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Chapter 10

Notes:

*looks back on the last chapter's author's note of 'maybe i'll manage a chapter a month next year!'* *laugs desperately*
So, that does NOT work out. Aber ich habe zumindest ein neues Kapitel anzubieten. Wir machen langsam Fortschritte. Diesmal mache ich ganz bewusst lieber keine Versprechen darüber, wann mit dem nächsten Update zu rechnen ist.

(See the end of the chapter for more notes.)

Chapter Text

Ein Blick auf die Uhr entlockte Peter ein Seufzen.

„Die Arbeit ruft?“, mutmaßte Jeffrey grinsend.

Schicksalsergeben nickte Peter, stellte seine Colaflasche und den leeren Teller in die Geschirrrückgabe des Strandkiosks. Die Pommes, die man hier bekam, waren weder besonders gesund, noch besonders lecker, aber früher war es ihre Tradition gewesen, sich hier zum Mittag einzudecken, wenn sie den ganzen Tag auf dem Wasser gewesen waren. Und jetzt, wo er wieder in Rocky Beach war, konnten sie zumindest Teile davon wieder aufleben lassen.

Dass der Kiosk nicht weit von Jeffreys Surfschule entfernt war, war ein zusätzlicher Pluspunkt. Peter genoss es, dass sie sich jetzt tatsächlich in der Mittagspause einfach so am Strand treffen konnten.

Weniger Lust hatte er allerdings darauf, gleich wieder Skinny zu begegnen. Am Nachmittag zuvor waren sie sich größtenteils aus dem Weg gegangen, was im Jugendzentrum zum Glück meistens nicht so schwer war, und den Vormittag hatte Peter sich frei genommen, weil sich sonst durch die Arbeit am Nachmittag und am Sonntag ohnehin zu viele Überstunden auf seinem Konto ansammeln würden.

„Ich hab noch ne halbe Stunde, bevor ich für die nächste Gruppe vorbereiten muss“, erklärte Jeffrey und streckte sich genüsslich in dem Liegestuhl aus.

„Du mich auch“, gab Peter zurück, aber er musste ebenfalls grinsen.

Winkend verschwand er zum Parkplatz hinauf, wo er sein Fahrrad abgestellt hatte. Gerade hatte er das Schloss geöffnet, als sein Handy klingelte. Justus.

„Na, was gibts?“, wollte Peter wissen.

„Wie kommst du im Moment mit Skinny zurecht?“, fragte Justus ohne jede Vorrede.

Peter unterdrückte ein Seufzen. „Geht so.“ Er hatte schon eine ziemlich gute Idee, was jetzt kommen würde.

„Labelling Approach, Peter“, erklärte Justus mit dieser Vortragsstimme, für die Peter ihn schon als Jugendlicher manchmal am liebsten erschlagen hätte. „In dem Moment, in dem du Skinny als deinen Gegner designierst und entsprechend behandelst, wird er in die Ecke gedrängt. Und natürlich verhält er sich dir gegenüber dann genau so, wie du es von unserem alten Erzfeind erwartest, weil er keine Chance sieht, eine andere Art von Beziehung aufzubauen und-“

„Ich weiß, was Labelling Approach bedeutet“, unterbrach Peter ihn ungnädig. „Bob hat dich darauf angesetzt, mir ins Gewissen zu reden, oder?“

Ein kurzes Schweigen. „Gewissermaßen“, gab Justus zu. „Aber wir wollen beide, dass du Spaß an deiner Arbeit haben kannst und dich nicht mit Skinny in einen Kleinkrieg verstrickst, den ihr eigentlich vielleicht beide gar nicht wollt.“

„Das hat euch beide früher auch nicht gerade von Kleinkrieg abgehalten“, lenkte Peter ab, um nicht allzu intensiv darüber nachdenken zu müssen, was Justus ihm klar zu machen versuchte. „Ich sag nur, die ganze Geschichte mit Calhoon.“

