Chapter Text
„Wer uns schwächen will, dem müssen wir mit Stärke begegnen. Dafür muss die europäische Union weniger nach innen schauen, mehr nach außen und mehr für ihre äußere Sicherheit tun. […] Die Arbeit für ein starkes Europa ist anstrengend. Nur, ein schwaches Europa ist für uns gefährlich.“
„Jetzt sag schon! Das ist furchtbar, oder?“
Robert Habeck stoppte das Video auf dem Fernsehbildschirm und beobachtete argwöhnisch, wie der Bundeskanzler sich ausgiebig mit der rechten Hand die Schläfe massierte, anstatt ihm sofort auf seine Frage zu antworten.
Es war halb eins in der Nacht und sie saßen sich gegenüber in Roberts Wohnzimmer, jeder halb versunken in einem großen Ohrensessel und einer Untiefe aus Flickendecken und flauschigen Kissen. Irgendwo in Olafs Haufen müsste sogar noch eine kleine Stoffgiraffe vor sich hin dümpeln. Robert hatte sich nicht die Mühe gemacht groß aufzuräumen, als Olaf sich vor einigen Stunden bei ihm zum Abendessen eingeladen hatte.
Generell war er der Meinung, dass Freunde vor denen man sein Chaos (oder seine Kuscheltiere) verstecken mussten, keine Menschen sein konnte, die man langfristig in seinem Leben haben wollte. Und Olaf, auch wenn sie auf beruflicher Ebene Konkurrenten waren, hätte er gerne noch lange bei sich behalten. Er hatte sich in den vielen Nächten, die sie sich im Rahmen ihrer gemeinsamen Regierungsarbeit schon um die Ohren geschlagen hatten, einfach an ihn gewöhnt.
Das war ja auch vollkommen normal, dass man nach so viel zusammen verbrachter Zeit das Gefühl hatte, der Andere gehöre beinahe schon zu einem selbst. Wie ein zusätzlicher Arm, oder eine zweite Lunge - am Anfang schon verdammt merkwürdig, aber wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hatte rangierte jede Trennung irgendwo zwischen unpraktisch und fast atemberaubend schmerzhaft. Wie gesagt, ganz gewöhnliche, kollegiale Gefühle.
„Was machen wir hier eigentlich?“ seufzte Olaf wehleidig, anstatt Robert endlich von seinen Qualen zu erlösen und ihm ein Feedback zu seiner Neujahrsansprache zuteil werden zu lassen.
Misstrauisch verengte der Wirtschaftsminister die Augen, um seinen Freund genauer unter die Lupe zu nehmen. Gar nicht so einfach in dem schummrigen Licht in seiner Wohnung.
Die Straßenlaternen vor dem Fenster hatten sich schon vor einer Weile abgeschaltet. Und auch wenn er, einfach weil sich das wohl so gehörte, im Besitz einiger Deckenleuchten war, so weigerte Robert sich, beständig wie Markus Söder in seiner Liebe zu Bayern, sie zu benutzen. Das machte immer so ein furchtbar grelles Licht, in dem es gar keinen Platz mehr gab für Schatten, Verstecke und kleine Werbegeschenke von RWE (überreicht ganz nach dem Motto ‚wer braucht schon ein Bruchstück aus der Berliner Mauer wenn du höchstpersönlich die Ruinen von Lützerath unter dein Sofa kehren kannst?‘).
Stattdessen hatte Robert vor einigen Stunden, als Olaf in der Abenddämmerung auf dem Weg von der Küche ins Wohnzimmer über einen der Bücherstapel gestolpert war die in Ermangelung an Regalplatz vorübergehend auf dem Teppichboden wohnten, eine kleine Stehlampe eingeschalten.
Viel Feinheiten konnte man in ihrem Schein nicht erkennen. Selbst Olafs sonst so meerblaue Augen ließen sich im Moment nicht poetischer als ‚tümpelig‘ beschreiben. Aber es reichte aus um einen Blick auf dunkle Ringe unter immer kleiner werdenden Augen zu erhaschen.
