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Verfeindet im Ruheabteil

Summary:

Hölzer und Schürk als zutiefst verfeindete Agenten. Immer noch.

Notes:

Tausend Dank an Juju, die mit ihrer Fic echt einen Nerv getroffen hat. Ich habe hier viel zu viel Spaß - und Ihr hoffentlich auch, liebe Lesende!

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Work Text:

Irgendwo zwischen Fulda und Göttingen

 

Leo zieht die Glastür des ICE-Abteils zur Seite und betritt den kleinen Raum. Sein Blick fällt auf einen blonden Haarschopf. Das dazugehörige Gesicht ist verborgen hinter einer aufgeschlagenen Ausgabe der Zeitschrift Schöner Wohnen. Die Hände, die diese aufgeschlagene Zeitschrift halten, würde Leo inzwischen unter hunderten Händen erkennen.

Niemand ist davon genervter, als er selbst.

„Schürk“, sagt er und zieht mit einem Stirnrunzeln die Tür hinter sich zu. Er bleibt da stehen, wo er steht, und starrt auf Schöner Wohnen.

„Hölzer“, sagt Schürk hinter seiner lächerlichen Zeitschrift – Leo weiß genau, dass der blonde Agent nicht die geringste Ahnung von schönem Wohnen hat, dazu kennt Leo ihn inzwischen viel zu gut, was niemand weniger fassen kann, als er selbst – und lässt sie betont langsam in seinen Schoß sinken. Idiot. Mit einem ebenso idiotischen Grinsen im Gesicht.

„Du solltest gar nicht hier sein“, sagt Leo eindringlich und vor allem mit gedämpfter Stimme.

„Das denke ich auch jedes Mal, wenn ich dich sehe“, antwortet Schürk in ganz normaler Lautstärke.

„Pssssst“, macht Leo, deutet in dem kleinen Raum herum und weiß selbst nicht, warum eigentlich. Immerhin sind sie hier ja allein.

„Was meinst du damit? Pssssst?“, fragt Schürk. Leo könnte wetten, dass er absichtlich noch ein bisschen lauter spricht als vorher. Die übertriebene Lässigkeit, mit der er die Zeitschrift neben sich auf den freien Platz wirft, bestätigt das nur. Die übertriebene Dämlichkeit, mit der er sich mit beiden Händen mehrmals über seinen schwarzen, langärmligen Rollkragenpullover streicht, gerade so, als wolle er irgendwelche Krümel beseitigen, bestätigt das nur noch viel mehr.

„Wir sind hier im Ruheabteil“, sagt Leo, mit nach wie vor gedämpfter Stimme.

„Das ist mir auch klar“, sagt Schürk, laut und eindeutig unbeeindruckt.

Das glaubt auch nur Schürk, dass ihm irgendwas klar ist. Und weil das so ist, schiebt der auch sofort noch hinterher: „Aber erklär mir mal, warum überhaupt.“

Das darf doch wohl nicht wahr sein. Schürk sollte gar nicht hier sein, denn Leos Geheimdienst hat das gesamte Ruheabteil mit seinen sechs Plätzen reserviert. Alles spricht dafür, dass im Gegensatz dazu Adams überaus inkompetenter Geheimdienst mal wieder nicht viel auf die Reihe gekriegt und Adam einfach mal ins Blaue losgeschickt hat. Abends nach 23 Uhr in einem ICE im Deutschland, was soll da schon schiefgehen?

Verdammt viel. Aber nicht für Leo. Nie für Leo.

Weshalb der jetzt auch süffisant fragt: „Wie war‘s nach Giesing?“ So ein kleiner Seitenhieb hat ja noch nie geschadet.

Schürk kneift die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Bestens“, presst er hervor.

„Dann ist ja alles bestens“, erwidert Leo, mit übertriebener Lässigkeit. Was Schürk kann, kann er schon längstens.

Er setzt sich auf den Platz direkt an der Tür in Fahrtrichtung und schlägt ein Bein über das andere, sieht kurz aus dem Fenster nach draußen in die Dunkelheit. Schräg gegenüber hat Schürk dasselbe gemacht. Ihre Schuhe berühren sich. Leo tritt mit seinem leicht gegen Schürks Schuh und erklärt, obwohl das überhaupt nicht seine Aufgabe und Schürk schließlich selbst bei einem – aber eben nicht dem wirklich guten – Geheimdienst ist: „Nolte reist immer erste Klasse im Ruheabteil. Seine Leute haben das Abteil direkt nebenan reserviert. Er reist allein. Will keine Aufmerksamkeit erregen.“

„Das ist mir klar“, sagt Schürk und klingt ein bisschen beleidigt. Leo zieht eine Augenbraue hoch und fragt: „Hast du schon gewusst?“

„Natürlich.“

Schürk ist so ein verdammt beschissener Lügner.