Justus tat ihm den Gefallen, zu lachen. „Das stimmt wohl. Aber erstens waren wir damals Jugendliche und zweitens mussten wir zwar gelegentlich zusammenarbeiten, aber nicht jeden einzelnen Tag in unserem bezahlten Job.“

„Ja, ja“, machte Peter ohne große Überzeugung. Auch ohne, dass Justus es aussprach, hörte er die unterschwellige Botschaft, dass er sich vielleicht ein wenig kindisch benahm. Es war ihm ja selbst auch schon aufgefallen. Und ab und zu hatte er sogar das Gefühl gehabt, Skinny ginge es genauso. Er seufzte. „Ist in Ordnung, die Nachricht ist angekommen. Ich soll mir ein bisschen mehr Mühe geben, mich professionell zu verhalten, und hoffen, dass Skinny das dann genauso macht.“

„Genau.“ Es sagte viel über Justus’ Entwicklung der letzten Jahre, dass er es schaffte, dabei nicht rechthaberisch zu klingen. „Versuch vielleicht, bewusst darauf zu achten, wie er agiert, bevor du reagierst. Und es auch zu akzeptieren, sollte er nett zu dir sein, anstatt gleich davon auszugehen, dass er es nicht ernst meint.“

„Ist ja gut.“ Peter rieb sich das Gesicht. „Geh du mal wieder zurück zu deinen Kriminalitätstheorien und deinen Studierenden und ich fahre ins Zentrum und versuche, Skinny nicht den Kopf abzureißen.“

„Viel Erfolg dabei“, wünschte Justus ihm mit einem dankenswerten Minimum an Belustigung.

Kurze Verabschiedung, dann legte Peter auf und schwang sich endlich aufs Fahrrad. Er würde ein bisschen kräftiger in die Pedale treten müssen, denn inzwischen war er etwas spät dran.

Während er den bereits vertrauten Weg zurücklegte, konnte er nicht anders, als über Bobs und Justus’ Worte nachzudenken.

Er dachte an den allerersten Tag zurück, als sie sich vor der Grundschule begegnet waren – bevor er erfahren hatte, dass Skinny sein neuer Kollege war. Da war Skinny vielleicht auch nicht umwerfend nett zu ihm gewesen, aber sie hatten sich zumindest zivilisiert unterhalten können. Größtenteils.

Tatsächlich hatte Skinny ihm sogar einige persönliche Informationen gegeben, ihm von Sadies Mutter erzählt. Doch schon am nächsten Tag, als er Peter sein Büro gezeigt hatte, hatte er seine Vergangenheit nur noch wie eine Waffe eingesetzt, um sie Peter um die Ohren zu schlagen.

Aber wie hatte er selbst sich da benommen? Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

Sein letzter Sportverein in San Francisco drängte sich in seine Gedanken. Zwei der Jungs aus der Fechtgruppe, Jay und Marcus, waren ständig über Kleinigkeiten aneinander geraten. Trainiert hatte er die beiden natürlich nicht, aber sie waren regelmäßig zu ihm geschickt worden, um ihre Streitigkeiten aus der Welt zu schaffen. Und damals war er es gewesen, der die Ermahnung ausgesprochen hatte, nicht immer gleich auf Abwehr zu gehen und das Schlimmste vom anderen zu erwarten.

Irgendwann hatte er sie dann knutschend im Geräteraum erwischt, aber das war ein anderes Thema.

Mit einem Seufzen ließ er das Rad ausrollen, stieg vor dem Tor ab.

So ungern er es zugab: Vielleicht hatten seine Freunde nicht ganz Unrecht. Vielleicht musste er sich auch an die eigene Nase fassen.

Er schloss das Fahrrad neben der Vortreppe an und ging ins Haus.

Die Geräuschkulisse war gedämpft, ein Klacken übertönte leise Stimmen, und Peter warf erst einmal einen Blick in den Hauptraum.

Tyler und Noah saßen am Tisch und machten offenbar Hausaufgaben, Skinny war in ein intensives Tischkicker-Match mit P.J. verstrickt und Melissa hatte mit ein paar Freundinnen die Sitzsäcke in Beschlag genommen.

