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Category:
Fandom:
Relationships:
Characters:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Series:
Part 1 of Something old, something new
Stats:
Published:
2025-01-16
Words:
5,820
Chapters:
1/1
Comments:
12
Kudos:
49
Bookmarks:
5
Hits:
603

Something old, something new

Summary:

Julian kommt über Kai hinweg. Kai kommt nicht damit klar.

Notes:

Im November 2023 habe ich diese Fic angefangen, auf die Gefahr hin, dass das hier ein absolutes self-indulgend-niche-interest mit der exakten Publikumsanzahl von 1 (nämlich mir) ist. Entsprechend langsam war der Prozess dann auch, nachdem die ersten 4k an einem Abend geschrieben waren.

Zum Glück (für mich) hat die liebe Arcairien mir dann im letzten Jahr auch die perfekte Fic geliefert, die das Beenden meiner eigenen eigentlich überflüssig gemacht hat. Tut euch den Gefallen und lest Better safe than starry eyed wenn ihr’s noch nicht getan habt. Eine wirklich fantastische Fic, die mir exakt das gegeben hat, was ich wollte. <3

Im Zuge meiner Ausmist-Aktion hat meine Fic jetzt allerdings doch noch mal eine Chance bekommen und weil ich fest an die "Two Cakes"-Theorie glaube, wenn es um Fanfiction geht, präsentiere ich heute "Something old, something new".
Einmal mehr mit meiner persönlichen Schreib-Playlist, für die, die es interessiert.

Für die zeitliche Einordnung: Die Geschichte spielt im Februar/März 2024 und bis auf das verschobene Arsenal Spiel und das Löw Zitat sind alle Gemeinsamkeiten mit der Realität purer und amüsanter Zufall.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

"Na, schöner Mann." Mats legt Julian einen Arm um die Schultern. "Wohin des Weges?"

"Nach Hause?", fragt Julian und schaut ihn skeptisch an. Oder versucht es zumindest. Mats ist so nah, dass er fast schielen muss.

"Nimmst’ mich mit?"

"Auto kaputt?"

"Nö, nur zu Hause. Wurde heute Morgen hier abgesetzt."

Julian wackelt mit den Augenbrauen. "Heißes Date gehabt?"

"Nur mein Bruder. Auch wenn er dir sicher sagen würde, dass er der Heißere von uns beiden ist."

Julian grinst. "Damit hätte er vielleicht gar nicht so Unrecht."

"Ey, du treulose Tomate." Mats bohrt seine Finger in Julians Schulter, bis es schmerzt. "Du bist verpflichtet, mich hier zu unterstützen und anzuerkennen, dass ich offensichtlich der Schönere und Klügere bin. Jonas ist nur der Jüngere."

"Immerhin können wir uns sicher sein, wer der Vermögendere von euch beiden ist."

"Können wir das?" Mats legt den Kopf schief. "Jonas ist ziemlich business-savvy und ich hab ja vielleicht ein geheimes Laster, das ich mit mir rumschleppe, welches mich Ende jeden Monats ausschließlich in der Kantine essen lässt. An deiner Stelle würde ich also nicht drauf wetten."

Julian schnaubt. "Heimliche Leidenschaft für Fabergé-Eier oder was frisst deine Millionen?"

"Dann hätte ich immerhin einen guten Grund dafür, mir die Taxikosten zu sparen." Mats grinst. "Also, was ist: Nimmst du mich mit?"

 

 

Natürlich nimmt Julian ihn mit. Warum auch nicht? Der Umweg, den er dafür machen muss, ist marginal und Mats Gesellschaft hat er in den letzten Monaten sehr zu schätzen gelernt. Neben sportlichen Gründen ist auch das ein Faktor, dass ihm der Gedanke, dass Mats seinen Vertrag wahrscheinlich nicht verlängern wird, so gar nicht gefällt.

So ist es nicht verwunderlich, dass das Thema aufkommt, als sie schon nach wenigen Minuten in einen Stau geraten.

"USA reizt dich gar nicht?", fragt Julian und reckt seinen Nacken im Versuch, herauszufinden, warum sie eigentlich stehen.