Leo wird nie verstehen, wie der Kerl es überhaupt zum Agenten gebracht hat. Aber gut, es gibt Gründe, warum er beim eindeutig falschen der diversen Geheimdienste im Deutschland ist. Immerhin ist er gut in Ablenkungsmanövern, das muss man ihm lassen. Und Leo würde sich niemals mit einem anderen Agenten der Konkurrenz auf ein Ablenkungsmanöver einlassen, schon gar nicht mit jemandem wie, zum Beispiel, Rainer. Der ist so schlecht in Spionage und in Ablenkungsmanövern, dass Leo sich nicht einmal die Mühe macht, sich seinen Nachnamen zu merken. Und außerdem so schlecht, dass Leo immer erleichtert aufatmen würde, Adam in der Menge – oder eben einem ICE-Ruheabteil – zu erblicken, wenn er nicht so abgrundtief genervt wäre von diesem amateurhaften Konkurrenz-Geheimdienst.

Schürks Narbe von Dresden tut ihm trotzdem leid. Das hätte nicht passieren müssen. Ebenso wenig wie sein verstauchter Fuß von Bitterfeld. Aber an dem war Schürk nun wirklich selbst Schuld. Zu... neunzig Prozent jedenfalls.

„Und weißt du auch, ob er nebenan ist oder sich im Bord-Bistro die Hucke vollsäuft?“, fährt Leo fort. Nolte ist bekannt dafür, dass er immer und überall zu tief ins Glas schaut, vor allem dann, wenn er allein unterwegs ist. Damit ist er fast noch dämlicher als Schürk. Aber nur fast.

„Das Bord-Bistro ist außer Betrieb“, klärt Schürk ihn auf, schon wieder so übertrieben laut.

„Pssssst“, macht Leo und wirft ihm einen bohrenden Blick zu.

„Selber pssssst“, sagt Schürk laut und deutlich und steht auf. „Er ist nebenan und schläft“, fügt er noch hinzu, während er an die Tür tritt und sie vorsichtig öffnet. Ihre Beine berühren sich. Leo zieht seine zur Seite. Ganz sicher will er hier nicht von diesem Amateur berührt werden.

„Woher willst du denn das wissen?“, fragt er spöttisch, denn genau, woher will der denn das wissen?

„Psssst“, macht Schürk, sieht auf Leo hinab und legt sich einen Zeigefinger über die Lippen. Das kann doch wohl nicht sein Ernst sein. Psssst und Zeigefinger und auch noch... Zeigefinger an den Lippen? Größenwahnsinniger Blödmann.

„Er schnarcht“, fügt der Größenwahnsinnige noch hinzu und zieht die Tür ganz auf. Geht hinaus in den Gang, bleibt stehen, legt sich jetzt eine Hand an eine Ohrmuschel und tut so, als würde er angestrengt lauschen.

„Geht‘s vielleicht noch auffälliger?“, fragt Leo ungeduldig und steht ebenfalls auf. Geht ebenfalls in den Gang und bleibt neben Schürk stehen. Er stellt fest, dass sie beide die gleiche Idee hatten. Reisen mit leichtem Gepäck, jeder von ihnen sieht aus wie so ziemlich jeder aussieht, der spät an einem Mittwochabend irgendwo zwischen Fulda und Göttingen mit dem ICE unterwegs ist. Vielleicht mit der einen Abweichung, dass jeder von ihnen, im Gegensatz zu allen anderen Reisenden, ein bisschen heiß –

Nein, nein, nein, jetzt nicht. Reicht schon, dass Schürk bei ihrem letzten unfreiwilligen gemeinsamen Einsatz auf dem besten Wege war, Leo einen Ständer zu verpassen. Der Ständer von Giesing, das hätte noch gefehlt. Ungefähr so peinlich wie der Knutschfleck von Dortmund, über den Leo sich nach der Rückkehr von seinem Einsatz so einige dumme Sprüche von der Baumann hatte anhören dürfen. Immerhin, ein Ständer hinterlässt keine Spuren, also –

Nein, nein, nein.

