der ihn belustigt mit hochgezogener Augenbraue anstarrte. Mike kicherte und öffnete seinen Mund, um ein quietschendes “Yippie!” in den Wind zu schreien.
Er breitete begeistert seine Arme aus und drehte sich leicht um seine eigene Achse. Neben ihm verschwand Bastis Lachen in dem Wind, der an Mikes Ohren vorbei rauschte, doch für ihn hätte es nichts besseres geben können.
“Bastiii– Hilfe, ich verliere die Kontrolle!”, sprach Mike verschmilzt und obwohl er es nicht hören konnte, war er sich sicher, dass Bastis belustigt schnaubte.
“Neiinnnn, Wichtiger verliert die Kontrolle!”, quengelte er gespielt zurück und Mike richtete sich grinsend wieder waagerecht und blickte zu dem Älteren.
Dieser rollte die Augen, doch ein kleines Lächeln lag auf seinen Lippen, bevor er meinte: "So viel zu keinen Manövern, huh?”
Mike steckte seine Zunge aus, bevor er erwiderte: “Wer hat damit angefangen, in dem er sich von einer Klippe katapultiert?”
“Verdammt, damit hast du mich wohl.”, antwortete Basti belustigt, bevor er nach vorne in die Ferne zeigte und meinte: “Was sagst du dazu?”. Mike blickte das erste Mal wirklich nach vorne. Er kniff seine Augen zusammen und versuchte zu erkennen, auf was der andere zeigte.
Mike blinzelte. Meinte der Andere eines der Biome in der Ferne? Der Braunhaarige fragte leicht verwirrt: “Was, das Soul Sand Valley?”
Basti lachte, bevor er ernsthaft antwortete: “Wie wär's mit der Festung darin?”
“WAIT, WAS?!”, quietschte er und riss seinen Blick wieder nach vorne und scannte das dunkle Biom nach der Struktur ab. Endlich sah er das Schwarze etwas am Horizont, mit jeder Sekunde, der sie näher kamen, wurde es einfacher, sie zu sehen.
“Wtf, wie hast du das gesehen in der Dunkelheit…”, murmelte er leise und kniff seine Augen zusammen und scannte die ihnen vorliegende Strecke über festen Grund nach Ghasts und anderen Mobs ab. Das Letzte, was er brauchte, war noch runtergeschossen zu werden.
“Ist ja nicht so, als wäre das irgendwie mein Job oder so, haha…"
Mike kicherte leicht, bei der trockenen Antwort. Manchmal vergaß er, wie sehr Basti seinen eigenen Beruf nicht ernst nahm.
Für Mike war es immer die größte Sache ein Kopfgeldjäger zu sein und sobald er seine Lizenz hatte, würde er sie jedem ins Gesicht halten, vor allem einer bestimmten blonden Person auf einem anderen Server.
Aber der Ältere erwähnte nie wirklich seinen Beruf, sondern griff auf Worte wie Reisender oder Ähnliches zurück.
Mike bestätigte sanft: “True, true.” Bevor er beunruhigt seinen Blick auf das immer schneller näher kommende Soul Sand Valley legte. Doch noch bevor er die Chance hatte, weiter unsicher zu sein, meldete Basti sich zu Wort:
“Wir sollten maybe absetzen, wegen Skeletten und Ghasts…”
Mike nickte und obwohl er die Entscheidung verstand, wünschte er, dass die beiden weiter gemeinsam fliegen könnten. Doch am Ende wusste er auch, dass eine Verletzung an seinen Flügeln ihn wahrscheinlich für immer beeinträchtigen würde. Schließlich hatte er nur dünne verletzliche Flügel.
Die beiden setzten am Rand des Biomes ab. Sie hatten gerade mal ihre Flügel zusammengeschlagen, da raste plötzlich ein Pfeil haarscharf zwischen sie hindurch. Mike schrie ein lautes “Oh mein Gott!” und zog sofort seine Axt.
Basti neben ihm zuckte leicht zusammen, fiel aber sofort ebenfalls in eine Kampfpose und murmelte ein leises “Ja moin…”.
Die beiden machten schnelle Sache mit dem Skelett, bevor sie ihren Weg zur Festung fortsetzten.
⋆ ---––——––--- ⋆
Mike blinzelte und versuchte, seine müden Augen irgendwie aufzuhalten.
Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der letzte. Im Hinterkopf nahm er wahr, dass er sich ziemlich stark auf Basti lehnte, aber sein müder Körper konnte nicht anders.
