Chapter Text
1. Kapitel – »Ich dachte ich würde dich verlieren«
Fröstelnd schiebt Leo die Hände in die Taschen seines Wintermantels und vergräbt das Gesicht in der weichen Wolle des dichten Schals, den er sich um den Hals geschlungen hat.
Es ist ein trüber Wintertag und der Himmel so wolkenverhangen, dass man die Sonne kaum erahnen kann.
Leo lässt seinen Blick die Straße entlang schweifen. Er nickt einer älteren Dame zu, die ihren Hund ausführt und lächelt kurz, als zwei Kinder mit bunten Bommelmützen an ihm vorbeirennen.
In gemäßigtem Tempo fährt nun ein dunkler Skoda die Straße entlang, bleibt auf seiner Höhe in zweiter Reihe stehen und wenige Sekunden später erstirbt der Motor.
Die Tür der Fahrerseite wird geöffnet und Adams langer Körper schiebt sich nach draußen.
"Warum hast du denn nicht oben gewartet?" Adam kommt kopfschüttelnd auf ihn zu, wirkt ein wenig abgehetzt.
Leo schmunzelt. "Dir auch einen guten Morgen."
"Hast du etwa die Tasche selbst runter getragen?" Adam sieht ihn mit hochgezogener Augenbraue an und weist mit dem Kopf auf die vollgepackte Reisetasche zu Leos Füßen.
Leo seufzt. "Die ist gar nicht so schwer."
"Ist klar", antwortet Adam und greift nach den Trageriemen der Sporttasche und hebt sie an. "Das Ding ist schwer, Leo! Wie hast du das überhaupt geschafft mit den Krücken?"
Leo schmunzelt. "Du bist schlimmer als meine Mutter!"
Adam, der schon ein paar Schritte voraus gegangen ist, bleibt stehen und dreht sich um. Der Blick, mit dem er Leo betrachtet ist ernst. "Ich hab versprochen, dass ich auf die aufpasse – ab jetzt…"
Er senkt den Kopf, bohrt die Zähne in die Unterlippe.
"Adam." Leo greift nach den Krücken, die er hinter sich an die Hauswand gelehnt hat und macht humpelnd einen Schritt auf ihn zu und legt ihm sanft eine Hand auf die Schulter.
"Komm, wir müssen…"
Mit einer ruckartigen Bewegung macht Adam sich von ihm los, wirft die Reisetasche auf den Rücksitz seines Wagens und setzt sich wieder auf den Platz hinter dem Lenkrad.
Leo öffnet die Tür der Beifahrerseite und schiebt sich rücklings in den Innenraum des Autos, zieht das Bein der verletzten Seite nach und verstaut die Krücken so gut wie möglich im Fußraum des Autos. Er unterdrückt ein Keuchen, als er eine unbedachte Bewegung mit dem Oberschenkel macht, woraufhin ihm ein feiner Schmerz durch die Hüfte schießt.
Augenblicklich wirbelt Adams Kopf in seine Richtung. Die Sorge ist ihm nahezu ins Gesicht geschrieben.
"Alles gut", sagt Leo und versucht sich an einem Lächeln, "wirklich, Adam. Ich bin okay…"
Adam schnaubt, startet den Motor und lenkt den Wagen aus dem Wohngebiet in Richtung der Autobahn.
Leo lehnt seinen Kopf für einen Moment an das Seitenfenster, schaut dann wieder in Adams Richtung. Dessen Hände liegen nahezu verkrampft auf dem Lenkrad, sein Kiefer ist angespannt, die Zähne malträtieren abermals seine Unterlippe.
Leo seufzt. Er hat wirklich keine Ahnung, wie er Adam klar machen kann, dass das alles nicht seine Schuld ist.
Vor einigen Wochen ist ein Einsatz vollkommen aus dem Ruder gelaufen.