„Bist du jetzt so müde, dass dein Kurzzeitgedächtnis schon darunter leidet?“ erkundigte sich Robert. „Ich wollte deine Meinung zu meiner Rede wissen!“
„Das weiß ich doch,“ winkte Olaf ab. „Aber ich dachte wir haben uns heute getroffen um einmal nicht über Politik zu reden.“
Dabei schielte der Kanzler wehmütig hinüber zum Fernseher, auf dem bis vor Kurzem noch eine Folge Sturm der Liebe gelaufen war. Sie hatten gerade recht hitzig darüber diskutiert, ob Roberts Namensgenosse in der Serie das annervende Liebesdreiecke in dem er sich befand nicht einfach dadurch auflösen sollte, indem er etwas mit seinem romantischen Gegenspieler Michael anfing, als das Handy gesurrt hatte.
Eine Nachricht von Roberts Wahlkampfteam. Seine Neujahrsansprache war soweit fertig und brauchte nur noch sein finales Go. Kurzerhand hatte Robert sie also auf den Fernseher gespielt und sich schon bei den ersten Worten hinter einem besonders hässlichen Kissen mit Schottenmuster versteckt. Es gab Dinge, da gewöhnte man sich auch nach Jahren in der Politik noch nicht und für ihn gehört dazu definitiv, sich selber so steif inszeniert eine fast schon peinlich plakative Rede aufsagen zu hören.
Je weiter sie in dem Video gekommen waren, desto furchtbarer fand Robert was er da hörte und so wünschte er sich nun mal gerade ganz dringend Olafs Einschätzung zu seiner Misere. Nicht als Politiker, sondern als Freund.
„Das macht mich fertig. Neuwahlen hier, eilige Gesetzesentwürfe dort, man kommt ja zu gar nichts anderem mehr als Regieren,“ fuhr dieser inzwischen seine Klagen fort.
Robert verkniff sich das Kommentar, dass Regieren immerhin recht grundlegend zu Olafs Arbeitsbeschreibung gehörte und er dafür auch mehr als angemessen entlohnt wurde.
„Bitte!“ sagte er stattdessen und fing Olafs Blick auf um sich an einem Welpenblick zu versuchen. „Nur ganz kurz, fünf Minuten, nicht mehr! Du musst mir einfach nur sagen, ob das für dich genau so doof klingt wie für mich.“
Olaf hielt sage und schreibe ganze sieben Sekunden aus in denen er den Blick stoisch erwiderte, dann wurde sein Gesicht weicher. Ein geschlagener Mann. Robert konnte nicht umhin triumphierend zu Grinsen als sein Gegenüber sich mit einem Stirnrunzeln der Rede zuwandte.
„Welcher Teil klingt doof meintest du?“
„Ja gerade der, mit dem starken Europa. Ich weiß auch nicht, irgendwas stimmt nicht.“
Olaf nickte bedächtig. „Ist es vielleicht die Darstellung Europas als globale Machtinstanz, die sich ähnlich wie während der noch nicht weit zurückliegenden Zeit des Kolonialismus in imperialistischen Zügen über die Selbstbestimmung der restlichen Welt hinwegsetzt, legitimiert durch fingierte Überlegenheitsansprüche ihrer Moralvorstellungen und Gesellschaftsformen, sowie einer Prise gezielter Angstmacherei?“
„Hm,“ sagte Robert. Und dann, nach einer kurzen Denkpause: „Ne, das finde ich eigentlich gut so.“
„Achso.“
Ein paar Sekunden herrschte Stille, in denen beide sich mehr oder weniger konzentriert durch Satzbauten und Synonymkeller kämpften. Denn irgendwo da musste ja das Problem liegen, in den sprachlichen Komponente. Ideologisch war die Rede nämlich absolut vertretbar, fand Robert.
Etwas militaristischer als er es in seinen Dienstverweigerungszeiten noch gehalten hätte, das bestimmt, aber mit dem Alter kam nun mal auch Weisheit und die gebot ihm, dass einem gewisser Grundstock an Alprohafermilch im Kühlschrank, finanziert aus Waffenindustrieerträgen, nicht viel entgegenzusetzen war. Immerhin wurde sein eigener Anteil an dem Geschäft mit dem Tod meistens in klimafreundliche Konsumprodukte weiterinvestiert, das konnte man von seinen Mitverdienenden aus der FDP bestimmt nicht behaupten.
