Chapter Text
„Louisa?“, ruft ihn Frau Wagner auf. Eric hat aufgezeigt, wie eigentlich immer. Und wie eigentlich immer kommt er sich dabei komisch vor. Weil er sich sicher ist, dass die anderen Kinder sich wieder lustig machen werden. Dabei weiß er doch einfach nur die Lösung der Rechenaufgabe, die an der Tafel steht. Natürlich meldet er sich dann. Er kann es auch nicht einfach nicht tun. Das ist doch der Zweck des Ganzen, oder?
„Dreiundfünfzig“, antwortet er, den Blick auf das vor ihm aufgeschlagene Heft mit den karierten Kästchen, in die er fein säuberlich seinen Lösungsweg notiert hat, gerichtet, und dreht dabei seinen grünen Füller in den Händen. Den hat er von seinem Großvater bekommen und er erinnert ihn immer an Frösche. Frösche sind seine Lieblingstiere und das ist ein weiterer Grund, weshalb die anderen ihn komisch finden. Dass seine Kleidung ebenso grün ist wie der Füller und seine Haare raspelkurz, hilft da auch nicht gerade.
Die Lehrerin lächelt ihn warm an an. „Sehr gut.“
„Sehr gut“, kommt es von irgendwo weiter hinten. Eric kann nicht sehen, wer das sagt, aber die Stimme des Mitschülers ist anders als Frau Wagners Stimme nicht voll Wärme oder Anerkennung, sondern trieft hässlich und eklig vor Spott. Dann folgt ein gemeinschaftliches Lachen und Eric würde am liebsten anfangen zu weinen. Er weiß die Antwort, also meldet er sich. Immer und immer wieder wiederholt er das in seinem Kopf, während die Lehrerin, die nicht mitbekommen hat, weshalb die anderen lachen, die nächste Aufgabe an die Tafel schreibt. Das Geräusch des Kratzens der Kreide über die Tafel ist angenehmer in seinen Ohren als das immer noch andauernde Lachen. Eric umklammert den Füllerdeckel so, dass sich das Plastik am Rand der Öffnung in seine Hand bohrt, weil diese Art Schmerzen immer noch besser sind als das Gefühl wie sich all seine Organe zusammenziehen.
In der Pause schafft Eric es nicht mehr, die Tränen zurückzuhalten. Und dafür hasst er sich gleich ein bisschen selbst. Er ist zehn Jahre alt, verdammt nochmal. Nach vier Jahren Grundschule sollte ihm das alles etwas egaler sein; vor allem, weil er die meisten der Kinder nach den Sommerferien ohnehin nicht mehr sehen wird, denn das Gymnasium, das er sich ausgesucht hat, ist das, auf das die anderen alle nicht gehen wollen. Obwohl sein Vater anfangs protestiert hat, weil er das, wo die meisten anderen hingehen wollen, besser fand und es ihm wichtig ist, dass Eric gute Noten schreibt, damit er irgendwann einmal in seine Fußstapfen treten und auch Medizin studieren kann. Darüber macht Eric sich aber keine großen Sorgen, denn die guten Noten kommen bei ihm schon von alleine, sagt zumindest Frau Wagner, und wie sein Vater Arzt werden, das will er ohnehin schon, seitdem er seinen ersten Spielzeugarztkoffer bekommen hat. Wenn das nicht klappt, dann wird er eben Physiker. Wie Albert Einstein oder Stephen Hawking. Gerade wünscht er sich nichts mehr, als von den anderen wegzukommen und nach vier Jahren voll vergeblicher Versuche, endlich Anschluss zu finden. Er hofft einfach, dass auf der neuen Schule Kinder sind, die so sind wie er. Die auch gerne lesen und es nicht komisch finden, wenn man Comics und Bücher interessanter findet als Fußball oder Pferde.
