Chapter Text
Dezember - Silvester
Hold on to the memories
They will hold on to you
(Taylor Swift - New Year's Day)
Adam ist nervös.
Nervöser noch als vor seinem ersten Besuch in Leos Elternhaus als Leos fester Freund. Zwar ist er auch vorher schon öfters dort gewesen, vor allem wenn Mechthild darauf bestand, dass Adam Leo zum Sonntagsessen begleitet, aber da ist er nur sein bester Freund gewesen und noch nicht mehr.
Die ersten Male sind ungewohnt gewesen und Adam hat in jeder Sekunde hinterfragt, ob sie ihn wirklich in ihrer Mitte haben wollten. Doch spätestens als Mechthild ihn beim Gehen für den nächsten Sonntag erneut einlud, ist die Aufgeregtheit einem warmen Gefühl der aufrichtigen Zuneigung für Leos Familie gewichen.
Jetzt sind sie zwar nicht in Leos Elternhaus, sondern wie jedes Silvester, seit er wieder in Saarbrücken ist, bei Pia und Esther in der Wohnung, um von ihrem Balkon das Feuerwerk über der Saar bewundern zu können, aber die Aufregung ist dieselbe wie einst bei Leos Eltern.
Adam lehnt sich mit einem zufriedenen Lächeln gegen den Türstock und lässt seinen Blick über die Menschen im Wohnzimmer wandern. Es sind nicht viele, die meisten würde auch Adam mittlerweile zu seinen Freunden zählen. Rainer, Leos Kumpel aus der Steuerfahndung, einige Freunde aus Pias Laien-Theatergruppe und Noémi und ihre neue Freundin, mit denen sich Esther gerade angeregt im schnellen Französisch unterhält.
Leo sitzt neben Rainer auf dem Sofa, ein Bein untergeschlagen und seine Finger um den Hals einer Flasche Bier gelegt. Es ist die einzige, die er an dem Abend trinkt. Adam zuliebe und damit um Mitternacht seine Küsse keine Fahne haben. Aus demselben Grund hat Adam schon vor längerer Zeit das Rauchen gänzlich aufgegeben. Leo küssen ist ein besserer Weg seine Nervosität in den Griff zu kriegen, als dass es Nikotin je könnte.
„Na Schürki?“
Eine kleine Hand legt sich auf seinen Arm und Pia schiebt sich neben ihn in die Tür. Ihre Haare trägt sie offen, so dass die Locken sanft ihr Gesicht umrahmen. Ihre Wangen sind gerötet, vom Alkohol und der Wärme im Raum. In ihren Augen blitzt es, als sie kurz zu der Bauchtasche seines Hoodies huschen. Adam hat sie vorhin in seinen Plan eingeweiht, als sie alleine in der Küche standen und sie seine Unruhe bemerkt hat.
„Gleich?“, fragt sie mit einem Nicken zum Fernseher, auf dem der Countdown sich langsam Mitternacht nähert. Noch zwanzig Minuten. Adams Magen macht einen aufgeregten Salto.
Mit bebenden Fingern tastet er nach der kleinen Samtschachtel, seine Augen suchen Leo, der gerade lachend den Kopf in den Nacken wirft. Auch seine Wangen ziert ein roter Ton, der sich bis zum Kragen seines Pullovers zieht und sich sicherlich auf seiner Brust fortsetzt.
Adam benetzt sich mit der Zungenspitze die Lippen und wirft zögerlich einen Blick zu Pia, die breit grinst.
„Mach schon. Er wird nicht sein Nein sagen.“
Sie drückt seinen Arm ein letztes Mal versichernd und gibt ihm dann einen kleinen Schubs in Richtung seines Freundes.
Vor Aufregung stolpert er über seine eigenen Füße, als er sich zwischen den Menschen vorbei zu Leo schiebt, der nun seinerseits gestenreich eine Story Rainer zum Besten gibt. Als er Adam bemerkt, wird das Strahlen auf seinem Gesicht noch eine Spur breiter und das Funkeln in seinen Augen raubt Adam für einen Moment den Atem.
„Adam!“ Leo schnappt nach seiner Hand und will ihn neben sich ziehen, doch Adam schüttelt den Kopf.
„Kommst du kurz mit raus? Luft schnappen?“
Etwas in Leos Blick verändert sich, wird sorgenvoller.
„Ist alles okay?“ Leos Daumen kreist beruhigend über Adams Handrücken. Auch wenn Adams Herz ihm bis zum Hals klopft und sein Magen verdächtig grummelt, nickt er.
