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Gegengift

Summary:

„Hey“, sagt Adam aus einem Impuls heraus. „Willst du wissen was die Tattoos bedeuten?“

Mit einem Schlucken fokussiert Leo den Blick auf die schwarzen Linien, die sich zwischen den bunten Sensoren auf Adams Brustkorb schlängeln.

„Ja. Das würde ich sehr gerne.“

„Das sind Zeichen gegen das Böse.“

Oder: Adam und Leo direkt nach HdS. Körperliche und seelische Nachwirkungen inklusive. (Unbeendet.)

Notes:

Hallo, wunderschönes, neues Fandom und tausend Dank an all seine Einwohner*innen ♥ Ohne euch wäre ich nie auf diesen Tatort aufmerksam geworden. Nach dem ich alle Episoden gesehen habe, musste ich einfach etwas zu den beiden schreiben. Warnung: Erinnerungen an Gewalt in der Serie. Bitte schätzt selbst ein wie viel ihr euch zumuten möchtet.

Chapter 1

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Es passiert zum ersten Mal am zweiten Abend. Leo ist gerade von der Arbeit heimgekommen eine Tüte über der Schulter. Statt den Einkauf, der schwer aussieht, in der Küche abzustellen, trägt er ihn von der Tür ins Wohnzimmer. Zu Adam, der den Tag dort auf der Couch verbracht hat.

„Wie geht’s dir?“, fragt er.

„Wie war dein Tag?“, fragt Adam fast gleichzeitig.

Sie sehen sich einen Moment lang nur an. Bis Leo den Blick senkt und Adam sieht, wie sich feine Linien an seinen Augenwinkeln kräuseln.

„Wie wärs“, fragt er und zieht zwei schmale Packungen aus der Tüte, „wir packen da ein bisschen extra Belag drauf und tun dann so als hätten wir sie selbst gemacht?“

Mit „Belag“ meinte er Grünzeug. Das muss Adam in der Küche feststellen, wo er mit der gesunden Hand den Rucola waschen darf, während Leo eine Zucchini in Scheiben schneidet.

Es passiert als Leo kurz die Küche verlässt, um etwas aus dem Auto zu holen. Mit dem Gemüse ist er da längst fertig. Er hat auch den Ofen auf die richtige Temperatur vorgeheizt und den Tisch im Wohnzimmer gedeckt. Alles bevor Adam den zweiten Salatschleudergang erreicht hat.

Adam steht in Leos Wohnung. An der Theke in dieser Küche, wo er sich noch immer wie ein Alien fühlt inmitten des ganzen funktionsfähigen Zubehörs. Leos komplette Ausstattung, von der schnurrenden Salatschleuder über die nachtschwarze Espressomaschine bis zu den glimmenden Pfannenwendern, schreit Adam ins Gesicht, wie lange fünfzehn Jahre wirklich sind.

Seine Augen wandern von seiner Seite der Theke zu Leos, wo noch immer ein Messer auf dem Schneidebrett liegt. Da passiert es. Er weiß nicht, ob zuerst die Luft verschwindet oder die Hände auftauchen. Die Hände vermutlich. Ja. Hände, die ihn rücklings packen. Hände, die seine Kehle umschließen. Und zu drücken, zu, zu, bis er halb in die Knie zu geht. Keuchend taumelt er von der Theke weg. Die ganze Küche dreht sich. Wird ein Vakuum. Sein Herz rast, donnert von innen gegen seine bleischwere Brust, schlägt in jeder Faser Alarm. Aber Adam kriegt kein Wort hervor, bringt es nicht mal auf zwei Silben.

„Le-“, flüstert er und sucht in der luftlosen Luft nach Halt. Doch die Theke, die riesige Erwachsenentheke mit ihren vier Seiten, sie schrumpft von ihm weg, entzieht sich seinem Griff. Erst als die Fliesen ihm entgegenstürzen findet seine Schläfe eine ihrer Kanten.