Bevor einer von ihnen zu einem mitteilswürdigen Schluss kam, vibrierte erneut ein Handy. Dieses Mal war es das von Olaf. Es kostete den Kanzler einige Verrenkungsmaßnahmen, bis er unter den Decken seine Hosentasche gefunden und das Ding daraus hervorgezogen hatte. Er blickte auf das Display. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Robert wollte nicht neugierig sein, aber er kannte dieses Lächeln bei Olaf gut. Und aus unerfindlichen Gründen ließ es in letzter Zeit seinen Ruhepuls schneller hochfahren, als eine durchschnittliche Zwischenfrage der AFD.
„Christian?“ fragte er, betont beiläufig.
„Mhm,“ antwortete Olaf, schon dabei die Antwort zu tippen. Dafür brauchte er immer mindestens eine Minute. Eine halbe Minute mehr für jeden sorgfältig ausgewählten Smiley.
Robert ließ seinen Kopf zurück gegen die Sessellehne fallen und starrte demonstrativ an die Decke.
„Das ist die fünfte Nachricht von Christian in der letzten Stunde. Stirbt er wenn er mal eine Nacht ohne dich auskommen muss?“
Olaf lachte leise. „Warum hast du mitgezählt?“
„Lucky guess.“
„Aha. Aber wenn wir schon darüber reden, er fragt ob er mich später abholen soll. Es ist schon ziemlich spät.“
„Muss er nicht,“ antwortete Robert, bevor er überhaupt dazu kam darüber nachzudenken, dass er selbst kein Auto besaß mit dem er Olaf alternativ nach Hause fahren könnte. „Ähm, ich hab hier irgendwo noch eine Matratze?“
Er ging fest davon aus, dass Olaf freundlich aber bestimmt ablehnen würde. Immerhin waren sie keine Studenten mehr, die komme Nacht spontan in der nächstbesten Wohnung übernachteten.
„In Ordnung. Dann sag ich ihm, er kann schlafen gehen!“
Olaf tippte ungerührt weiter. Robert blinzelte. Er war sich nicht mehr so ganz sicher, wo diese Matratze überhaupt war. Wahrscheinlich schimmelte sie irgendwo im Vorratsraum mit vorregierungszeitlichen Versuchen von selbstgemachtem veganen Käse um die Wette.
„Okay. Sag Gute Nacht von mir!“
„Und Gute Nacht von Robert...“ las Olaf den letzten Teil seiner Nachricht laut vor, bevor er sie endlich abschickte.
„Nett, dass er extra nochmal losgefahren wäre,“ gab Robert zu.
Olaf nickte und steckte das Handy wieder weg. Er fing den Blick seines Gegenübers auf.
„Ja, manchmal ist Christian tatsächlich nett. Warum überrascht dich das so? Ihr habt euch bei der Arbeit doch immer ganz gut verstanden, abgesehen von den stundenlangen philosophischen Kabeleiben über Finanzierungskonzepte vielleicht. Aber selbst da wart ihr eigentlich ein Herz und eine Seele, zumindest was die Streitkultur angeht. Das hat ja niemand außer euch ausgehalten.“
Beim letzten Satz verzog Olaf das Gesicht, als würde selbst die Erinnerung noch zu imaginären Kopfschmerzen führen.
Robert befand sich seinerseits in einer recht ungewohnten Situation. Er suchte nach Worten und fand keine. Dabei konnte er sonst doch sogar Abschiebungen nach Syrien linksgrünreden.
„Kann schon sein,“ begann er vorsichtig. „Aber das war vor dem „D-Day“.“
Er ahmte die betonten Gänsefüßchen mit seinen Fingern nach. Langsam fand er seine Stimme wieder.
„Du glaubst ihm doch nicht ernsthaft, dass er von dieser beschissenen Kopfstandpyramide nicht gewusst haben soll? Der hat den ganzen, bescheuerten Umsturz doch schon lange voraus geplant und bei dir dann einen auf herzgebrochen gemacht. Und ich sag dir noch du sollst ihm erst mal zuhören bevor du ihn sitzen lässt.“
Der Moment zu Stoppen war gekommen und mit einem mitleidigen Winken wieder von dannen gezogen. Olaf war nun wirklich nicht der Richtige, um sich über die zweifelhafte Politik der FDP auszukotzen, schon allein weil er in einer zunehmend ernsthaften Beziehung mit dessen Vorsitzenden war und auf sehr vertrackte Weise damit zwischen den Fronten stand.