Peters Gruß wurde beantwortet, allerdings nicht von Skinny.

Schon hatte er sich schnaubend halb abgewendet, als Justus’ Stimme sich in seinem Hinterkopf meldete.

Also hielt er inne. Sah noch einmal zu Skinny hinüber, dessen Blick konzentriert dem kleinen Fußball folgte, dessen Hände zwischen den Griffen hin und her flogen.

In so einer Situation, vielleicht mit Jeffrey oder Finnley auf der anderen Seite des Kickers, hätte er selbst auch einen Teufel getan, aufzuschauen, und damit ein Tor zu riskieren.

Und noch während er hinsah, versenkte Skinny den Ball in P.J.‘s Tor, hob den Kopf und nickte ihm grüßend zu.

Peter erwiderte das Nicken und versuchte dabei, nicht mit den Zähnen zu knirschen. „Sorry, Justus hat gerade angerufen, als ich losfahren wollte“, erklärte er seine kleine Verspätung.

Das ließ in Grinsen über Skinnys Gesicht huschen. „Manche Sachen ändern sich nie, was?“, gab er zurück.

Nee, stimmte Peter ihm in Gedanken zu, aber er sprach es nicht aus. Egal, wie oft er und Bob und auch Justus darüber scherzten, dass sie immer ein bisschen darauf konditioniert sein würden, die Autorität ihres Ersten anzuerkennen, Skinny stand der Spruch nicht wirklich zu.

„Hey“, riss ihn eine Stimme aus seiner Überlegung und Peter wandte sich um.

Hinter ihm war ein Mädchen aufgetaucht – er musste tatsächlich zu ihr aufschauen. Was allerdings auch an den schweren Plateau-Boots lag, bemerkte er im nächsten Moment. Ihre Haut war noch ein paar Schattierungen dunkler als Kellys, oder vielleicht wirkte es auch nur so, im Kontrast zu dem hellrosa Netzshirt, das sie trug. Generell schien jedes Stück Kleidung an ihr Pastellrosa oder Weiß zu sein – ein bemerkenswerter Gesamteindruck.

„Ich bin Kitty“, stellte sie sich vor. Vollkommen gelassen, kein Hauch der Unsicherheit, den einige der anderen Jugendlichen erst nach einer Weile ablegten „Und du musst Peter sein.“ Sie betrachtete ihn neugierig. „Obwohl es auch cool wäre, wenn du Nica wärst.“

Peter musste lachen. „Nein, du hast schon recht, ich bin Peter. Skinny hat dich herumgeführt?“

Gesehen hatte er sie in den letzten Tagen schon ein oder zwei Mal, erinnerte er sich – zumindest das Farbschema des Outfits kam ihm bekannt vor –, aber sie waren nicht ins Gespräch gekommen.

Zustimmend nickte sie. „Finds cool, dass es hier jetzt sowas gibt. Da wirkt Rocky Beach gleich ein bisschen weniger wie ein Provinznest.“

Dem konnte er nicht widersprechen. Für ihn war es als Jugendlicher ziemlich egal gewesen, die Bandbreite an Sportarten, die er ausüben konnte, war groß gewesen und für den Rest der Abwechslung hatten die Fälle schon ausreichend gesorgt, aber er erinnerte sich noch allzu gut daran, wie oft Jeffrey ins weitere Umland zu irgendwelchen Partys gefahren war – und wie viele Leute den stolzen Eintrittspreis im Planet Evil bezahlt hatten, weil es einfach keine andere Option im Ort gegeben hatte.

Trotzdem gab er zu bedenken: „Ach, komm. Immerhin gibt es doch das Kino und das Stadttheater schon ewig.“

„Stimmt.“ Kitty zuckte mit den Schultern. „Aber das kostet alles Geld. Und man kann zwar im Park oder am Strand rumhängen, aber wenns regnet, ist das halt Mist.“

Einer der Gründe, warum Kelly sich so für das Zentrum eingesetzt hatte. Seit er wieder hier war hatte Peter sich schon mehr als einmal gefragt, was er eigentlich damals mit seiner Zeit angefangen hätte, wenn er sich nicht ständig mit Justus und Peter in der Zentrale hätte treffen können. Sicherlich, bei gutem Wetter wäre er noch öfter mit Jeffrey auf dem Wasser gewesen, hätte er mit seinen Freunden einfach am Strand gesessen, aber bei Regen? Hätte Bob ihn und Justus mit in die Bücherei geschleift, wo man eigentlich leise sein sollte?