Am liebsten würde er weglaufen, doch Fluchtmöglichkeiten gibt es hier nicht. Der Schulhof ist ein großes Quadrat mit angrenzendem Klettergerüst, das durch eine Hecke vom Rest des Hofs abgetrennt wird. Hinter das Gebäude kommt man nicht. Auf dem Klettergerüst sind die Mädchen aus seiner Klasse damit beschäftigt zu wetteifern, wer die gefährlichsten Rollen und Kunststücke hinbekommt. Die jüngeren Jahrgänge trauen sich nicht dorthin und auch die anderen Jungs aus seiner Klasse sind dort meist nicht zu finden. Und deshalb auch Eric nicht, denn da würde er zu viel auffallen. Lieber zieht er die Anonymität des gepflasterten Quadrats vor und versucht so gut es geht mit dem dunkleren grün der Hecke zu verschmelzen und einfach abzuwarten, bis die fünfzehn Minuten Pause um sind und er wieder zurück ins Klassenzimmer kann, wo er sich nicht halb so fehl am Platz fühlt. Denn dort kann er wenigstens rechnen und lesen und schreiben und lernen und das ist immerhin etwas, das er kann, wenn „zu den anderen passen“ schon nicht funktioniert. Dafür bekommt er immerhin Anerkennung. Zwar nicht von seinen Mitschüler:innen, die ihn wegen seiner Begeisterung für Schulaufgaben seltsam finden, aber wenigstens von Frau Wagner. Eric wischt die Tränen aus seinem Gesicht und packt einen Comic aus, in den er sich vertiefen kann. Der Wind macht es schwer, die Seiten festzuhalten und die Kälte kriecht ihm in die Finger und lässt sie erröten, aber das ist ihm egal. Zu gerne stellt er sich vor, die Elfen, Zwerge, Trolle, Orks und Zauberer wären seine Freund:innen und er würde mit ihnen Abenteuer erleben.
Er ist so in das Comicheft versunken, dass er gar nicht merkt, dass ein Fußball auf ihn zufliegt und ihn, bevor er reagieren kann, oberhalb seines Ohr auf den Bügel seiner Brille trifft. Dort, wo das Metall gegen seinen Kopf gedrückt wurde, schießt ein stechender Schmerz durch seinen Körper. Erics Finger krallen sich in die Seiten des Comichefts und schon wieder füllen sich seine Augen mit heißen Tränen. Schon wieder ertönt von irgendwoher ein Lachen.
„Hey, Louisa!“, ruft jemand belustigt. Aber Eric registriert das nur am Rande. Er legt den Comic in seinen Schoß und nimmt seine Brille ab. Das dunkelgrüne Metall des Bügels ist verbogen, jedoch ansonsten nicht beschädigt. Dennoch verschwimmen die Farben vor seinen Augen, als die Tränen schließlich sein Gesicht herunterlaufen. „Louisa! Heulsuse!“
Eric blickt auf und schaut in eine grinsende Fratze. Immer wieder erstaunt es ihn, wie grausam jemand auch mit nur zehn Jahren schon aussehen kann. Neben Paul, der gerufen hat, stehen noch weitere Jungs aus seiner Klasse. Einer von ihnen hat den Fußball in den Händen, ein anderer hat die Hände in die Hüften gestemmt. Aber alle schauen zu ihm herüber. Eric fühlt sich eingeengt, die Hecke im Rücken und den Blicken der anderen ausgesetzt. „Wir dachten, du wolltest vielleicht mitspielen, wenn du schon denkst, ein Junge sein zu müssen. Wir wollten dich nicht treffen.“ Doch, wollten sie. Das sieht er schon daran, wie Paul Leonhard anstößt und ihm etwas ins Ohr flüstert. Dann lachen die beiden wieder und kommen weiter auf ihn zu. Eric geht noch einen Schritt nach hinten in Richtung Hecke und wischt sich hastig mit dem Ärmel seiner Weste die Tränen aus dem Gesicht. Seine Zähne beißt er fest aufeinander. Paul bleibt genau vor ihm stehen. „Noch so’n Tipp, Louisa, wenn du keine Pussy haben willst, dann darfst du auch keine sein und gleich heulen wie’n Mädchen.“ Er dachte, das Lachen sei schon schlimm genug. Aber das hier trifft ihn dann nochmal mehr.