"Ist alles nicht so einfach." Mats seufzt. "Nach dem Sommer kommt der Kleine in die Schule und ich weiß nicht, ob ich das könnte, so lange von ihm getrennt zu sein."

"Was will der Lütte denn?"

"Dass Papa weiter Fußball spielt natürlich." Wieder seufzt er. "Und natürlich auch möglichst da, wo er jede zweite Woche mit auf den Platz kann."

"Also zurück zu Bayern?" Julian lacht.

"Gott bewahre! Bei dem Chaos, das da gerade-"

Der Klingelton von Julians Handy unterbricht sowohl Mats als auch die Musik aus den Boxen. Er muss nicht einmal den Namen sehen, um zu wissen, wer es ist. Die einzige Person, die tatsächlich einen persönlichen Klingelton hat. Er hat es noch nicht übers Herz gebracht, ihn zu ändern.

Eilig lehnt er den Anruf ab. "Also nicht zurück nach München?", fragt er, um das Gespräch wieder aufzunehmen, bevor Mats auch nur darüber nachdenken kann, zu fragen. Das Auto wirkt auf einmal zu eng für sie beide und Julians Berg an Emotionen, der aus dem mühsam aufgebauten Nebel hervorkriecht.

"Nach München schon wieder irgendwann. Aber nicht mehr zum Kicken. Um mal Jogi Löw zu zitieren: ‘Die wollen mich nicht und ich will sie auch nicht’.'"

Julian lacht, aber es bleibt ihm im Hals stecken, als der Klingelton abermals das Auto füllt. Er fühlt sich atemlos; die Luft zu stickig, um sein Gehirn angemessen mit Sauerstoff zu versorgen.

"Du kannst ruhig rangehen", bietet Mats an.

Julian schüttelt den Kopf und lehnt den Anruf erneut ab. "Nee. Das bringt jetzt eh nichts."

"Alles gut bei euch?"

Julian reibt sich eine Hand über den Mund, bis seine Lippen kribbeln. Dann lacht er humorlos. "Um mal Mats Hummels zu zitieren: ‘Ist alles nicht so einfach’."

Die Autos vor ihnen bewegen sich noch immer keinen Zentimeter voran und trotzdem starrt er konzentriert auf das Nummernschild seines Vordermannes, als müsste er es sich während einer wilden Verfolgungsjagd einprägen.

"Habt ihr euch gezofft?" Mats wirkt so ernsthaft besorgt, dass Julian sich fragt, was er wohl für ein jämmerliches Bild abgeben muss.

Und wieder. Der Klingelton.

Julian lacht frustriert auf.

Mats sagt sanft: "Scheint wichtig zu sein."

Julian schnaubt. "Nur weil Kai beschließt, dass es wichtig ist, ist es das noch lange nicht."

"Ich kann auch kurz raus, wenn du Privatsphäre brauchst. Hier gehts im Moment eh nicht weiter."

"Quatsch", presst Julian heraus. Privatsphäre ist gerade das Letzte, was er in Bezug auf Kai möchte. Bevor er sich weiter rechtfertigen muss, nimmt er mit zusammengebissenen Zähnen den Anruf an und das unangenehme Ziehen in seiner Brust in Kauf.

"Na endlich! Jule, hi, ich-"

"Bevor du weiter sprichst", unterbricht Julian ihn. "Ich sitze mit Mats im Auto und du bist auf Lautsprecher." Seine Hände verkrampfen sich um das Lenkrad, als müsste er all seine Kraft darein stecken, ein stehendes Auto nicht von der Fahrbahn abkommen zu lassen.

"Mats Hummels?"

Julian rollt mit den Augen. Den Tonfall kennt er nur zu gut und heute hasst er ihn mehr als ohnehin schon. Kai hat kein Recht-

"Eben der", bestätigt Mats mit einem Seitenblick auf Julian, der viel zu viel zu sehen scheint. "Hi, Kai. Was glaubst du, wie viele Leute der Jule kennt, die Mats heißen und die in seinem Auto sitzen dürften?"