„Deswegen gibt es das Zentrum“, gab er Kitty recht. Zog den Riemen des Rucksacks zurecht, der in seine Schulter drückte. „Lass mich mal eben meine Tasche nach oben bringen.“

Noch ein Schulterzucken. „Klar. Ich wollt mich bloß kurz vorstellen.“ Gelassen spazierte sie an ihm vorbei in den Hauptraum, sah sich kurz um und nahm Kurs auf den Tischkicker.

In seinem Beratungsraum stellte Peter seinen Rucksack ab, fischte die beiden kleinen Hanteln heraus, die er am Vormittag spontan gekauft hatte und deponierte sie auf dem Regal zwischen den Springseilen und den Boxhandschuhen.

Auf der Treppe kam ihm Skinny entgegen. „Und, was wollte Sherlock so wichtiges von dir?“, erkundigte er sich.

Es kostete Peter einige Selbstbeherrschung, nicht die Augen zu verdrehen. „Bloß hören, wie es so geht“, gab er zurück.

Wieder dieses spöttische Grinsen auf Skinnys Gesicht, das Peters Puls unwillkürlich in die Höhe trieb. „Und ob du mich schon erschlagen hast?“

„Tatsächlich, ja.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, ging Peter weiter in den Hauptraum.

Schaute bei Noah und Tyler vorbei, die noch immer über ihren Matheaufgaben brüteten. Hilfesuchend hoben sie die Köpfe, doch als sie ihm die Arbeitsblätter zuschoben, hob er abwehrend die Hände. „Bei Integralen und so kann ich euch leider überhaupt nicht helfen.“

„Hey, aber ich vielleicht!“ Drüben in der Sitzecke war eine von Melissas Freundinnen aufgesprungen. Wie hieß sie noch – Valerie? Ihre braunen Locken hüpften, als sie den Raum durchquerte, sich über Tylers Schulter beugte, um seinen Zettel zu betrachten.

Für einen Moment schien er zusammenzuzucken, machte jedoch keine Bewegung, seinen Stuhl zur Seite zu rücken. Ließ sie gewähren, und Peter bildete sich ein, dass seine Wangen ganz leicht rot wurden.

Lächelnd wandte er sich ab. Da war keine weitere Beaufsichtigung erforderlich. Und umso schöner, wenn sie sich untereinander unter die Arme greifen konnten.

Draußen auf dem Rasen spielte P.J. mit Hannibal Tauziehen, während hinter Peter die Eingangstür klappte.

Als er sich umdrehte, standen zwei Mädchen im Türbogen. Der einen fielen die langen blonden Haare über eine übergroße Jeansjacke, die Peter etwas zu warm vorkam, die sie mit einer dunklen Hose und Boots kombiniert hatte. Die andere trug die Haare kurz und ein Tank Top mit dem Logo einer Umweltorganisation, die Justus auch gelegentlich unterstützte, über einem knielangen Skater-Rock. Ihre Gesichtszüge waren beinahe identisch, Peter spürte einen Unterschied mehr, als dass er ihn tatsächlich sah.

Beide sahen sich mit demselben, leicht zögerlichen Ausdruck um.

Lächelnd ging Peter auf sie zu, begrüßte sie freundlich.

„Hey, ich bin Peter“, sagte er, „Und ihr seid?“

Die Mädchen wechselten einen Blick. Irgendwie kamen sie Peter vertraut vor, aber er konnte den Finger nicht darauf legen.