Aber Robert war inzwischen in Rage und Olaf hörte ihm nur belustigt zu, also fuhr er einfach damit fort, sich den wochenlang angestauten Frust von der Seele zu reden.
„Und dann diese Rede bei der Vertrauensfrage. ‚Wenn wir die Mehrwertsteuer senken profitiert davon der Millionär genau so wie die Rentnerin.‘ Was für Butter kauft dieser fiktive Millionär denn, damit das auch nur ansatzweise vergleichbar mit den Ausgaben einer Rentnerin wäre, fressen die Kühe vorher tonnenweise Lithium?“
„Ganz zu schweigen von diese ganzen Sticheleien dir gegenüber bezüglich der Entlassung. Als hätte er das nicht von Anfang gewollt, nur um am Ende festzustellen, dass das nun mal ein unglaublich dummer Plan war. Herzlichen Glückwunsch, am Ende war dann tatsächlich auch die Einsicht mal da, dann wurde aber ganz schnell alles auf dich abgeschoben.“
„Und trotz allem gehst du jeden Abend wieder zu ihm und ihr… ja, keine Ahnung was ihr da so macht. Ich verstehe einfach nicht, wieso du überhaupt noch etwas mit ihm machst,“ beendete Robert seinen Monolog schwach.
„Heute Abend bin ich zu dir gegangen, nicht zu ihm,“ korrigierte Olaf ihn.
„Das ist ja auch was komplett anderes.“
Olaf seufzte leise und für einen Moment herrschte Stille, während der Kanzler sich nachdenklich die Schläfe massierte. Das Thema schien ihn doch mehr zu beschäftigen als Robert zunächst wahrgenommen hatte.
„Ich weiß schon was du meinst,“ sagte er schließlich. „Es ist verdammt schwierig. Und manchmal würde ich Christian echt gerne gegen die nächste Wand klatschen, das geht mir doch genau so wie dir. Aber ich –„
Er stockte kurz. Noch bevor er weitersprach spürte Robert, wie seine Nackenhaare sich aufstellten. Entweder würde Olaf gleich etwas monumentales sagen, oder ein Blitz war dabei alle Regeln der Physik zu brechen und mitten in seinem Wohnzimmer einzuschlagen.
„Ich liebe ihn nun mal.“
Der Blitz wäre Robert lieber gewesen. Olaf schien es der plötzlich auftretenden, grünlichen Gesichtsfarbe nach ähnlich zu gehen.
„Hast du das vorher schon mal laut gesagt?“ fragte Robert vorsichtig, anstatt schreiend alle Bücher in Reichweite aus seinem Regal zu schleudern.
Das konnte doch jetzt echt nicht wahr sein. Wieso konnte er nicht ganz normale Regierungsprobleme haben, wie jeder andere Vizekanzler auch? Da würde er doch lieber ganz nach seinem Parteikollegen Joschka Fischer nochmal die Bundeswehr nach Kosovo schicken. Oder ein neues Kohlekraftwerk bewilligen.
Sigmar Gabriel hatte sich bestimmt nicht mit so etwas die Nacht um die Ohren schlagen müssen, das würde ihn bei Merkel doch sehr überraschen.
„Nein,“ murmelte Olaf. „Christian weiß das auch nicht.“
Robert nickte, nicht sonderlich überrascht in Anbetracht der Tatsache, dass der letzte Versuch der Beiden ihre Gefühle füreinander zu kommunizieren mit einem Zusammenbruch der deutschen Regierung geendet hatte.
„Ich nehme an in Rente gehen und Heiraten ist in nächster Zeit keine Option für euch?“
Das lockte ein kleines Lächeln auf Olafs Gesicht zurück, das sofort auf Robert übersprang und sich warm und flauschig wie eine wohlig schnurrende Katze in seinem Inneren ausbreitete.
„Ist das etwa ein unethischer Versuch, deine politische Konkurrenz auszuschalten?“ zog Olaf ihn auf. „Nein, natürlich geht keiner von uns in den Ruhestand!“
Robert lachte.