"Was weiß ich. Keine Ahnung, wen Jule jetzt wieder kennengelernt hat. Erzählen würde er mir das ganz sicher nicht. Oder Jule?"

Mats Augenbrauen schießen in die Höhe. Julian schießt das Blut in die Wangen.

"Alles klar, Kai." Er bemüht sich, seine Stimme möglichst neutral zu halten, doch seine weißen Fingerknöchel verraten ihn. "Wollen wir vielleicht wann anders telefonieren?"

"Ich finde jetzt schon ganz gut."

"Wenn du das jetzt hier ernsthaft möchtest …"

Die Stille, die folgt, wirkt fast, als hätte Kai sofort wieder vergessen, dass Mats seinen Ausbruch mitbekommt. "Wann bist du zu Hause?"

"Keine Ahnung. Kann ich mich einfach irgendwann heute Abend melden?" Er hat nicht vor, Kai zurückzurufen. Warum auch? Sie haben sich alles an den Kopf geworfen, was man sich an den Kopf werfen kann, ohne mit tödlichen Verletzungen zu enden. Die Wunden sind zu frisch für einen Neuanfang. Jedes falsche Wort ein Keim, der zu einer Infektion führen kann. In den letzten Monaten gab es kaum richtige Worte zwischen ihnen.

"Und wenn es wichtig ist? Lässt du mich dann auch darauf warten, dass du dich vielleicht irgendwann bei mir meldest?"

"Du kannst nicht beides haben", sagt Julian knapp, bevor auch er sich darauf besinnt, wo er ist. Oder besser: mit wem. Er presst Daumen und Zeigefinger an seinen Nasenrücken und atmet tief ein. "Ich leg jetzt auf."

Er legt nicht nur auf, er macht sein Handy ganz aus, damit er die Reaktion zumindest für eine Weile ignorieren kann. Nicht ignorieren kann er das Paar dunkler Augen, das sich in seine Seite bohrt und verflucht sich dafür. Selbst schuld! Er wusste es besser und hat es trotzdem getan. Gerade vor Mats. Der einzige seiner Kollegen, bei dem er genau weiß, dass die wenigen Puzzleteile ausreichen könnten, um ein Bild zu formen.

"Hab doch gesagt, dass es nichts bringt", sagt er, als die Stille ihn zu ersticken droht.

"Jule." So vorsichtig hat Mats noch nie geklungen, wenn er mit ihm gesprochen hat. "Was ist passiert?"

Julian verzieht den Mund. "Glaub mir: Das willste nicht wissen."

"Und was, wenn doch?"

"Ich mein’s ernst. Du willst das wirklich nicht wissen."

Mats legt ihm eine Hand auf die Schulter, warm und schwer. "Ich meine es auch ernst, Jule. Was auch immer zwischen euch passiert ist, beschäftigt dich offensichtlich. Und manchmal hilft es, mit jemandem über solche Sachen zu sprechen, hm?"

In Schrittgeschwindigkeit setzen sich die Autos vor ihnen wieder in Bewegung und Julian reiht sich in das Schneckenrennen ein, das kaum schneller ist als seine Entscheidungsfindung. Er kaut auf seiner Unterlippe herum und kann sich nicht entscheiden, ob es an der Zeit ist, jemandem von all der Scheiße zu erzählen. Daran, dass Mats die richtige Person dafür sein könnte, zweifelt er allerdings keine Sekunde. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er schließlich sagt: "Wenn du’s wirklich wissen willst, okay, aber dann musst du mir was versprechen."

"Hau raus."

"Du darfst das echt niemandem erzählen. Niemals."

Mats schnaubt. "Was? Glaubst du, ich nutze unser privates Gespräch nächste Woche im Podcast, oder was? Vertraust du mir so wenig, Jule?", fragt er spielerisch tadelnd, bevor sein Ton sich ändert. "Aber im Ernst: selbstverständlich. Im Dinge-für-mich-behalten bin ich immer noch Weltklasse."

