Work Text:
Giesing
Die Party geht schon lange genug, dass Adams Füße allmählich weh tun. Die Luft in den Räumlichkeiten der alten Villa ist, trotz der hohen Decken, auch nicht mehr die frischeste und man kann den Alkohol und ein paar unerlaubt angezündete Zigarren riechen.
Die ganze Atmosphäre ist schick und dem Thema des heutigen Abends geschuldet: Fast alle Gäste sind im Stil der 1920er gekleidet und seit Anbeginn des Abends spielt im Hintergrund leise Jazzmusik. Der Abend schreitet voran und irgendwann bald sollte Adam versuchen, den Job zu erledigen, für den er hier ist.
Er dreht sich von einer Gruppe zur nächsten, bietet sein Tablett an Krabben-Canapés an und denkt, dass er bereit ist. Er hat die Sicherheitsmaßnahmen bei seiner zweiten Runde mit den Krabben-Teilchen bereits ziemlich durchschaut. Beim nächsten Gang in die Küche kann er bereits ein Tablett holen, das schnell leer wird, damit er starten kann.
Plötzlich erfasst er aus dem Augenwinkel eine Gestalt, deren Silhouette er unter hunderten erkennen würde.
Er denkt zuerst, er sieht nicht recht.
Denkt, seine Augen spielen ihm einen Streich, aber nein, natürlich ist er auch hier. Wie sollte es anders sein.
Ausgerechnet er. Ausgerechnet hier. Schon wieder.
Wieso sprechen sich ihre beiden Geheimdienste zu Abwechslung nicht mal ab? Wieso warnt Adam niemand, dass ausgerechnet Hölzer auch hier sein wird? Er will sich mit seinem Tablett gerade abwenden, aber da hat Hölzer ihn bereits gesehen. Adam kann den Moment, in dem Hölzer ihn erkennt, an dessen zusammenkneifenden Lippen ablesen. Klar ist der genauso wenig erfreut, versteht Adam ja.
Sie mögen sich nicht.
Hölzer trägt einen Nadelstreifanzug und ein schwarzes Hemd und Adam weiß jetzt schon, dass der Kerl sich auf die Gästeliste hat setzen lassen. Nicht so wie Adam, der sich als falscher Service-Mitarbeiter einschleusen musste. Klar darf Hölzer mit seinem Hintergrund den Mafioso spielen.
Er beobachtet von seiner Position aus, wie jemand Hölzer einen Whisky einschenkt und lang und breit etwas dazu erklärt. Hölzer versucht, dem Gespräch zu folgen, aber Adam sieht, dass das wohl ein Glas mehr ist, als er trinken sollte.
Er geht zum nächsten Stehtisch für einen besseren Blickwinkel und erkennt, warum Hölzer nicht direkt ablehnen kann. Sein Gesprächspartner und offensichtlicher Whisky-Connaisseur ist Sergio Bianchi persönlich. Scheiße.
Adam nickt Hölzer unauffällig zu und hält sein Tablett wie ein Angebot vor sich. Hölzers Augen leuchten erfreut auf und er nickt, bevor er von Bianchi überredet werden kann, den Whisky zu kosten.
Hölzer verbringt noch einen Moment mit Geplänkel, bevor er sich entschuldigt und auf Adam zukommt. Sein Gang ist solide, also macht sich Adam keine Sorgen. „Darf ich?“, fragt Hölzer und tritt an ihn heran.
„Was machst du hier?“, fragt Adam und versteckt seinen ungehaltenen Tonfall kein bisschen. Er bietet Hölzer ein Canapé auf einer Cocktailserviette an.
„Safe im Büro?“, nuschelt Hölzer beim Kauen. „Hast du einen Plan?“
„Würde mich jetzt auf den Weg machen“, lässt Adam seinen Kollegen, seinen Konkurrenten, seinen Gegner, wissen und bietet ihm ein weiteres Canapé an. Hölzer isst auch das, kann wahrscheinlich die Unterlage brauchen. Er schnappt sich von einem anderen Service-Mitarbeiter ein kleines Glas Wasser von einem Tablett und trinkt es in großen Zügen aus.
„Sie machen Rundgänge. Der eine macht immer recht kurze Runden oben, der große Typ immer ziemlich lange, ausgedehnte“, sagt Hölzer.