Der Tatverdächtige, den sie nach den Vernehmungen eigentlich für ruhig und besonnen gehalten haben und von dem Leo sicher war, dass er bei der Festnahme keine Probleme machen würde, ist vollkommen durchgedreht. Hat eine Streifenpolizistin niedergeschlagen und ist geflüchtet. Auf der Flucht hat er einige Passanten verletzt. Schließlich war es Leo und Adam gelungen ihn in einer alten Lagerhalle in die Enge zu treiben.
Bis heute weiß Leo nicht wie der Mann die Waffe ziehen konnte, mit der er zwei Mail auf ihn geschossen hat. Eine Kugel hat die rechte Hüfte durchschlagen, die andere ist in den Brustkorb eingedrungen und hat sein Herz nur um Millimeter verfehlt.
Dass Adam den Schützen mit einem gezielten Kopfschuss niedergestreckt hat, hat er erst später erfahren, als er im Krankenhaus zu sich gekommen ist und endlich nicht mehr von Schmerzmitteln benebelt war.
Als der Wagen an einer Ampel zum Stehen kommt und Adams Hand auf dem Steuerknüppelt ruht, streckt Leo seinen Arm aus und legt behutsam seine Finger auf Adams Handrücken. Dieser wendet Leo daraufhin den Kopf zu und sieht ihn mit deutlicher Verwirrung im Blick an.
"Es war nicht deine Schuld, Adam", sagt Leo sanft und streicht wie zur Bekräftigung seiner Worte mit dem Daumen über Adams Fingerknöchel.
Diese schnaubt und für einen Moment hat Leo die Befürchtung, dass er seine Hand zurückzieht.
"Niemand konnte ahnen, dass Maiewski so ausrastet. Nichts in den Verhören hat daraufhin gedeutet", meint Leo leise.
Adam wendet den Blick wieder ab, starrt mit zusammengebissenen Zähnen aus der Frontscheibe.
Leo folgt seinem Blick. Vor Ihnen überquert eine Gruppe Jugendlicher die Straße, einige von ihnen tragen rote Nikoläuse-Mützen, an den Zipfeln hängen kleine Kugeln, deren buntes LED-Licht im aufgeregten Farbwechsel blinkt. Einige von ihnen tragen Schlittschuhe mit sich. Zu Beginn der Woche ist die Eisbahn neben dem Staatstheater eröffnet worden.
Leo kann sich noch gut erinnern, wie er dort früher zusammen mit seiner Schwester Caro gewesen ist. Er war nie sonderlich gut im Schlittschuh laufen. Die Freude daran hat es in keinster Weise getrübt. Wohl vor allem auch deshalb, weil seine Mutter Zuhause immer mit heißer Schokolade auf Caro und ihn gewartet hat, wenn sie am Abend durchgefroren wieder nach Hause gekommen sind. Zu gern hätte er auch Adam einmal mit auf die Eisbahn genommen, aber natürlich hat dessen Vater das nie erlaubt.
"Er war unser Hauptverdächtiger, Leo… wir hätten darauf vorbereitet sein müssen…" Adams Stimme klingt gepresst. Seine Nasenflügel heben und senkten sich unter seinen hektischen Atemzügen.
"Waren wir aber nicht…", meint Leo leise, "aber es ist doch alles gut gegangen…"
"Alles gut gegangen?" Adams Stimme ist laut geworden, "Du bist fast drauf gegangen, Leo. Ich hatte 'ne Scheiß-Angst um dich!"
Leo spürt wie ihm warm wird und sein Herz ein paar Takte lang schneller schlägt. "Ich bin doch aber hier…"
"Zum Glück", raunt Adam und schiebt seine Finger zwischen Leos.
Für einen Moment schließt Leo die Augen und genießt das warme Gefühl von Adams Hand unter seinen Fingern. Fast bedauert er es ein wenig, als die Ampel auf Grün schaltet, Adam einen Gang einlegt und seine Hand aus der Berührung löst, um sie zurück ans Lenkrad zu führen.