„Ich bin kein Mädchen!“ Eric schreit ihnen das so laut entgegen, dass seine Spucke durch die Luft fliegt, so wütend ist er. Oder verletzt. Oder traurig. Oder alles davon. Manchmal kann er gar nicht genau benennen, was das für ein Gefühl ist, das ihn fast schon umhaut. Er hasst sich selbst noch ein bisschen mehr. Denn eigentlich hat er sich geschworen, dass er sich nicht mehr so verhalten wird, dass die anderen einen Anlass haben, sowas zu sagen. Jungs weinen nicht, verdammt. Das verhindert allerdings nicht, dass erneut Tränen sein Gesicht herablaufen.
„Wenn du das sagst“, spottet Leonhard. „Wir wollten die nur ‘nen Tipp geben. Aber bei so immer braven Strebern wie dir ist sowieso Hopfen und Malz verloren.“ Er zuckt die Schultern und die Gruppe zieht ab, um wirklich weiter Fußball zu spielen. Eric lassen sie alleine mit seiner verbogenen Brille und dem Comic-Heft zurück. Endlich. Denn obwohl es ein Tipp war, hat er trotzdem härter getroffen als der Ball.
„Tut mir leid“, sagt das Mädchen, das sich im Bus auf den Sitz neben ihn fallen lässt. Lucia ist erst dieses Jahr neu in seine Parallelklasse gekommen und hat ähnlich wie er auch noch nicht so richtig einen Anschluss gefunden. Nur lassen die anderen sie in Ruhe und er hatte im Gegensatz zu ihr vier Jahre Zeit, um Freund:innen zu finden.
Eric schaut auf. „Was tut dir leid?“, will er wissen. Eric mag Lucia. Sie ist still, freundlich und hält ähnlich wie er viel von Mathematik und Fantasy-Büchern und Comics. Bücher und Comics sind eigentlich ihr Lieblingsthema and ein paar Mal waren sie so sehr ins Gespräch vertieft, dass sie die Zeit vergessen haben, sodass sie ihre Bushaltestellen verpasst haben und wieder zurückfahren mussten. Auf der Rückfahrt haben sie so doll gelacht, dass ihnen die Seiten weh getan haben. Aber das war okay. Trotzdem erinnert Eric sich daran nur manchmal gerne zurück oder überhaupt denkt er nur manchmal gerne an Lucia, weil er sie vielleicht ein bisschen zu gerne mag.
„Ach, Lou.“ Lucia schaut ihn aus traurigen Augen an und seufzt dabei theatralischer als jeder Erwachsene das kann. Dass sie ihn Lou nennt, ist auch so eine Sache. Einerseits mag er es, einen Spitznamen zu haben, der nicht „Heulsuse“ oder „Pussy“ lautet, denn das ist immerhin nicht sein richtiger Name und den hasst er. Der fühlt sich einfach nicht nach ihm selbst an. Manchmal vergisst er sogar zu antworten, wenn jemand ihn damit anspricht. Andererseits würde er sich gerne trauen, Lucia zu sagen, wie er eigentlich gerne heißen würde, aber das tut nicht. Denn obwohl „Lou“ schön klingt, klingt es auch sehr mädchenhaft. Zumindest kennt er keinen Jungen, der so heißt. Und wenn es mädchenhaft klingt und er ein Mädchen sein sollte und nicht alle einen ganz großen Fehler machen, indem sie ihn für eins halten, dann darf er Lucia nicht ein bisschen zu sehr mögen, weil Mädchen nicht in andere Mädchen verknallt sind; das sagen zumindest Paul und Leonhard und etwas dagegen gesagt hat bisher niemand. Er ist zwar kein Mädchen, aber dann irgendwie doch. Für die anderen schon.