Als er aufwacht sind Leo und die Luft zurück in die Küche geflutet. Er kniet neben ihm auf den Fliesen, das Handy zwischen Knie und Ohr geklemmt, während er mit einer Hand etwas Weiches an Adams Kopf drückt und mit der anderen sein Handgelenk fixiert, das aus der Schlinge gerutscht ist. Adam liegt in stabiler Seitenlage auf der rechten Seite. Beides erscheint ihm verdächtig. Er kann sich nicht erinnern in diese Richtung gefallen zu sein.

Ist aber besser so, denkt er blinzelnd. Definitiv besser. Auf der linken Seite wummert der Schmerz jetzt so höllisch in Arm und Kopf, Adam will nicht wissen, wie es wäre, wenn er mit voller Schlagseite auf links läge. Schon das Fliegengewicht von Leos Fingern an diesen Stellen ist eine mittlere Zumutung.

„… seit fast vier Minuten“, hört er Leo mit schneller Stimme in sein Handy sprechen. „Hab ich schon. Ja, auch das. Warten Sie. Adam! Adam, hörst du mich?“

Adam nickt unter seiner Hand. Obwohl er liegt, wird ihm so schwindelig davon, er muss die Augen sofort wieder schließen.

Kein Krankenwagen, formt er mit den Lippen. Bitte.

„Nein, kein Krankenwagen, er ist gerade zu sich gekommen. Wir sind in zehn Minuten da. Geben Sie durch, was ich Ihnen gesagt habe.“

Adam stöhnt auf und versucht das Gesicht in die Fliesen zu drehen, was Leos Hand verhindert.

„Doch“, sagt er und streicht von seinem Nacken über seine Schultern. „Das ist die Wahl, die du gerade hast. Mein Auto oder der Krankenwagen.“

Im Auto stellt er ihm den Beifahrersitz zurück. Adam lehnt die pulsierende Schläfe an das frische Handtuch, das Leo auf dem Weg aus einem Schrank gezerrt hat. Er überlegt kurz, wann ihn zuletzt jemand angeschnallt hat. Erinnert sich nicht. Auf der Fahrt hält er bei Kurven und Kopfsteinpflaster die Augen fest geschlossen.

Leo fährt als transportiere er eine Wagenladung Porzellan. Trotzdem schafft er es in den zehn Minuten zur Klinik Henny Wenzel vom Labor, die Chefin vom LKA 3 und die Giftzentrale Mainz anzurufen.

In der Notaufnahme versucht man sie in den Wartebereich abzuwimmeln, aber nach einem Blick unter das Handtuch werden sie durchgewinkt. Dann reihenweise Weißkittel. Adam steht oder sitzt neben Leo und versucht vor allem die Augen offen zu halten.

Alles zieht in neondurchstrahltem Nebel an ihm vorbei: Lampenlicht in seinen Augen. Ein paar Gleichgewichtstests und Gedächtnistests. CT. Blutabnahme. Drei Stiche. Fuck. Danach müssen sie seinen Arm neu schienen und geben ihm endlich was gegen die Schmerzen. Und die ganze Zeit Fragen. Fragen, Fragen, die Adam irgendwann nur noch beantwortet, wenn ein Rachenlaut als Antwort genügt. Ansonsten überlässt er sie Leo.

Kurz nach Mitternacht sind sie zurück im Auto, Adam jetzt mit einem Kühlkissen an der Schläfe, Leo wieder mit seinem Smartphone am Ohr. Nachdem er eine halbe Minute lang einer Nachricht gelauscht hat, beißt er sich auf die Unterlippe und wirft das Handy auf die Fläche unter dem Fenster.

„Sorry“, sagt er. „Wir… wir fahren jetzt. Du musst am Verhungern sein.“

„Hn“, macht Adam und blinzelt mit dem Auge, das nicht von blauem Kühlgel bedeckt ist. „Hatte selten so viel Bock auf Rucola.“

Tatsächlich ist er noch müder als er hungrig ist. Als er sein Auge das nächste Mal aufzwängt, manövriert Leo den Peugeot in eine Parklücke vor dem Haus. Statt auszusteigen zieht er den Schlüssel ab und sieht mit schmalen Augen zu der dunklen Fensterreihe im dritten Stock auf.

„Und du bist sicher…?“, fragt er nicht zum ersten Mal.