„Schade. Ich hätte mich lieber mit Pistorius rumgeschlagen, als mit dir.“
„Gehe ich dir etwa schon auf die Nerven? Wir hatten noch nicht mal unser erstes Kanzlerduell, das kann ja was werden.“
„Triell,“ korrigierte Robert reflexartig und fiel in einen Flüsterton. „Oder hast du finstere Pläne für Merz von denen ich noch nichts weiß?“
Olaf scheiterte an einer verschwörerischen Antwort noch bevor er überhaupt zu sprechen ansetzte. Zunächst drehten sich die Rädchen in seinem Kopf so nachdrücklich, dass Robert schwören könnte, dass er ein leises Rattern vernahm, dann breitete sich ein strahlendes Grinsen auf dem Gesicht des Kanzlers aus. Irgendetwas in ihm schien allergisch gegenüber spontane Gesprächsreaktionen zu sein. Er erinnerte Robert an ein Faultier, das sich behäbig durch die Welt hangelte. Leider fand er Faultiere ziemlich süß.
„Wer weiß,“ wisperte Olaf stoisch zurück wo jeder andere den Moment inzwischen als verstrichen klassifiziert hätte. „Vielleicht nehme ich ihm einfach seine Flugzeuge weg, dann schafft er die Anreise erst gar nicht.“
Das brachte Robert dann doch zu einem belustigten Schnauben.
Enteignungsfantasien waren einfach sehr viel unterhaltender, wenn man sie danach nicht auch tatsächlich noch verwirklichen musste, schon alleine weil das deutlich weniger wütende Telefonanrufe von Investoren bedeutete. Und so wie die Umfragewerte momentan aussahen, würde mindestens einer von ihnen bald in eine schwarze Koalition eintreten, mit Mr. Blackrock höchstpersönlich an der Spitze. Privatflugzeuge im Allgemeinen, und die von Merz ganz besonders, waren also sicher vor allem das nicht ernstzunehmender war als ein Wahlversprechen der Grünen.
„Aber wegen Christian…“ lenkte Olaf das Gespräch zum Ausgangspunkt zurück, auf einmal hastig, als würde er platzen wenn er nicht sofort mit jemand darüber sprach.
„Das war in so einem richtigen dummen Moment. Mitten im Bundestag. Er hält eine Rede, ich glaube es ging um den Kryptomist, und ich denke mir genau das gleiche was du vorher gesagt hast: ‚Wieso werde ich ausgerechnet mit dem heute Abend nach Hause gehen? Der will die deutsche Wirtschaft mit digitalem Monopolygeld finanzieren, ich bitte dich‘. Und da ist es mir aufgefallen. Er ist vielleicht ein neoliberaler Schwachkopf, aber ich liebe diesen neoliberalen Schwachkopf. Deshalb.“
Robert schüttelte mitleidig den Kopf.
„Und jetzt lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Aber ich kann ihm das doch nicht einfach so sagen. Nicht jetzt, mitten im Wahlkampf, wo wir nun wirklich beide andere Probleme haben. Ganz davon abgesehen, dass es für uns politischer Selbstmord wäre so kurz vor den Wahlen irgendetwas publik zu machen. Die zerreißen uns doch in der Luft, allein schon wegen dem Ampel-Aus. Es reicht wenn ich Nachts nicht mehr schlafen kann, damit muss ich nicht auch noch Christian belasten.“
Darauf gab es einige kluge, literarisch wohlklingende Antworten. ‚Folge deinem Herzen!‘ ‚Mach aus deinem Herz keine Mördergrube!‘ Mein herzliches Beileid.‘ Herzen standen bei dieser Thematik offenbar hoch im Kurs und warteten nur darauf, künstlerisch wertvoll in den Diskurs eingebracht zu werden.
Leider waren die Worte die am Ende aus Roberts Mund purzelten so überhaupt nicht künstlerisch wertvoll. Eher armselig.
„Ich würde es wissen wollen wenn du mich liebst… also jemand, meine ich, wenn jemand mich liebt, du weißt schon.“
Noch während dem Gestammel hetzte Roberts Blick im Ausgleich für eine physische Flucht aus dem Raum panisch über die Bücherregale bis zur Decke und blieb schließlich an seinen eigenen Fingern hängen, die sich wie ein Fadengewölle ineinander verknotet hatten.
‚Freudscher Versprecher‘, teilte sein resigniertes Gehirn ihm mit.