Es hat sich etwas entwickelt zwischen ihnen, vor dem Zwischenfall in der Lagerhalle. Etwas, das mehr gewesen ist, als ein Feierabendbier unter Kollegen oder ein Kinobesuch mit dem Kumpel. Vielmehr hat es sich ein wenig so angefühlt wie früher. Als sie Teenager gewesen sind und nicht richtig wussten, was das da ist zwischen ihnen. Als es keine richtige Bezeichnung für das Kribbeln gab, das Adams Anwesenheit in ihm ausgelöst hat.
Leo ist sich ziemlich sicher, dass es Adam auch so geht. Vollkommen überzeugt hat ihn schlussendlich die Tatsache, dass Adam in der ersten Zeit nicht von seinem Krankenbett gewichen ist.
Esther – ausgerechnet Esther – hat ihm erzählt, dass Adam sich in der Nacht geweigert hat, die Klinik zu verlassen, ehe nicht sicher war, dass Leo die OP gut überstanden hat.
Als er am nächsten Tag langsam wach geworden ist, war Adams erleichtertes Gesicht das zweite, das er gesehen hat. Gleich nach den tränennassen Wangen seiner Mutter, die an seinem Bett gesessen ist. Heute weiß Leo nicht mehr ob es der Nachwirkung des Narkosemittels geschuldet ist, dass Adams Augen ausgesehen haben, als ob Tränen in ihnen schwimmen.
Da war dieser Abend, einer der letzten schönen Spätsommerabenden in der Nacht vor Maiewskis Festnahme, den sie zusammen in ihrem alten Baumhause verbracht haben.
Leo hat sich all die Jahre um die Bretterbude gekümmert, hat dafür gesorgt, dass sie nicht von Wind und Wetter zerstört wird und besonders in der Anfangszeit nach Adams Verschwinden dort viel Zeit verbracht. Hat an Adam gedacht, wenn er langsam eine Flasche Urpils getrunken hat. Hat sich vorgestellt, wie es wäre, wenn Adam bei ihm sitzen würde, als er für seine Prüfungen an der Polizeihochschule gelernt hat.
Immer waren es bittersüße Stunden – Momente in denen er sich Adam seltsam nah gefühlt hat und ihn gleichzeitig die Abwesenheit seines besten Freundes die volle Breitseite gegeben hat.
Erst mit seinem Dienstantritt bei der Mordkommission hat er es geschafft sich von der Vergangenheit zu lösen und mit den Gedanken an Adam abzuschließen. Über zehn Jahre waren einfach eine zu lange Zeit.
Bis zu dem Moment, als Adam wieder in Saarbrücken aufgetaucht ist.
In der Nacht, als er Adam – nachdem sie den Fall um die Ermordung von Erik Hofer aufgelöst hatten – bei seiner Mutter abgesetzt hat, hat Leo es nicht lange Zuhause ausgehalten, weil es sich angefühlt hat, als ob die Wände seiner Wohnung ihn erdrücken. Also ist er zurück gefahren. Hat seinen Wagen am Waldrand geparkt und ist mit Taschenlampe und Schlafsack durchs Unterholz geschlichen. So wie früher, wenn sie im Sommer die Nächte im Freien verbracht haben. Für einen aberwitzigen Moment hat er sich vorgestellt, was passieren würde, wenn Adam auch kommen würde – vielleicht, weil er von seinem Elternhaus aus, das Licht der Taschenlampe gesehen hat.
Natürlich ist das nicht passiert. Überhaupt ist in der Zeit danach eigentlich alles nur noch bergab gegangen und manchmal hat Leo sich gefragt, ob er den Menschen, der vor fünfzehn Jahren sein bester Freund gewesen ist, überhaupt noch kennt.