Basti seufzte leise und öffnete die Tür zum Inn, wo sie unterkommen würden - hoffentlich.
Mike gähnte und versuchte irgendwie die Kraft aufzubringen, alleine weiter zu laufen. Etwas, was ihm mehr oder weniger gelang.
Langsam traten die beiden in den fast leeren Raum mit einem Tresen, der besetzt war mit einem älteren Mann, welcher sofort aufsprang, als er sie erblickte.
Mike lehnte sich schwer auf den Holztresen und versuchte zumindest so zu tun, als würde er zu hören.
"Willkommen im Inn–...”, begann der Mann freundlich und für Mikes Geschmack viel zu laut.
“-Ihnen helfen?” Der Braunhaarige blickte verwirrt zu dem älteren Mann. Wo war der Rest des Satzes gewesen? Frustriert stieß Mike etwas heiße Luft aus und versuchte diesmal wirklich zuzuhören.
Doch seine Gedanken drifteten immer wieder weg.
Bastis leise, raue Stimme, die in einem gleichmäßigen Ton sprach, war die perfekte Hintergrundbeschallung, um zu schlafen. Mike zuckte leicht zusammen und blinzelte sich energisch wach.
“Ja, ich hätte da etwas.”, beendete der andere Mann Bastis Monolog. Mike rümpfte die Nase, er mochte die heisere Stimme des Mannes nicht.
Mike gähnte und schloss kurz die Augen, nur um fast einzuschlafen. Grummelnd rieb er sich die Augen.
Er richtete in einem letzten Versuch, wach zu bleiben, seine Aufmerksamkeit wieder auf Basti. Der Ältere hatte viele leichte Wunden und Schrammen, kleine Teile seiner Kleidung waren angesengt und seine Haare waren ein reines Chaos und doch behielt er eine aufrechte und wache Position. Obwohl Mike genau wusste, dass Basti ebenso müde und erschöpft war wie er.
Der Braunhaarige seufzte leise und kämpfte sich vom Tresen hoch und stellte sich schwankend neben Basti.
Ein letzter Versuch, präsentable auszusehen. Für was? Er hatte keine Ahnung. Wahrscheinlich wegen Basti.
“Und für wie lange…?”, sprach jemand, wahrscheinlich der ältere Mann hinter dem Tresen. Es war ja nicht so, als wären viele andere Personen hier, überlegte Mike langsam, bevor er seine Stirn runzelte und sich fragte, warum er sich so unsicher war.
Es waren nur 3 Personen hier. Basti, er und der Mann.
Gott, seine sich im Kreise drehenden Gedanken machten es ihm nicht leicht, wach zu bleiben.
Mike blinzelte langsam sich leichte Tränen aus den Augen und kämpfte darum nicht wie ein kompletter Dummkopf im Stehen einzuschlafen. Doch plötzlich fuhr ihm jemand sanft durch die Haare.
Der Braunhaarige schloss flatternd seine Augen und genoss die gleichmäßige Bewegung von Basti. Seine Schultern entspannten sich und die Aktion, wach zu bleiben, schien gar unmöglich.
Ohne groß nachzudenken, lehnte er sich wieder an Basti und umklammerte den einen Arm des Älteren.
“Ja, das reicht komplett, keine Sorge.”, murmelte Basti leise neben ihn und Mike lächelte leicht. Der Blauhaarige war deutlich leiser als vorhin und Mikes Ohren genossen die sanfte Tonart.
Nach Stunden im Nether, in denen sie nichts anderes als Ghasts, Blazes und Piglins rumschreien und laute Geräusche von sich geben gehört hatten, tat jede kleinste Stille seinen blutenden Ohren gut.
Die kleine Stille wurde durch ein unschönes, für diese Uhrzeit viel zu heiter klingende Lache durchbrochen. Mike öffnete ein Auge und schielte zum Wirt, der die Situation, dass Mike und Basti beinahe umkippten, witzig zu scheinen fand.
Genervt drückte er sein Gesicht in Bastis Seite und konzentrierte sich wieder auf die Kreise, welche Basti durch seine Haare fuhr.
Bastis sagte irgendwas, aber Mike konnte beim besten Willen die Worte nicht verstehen. Sein Gehirn hatte schon lange abgeschaltet.
"Ach ja, mein Sohn ist auch immer so gewesen, tagsüber ein Rebell, aber abends ein Koala.” Der Mann beendete seine Aussage mit einem Lachen. Mike verstand nicht, wieso die Geschichte jetzt so wichtig war, aber vielleicht ist das einfach etwas aus dem Nähkästchen plaudern? Wer weiß.