Vielleicht war es einfach die Tatsache, dass es schon sehr spät war und seine Augenlider schon seit einer halben Stunde stetig an Gewicht zunahmen. Vielleicht lag es auch daran, dass Wahlkampf noch sehr viel einsamer war als Regieren und er schon lange niemand mehr in seinem Leben gehabt hatte, der immer da war um ihn zu umarmen wenn es ihm schlecht ging, der sich ehrlich freute ihn zu sehen, dem man ab und zu sagen konnte, dass man sich lieb hatte.
Aber in genau diesem Moment wurde Robert in einer meisterhaften Wendung der Ironie klar, dass er Olaf Scholz tatsächlich liebte und, fast noch wichtiger, von ihm geliebt werden wollte.
Das war erst einmal kein Grund zur Beunruhigung, wie er sich hastig selber ins Bewusstsein rief, bevor er noch anfing vor lauter Überforderung zu weinen oder sich alternativ aus dem Fenster stürzte.
Olaf war nun mal sein Freund. Sein Freund der hier war, direkt neben ihm. Nah genug, dass er nur den Arm auszustrecken bräuchte um seine Körperwärme an seinen Fingerspitzen kribbeln zu fühlen, wärmend und beruhigend wie ein wohlig knisterndes Kaminfeuer. Da konnte man sich schon einmal in seiner Zuneigung verlieren, ohne dass das gleich als romantische oder, Gott bewahre, sexuelle Anziehung aufgefasst werden musste.
In seinem Kopf formte sich ein Plädoyer für die Normalisierung von Zärtlichkeiten innerhalb rein platonischer Männerfreundschaften. Wieso eigentlich sollte man nicht auch mal mit einem Freund kuscheln können?
„Robert?“ fragte Olaf neben ihm besorgt. „Alles in Ordnung?“
Langsam wagte er es wieder, seine Augen von seinen Händen abzuwenden und zu seinem Freund herüberzuschauen. Eigentlich wollte er nur kurz nicken, aber er stellte fest, dass er es nicht konnte.
„Entschuldige, ich hatte gerade die niederschmetternde Realisation, dass ich mich offenbar sehr einsam fühle,“ sagte Robert ehrlich und widerstand dem Drang Olafs Blick erneut auszuweichen. Er wurde mit einem sanften Lächeln belohnt.
„Magst du vielleicht darüber reden?“
„Nein, echt nicht. Du wolltest mit mir über Christian reden und bekommst stattdessen meine Midlife-Crisis ab, das ist nicht besonders cool von mir.“
„Hmm,“ brummte Olaf. „Ne, über Christian können wir auch Morgen noch reden. Dir geht‘s nicht gut, das sehe ich doch. Ich würde jetzt gerne über dich sprechen!“
Robert seufzte schwer.
Er kannte Olaf lang genug, nicht nur als Freund sondern noch viel prägender als politischen Gegenspieler, um in seinem Tonfall einen der seltenen Momente zu erkennen, in denen er nicht zurückweichen würde bis er seinen Willen erhalten hatte. Um genau zu sein hatte er das letzte Mal so geklungen, als er Christian gegenüber auf den Überschreitungsbeschluss für die Ukrainehilfen beharrt hatte.
Bevor es jetzt also auch noch zu einem Bruch von Grün-Rot auf den letzten Metern vor der Neuwahl kam, ergab er sich lieber seinem Schicksal. Was man nicht alles für gute Umfragewerte auf sich nahm.
„Naja, du kennst das wahrscheinlich auch. Ich hab einfach kaum mehr Zeit für Freunde, von einer Beziehung ganz zu schweigen. Und wenn ich mal einen Abend wirklich frei habe, dann kann ich wirklich gar nichts mehr ab, ich will mich nur noch unter einer Decke verkriechen und darauf warten, dass sich die Welt da draußen in einen Haufen himmlisch ruhigen, absolut unspektakulären Nichts verwandelt, mit dem ich mich nicht mehr länger rumzuschlagen brauche. Ich hab schon ewig nichts mehr richtig mit Freuden unternommen, du bist der einzige der wirklich noch da ist. Wahrscheinlich weil du auch der einzige mit den gleichen beschissen Arbeitszeiten bist.“
Er stockte kurz. Seine Stimme brach, peinlich wie ein englischer Interviewauftritt von Alice Weidel.