„Ich will nur kurz mit dir allein sein“, nuschelt er und Leo ist fast augenblicklich auf den Beinen. Entschuldigend dreht er sich zu Rainer um, der lachend abwinkt.
„Geh ruhig mit deinem Mann an die frische Luft.“
Adam hofft, dass man seinem Gesicht nicht ansieht, wie sehr Rainer ins Schwarze getroffen hat. Auch wenn es noch eine Antwort von Leo bedürft, um ihn auch offiziell bald seinen Mann nennen zu können.
Die Silvesternacht ist frostig kalt, so dass sich ihr Atem in kleinen Wolken vor ihnen abzeichnet. In der Ferne ist das Donnern der ersten Feuerwerke in der sonst ruhigen Nacht zu hören.
Leo schlingt seine Arme, um Adams Hüfte und drängt sich an seine Seite. In Momenten wie diesen macht sich der kleine Größenunterschied zwischen ihnen bemerkbar, wenn Leo sich in seine Arme schmiegt und den Kopf nur ein wenig zur Seite legen muss, damit er auf Adams Schulter landen kann.
Für einige Atemzüge genießt Adam die warme Schwere neben ihm, Leos leises Seufzen, das seinen Hals streift.
„Das war eine gute Idee; da drinnen wurde es langsam furchtbar warm.“ Leo reibt seine kalte Nase an Adams Hals, ehe er seinen Blick sucht. „Danke für das wundervolle Jahr mit dir.“
Adam schluckt schwer. Das ist eigentlich der Beginn seiner Rede.
Vorsichtig schiebt er Leo von sich, der ihn überrascht anblickt.
„Was—?“, will er beginnen, doch Adam schüttelt den Kopf, greift nach Leos Händen, die vom kurzen Moment hier draußen bereits eisig sind. Vielleicht sollte er sich besser beeilen.
„Leo“, setzt er an, nimmt einen zittrigen Atemzug und fängt noch mal an. „Leo, das Jahr war besonders. Vor allem dank dir. Ich habe mich noch nie so geliebt und akzeptiert gefühlt wie in den letzten Monaten."
Leos Griff wird für einen Moment fester, erdet ihn und sein wild pochendes Herz.
"Und gleichzeitig habe ich noch nie zuvor so viel Liebe empfunden oder auch nur gedacht, dass ich das könnte wie für dich. Und das nicht nur wegen der nachgeholten Kindheit, sondern wegen all der gemeinsamen Erinnerungen, die wir dadurch gemacht haben.“
Er erlaubt sich einen kurzen Blick in Leos Augen, in denen es verdächtig schimmert, aber das sanfte Lächeln auf den schönen Lippen versichert Adam, dass er nichts Falsches bis jetzt gesagt hat.
„Du hast mir zum ersten Mal in meinem Leben gezeigt, wie es ist, Teil einer Familie zu sein. Und ich bin dir dafür so unfassbar dankbar.“
Bebend löst er eine Hand aus Leos und greift nach der Schachtel in seiner Bauchtasche.
„Vor fast einem Jahr hast du mir eine Schachtel voll Glücksmomente überreicht. Und jetzt…“
Langsam zieht er sie hervor, Leos Augen weiten sich perplex und Unglaube tritt auf seine Gesichtszüge. Mit einem leisen Schnappen öffnet er die Ringschachtel und präsentiert den schlichten goldenen Ring im Samtbett.
„Heiratest du mich?“
Leos gehauchtes Ja spürt er fast nur an seinen Lippen, als über ihnen lautstark das neue Jahr Einzug hielt. Er schmeckt Leos Ja in dem stürmischen Kuss, sieht es in den grünen Augen, die jetzt vor Freudentränen überlaufen, als er den Ring auf Leos Finger schiebt.
Unter das Gedöse des Feuerwerks mischen sich die Jubelrufe von der Balkontür, wo allen voran Esther und Pia mit Sektflöten stehen und mit ihnen um die Wette strahlen.
Mit einem heiseren Lachen lässt Leo sich einen letzten Augenblick gegen Adams Brust fallen und sieht von unten zu ihm auf, als Pia ihnen zwei Gläser reicht.
„Auf ein Jahr voller neuer Erinnerungen?“ Leo hebt sein Glas und Adam stößt sanft dagegen.
„Auf ein weiteres Jahr mit dir.“
Und auf viele weitere danach, denkt sich Adam, ehe er sich erst von Pia und dann reihum von ihren Freunden in die Arme ziehen und beglückwünschen lässt.
Ja, es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit, aber auch nie für eine glückliche Zukunft, die das Feuerwerk am Himmel und in seinem Herzen einläutet.
Ende