Adam will die Augen rollen. Das hat er auch schon herausgefunden. „Ja. Wir müssen eine Runde mit dem großen erwischen.“ ‚Wir‘, müssen gar nichts, denkt er. Ein weiteres Canapé verschwindet in Hölzers Mund. Er ist ein guter Abnehmer, also bietet Adam ihm gleich noch eines an, damit das Tablett leer wird.
„Sollen wir zusammen rauf?“, fragt Hölzer. „So wie in Dresden letztes Jahr?“
Dresden. Ausgerechnet Dresden bringt Hölzer als Beispiel ‚guter‘ Zusammenarbeit vor? Adam hat eine Narbe von Dresden. Tatsache ist allerdings, dass Dresden im Großen und Ganzen gut lief. Für ihn und für Hölzer und für die Bundesrepublik, egal welcher Geheimdienst nun die Ergebnisse ablieferte. Hölzers Geheimdienst lieferte die Ergebnisse ab, weil Adam eine Schussverletzung hatte, aber er will nicht kleinlich sein. Er war maßgeblich am Erfolg der Mission beteiligt.
„Aber kein München Deutsche Bank draus machen“, warnt er. Das hat einmal gereicht.
„Geht klar.“
Nichts geht klar. Sie schaffen es ohne Probleme, in den ersten Stock zu kommen, aber ein München Deutsche Bank wird trotzdem draus.
Adam ist gerade dabei, den Safe zu knacken, als sie am Ende des Flurs Schritte und eine sich öffnende Tür hören. Sie wird kurz darauf wieder geschlossen, aber die Sekunden dazwischen deuten an, dass jemand den Raum tatsächlich abgeht und durchsucht.
Sie haben sich beide geirrt. Der kleine Typ geht oben nur durch, der große macht deshalb lange Runden, weil er sie genau macht. Unerwartet.
„Scheiße.“ Hölzer atmet durch. „Okay. Du hast noch 6 Türen.“
Adam knirscht mit den Zähnen, weil er an Hölzers Ton bereits hören kann, was jetzt gleich kommt: ein Ablenkungsmanöver. Er macht weiter, hat die Kombination einen Moment später und zieht den Safe auf.
Hinter ihm kann er Hölzer rascheln hören und tatsächlich, als er über seine Schulter blickt, sitzt der in seinem Nadelstreifanzug auf der Chaiselongue und knöpft sich bereits die Hose auf. „Fünf“, zählt Hölzer und nickt Adam nervös und bestimmt zu.
Adam zieht einhändig seine Fliege locker und öffnet seine Hemdknöpfe, während er den Safe leert. Er wuschelt durch seine Haare, um sie adrett zerfummelt aussehen zu lassen.
„Vier. Adam, sprich mit mir... hast du’s?“, zischflüstert Hölzer von der Couch.
„Komme ja schon“, beruhigt Adam ihn und schließt den Safe wieder und hängt das Ölgemälde davor, als wäre nichts gewesen.
„Drei.“
Er kommt zu Hölzer und der Chaiselongue und weil der einzige Ort, an dem sie die Papiere unauffällig verstecken können, Hölzers Rücken ist, zieht er dessen Hemd hoch, steckt die Papiere unter den Stoff in Hölzers Hosebund und stopft das Hemd wieder darüber und in Hölzers Hose. Der streckt sich ihm mit einem quietschenden Ächzen entgegen, weil das Papier in seinem unteren Rücken kalt ist.
Draußen geht bereits die nächste Tür.
„Also?“, fragt Hölzer und gestikuliert auf seine offene Hose.
„Das wünschst du dir wohl“, grummelt Adam und setzt sich auf Hölzers Oberschenkel. Hier wird heute nicht geblasen. Er blickt auf Hölzer hinab, zieht an seiner Krawatte und küsst ihn fordernd. Ihre Lippen pressen aufeinander und Adam rutscht entzückt auf Hölzers Schoß herum und zieht mit seinen Zähnen an an Hölzers Unterlippe – nur für die Show natürlich. Er stöhnt auch theatralisch und genießerisch in den Kuss, nicht nur weil Hölzer so gut küssen kann und gierig seine Zunge in Adams Mund schiebt, sondern weil kurz darauf die Tür aufgeht und der Security in den Raum leuchtet… und sie findet.