Die mit den langen Haaren seufzte, als müsste sie sich erst darauf vorbereiten, sich vorzustellen. Dann antwortete sie: „Charity und Chastity.“

Peter konnte seine Überraschung nicht ganz unterdrücken. Die Kretschmer-Zwillinge. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, waren sie ungefähr so alt gewesen wie Ava jetzt und hatten identisch puppenhaft ausgesehen.

Sofort lag ihm die Frage auf der Zunge, ob ihre Mutter wusste, dass sie hier waren, aber er wusste es besser, als sie zu stellen.

Die mit den kurzen Haaren stieß ihre Schwester mit dem Ellbogen an, ehe sie Peter ansah.

„Ich bin Chas“, präzisierte sie. Deutete auf ihre Schwester. „Und das ist Cheri.“

Ein Teil von Peter war erleichtert, dass die beiden offenbar dazu übergegangen waren, sich hauptsächlich mit Spitznamen ansprechen zu lassen, denn er war sich wirklich nicht sicher, wie lange es ihm gelungen wäre, sie ernsthaft Charity und Chastity zu nennen. Und nicht nur, weil er, Bob und Justus sie früher so oft scherzhaft Prudence und Purity genannt hatten, dass er manchmal vergessen hatte, welches eigentlich ihre richtigen Namen waren.

„Schön, das ihr hier seid“, rettete er sich schnell in seinen gewohnten Text. „Seid ihr schon mal hier gewesen?“

Chas und Cheri schüttelten synchron die Köpfe. Auch wenn sie sich inzwischen offenbar äußerlich deutlich von einander abgrenzten, manche Dinge bekam man aus Zwillingen vermutlich nie wieder heraus.

„Was haltet ihr davon, wenn ich euch dann erst einmal das Haus zeige?“, bot er an.

Immer noch hatten sie eine gewisse Unsicherheit nicht abgelegt, und schienen ganz froh darüber, dass er für den Moment die Situation in die Hand nahm.

Mittlerweile konnte Peter den Rundgang im Schlaf machen, die entsprechenden Erklärungen kamen wie von allein aus seinem Mund, und er beobachtete neugierig die Reaktionen der beiden Mädchen.

Der kurze Hinweis auf das Angebot an Büchern, das sich im Lesezimmer fand, brachte Chas’ Augen zum Leuchten, und Peter fiel auf, dass ihr Blick an dem Sciene Fiction-Bord klebte.

Als letzte Station wählte er wie immer seinen Beratungsraum im oberen Stock, und ihm blieb nicht verborgen, wie Chas ihre Schwester anstupste, als sie die Regenbogenfahne bemerkten.

Auf Peters Tisch stand seit ein paar Tage eine große Schüssel mit Buttons in verschiedenen Pride-Farben, die er extra organisiert hatte, damit die Jugendlichen sich welche herausnehmen konnten, wenn sie wollten, und er konnte sehen, wie Cheri unwillkürlich die Hand danach ausstreckte, bevor sie wieder zurückzuckte.

„Nimm dir gerne einen“, bot Peter an. „Oder mehrere. Dafür sind sie da.“

Cheri zögerte weiter, warf ihm einen beinahe misstrauischen Blick zu.

„Von mir erfährt auch niemand, ob du dir einen genommen hast oder welchen“, versicherte er.

Das schien den Ausschlag zu geben, denn im nächsten Augenblick suchte sie in der Schüssel herum. Peter rief sich ins Gedächtnis, dass sie die Töchter von Eudora Kretschmer waren – wahrscheinlich konnten sie gar nicht anders, als in Betracht zu ziehen, was für Gerüchte und Tratsch für bestimmte Verhaltensweisen über sie verbreitet werden könnten. Allein, dass Chas die Haare kurz trug, sorgte vermutlich schon für Gerede.

Also tat er betont so, als würde er nicht hinsehen, während Cheri zwei Buttons heraus fischte und in ihrer Jackentasche verschwinden ließ. Still nahm er trotzdem Notiz davon, dass es sich um die Ace Fahne und lesbische Fahne handelte.

Chas sah ihrer Schwester nur lächelnd zu, ohne selbst eine Bewegung in Richtung der Schüssel zu machen.