„Der Zug ist so gut wie leer“, reißt Schürks immer noch viel zu laute Stimme Leo aus seinen Gedanken. Warum, zum Teufel, muss der Kerl ihn so anschreien? Hat der denn gar nichts gelernt in der Agentenschule?

„Dann schnell rein und schnell wieder raus“, sagt Leo. Vielleicht kann das ja doch schnell und reibungslos über die Bühne gehen, trotz Schürks Anwesenheit.

„Wollte ich auch gerade sagen. Ich denke da an den Intercity Mannheim Freiburg vor drei Jahren.“

An den denkt Leo lieber nicht.

„An den denke ich lieber nicht. Und du besser auch nicht. Oder hast du etwa Sprengstoff dabei?“

Schürks Antwort besteht aus einem sturen Schweigen.

Hast du?“, setzt Leo nach und ist schon bereit, seinen Agenten-Konkurrenten mit einem gezielten Faustschlag außer Gefecht zu setzen, da räumt der endlich ein: „Nein, natürlich nicht.“

„Natürlich nicht. Super“, murmelt Leo. Er wirft Schürk einen letzten kritischen Blick zu. Dann dreht er sich um und sieht in das auf der anderen Seite angrenzende Abteil. Es ist noch immer so leer wie gerade eben, als Leo daran vorbei ging.

„Okay“, sagt er widerwillig, nickt Schürk aber zu. Leo ist sicher, er wird das Kind schon schaukeln, auch wenn Schürk vorgeht und die ganze Geschichte versaut. Ein Grund mehr, ihn dann erneut ohne die Dokumente, wegen derer sie hier sind, stehen zu lassen.

Überraschend lautlos öffnet Schürk die Tür von Noltes Abteil. Leo schiebt sich neben ihn, wirft einen Blick hinein. Erstaunlich. Es ist, wie der andere Agent gesagt hat: Auf einem Fensterplatz liegt Nolte mehr, als dass er sitzt, und schläft. Was für ein Idiot, denkt Leo, und gleich darauf: Der macht das Idiotentum heute sogar Schürk streitig. Der schwarze Rucksack, um den es geht, steht auf dem Sitzplatz direkt neben Nolte, unbewacht, absolut frei zugänglich. Schürk, der schon fast direkt davor steht, muss nur seine Hand ausstrecken und –

„Das hier ist Wagen neun, hier sind unsere Plätze!“, erklingt es geradezu ohrenbetäubend aus dem Gang. Leo schreckt regelrecht zusammen und wirft einen raschen Blick hinter sich. Er steht noch immer halb auf dem Gang. Eine Horde Mitte-Zwanziger trampelt samt Gepäck den schmalen Gang entlang Richtung Großraumabteil.

„Ich dachte, das da hinten wäre Wagen neun gewesen!“ Offenbar können sich diese Arschlöcher nur brüllend unterhalten.

„Psssssst!“, macht Leo energisch und fügt flüsterzischend hinzu: „Das sind hier die Ruheabteile!“

„Das ist ja schön für dich, dann schlaf mal schön!“, erhält er von einem muskulösen Typen zur Antwort. Muskulös, ja, vielleicht, aber definitiv nicht so muskulös wie Leo. Nicht mal ansatzweise, der Kerl soll sich bloß nichts einbil –

Mit einer Hand an seinem Handgelenk und einem Ruck wird er ins Abteil gezogen. Er stolpert fast gegen Schürk, doch den scheint das nicht zu stören. Im Gegenteil. Der hat nämlich unglaublicherweise sofort eine Hand in Leos Haaren und die andere, mit der er noch immer Leos Handgelenk umklammert, an Leos unterem Rücken. Und seinen Mund auf Leos Lippen, da hört sich ja wohl alles auf.

„Los, mach schon, er ist wach“, murmelt er in Leos Mund, während er ihn auf den Platz neben dem Rucksack bugsiert.

„Hey, was machen Sie hier?“, hört Leo Nolte protestieren. Ein verdammter Schlamassel ist das, aber damit müssen sie jetzt arbeiten. Muss er jetzt arbeiten, denn verdammt, ein wacher Nolte und ein ihn knutschender Schürk, darauf ist Leo so gar nicht vorbereitet. Aber so ist das eben im Leben eines Top-Spions in einem ICE der Deutschen Bahn im Deutschland.