Eric versucht zu lächeln. Das misslingt ihm bestimmt, aber er versucht es. Er hält sich an der roten Busstange, die den Bereich zur Tür abtrennt fest. „Was ist denn jetzt?“, hakt er nochmal ungeduldig nach.
„Es ist nicht in Ordnung, wie die anderen dich behandeln“, sagt sie. Und das ist auch so ein Problem. Sie reden immer nur im Bus, aber in der Schule und in den Pausen ist Lucia wie vom Erdboden verschluckt. Da hilft sie ihm nie. Oder liest mit ihm Comics. Nur hier hält sie zu ihm. „Sie können dich doch nicht einfach mit ‘nem Ball abschießen und beleidigen.“ Entschlossen schaut sie nach vorne und hat dabei die Lippen fest aufeinander gepresst. „Tut es noch sehr weh?“
Er schweigt. Ja, es tut weh, aber nicht sein Kopf, dem geht es gut. Seine Hände umklammern die Stange ein bisschen fester. „Vielleicht bin ich ja wirklich…“, er schluckt und atmet tief ein. Er will „ein Mädchen“ sagen, aber dafür müsste Lucia erst mal verstehen, dass er eigentlich keins ist und dass als eines gesehen zu werden für ihn eigentlich der größte Horror ist. „… eine Pussy.“ Seine Stimme bricht, in seinem Hals bildet sich ein Kloß, aber es kann doch nicht sein, dass er schon wieder den Tränen nahe ist. Also schweigt er wieder.
„Bist du nicht“, sagt Lucia. Ihre Stimme klingt so, als sei sie davon felsenfest überzeugt und Eric will das auch sein. Er würde das nur zu gerne glauben. Aber er beweist doch selbst immer und immer wieder das Gegenteil. Gleichzeitig ist da diese winzige Hoffnung, dass sie vielleicht verstanden hat, was er eigentlich meint. „Manchmal verstehe ich dich zwar auch nicht, aber das muss ich ja auch nicht. Wer versteht schon alle Menschen? Paul und Leonhard und die anderen, die verstehe ich auch nicht.“
Und die, die verstehen ihn auch nicht. Sonst wären sie nicht so. „Danke“, sagt Eric. „Glaube ich.“
Lucia grinst, als hätte sie den restlichen Teil der Unterhaltung wieder vergessen. Ihre Nase kräuselt sich dabei und ihre Sommersprossen tanzen lustig auf ihrer dunklen Haut. „Du glaubst nur?“, fragt sie und klingt dabei so spielend entrüstet, dass sie fast schon wirklich entrüstet klingt.
Und auch Eric kann nicht anders, als sich zumindest ein bisschen mitreißen zu lassen. Sein Bauch tut weh und da ist auch noch ein Kloß in seinem Hals, aber er lächelt Lucia an. „Stell dir vor, ich weiß sogar.“
„Ach, ich mag dich“, sagt Lucia da plötzlich und guckt dabei ganz ernst.
Eric weiß nicht, was er sagen soll. Ich dich auch? Das fühlt sich viel wichtiger an als es sein sollte. Jemanden mögen, das ist ja nur das Gegenteil davon, jemanden nicht zu mögen. Aber irgendwie kann es auch mehr heißen. Er schaut nicht länger Lucia an, sondern die rote Stange, die seine Hände noch immer umklammert halten. „Ich dich auch“, haucht er. Denn so kann er sich zumindest ein bisschen vorstellen, dass er das nicht Lucia sagt, sondern einfach nur so vor sich hin. Einfach nur der Stange vor sich.
Doch plötzlich sind Lucias Arme um seinen Körper geschlungen und sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich muss aussteigen“, verkündet sie und verlässt einfach so den Bus, als wäre das alles nie passiert.