„Ja“, sagt Adam. „Da war keiner.“

„Es könnte jemand über den Balkon– “

„Das wäre zeitlich zu knapp gewesen.“

„Die Fahndung nach den Handlangern von diesem Anwalt ist noch nicht abgeschlossen, sie könnten-“

„Nicht innerhalb von vier Minuten über deinen Balkon ein- und aussteigen, ohne dass wir etwas mitschneiden.“

„Okay“, sagt Leo und fährt sich mit einer Hand durch die Haare. „Okay. Aber du bleibst hinter mir.“

Oben stolpert Adam ihm nach, während Leo mit gezogener Waffe Raum für Raum seine eigene Wohnung sichert. Als sie in der Küche angekommen sind, deutet Adam auf die Theke.

„Da siehst du. An der Kante.“

Stirnrunzelnd beugt Leo sich über den Fleck und inspiziert das Gegenstück auf dem Boden. Inmitten all der knochentiefen Müdigkeit fühlt Adam einen Stich im Brustkorb. Verdammt, er crasht hier seit zwei Tagen und schon klebt Blut an Leos Möbeln! Am liebsten hätte er ihn von der Theke weggezerrt und mit dem Ärmel alles weggewischt.

„Leo… glaub mir“, murmelt er. „Einbrecher können wir als Hauptverdächtige ausschließen.“

„Ja“, sagt Leo langsam. „Okay. Bleibt noch das Gift.“

Und das andere, denkt Adam. Das was sie im Krankenhaus erwähnt haben.

Es war in einem Moment, in dem Leo kurz zum Telefonieren auf den Gang gegangen ist. Der einzige Moment, in dem er Adam alleine gelassen hat. Es muss kurz nach dem Gedächtnistest gewesen sein. Eine Ärztin hatte ihn gerade ausgewertet.

„Klingt als hätten Sie in letzter Zeit so Einiges mitgemacht“, hat sie mit vielsagendem Blick auf die angelehnte Tür gesagt. „Und damit meine ich Sie beide.“

Sie hat noch mehr gesagt. Sätze und Fachtermini, die Adam nicht wiederholen will. Im Nachhinein wünscht er inbrünstig, er hätte der Ärztin mit mehr als feinseligem Starren mitgeteilt, dass der Wert den er auf ihre Annahmen legt mit einem fett dunkelroten Minuszeichen Händchen hält. Mitgemacht. Allein dieses Wort! Als wäre irgendwas davon freiwillig gewesen.

Leo hat sich nichts davon ausgesucht. Adam war es, der ihn in die Abgründe seines Lebens gerissen hat, immer und immer und immer wieder. Und trotzdem hat Leo zu ihm gehalten. Hat Dinge für ihn getan, die sonst absolut niemand für ihn getan hätte. Ohne Leo Hölzer gibt es genau zwei Orte an denen Adam sich sehen kann: Im Gefängnis oder unter der Erde.

Wenn Leo also denkt, dass die Sache mit dem Froschgift noch nicht ausgestanden ist, dann wird Adam einen Teufel tun ihm zu widersprechen.

Es gibt allerdings noch eine zweite Sache. Aus dem Krankenhaus. Die er nicht verdrängen kann. Das war kurz nachdem das Blutbild zurückgekommen ist.

„Du hast gesagt… es sah auf dem Video genauso aus.“

„Hm?“, Leo wendet endlich den Kopf von den Blutflecken ab. Seine Augen weiten sich und er springt auf. „Gott, Adam, warum setzt du dich denn nicht? Warte, ich helf dir.“

„Sah es genauso aus?“, wiederholt Adam, während Leo einen Arm um seine Taille schlingt und ihn von der Tür löst an der Adam wirklich nur ein bisschen gelehnt hat.

„Du meinst… vorhin?“, fragt Leo auf dem Weg zur Couch.

„Als du in die Küche gekommen bist. Das Stückchen, was mir fehlt.“

„Ja“, sagt Leo. „Das sah… du sahst so aus wie auf dem Video.“

Plötzlich klingen seine Atemzüge flacher. Und Adam ist sich ziemlich sicher, dass Leo sich auf einem Fitnesslevel bewegt, das sich hervorragend damit verträgt, Adams mageren Arsch durch ein mittelgroßes Zimmer zu bugsieren.