"Ich würd’s ja nicht in Erwägung ziehen, wenn ich dir nicht vertrauen würde." Wieder kaut Julian auf seiner Unterlippe. "Aber … es ist kompliziert. Und wirr. Und würde ewig dauern, das alles zu erklären, weil da so viel scheiß History ist." Er atmet schwer aus. Alleine damit hat er schon so viel mehr preisgegeben, als er jemals vorhatte.

"Ich hab heute nichts mehr auf dem Zettel, eine Kiste Wein im Keller und wir haben morgen beide trainingsfrei. Kompliziert und wirr schreckt mich eh nicht ab – siehe all meine ehemaligen Beziehungen." Sie lachen gemeinsam, länger als der Kommentar lustig ist, aber Julian ist zu erleichtert darüber, dass Mats bewusst versucht, keine große Sache aus etwas zu machen, von dem sie beide wissen, dass es eine große Sache ist.

"Also Jule", sagt Mats, als sie sich wieder beruhigt haben. "Zu mir oder zu dir?"

 

 

Die Kiste Wein ist das entscheidende Argument, warum er sich auf Mats Sofa wiederfindet. Und Julian erzählt.

Vom schüchternen Beginn, der Phase der haltlosen Verliebtheit, dem ersten Wechsel, der ersten Trennung, dem Heiß und Kalt, und von vielen Trennungen mehr. Er erzählt von Kais Entschluss, es könne nicht funktionieren. Davon, wie Kai wenige Monate später vor Julians Tür stand und ihm im gleichen Atemzug von seiner neuen Freundin in London erzählte und ihn bat, ihn zurückzunehmen, weil er niemals jemanden so lieben würde, wie er Julian liebte. Er erzählt auch davon, wie er Kai ohne zu zögern zurückgenommen hatte, wie er keine Sekunde an Moral und Anstand verschwendet hatte. Er erzählt vom On-and-Off und Für und Wider und erst am Boden der zweiten Flasche Wein steigen ihm zum ersten Mal die Tränen in die Augen.

"Und dann hat er nicht mal den Anstand, mich vorzuwarnen." Julian schnieft und wischt sich über die Augen. Wenn keine Träne die Wange runterrollt, dann gilt das nicht als Heulen. "Stattdessen muss ich auf Social Media erfahren, dass sie sich verlobt haben. Durch ein scheiß Foto von den beiden auf dem scheiß Riesenrad in London. Und kein einziges scheiß Wort der Warnung für mich."

"Auf dem London Eye?" Mats lacht spöttisch. "Was ist das denn für eine billige Touri-Nummer?"

Gegen seinen Willen muss auch Julian lachen. "Schon, oder?

"Kai ist ein Arschloch", sagt Mats.

"Ich war auch kein Heiliger. Ich hab auch Dinge gesagt und getan, die nicht korrekt waren."

"Jetzt hör mal auf, ihn die ganze Zeit zu verteidigen."

"Ich sag ja nur-"

"Und jetzt sag ich dir mal was, Jule." Mats legt eine Hand an Julians Wange und wendet seinen Kopf, bis er nicht anders kann, als ihn anzusehen. "Du hast das nicht verdient, so behandelt zu werden. Nur weil du nicht zurückschlägst, ist das keine Erlaubnis, weiter auf dich einzudreschen. Du bist ein toller Mensch. Du verdienst was Besseres."

Julian lacht bitter auf und dreht sich aus Mats Griff. "Ganz ehrlich? Ich hab immer gedacht, wir verdienen uns irgendwie gegenseitig und all die Scheiße ist halt der Preis, den wir für die guten Momente zahlen müssen. Denn wenn es gut war, dann wars so verdammt gut. Da kam echt nie was ran."

"Ich kenne mich ja mit toxischen Beziehungen so ein bisschen aus." Mats macht eine ausladende Geste und Julian muss lachen, trotz allem. "Und das klingt nicht gesund mit euch beiden."