Da war die Tatsache, dass Adam ihm verschwiegen hat, dass sein Vater aus dem Koma erwacht ist – zwei beschissene Monate lang. Dann die Situation im Wald. Leo wird wohl nie die Ernsthaftigkeit in Adams Gesicht vergessen, mit der dieser von ihm gefordert hat zur warten. Zu warten bis ein anderer das vollendet, was Leo damals nicht geglückt ist – Roland Schürk zu töten.
An die Zeit danach erinnert Leo sich nur ungern. Die Verdächtigungen die Roland Schürk gegen seinen Sohn gestreut hat. Pias und Esthers misstrauische Blicke und die unverblümte Skepsis Adam, aber auch ihm gegenüber, die ihnen bei jeder Gelegenheit entgegengeschlagen ist.
Dann der Tatverdacht gegen Adam. Diese ungeheure Unterstellung, dass Adam seinen eigenen Vater umgebracht haben soll – Leo hat nicht eine Sekunde daran geglaubt.
Die Tage, die Adam im Gefängnis verbracht hat, haben Leo fast wahnsinnig werden lassen. Die Angst, dass Adam etwas passiert – mehr noch als ein gebrochener Arm – war sein steter Begleiter.
Leo kann sich noch gut daran erinnern, wie erleichtert er gewesen ist, als endlich mit Sicherheit feststand, dass Adam unschuldig ist.
Am liebsten hätte Leo diese erste Umarmung nach Adams Freilassung nie mehr gelöst. Wollte seinen besten Freund einfach immer weiter festhalten, seine Nase gegen die weiche Haut an Adams Hals pressen, spüren, wie die blonden Haare sein Gesicht kitzeln und Adams warmen Körper unter den Fingern fühlen.
Mit dem Tod von Roland Schürk schien es als sei ihnen beiden eine tonnenschwere Last von den Schultern genommen worden. Auch, wenn Adam sich am Anfang – mehr denn je – zurück gezogen hat. Trotz alledem war Roland eben immer noch sein Vater gewesen.
In den Wochen danach haben sie endlich begonnen zu reden. In langen Nächten auf Leos Wohnzimmerfußboden, mit zu viel Bier und Essen vom Lieferservice, sich ausgesprochen. Haben über die Zeit ohne einander geredet.
Leo hat erzählt, wie es sich angefühlt hat, als Adam weg war, war ehrlich, als er davon gesprochen hat, wie sehr Adam ihm all die Jahre gefehlt hat und wie froh er ist, dass Adam nun wieder hier ist.
Nur die Furcht, dass Adam eines Tages wieder verschwindet, die hat Leo für sich behalten. Aber sie war da, jeden Tag, denn auch nach mehr als sechs Monaten lebte Adam immer noch in diesem kleinen Zimmer einer Absteige, die kaum das Recht hat, sich Hotel zu nennen.
Auch Adam ist ehrlich gewesen – das hofft Leo zumindest – als er seine Gründe genannt hat, warum er damals weg musste. Leo hat es verstanden, damals wie heute.
Adam hat von der Zeit erzählt, als er sich die Welt angeschaut hat. Von fernen Ländern und fremden Kulturen und Leo kam sich daneben manchmal fast klein und dumm vor, weil er es kaum aus Saarbrücken herausgeschafft hat – warum sollte er auch. Ohne Adam.
In einer Nacht, in der neben zu viel Bier, auch eine Menge Rotwein geflossen ist, hat Adam ihm dann versprochen – und er klang dabei seltsam nüchtern und ernst – dass er nie mehr weggehen wird.
Tatsächlich hat Adam in der Zeit danach begonnen, sich nach einer Wohnung umzusehen, was sich aber als ein mehr als schwieriges Unterfangen herausgestellt hat. Auch nach mehr als zwei Monaten hat er noch nichts gefunden, das wenigstens einigermaßen vernünftig ist. Entweder ist die Miete unbezahlbar hoch, die Wohnung liegt am Arsch der Welt oder ist nicht größer als ein Schuhkarton.