„Ich weiß gar nicht mehr wann ich das letzte Mal jemanden umarmt habe. So richtig, meine ich, nicht diese Begrüßungsschulterberührungen.“
Seine Worte versickerten leise im Raum. Das folgende Schweigen zog sich so lange, dass Robert begann zu überlegen, ob Olaf vielleicht einfach mit offenen Augen eingeschlafen war. Das sollte während der ein oder anderen Bundestagssitzung schon vorgefallen sein.
Doch dann lehnte er sich leicht im Sessel nach vorne.
„Das Problem können wir aber leicht beheben,“ sagte der Bundeskanzler fast tadelnd und erhob sich mit einem schwerfälligen Ächzen.
Mit einer der Decken immer noch um die Schultern gelegt, wie der Umhang eines sehr müden und zerknitternden Ritters, lief er ein paar Schritte auf den anderen Sessel zu und blieb dann mitten im Raum stehen.
Robert blinzelte verwirrt zu ihm hinauf. Erst als Olaf auffordernd die Arme ausbreitete ging ihm ein Licht auf. Sein Versuch die immer heißer werdende Verlegenheit zu überspielen endete irgendwo zwischen Husten und gequältem Lachen.
„Echt jetzt?“
Olaf zuckte mit den Schultern, die Arme weiterhin zur Seite gestreckt als wolle er ein rotes Ampelmännchen imitieren.
„Wieso nicht?“
Er ließ sich die Frage durch den Kopf gehen. Wieso eigentlich nicht, wenn Olaf es schon so bereitwillig anbot? Komplizierte Liebesgefühle hin oder her, er hatte tatsächlich schon lange niemanden mehr umarmt. Um genau zu sein dürfte das auch mit Olaf gewesen sein, damals in seinem Büro, am Abend des Ampelbruchs.
Und doch zögerte er, getrieben von einem eindringlichen Ziehen in seinen Eingeweiden, als würde er vor einer weitaus bedeutenderen Entscheidung stehen als einem schlichten Umarmungsangebot eines Freundes.
Das letzte Mal als sein Magen solche Umdrehungen im Angesicht einer Wahl vollführt hatte, hatte er sich am Ende für gewaltige Flüssiggaslieferungen vor dem Emir von Katar verbeugt. Nicht unbedingt eine Sternstunde seiner Ministerlaufbahn, die er bis heute rhetorisch nicht in Einklang mit dem versprochenen Aus von fossilen Brennstoffen in Einklang gebracht hatte, glücklicher Weise im Wahlkampf aber nur selten Thema war. Und wenn doch, dann konnte er immer noch schnell „ja wegen Putin“ sagen und die Gefahr verschob sich von Klimawandel auf Bombenmangel, im Endeffekt war dieses Dilemma also recht glimpflich ausgegangen.
Sein aktuelles Unwohlsein lag hingegen vermutlich einfach daran, dass die Situation ausnehmend abstrus war. Wer bot schon Umarmungen an, das geschah normalerweise doch ganz von alleine?
„Du hast Mitleid mit mir,“ stellte Robert fest, anstatt die Frage zu beantworten.
Olaf reagierte sofort.
„Robert, hör auf dich so doof anzustellen und komm her! Das ist keine Mitleidsnummer, ich würde dich ganz einfach gerne umarmen. Möglichst bald, bevor meine Arme abfallen!“
Sein scharfer Ton ließ den Wirtschaftsminister auffahren.
„Ist ja gut,“ grummelte er und stand auf.
Ein paar Sekunden lang war Situation ausgesprochen unangenehm, während beide Männer aufeinander zutraten und zeitgleich feststellten, dass sie offenbar die Fähigkeit jemand in die Arme zu nehmen ohne sich dabei in den Gliedmaßen des anderen zu verheddern oder die Hälse merkwürdig zu verrenken während ihrer kurzen Auseinandersetzung vollständig verlernt hatten. Doch dann fanden Roberts Arme den Weg um Olafs Oberkörper, er beugte sich ein wenig nach unten um seinen Kinn auf dessen Schulter ablegen zu können und auf einmal war alles gut.
Die Welt hörte nicht auf zu existieren, so wie er sich das oft erträumte, aber sie wurde dumpf und verschwommen, wie die tanzenden Schemen an der Wasseroberfläche, wenn man im Schwimmbad auf den Beckenboden hinabsank. Wärme kroch durch seinen Körper, das stetige Wummern eines Herzschlags umfing ihn.
