Work Text:
Siehst du was ich sehe?
Während Weihnachten und die Prüfungszeit näher rückten, beobachtete Eve Dr. Crowley genauer denn je. Er schien einen Instinkt dafür zu haben, wann er mehr Druck machen, und wann er eher eines seiner seltenen Lobesworte fallen lassen sollte. 'Besser' kam am häufigsten vor. Ein widerwilliges 'Ausreichend' von Dr. Crowley galt als großes Lob und hatte den gleichen Wert, vielleicht (wegen der Seltenheit) sogar einen größeren, wie die strahlende wochenlange Freude von Dr. Fell an allem. Das eine Mal, als er zugab, dass ein brillanter, nahezu perfekter Aufsatz 'nicht schlecht' war, versetzte die Hälfte der Gerüchteküche für volle 27 Minuten in schockiertes Schweigen und übertünchte tatsächlich fast anderthalb Tage lang die Diskussionen zu Dr. Fells Wutausbruch.
Auch schien er irgendwie zu wissen, ob man sich die größtmögliche Mühe gab, oder sich einfach mittreiben ließ. Wenn man sich bemühte, insbesondere wenn man kämpfen musste, hatte er eine unglaubliche Geduld für jegliche Fragen und Erklärungen. Sie lernte mehr, als sie je gedacht hätte.
Sie nahm an, dass dies derselbe Instinkt, dieselbe Fähigkeit oder einfach nur Beobachtungsgabe war, die ihn Platz machen ließ als er eine Fremde mit wunden Füßen bemerkte. Dieselbe – konnte sie es wagen 'Freundlichkeit' zu sagen? –, die ihn dazu brachte, sich vor seinem Ehemann in Verlegenheit zu bringen, anstatt sie selbst in eine unangenehme und peinliche Situation zu bringen. Eine Situation, durch die sie sich in die Enge getrieben gefühlt, und gezwungen gesehen hätte, weiter im Bereich Botanik zu bleiben, ohne sich frei entscheiden zu können.
Im Großen und Ganzen war sie froh, dass sie geblieben war. Sie verbrachte ihre Zeit damit den Gerüchten zuzuhören, und zu beobachten wie geschickt er sie steuerte, nie log, aber genauso wenig mit der offensichtlichen Wahrheit herausrückte. Sie hätte das Warum, um das sich alle Gerüchte drehten, jederzeit auflösen können, aber es war nicht ihr Geheimnis, also biss sie sich gedanklich auf die Zunge, verkniff sich alles und sagte nichts.
Sie war erleichtert, als Dr. Fell meinte, dass er und der liebe Anthony gemeinsam am universitätsweiten vorweihnachtlichen Festessen teilnehmen würden. Eine Sache weniger die ablenkte, so würde sie sich nach den Feierlichkeiten mehr auf die Prüfungen konzentrieren können.
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Crowley seufzte nur, als Aziraphale es ansprach.
„Ja, alles klar, Engel. Ich nehme an, die Cracker sind auch nicht vermeidbar?“
Er rümpfte die Nase, als könne er bereits den beißenden Geruch der explodierenden Cracker riechen. Sie würden ihn nicht verletzen, doch brachten sie lang vergangene, aber nicht gerade angenehme Erinnerungen hervor.
„Ich habe mit ihnen gesprochen. Sie werden erst zum Ende heraus gebracht. Und wir werden in der Nähe der Türen sein. Im schlimmsten Fall kannst du dich raus schleichen.“
„Das weiß ich zu schätzen.“ Er ließ sich tiefer in das alte Sofa sinken und legte einen Arm um Aziraphales Schultern. „Dafür werde ich dafür sorgen, dass du die besten Desserts bekommst. Klingt das nach einem guten Handel?“
„Du“, kicherte Aziraphale, strahlte zurück und lehnte sich in die halbe Umarmung, „bist so eine clevere, alte Schlange… und du kennst mich nur zu gut. Versuchung erfolgreich.“
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Die Nachricht, dass sie alle Dr. Fells Ehemann endlich zu Gesicht bekommen würden, ließ die Gerüchteküche heiß laufen. In letzter Minute wurden noch jede Menge Wetten abgeschlossen. Selbst Dr. Crowley hatte jetzt ein paar Wetten auf ihn - Dr. Fells (unbekannten) Ehemann - abgeschlossen, vielleicht aus einem Bedürfnis nach Vollständigkeit heraus.
Die Schüler wärmten alle Beschreibungen auf, die Dr. Fell herausgerutscht waren und verglichen sie mit jedem, der ihnen einfiel und der möglicherweise passen könnte. Sie wünschten sich nur, dass mehr über das Aussehen des Ehemanns bekannt war, als „groß“ und „schön anzusehen“. Das würde die Ausscheidung der möglichen Leute einfacher machen.
Schließlich passte ausgerechnet Dr. Crowley auf die Beschreibung. Dieser wurde allerdings ausschlossen, da er weder nett noch freundlich war. Und ganz sicher nicht wie Dr. Fell.
Sogar die beiden, von allen gemiedenen, Studenten der Treppenbrigade bekamen Wind von der Neuigkeit. Eine Zeit lang machten sie sich Sorgen, wie wütend Dr. Fells Ehemann sein würde, wo dies doch vielleicht ihre einzige Chance war, sich bei beiden gleichzeitig zu entschuldigen. Sie beschlossen, dass er so schlimm eigentlich nicht sein konnte, nicht, wenn er mit Dr. Fell verheiratet war.
Es war ja nicht so, dass sie sich bei Dr. Crowley entschuldigen müssten.