„Hey, was machen Sie da. Das sind Privaträumlichkeiten!“ Der Kerl zückt schon seinen Taser und leuchtet hektisch mit der Taschenlampe herum, über das Dekor im Raum und das Bild, hinter dem der Safe versteckt ist.
„Tut mir leid!“, sagt Hölzer zerknirscht laut und schiebt Adam von sich. Im Herunterhüpfen spürt Adam mit Genugtuung, dass Hölzer vom Knutschen tatsächlich ein bisschen hart geworden ist.
Sie ziehen sich schnell wieder an, rücken sich gegenseitig Krawatte und Fliege zurecht und Adam zuppelt an Hölzers Gürtel herum, um sicherzugehen, dass die Papiere sicher festgezurrt und unter Hölzers Jackett gut verborgen sind.
„Wir wollten nur ein bisschen Privatsphäre“, entschuldigt sich Adam.
„Und die Toiletten sind so eng“, setzt Hölzer oben drauf.
Der Security mustert Adam von oben bis unten, wahrscheinlich weil er mit seinen Klamotten als Kellner auffällt. Er kann den Verdacht der Prostitution fast riechen.
„Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor“, murmelt Adam. Wenn der Kerl ihn mit zum Chef des Service nehmen will, haben sie ein Problem, denn er hat nur die Uniform kopiert. Eine richtige Undercover-Persona hat er nicht für notwendig gehalten.
„Tut uns wirklich sehr leid“, murmelt Hölzer und schiebt sich mit Adam zusammen aus dem Arbeitszimmer in den Gang.
Der Security-Mitarbeiter lässt sie nicht aus den Augen, kontrolliert ihre Hände und Taschen, und scheint gleichzeitig sauer und erleichtert, dass er nichts findet. Schließlich kann er nichts weiter tun, als sie gehen zu lassen. An der Treppe unten bleibt Hölzer stehen.
„Ist ja nochmal gut gegangen“, sagt er mit einem zufriedenen Seufzen.
„Das nennst du gut?“ Sie hätten nicht erwischt werden sollen. Der Typ hat sie gesehen und kann sie beschreiben. Wenn die fehlenden Papiere bemerkt werden, werden alle wissen, dass sie beide das waren.
„Sorry, Schürk.“ Hölzer klopft ihm auf die Schulter. „Aber… wir leben ja noch.“ Er zupft, scheinbar etwas verlegen, Adams zerwuschelte Haare zurecht.
Adam seufzt tief. Hölzer bringt ihn manchmal zum Verzweifeln.
„Okay, ich muss dann“, sagt Hölzer plötzlich.
„Wie, ‚du musst.‘ Du hast noch die Papiere… die ich aus dem Safe geholt habe“, protestiert Adam.
„Schürk, du weißt, ich würde mit dir bis ans Ende der Welt gehen, aber…“ Er gestikuliert auf die Tür zur Küche hinter Adam. „Ich kann nicht in den Service-Bereich und hier draußen können wir die Übergabe schlecht machen. Ich erledige das.“
Adam ist momentan so schockiert, dass er gar nicht weiß, wie er reagieren soll. „Wie bitte?“ Er ist nicht schwer von Begriff, er versteht nur gerade nicht, ob Hölzer wirklich meint, was er sagt. Ob er tatsächlich glaubt, dass er einfach so abhauen kann.
„Ja, ich… also, wichtig ist doch, dass die Papiere an die richtigen Leute kommen, egal wer das erledigt.“ Nach einem letzten kameradschaftlichen Schulterklopfer schlängelt sich Hölzer durch die Menge und von Adam weg.
Aus dem Augenwinkel sieht er, wie der Service-Chef ihn anvisiert und erzürnt mit den Fingern schnipst. Adam muss dann wohl auch hier weg.
Abends, in seinem Hotelbett, rutscht Adam seine Pyjamahose zurecht und setzt Giesing auch auf die Liste von Einsätzen, über die er nicht mehr nachdenken will. Dieser Scheiß-Hölzer. Immer stellt der etwas an. Immer schafft der es, den Einsatz an sich zu reißen.