„Ihr könnt jederzeit mit mir reden oder mit Skinny, wenn ihr Bedarf habt“, wechselte Peter das Thema. „Oder mit Nica, wenn sie da ist. Wir führen über sowas keine Akten, denn was nicht aufgeschrieben ist, kann auch niemand einsehen, und generell bleiben solche Gespräche unter uns.“ Irgendwie hatte er das Gefühl, dass der Hinweis gerade bei den beiden angebracht war.

Die Mädchen wechselten einen Blick, den er nicht deuten konnte; eine wortlose Verständigung.

Eine Sekunde noch ließ er die Versicherung nachhallen, dann fuhr er fort: „Und wenn ihr irgendwelche Anregungen oder Ideen habt, gerne her damit. Das Zentrum ist schließlich für euch, nicht für uns.“

Das brachte ihm Zwillingslächeln ein. „Darauf kommen wir bestimmt zurück“, versicherte Cheri auf eine Art, die ihn beinahe verleitete, seine Worte scherzhaft zurückzunehmen.

Seine Erkundigung, ob noch Nachfragen bestanden, wurde mit gemeinschaftlichem Kopfschütteln beantwortet. Also traten sie den Rückweg ins Erdgeschoss an, die Mädchen flüsterten leise, hielten im Durchgang zum großen Raum noch einmal inne.

Dort hatte sich das Bild verändert, Noah und Tyler waren in die Gruppe um Melissa eingemeindet worden, auch wenn Tyler nicht vollkommen so wirkte, als würde er sich dort wohlfühlen. Ein paar Kumpels von P.J. waren aufgetaucht, saßen draußen im Gras.

Noch so ein stummer Blickwechsel, dann gaben Chas und Cheri sich einen Ruck, ließen sie sich auf eins der Sofas fallen, rechts und links von Kitty, die überrascht von ihrem Handy aufschaute.

„Cooles Outfit“, erklärte Chas. „Ich seh dich manchmal in der Cafeteria, und ich liebe einfach deinen Stil.“

Kitty strahlte und Peter lächelte in sich hinein. Die beiden kamen schon zurecht.

„Sind das nicht die Kretschmer-Mädels?“ Skinny war neben ihn getreten, ohne, dass er es bemerkt hatte.

„Cheri und Chas, ja“, erklärte Peter, ohne die beiden aus den Augen zu lassen. „Mit denen hatte ich wirklich nicht gerechnet, aber vielleicht brauchen sie genau sowas mal.“

Ein undefinierbares Schnauben war Skinnys Reaktion. „Kann man ihnen bei der Mutter auch nicht verdenken.“


Als er am Abend auf sein Fahrrad stieg, musste Peter zähneknirschend eingestehen, dass seine Freunde möglicherweise ein bisschen Recht haben könnten. Der Nachmittag war wirklich entspannt verlaufen, diesmal hatte es kaum Ärger zwischen ihm und Skinny gegeben. Eigentlich waren sie geradezu eklig zivilisiert miteinander umgegangen.

Also war er vielleicht nicht ganz unschuldig an den Wortgefechten gewesen.

Noch war er nicht bereit, Skinny vollkommen vom Haken zu lassen – die alleinige Schuld würde er nicht auf sich nehmen –, aber zumindest ein wenig entspannter könnte die Zusammenarbeit wohl werden, wenn er selbst darauf achtete, nicht gleich in die Luft zu gehen, wenn er auch nur Provokation vermutete.

Zugeben würde er das Bob und Justus gegenüber allerdings keine Sekunde eher als zwingend notwendig.

Notes:

Da hier ja doch sehr viele OCs rumwuseln und die Pausen zwischen Kapiteln nicht gerade kurz sind - würde es eigentlich helfen, wenn ich irgendwo eine Liste mit den Namen und kurzen Beschreibungen oder so verlinke? Bzw würde das jemand wollen? Haben tue ich die Liste sowieso, weil ich sonst selbst den Überblick verliere, ich müsste sie also bloß ordentlich formatieren und irgendwo online stellen.