Leo hat überlegt, Adam anzubieten, dass er bei ihm einziehen kann. Da ist dieses Zimmer, das er auch nach drei Jahren noch immer nicht richtig nutzt. Aber irgendetwas hat ihn zurück gehalten.
Irgendwann hat Adam ihn nach dem Baumhaus gefragt und ohne lange darüber nachzudenken, hat Leo vorgeschlagen, doch den Abend dort zu verbringen und Adam hat sofort zugestimmt.
Also sind sie losgezogen, mit Bier und FastFood, zwei Kissen und der kuschligen blauen Decke aus Leos Auto. Sind die mittlerweile morsch gewordene Leiter hochgeklettert und haben sich gemeinsam in die kleine Holzhütte in den Baumwipfeln gequetscht.
Bei der Enge im Baumhaus blieb es nicht aus, dass sie sich zwangsläufig berühren mussten. So lehnte Leos Kopf irgendwann an Adams Schulter, während dieser seinen Arm über Leos Kopf auf dem Rand des Fensters gelegt hatte und seine Finger, mit Sicherheit ehr unbewusst, in Leos Haar spielten.
Wäre nicht der schrille Ruf eines Käuzchens gewesen, dass mit einem Mal die Stille der Dunkelheit durchbrochen und sie beide ziemlich erschrocken hat, Leo ist sich ziemlich sicher, dass sie sich in dieser Nacht noch geküsst hätten.
Leo seufzt und öffnet die Augen, blickt vor sich durch die Windschutzscheibe. Er hat gar nicht gemerkt, dass Adam auf die Autobahn gefahren ist.
Der Abend im Baumhaus hängt seit diesem Spätsommerabend zwischen ihnen. Es war einfach keine Zeit, um darüber zu reden. Ein steriles Krankenzimmer ist dafür wohl kaum ein geeigneter Ort.
"Du hättest mich übrigens echt nicht fahren müssen…", sagt Leo in die Stille hinein, die er als seltsam unangenehm empfindet. Eigentlich mag er es, wenn Adam und er gemeinsam schweigen. Heute fühlt es sich eher beklemmend an.
"Ist doch kein Ding", meint Adam, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Auf den letzten Metern ist der Verkehr immer dichter geworden. Die Autobahn ist zweispurig, neben ihnen drängen sich die LKW dicht an dicht und auch die PKW kommen auf ihrer Spur nur langsam voran.
"Fast fünfhundert Kilometer an einem Tag würde ich nicht als nichts bezeichnen." Leo zwinkert ihm zu.
Adam schnaubt. "Ich mach das wirklich gerne, Leo."
Leo schmunzelt und legt behutsam eine Hand auf Adams Arm. "Ich will einfach nur, dass du aufhörst ein schlechtes Gewissen zu haben. Es ist nicht deine Schuld!"
Adam gibt nur ein leises Murren von sich.
Leo seufzt leise und lässt seine Hand noch einen Moment auf Adams Arm verharren, ehe er sie zurück zieht.
Eigentlich hat er gehofft in eine Rehaklinik zu kommen, die in der Nähe von Saarbrücken liegt. Einen Ort, der auch nach Feierabend ohne großen Aufwand zu erreichen ist. Aber die nächstgelegene Klinik, die sich neben der Nachsorge von orthopädischen auch auf die Behandlung von Lungenpatienten spezialisiert hat, befindet sich im Schwarzwald.
Es dauert fast eine Stunde, bis der Stau sich auflöst und es wundert Leo nicht wirklich, dass Adam direkt den nächsten Rasthof ansteuert. Mit ziemlicher Sicherheit braucht er jetzt ganz dringend eine Zigarette. Zwar hat er den Tabakkonsum deutlich reduziert in den letzten Monaten, aber so ganz scheint er von den Glimmstängeln doch nicht loszukommen.