Leo schiebt sich auf dem Platz zurecht und tastet nach der Armlehne, die ihn von Noltes Rucksack trennt. Er findet sie, klappt sie hoch und lässt sich etwas zur Seite sinken, mit Schürk halb auf seinem Schoß.

„Das sind unsere Plätze...“, säuselt Leo mit verknallter Stimme zwischen zwei Küssen.

„Sind sie nicht, die sind reserviert“, protestiert Nolte. Herrje, diese Wissenschaftlicher. Reisen allein und glauben, sie kämen mit einem ‚Die sind reserviert‘ durch. Das würde ja nicht mal bei Nicht-Agenten funktionieren.

„Ja, für uns...“, säuselt Leo weiter und hört, wie Schürk erst kichert und dann laut und dunkel in seinen Mund stöhnt. Nachdem Leo das gehört hat, spürt er, wie Schürk sich außerdem an Leos rechtem Bein reibt, womit auch immer, das kann Leo gerade nicht zuordnen. Zu sehr ist er damit beschäftigt, mit dem Teil seines Körpers, der nicht von Schürk geknutscht oder begrapscht oder gerieben wird, nach Noltes Rucksack zu spüren. Und ja, da ist er, Leo liegt schon halb auf ihm.

„Passen Sie doch... was soll denn das?“ Fast schon verzweifelt klingt Nolte jetzt, der arme Kerl. Wie viel verzweifelter er erst sein wird, wenn er später feststellt, dass dieses Ablenkungsmanöver ein Ablenkungsmanöver war, und zwar ein verdammt erfolgreiches. Denn Leo schiebt sich jetzt etwas vor und spürt sofort Schürks Hand und Arm an seinem Rücken. Schürk presst ihn wieder etwas zurück, gegen den Rucksack, damit Nolte nicht sehen kann, wie dieser blonde Kerl, dessen Stöhnen immer lauter und dessen Knutscherei immer feucht-obszöner wird, den Reißverschluss des Rucksacks öffnet und darin nach der Akte mit den Forschungsergebnissen tastet. Sie findet, rasch herauszieht und auf den Platz neben der Tür legt, auf den er sich, gleich nachdem er den Rucksack wieder verschlossen hat, fallen lässt und Leo dabei mit sich zieht.

„Das ist hier ein Ruheabteil!“, beschwert sich Nolte.

Fehlt nur noch, dass er Pssssst macht.

Schürk zieht ein letztes Mal an Leos Haaren, beendet den Kuss und sagt, eindeutig außer Atem und Leo mit verknalltem Gesichtsausdruck ansehend: „Und tatsächlich nicht unseres... Baby.“

Heilige Scheiße, der Kerl ist einfach viel zu gut in diesen Ablenkungsmanövern. Warum ist er gleich nochmal beim falschen Geheimdienst?

Leo räuspert sich. „Nicht?“, fragt er gespielt-zögerlich.

„Nein, leider nicht. Komm, hopp-hopp, wir müssen nach nebenan“, sagt Schürk und schmatzt Leo noch einen letzten Kuss auf die Wange.

„Okay, ich mach ja schon.“ Leo richtet sich auf und schnappt sich mit einer schnellen Bewegung die dünne Akte. Schon steht Schürk dicht vor ihm, die Akte nun zwischen ihren Körpern. Kichernd und Körper an Körper stolpern sie aus dem Abteil, dessen Tür Schürk noch ganz brav hinter ihnen zuzieht.

Als sie von Noltes Abteil aus nicht mehr gesehen werden können, bricht ihr Kichern abrupt ab. Im Rückwärtsgang löst Leo sich von Schürk, behält die Akte in seinen Händen und dreht sich im Gehen um.

„War schön mit dir!“, ruft er übertrieben laut, sicher, dass nur Schürk ihn hören kann. Und weil wie immer Verlass auf die Deutsche Bahn ist und ihr Zug seit geraumer Zeit in irgendeinem Bahnhof steht, der noch nicht mal ein offizieller ICE-Bahnhof ist, wedelt Leo nur noch einmal zum Abschied mit der Akte in die Luft und ist schneller verschwunden, als Schürk gucken kann. Nur gut, dass er genau weiß, wie sehr Schürk Verfolgungsjagden zu Fuß hasst.

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