„Du hast es also gesehen“, sagt er und starrt beim Hinabgleiten auf die Couch zu ihm auf. „Das Video.“

„Natürlich“, sagt Leo ohne seinen Blick zu erwidern. „Zusammen mit den Dreiern.“

„Das ganze Video?“, fragt Adam mit einem Aufwallen von Grauen. „Die ganze, fucking Nacht?“

„Die relevanten Stellen.“

Aufstöhnend presst Adam drei Finger an die Stirn und zuckt vor dem Schmerz zurück.

„Fuck, Leo. Fuck. Das hättest du nicht– “

„Ich musste es sehen. Und ich musste sehen, wie die anderen es sehen.“

Inzwischen hat Leo alle auf der Couch verfügbaren Kissen in Adams Rücken gestopft. Als er Anstalten macht sich abzuwenden, greift Adam ungelenk mit rechts nach ihm. Erwischt das Ende eines Ärmels. Sein ganzer Körper vibriert vor Müdigkeit, aber ein elementarer Teil von ihm ist jetzt wieder wach. Er pocht und pocht in seiner Brust, strahlt glühendes Blut in kalte Arme und Beine.

„Hast du Kopien davon gemacht?“, fragt er rau und sieht Leo nicken. „Wie viele?“

Leo steht mit dem Profil zu ihm, sieht ihn weiter nicht an. Die Hand in dem Ärmel den Adam hält ist zu einer Faust geformt.

„Leo, wie viele?“

Endlich löst sich Leo die Faust mit einem Ausatmen und wendet die Augen zu ihm.

„Eine fürs Archiv, eine für dich und eine für mich“, sagt er ruhig. „Genug damit die dich nie wieder deswegen festnehmen können.“

Adams Hand gleitet ab. Er schluckt, atmet aus und versucht sich aufzurichten, obwohl sich alles dreht.

„Wo… sind sie? Auf dem Revier? Hier?“

Leo sinkt auf Augenhöhe zu ihm herab und hält seine Schultern fest.

„Hey“, sagt er mit weiten dunklen Augen und einem kurzen Kopfschütteln. „Das ist doch jetzt nicht wichtig.“

„Sind die Kopien hier?“, fragt Adam mit stolpernder Stimme. „Hast du… vor das Video nochmal zu anzuschauen? Nachher? Alleine?“

Das Blinzeln, das über Leos Gesicht flackert zeigt ihm, dass er jetzt verstanden hat. Ein langer Moment vergeht, indem keiner von ihnen etwas sagt.

„Ich schaue das Video nicht nochmal an, wenn du das nicht willst.“

„Darauf kannst du wetten, dass ich das nicht will!“

„Okay“, sagt Leo, während er ihn sanft aber entschieden wieder in die Rückenlage auf den Kissenberg befördert. „Ich werde mir das Video nachher nicht mehr anschauen.“

Und morgen auch nicht, will Adam hinzufügen. Überhaupt nie mehr! Aber dann sagt Leo noch etwas und zieht wieder eine Decke über ihn und bringt Sprudelwasser und macht Pizza und gibt Adam die Stücke mit wenig Grünzeug. Später liegen sie in Leos Bett wie Spiegelbilder zueinander. Adam auf seiner rechten Seite, Leo auf seiner linken Seite, ihre Hände in der Mitte verschränkt.

Das Letzte was Adam nach diesem Tag sieht, sind Leos Augen in der Dunkelheit. Und das Letzte, was er hört ist die Stimme mit der Leo vorhin noch etwas gesagt hat.

Ehrlich Adam. Das Einzige, was ich heute Nacht noch ansehen werde bist du.

Notes:

Leo ruft das Giftinformationszentrum Mainz an, weil das Saarland seit 2021 keinen eigenen Giftnotruf mehr hat. Hat mich doch etwas schockiert zu sehen, dass dieses Giftinformationszentrum jetzt für Hessen, Rheinland-Pfalz UND das Saarland zuständig ist. Leo vermutlich auch... aber das hat Adam nicht ganz mitgekriegt.