Wenn Leo ehrlich ist, dann ist ihm das eigentlich ganz recht. Er mag es, Adam beim Rauchen zuzusehen. Wenn er eine Zigarette durch seine langen schlanken Finger dreht, seine Lippen um den dunklen Filter schließt und daran zieht. Leo mag auch den Geruch des frischen Tabaks, der sich mit dem Duft von Adams Aftershave oder dem des Waschmittels mischt. Zu gerne würde er wissen, wie ein Kuss von Adam schmeckt, direkt nachdem der eine Zigarette geraucht hat.
Adam parkt seinen Wagen vor dem Raststättengebäude und schält seinen schlaksigen Körper aus dem Fahrzeug. Leo steigt ebenfalls aus, was mit den Krücken gar nicht so einfach ist. Er hasst die Dinger und würde gerne darauf verzichten, aber im Krankenhaus hat man ihm eingeschärft, die Hüfte ja nicht zu sehr zu belasten. Davon abgesehen, dass er es sowieso nicht schaffen würde, weil der Schmerz zu stark ist. Erneut unterdrückt ein Keuchen, als er nach der langen Zeit des Sitzens seine Hüfte wieder anders belastet. Er hätte niemals gedacht, dass die Folgen des Schusses ihn so lange außer Gefecht setzen. Dabei hat der Arzt ihm sogar gesagt, dass es nur seiner guten Konstitution und Sportlichkeit zu verdanken ist, dass er so schnell wieder auf die Beine gekommen ist.
Er gesellt sich zu Adam, der unter dem Vordach das Eingangs Schutz gesucht hat. Je näher sie ihrem Ziel kommen, umso dichter werden die Wolken und obwohl es gerade erst früher Nachmittag ist, beginnt schon die Nacht hereinzubrechen.
Fröstelnd schlägt Leo den Kragen seines Mantels hoch und zieht die Ärmel so weit wie möglich über seine Hände. Er hat die Handschuhe in die Reisetasche gepackt, was er nun ziemlich bereut. Er fühlt sich vollkommen erschlagen und hat das Gefühl, dass die Kälte ihm binnen Minuten in die Knochen kriecht.
"Du hättest auch im Wagen warten können", meint Adam, während er das schwarze Feuerzeug aufschnappen lässt und an der züngelnden Flamme die Zigarette entzündet.
Leo schüttelt den Kopf. "Frische Luft tut mir gut… hat der Arzt auch gesagt…"
Adam zieht eine Augenbraue nach oben und sieht ihn skeptisch an. "Du zitterst, Leo."
"Geht schon", murmelt er und macht möglichst unauffällig einen Schritt auf Adam zu, um mehr von dem Geruch erhaschen zu können.
Plötzlich legt sich Adams freier Arm um seine Hüfte und er spürt, wie Adam ihn zu sich heranzieht. Für einen Moment kommt er ins Schwanken, weil er sein Gleichgewicht mit den Krücken nicht so schnell ausbalanciert bekommt. Sofort wird Adams Griff fester.
Trotz der dicken Stoffschichten von Wintermantel, Pullover und Unterhemd, meint Leo die Wärme von Adams Fingern auf der Haut spüren zu können. Ein Kribbeln geht ihm durch den Körper. Saust hoch bis in die Haarspitzen und hinunter bis zu den Zehen.
"Kann man ja nicht mit ansehen", murmelt Adam und Leo spürt den warmen Hauch seines Atems an der Schläfe.
Es wirkt fast, als würde Adam sich Zeit lassen beim Rauchen. Er inhaliert jeden Zug und stößt den Rauch nur langsam wieder aus.
Leo unterdrückt ein Seufzen und überlegt im Stillen wie viel näher er noch an Adam heranrutschen kann. Andererseits war es Adam, der ihn an sich gezogen hat und Leo ist sich ziemlich sicher, dass es dabei nicht nur darum ging ihn zu wärmen. Adam ist genauso unsicher mit der aktuellen Situation wie er selbst.