Aber Mike hatte auch keine Zeit sich damit zu beschäftigen, denn Basti hatte mit seiner Hand gestoppt.
Murrend drehte der Braunhaarige langsam seinen Kopf zu Basti, welcher plötzlich hellwach aussah und den Wirt anstarrte. Er öffnete seinen Mund nur um ihn wieder zu schließen.
Mike war plötzlich wacher als zuvor.
Er blickte zum Wirt, welcher irgendwas aufschrieb, wahrscheinlich ihre Reservation. Was genau hat Basti so aufhorchen lassen? Mike blickte wieder zu Basti, Verwirrung schwirrte in seinem Kopf umher.
Mike strengte seine letzten Gehirnzellen an und ging noch einmal die Interaktion bis jetzt durch, doch seine Unaufmerksamkeit bis gerade eben machte dies schwer. Es war, als setzte er ein Puzzel zusammen, aber die Hälfte der Teile fehlte.
Basti warf ihm einen schnellen Blick zu.
Der Braunhaarige öffnete seinen Mund um zu fragen, was los war, doch genau in diesem Moment warf der Blauhaarige ihm ein aufmunterndes Lächeln zu.
Doch das Lächeln erreichte nie ganz seine Augen und sah eher unsicher aus, wie ein Kind in zu großen Schuhen.
Mike blickte wieder nach vorn, doch seine Gedanken schwirren. Einerseits war er zu müde um wirklich viel nachzudenken, aber andererseits beunruhigte ihn Bastis Reaktion.
“Hier der Schlüssel!” Mike blinzelte sich wieder in die Realität und starrte in das heitere Lächeln des Mannes. Unsicher warf er einen Blick zu Basti, welcher sich leise bedankte und den Schlüssel griff.
Keine Sekunde später setzten sich die beiden wieder in Bewegung.
Ohne ein Wort zu wechseln, bogen sie ab in einen langen Gang mit mehreren Türen. Mike biss sich auf die Lippe, entschied sich aber die Situation, wenn erst morgen anzusprechen.
Er war viel zu müde, um seine Gedanken richtig ausdrücken zu können. Zudem schien Basti wieder über seine Überraschung hinweg.
Er hoffte einfach, es war nicht wirklich so wichtig, wie er dachte. Mit dem Gedanken konzentrierte er sich wieder auf ihre anstehende Aufgabe - ein Schlafplatz.
Mike klammerte sich immer noch an Bastis Arm fest und rieb sich mit seiner freien Hand die Augen, während sich ein Gähner durchkämpfte.
“Wo schlage–... schlarr–...schlarf-...” Mike runzelte die Stirn und versuchte seinen Mund dazu zu bringen, das einfache Wort auszusprechen. Doch jedes Mal stolperte er erneut darüber.
Frustriert wollte er sich schon entschuldigen, doch Basti kam zuvor mit einem sanften: “Schlafen.”
Mike nickte, doch Basti setzte bereits fort: “Die ganz hintere Tür auf der linken Seite.”
“Zum Glück, ich weiß nicht, wie–” Mike brach ab und gähnte. “Lang ich noch kann..” Ein sanftes Lachen kam von über ihm, doch Mike behielt seine Augen auf dem Ziel - der unscheinbaren Tür.
“Same.”
Stille kehrte ein, nur durchbrochen von ihren schweren Schritten auf den Holzboden, ab und zu quietschte eine Diele, aber ansonsten war kein Laut zu hören. Die Welt um sie schlief bereits.
Sie erreichten endlich die Tür.
Mike lehnte sich an die Wand und schloss die Augen, während er darauf wartete, dass Basti die Tür aufschloss.
Doch plötzlich unterbrach der Blauhaarige die Stille.
“Du warst eine sehr große Hilfe heute, Wichtiger. Danke nochmal.” Mike riss seine müden Augen auf und starrte den Älteren an, welcher ihn schon lächelnd betrachtete. Der Braunhaarige begann sofort das Lächeln zu erwidern.
Etwas flatterte in seiner Brust und ein angenehmer Schauder überkam seinen Körper. Sein Grinsen nahm ein eigenes Leben an und wurde stets breiter.
Ein kleines Kichern brach hervor und Mike zwängte sich ein leises: “Es hat auch sehr viel Spaß gemacht!” hervor.