Als Olaf nach e iniger Zeit, es hätte eine halbe Minute oder eine halbe Stunde sein können, zu Sprechen begann, wäre er fast zusammengezuckt, so tief war er in die Umarmung versunken.
„Diese Matratze, wie leicht ist es die rauszuholen?“
Robert runzelte die Stirn während er mental einige Kästen Apfelsaft und Wein durch die Gegend schleppten, die nach seinen etwas verschwommenen Erinnerungen an seine Vorratskammer den Weg zur Matratze versperren könnten.
„Willst du schlafen gehen? Ich schätze ich brauche so zwanzig Minuten.“
Olaf trat einen Schritt zurück ohne die Arme von Roberts Hüfte zu nehmen.
„Wegen mir brauchst du dir die Umstände gar nicht erst zu machen. Ich könnte auch einfach bei dir schlafen. Dann kannst du nach der Umarmung den Punkt ‚nicht alleine im Bett schlafen‘ auch von den To Do Liste streichen und du sparst dir die Rückenschmerzen vom Umräumen.“
Robert war so verblüfft, dass er den Bundeskanzler reflexartig von sich schubste, sodass dieser ein paar Schritte rückwärts machen musste um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„Ja… Aber… Christian?“
Jetzt war er Olaf, der verwirrt den Kopf zur Seite neigte.
„Was hat der damit zu tun? Wenn dir das lieber ist können wir auch die Matratze holen. Ich dachte nur, ich schlafe immer so ungern alleine wenn ich mich nicht gut fühle, es hätte dir ja ähnlich gehen können.“
Natürlich! Olaf hatte das rein freundschaftlich gemeint. So lange wie er damals gebraucht hatte um zu verstehen, dass Christian nicht nur einen neoliberalen Haushaltsplan von ihm wollte, war ihm vermutlich noch gar nicht in den Sinn gekommen, dass sein Angebot auch sehr viel prekärer aufgefasst werden konnte.
Jetzt musste er nur noch möglichst unauffällig ablehnen, ohne dabei durchschimmern zu lassen, was er im ersten Moment verstanden hatte, um die Situation nicht auch noch für Olaf unangenehm zu machen.
„Nein, alles gut. Okay klar, du kannst gerne auch einfach bei mir schlafen,“ hörte Robert sich selber sagen.
Damit war er nun schon wieder gescheiterter.
Das war wirklich kein guter Abend. Vielleicht war das jetzt der richtige Moment um wieder religiös zu werden, einfach nur um zu Gott beten zu können, dass zumindest die Nacht unspektakulär und mit christlich angemessenem Körperkontakt verlaufen würde.
Er unterdrückte einen Fluch und lächelte gequält.
Und so lagen sie eine Stunde später nebeneinander in Roberts Bett auf dem Rücken und starrten die Decke an, auf der sich die Schemen des neugierig herein blinzelnden Mondes abzeichneten. Sie hatten gerade so genug Platz, um sich nicht nennenswert zu berühren, vorausgesetzt sie hielten die Arme recht dicht am Körper und atmeten nicht zu stark. Darauf konzentrierte sich Robert auch so ausgiebig, dass er in nächster Zeit wohl keinen Schlaf finden würde.
„Wegen deinem Neujahrsgruß. Mir ist eingefallen was nicht stimmt,“ sagte Olaf neben ihm in ein herzhaftes Gähnen hinein.
Ihre Schultern stießen kurz gegeneinander. Robert drehte höflichkeitshalber den Kopf zu Olaf, der ihn bereits beobachtete.
„Aha und was?“
„Du hast kein Wort zu den steigenden Mieten gesagt, oder den horrenden Lebensmittelpreisen, oder dem katastrophalen Lohngefälle. Meinst du nicht, dass das für die meisten im Alltag relevanter ist als Werbung für ein über 100 Milliarden schweres Sondervermögen für die Waffenindustrie?“
„Oh, stimmt. Mist, das hab ich komplett vergessen. Aber jetzt ist das Video schon durch.“
Olaf gähnte erneut, ohne sich zu bemühen eine Hand vor den Mund zu halten.
„Ach, das ist ja auch nicht so wichtig. Gute Nacht!“
Er drehte sich auf die Seite, weg von Robert.
„Schlaf gut!“ flüsterte Robert.
