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Sag es mir ins Gesicht
Als die Studenten der Treppenbrigade Dr. Fells gemütliches, vollgestopftes Büro betraten, um sich zu entschuldigen, war dieser dabei sich zu sortieren. Ein anderer Mann, mit dem Rücken zur Tür stehend, untersuchte die Bücherregale.
Dr. Fell schloss die Tür hinter ihnen, deutete auf die freien Stühle und nahm selbst Platz. „Setz' dich bitte zu uns, Anthony.“
Der Mann drehte sich um, so dass sie sein Gesicht und die dunkle Brille, die seine Augen verbarg, sahen. Die Studenten starrten sich an, als ihnen beiden der gleiche Gedanke durch ihre Köpfe schoss. - "Oh, Scheiße."
Während sie sich von ihrem Schock erholten, hatte Dr. Crowley sich bereits auf dem Stuhl neben Dr. Fell niedergelassen.
„Mir wurde gesagt, Sie wollten etwas sagen?“ Seine Stimme neutral und sein Gesicht so undurchschaubar wie seine Brille. „Nun, dann fangen Sie an.“
„Gib ihnen eine Chance, mein Lieber.“ Dr. Fells Stimme war so warm wie immer, als er sich zurücklehnte und seine Finger über seinen Bauch legte.
„Ich gebe ihnen eine Chance.“ Dr. Crowley verschränkte die Arme.
Beide Professoren waren bereits für das Abendessen angezogen. Sie waren die Verkörperung der Kontraste. Dr. Fell trug einen makellosen cremefarbenen Anzug mit einer goldenen Weste, einem hellblauen Hemd und einer karierten Fliege. (Als er sie für ihn zurechtrückte, hatte Crowley nur gegrummelt: „Wo hast du überhaupt karierte Fliege in Ace Pride-Farben herbekommen, Engel‽“)
Dr. Crowley dagegen trug einen schwarzen Anzug über einem dunkelgrauen Hemd und einer dunkelroten Krawatte. („Rot steht dir, mein Lieber“, hatte Aziraphale gemurmelt und seinen Kragen glattgestrichen.)
Die Stille fühlte sich an wie ein schwarzes Loch, das alle Worte verschlang, die sich die beiden Studenten zurechtgelegt hatten.
Erstarrt saßen sie da auf ihren Stühlen, während sich alles, was sie zuvor gesehen hatten, neu zusammensetzte und viele Dinge plötzlich Sinn ergaben.
„Ich- Wir-“, murmelte der linke schließlich, „wollten uns entschuldigen. Äh. Also. Ähm. Wir, äh, wollten Sie nicht beleidigen. Oder... Oder...“ Stille.
Mit einem Blick erkannte Aziraphale die Anspannung in Crowleys Kiefer, und die Entschlossenheit, daran wie seine Schulten beinahe verkrampften. Er nickte leicht, um ihm die Führung zu überlassen.
Es waren nicht die Beleidigungen gewesen, die ihn überhaupt erst wütend gemacht hatten. Es war die Art und Weise, wie die beiden Studenten versucht hatten, Crowley (und anderen natürlich, aber hauptsächlich Crowley) im Namen der 'Gesundheit' ernsthafte Schmerzen zuzufügen.
Crowley schnaubte. „Ich habe schon weitaus schlimmeres gehört. Ich hoffe, ihr erwartet nicht, dass ich euch vergebe.“
Obwohl Crowley nicht einmal versuchte bedrohlich zu wirken, weiteten sich ihre Augen ängstlich.
Er gab ihnen einen Moment Zeit und fuhr dann fort: „Eine Entschuldigung ist nicht wie ein Reset-Knopf in einem Spiel. Sie können nicht ungeschehen machen, was Sie getan haben. Sie können nur weitermachen und die Konsequenzen tragen. Mit den falschen Leuten herumhängen, die falschen Fragen stellen, Dinge sagen, für die Sie sich später hassen? Passiert, ist passiert. Es lässt sich nicht ändern. Was zählt, ist, ob Sie es wieder tun werden oder nicht. Und das bedeutet, dass Sie zuerst einmal Ihren Fehler erkennen müssen. Was anscheinend nicht der Fall ist.“
Dr. Fell sah Dr. Crowley mit gehobener Braue an, dieser verzog nur ironisch den Mund. „Es waren doch nicht die Beleidigungen, oder, Engel?“
„Kaum.“
„Was dann?“, platzte der rechte Student heraus.
„Sie haben sich verhalten, als wären Ihre Annahmen und Urteile Tatsachen“, sagte Dr. Fell steif. „Und das verletzt Menschen.“
Dr. Crowley fügte gelassen und voller Zuneigung hinzu. „Er ist sehr Beschützerisch.“
„Welche Annahmen?“
„Dass Sie erkennen können, ob jemand einen Fahrstuhl braucht. Oder irgendeine Art von Unterstützung. Und das können Sie nicht. Lernen Sie das. Verhalten Sie sich besser. Werden Sie besser. Das sollten Sie das zu Ihrer Entschuldigung machen, und nicht irgendwelche Worte aufsagen.“
Er sah demonstrativ auf seine Uhr. „Zeit für's Abendessen, Engel.“
Ein Paar eleganter Gehstöcke lehnte an der Wand, einer blassgolden mit einem Apfel als Griff, der andere dunkelrot mit einem Schlangenkopf. Der Schlangenstock war von häufiger Benutzung blank geschliffen, der Apfel weniger. Dr. Crowley nahm den Schlangenstock und reichte den Apfelstock an Dr. Fell, der ihn mit dem leichten verschwörerischen Lächeln entgegennahm. Ein Lächeln das auf einen Insiderwitz hindeutete.
„Nach Ihnen“, sagte er und geleitete sie alle hinaus.
