Work Text:
Lass mich raten...
„Glaubst du, dass Dr. Fells Ehemann vor Dr. Crowley sicher ist?“
Als sie diese Worte hörte - unabsichtlich - stolperte Eve beinahe über ihren eigenen Füße. Nur der Student hinter ihr, der gerade noch ihren Mantel packen konnte, bewahrte sie vor einem bösen Sturz.
„Danke.“
„Keine Sorge“, sagte er und ließ los, als sie sich wieder gefangen hatte.
Sie eilte die restlichen Stufen so schnell wie möglich herunter, bevor sie wieder stolpern konnte. Erleichtert erreichte sie das Ende der Treppe. Sie hatte noch eine Stunde bis zur nächsten Vorlesung, also ging sie in die Mensa mit all ihren Snackautomaten, Stühlen und Tischen.
Sie war nicht die Einzige auf dem Weg zur Mensa, mehrere andere Studenten gingen an ihr vorbei, darunter auch der Student, der sie gepackt hatte. Er schien ein paar Jahre älter zu sein als die meisten. Er war also wie sie, wahrscheinlich, nicht im ersten Semester.
„Alles in Ordnung?“, fragte er, als sie sich für den Kaffeeautomaten anstellten. „Ich nehme an, das war wegen-“
„Dem Gerücht, ja. Mir geht’s gut.“
„Ich dachte, sie wären zusammen?“
Das bestätigte in Eves Augen, wie lange er schon hier war. Sie zuckte die Achseln. „Das sind sie.“
„Denkst du, sie wissen von…?“ Er winkte vage mit der Hand.
Eve versuchte, nicht zu sehr mit den Augen zu rollen. „Oh, sie finden es wahrscheinlich urkomisch.“
„Da kann man wirklich nichts gegen sagen.“
Eine leichte Grimasse ziehend, schnappte er sich seinen Kaffee und sah sich nach einem Tisch um. Er steuerte einen leeren Ecktisch an, und ließ sich mit dem Rücken zur Wand auf einen Stuhl gleiten.
Sich ihren Kaffee greifend, suchte sich Eve einen eigenen Tisch und kramte ein Buch zum lesen hervor. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr eigener Mund in stillem Gelächter zuckte. Dr. Crowley hatte Recht. Es würde wirklich urkomisch werden, wenn die Erstsemestler es verstanden.
Die Logik der Erstsemestler war, soweit nachvollziehbar, in etwa so:
Tatsache 1:
Dr. Crowley war dabei ertappt worden, wie er Dr. Fell voller Verehrung und Zärtlichkeit und/oder Liebe ansah.
Tatsache 2:
Dr. Fell war verheiratet.
Schlussfolgerung:
Dr. Crowley hatte vor, Dr. Fells Ehe zu zerstören, um ihn für sich zu gewinnen.
Die Logik des zweiten Jahres und darüber hinaus war wie folgt:
Tatsache 1:
Dr. Crowley war dabei ertappt worden, wie er Dr. Fell voller Verehrung und Zärtlichkeit und/oder Liebe ansah.
Tatsache 2:
Nun, sie waren beide verheiratet. Offensichtlich. Miteinander.
Schlussfolgerung:
Wie um Himmels Willen konnten wir das beim ersten Mal übersehen?
~*~*~
Als Crowley sein Auto erreichte, sah er Aziraphale bereits daneben stehen. In eine, scheinbar hochinteressante Unterhaltung mit einer Fremden vertieft. Er lehnte sich gegen den Wagen und legte die Arme auf dem Autodach ab.
„Lass mich raten, Engel? Du hast die neue Professorin kennengelernt?“
Die Fremde, eine junge Frau mit offenem dunklem Haar, Brille und einem langen dunkelgrünen Kleid, drehte sich bei dem Klang seiner Stimme um. Sie streckte eine Hand aus.
„Dr. Anathema Device. Geschichte und Philosophie.“
Er schüttelte sie kurz mit der eigenen, freien Hand. „Dr. Anthony Crowley. Botanik.“
Aziraphale schmollte leicht und Crowley seufzte. „Sie ist eine Kollegin, Engel, keine Studentin, die man veräppeln kann.“
„Sie sind sein Anthony?“
„Jep.“ Er öffnete die Fahrertür und glitt, das Gesicht verziehend, da sein Knie gegen die Bewegung protestierte, hinein.
„Sie sind nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.“
„Das bin ich selten.“
„Anthony. Sie hat mit Gabriel gesprochen. Ich dachte, wir sollten ein paar Dinge klären, bevor …“
„Ich verstehe.“ Crowley lehnte seinen Kopf zurück, blieb aber im Auto. „Ich nehme an, du meine freiwilligen Dienste als Fahrer angeboten, um sie zu dem zu bringen, zu dem du sie eingeladen hast… Was ist es? Abendessen? Was zu trinken?“
Im Spiegel sah er, wie sich ihr Gesicht verzog, ob vor Angst oder vor Wut, konnte er nicht sagen, aber ihm tat alles weh und war zu müde, um noch ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
„Benimm dich, mein Lieber“, scholt Aziraphale sanft. „Ich habe Tee angeboten. Zu Hause.“
Crowley antwortete mit dem gequälten Seufzen des Partners, der immer fährt: „Gut. Steigen Sie ein, wenn Sie mitkommen wollen.“
Er schloss die Tür und tat so, als hätte er nicht bemerkt, dass Dr. Device ein Foto von seinem Nummernschild machte, bevor sie hinten stieg. Es war ihm Recht, wenn sie sich damit sicherer fühlte.