"Ich weiß nicht, ob man unter unseren Umständen wirklich eine Beziehung führen kann, die gesund ist." Er fährt sich durch die Haare. "Wahrscheinlich ist es besser so, wie es ist. Kai heiratet sein Instagram-Model und muss sich keine Sorgen mehr machen, dass alles morgen schon in Flammen aufgehen könnte. Vielleicht lernt er irgendwann, glücklich mit seinen Entscheidungen zu sein." Er schluckt und starrt in das Dunkelblau der Nacht hinaus. "Und vielleicht lerne ich irgendwann, ihm das auch wirklich zu gönnen."

"Du musst ihm das noch nicht mal gönnen. Reicht, wenn du indifferent ihm gegenüber bist."

"Das ist nur so verdammt schwer, wenn man alle paar Monate bei der Nationalmannschaft aufeinandertrifft." Julian verzieht spöttisch den Mund. "Auch wenn ich mir darum erst mal wohl keine Sorgen machen brauche."

"Selbst wenn: tu so, als wäre die offiziell Narrative wahr. Kai ist ein ehemaliger enger Freund, aber das Leben geht weiter und ihr habt euch aus den Augen verloren. Fake it till you make it."

"Und dann steht er vor mir und ich weiß nicht, wie ich Nein zu ihm sagen soll."

Jetzt legt Mats beide Hände an Julians Wangen um ihn eindringlich anzuschauen. "Jule. Du hast was Besseres verdient als jemanden, der dich alle paar Monate fallen lässt. Sei dir selbst mehr wert."

Tränen brennen heiß in Julians Augen und er will nicht anfangen zu heulen, also tut er das einzig andere, das sein Gehirn ihm anbietet – er lehnt sich vor und presst seine Lippen auf die von Mats.

Der Kuss dauert nur Sekunden, hat es kaum verdient, Kuss genannt zu werden. Trotzdem fährt Julian zurück, so weit Mats standhafter Griff es ihm erlaubt, und starrt Mats an. Panik flackert in seinem Magen und die Worte fallen aus seinem Mund: "Sorry, Mann. Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Ich bin nicht heimlich verliebt in dich oder so, ich hab-"

"Hey, Jule." Mats nimmt eine Hand von Julians Wange, nur um sie in seine Haare gleiten zu lassen. "Ist okay."

Julian schüttelt den Kopf. "Ist es nicht. Ich kann dich nicht einfach ohne deine Zustimmung küssen, schon gar nicht, nachdem ich dir hier die Ohren von meinem beschissenen Ex-Freund vollgeheult habe."

"Wenn es nur das ist." Mats lächelt milde. "Zustimmung erteilt. Du darfst mich küssen. So viel du willst. Jedenfalls hier und heute."

Julian starrt ihn mit offenem Mund an. "Warum?"

"Ganz ehrlich?" Mats nimmt endlich seine Hände aus Julians Gesicht. Anstatt aber Distanz zwischen sie zu bringen – was Julian wirklich nur zu gut verstanden hätte – rückt er näher an Julian heran und legt ihm einen Arm um die Schultern. "Weil ich seit Monaten niemand mehr geküsst habe, ganz zu schweigen von anderen Dingen. Und weil du ein attraktiver Mann bist."

"Du stehst doch gar nicht auf Männer."

Mats schmunzelt. "Ich stehe nicht nicht auf Männer. Ich habe nur eine extrem starke Präferenz für Frauen."

"Oh." Julian kann seine Verblüffung nicht verstecken. "Damit hatte ich nicht gerechnet."

"Und ich hatte nicht damit gerechnet, dass du und Kai tatsächlich ein Paar wart." Er hält inne und verzieht das Gesicht. "Sorry, ist wahrscheinlich zu früh für so was."

"Schon okay. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum …?"

"Ich glaube einfach, wir könnten das beide ganz gut gebrauchen. Ein bisschen Nähe, ein bisschen Spaß. Eine Weile auf andere Gedanken kommen." Mats Finger spielen mit einer Strähne in Julians Nacken, senden ein sanftes Kribbeln seine Wirbelsäule herab. "Wir müssen nicht, wenn du nicht magst."

"Doch. Schon. Aber …" Julian schluckt. "Ich will nur nicht schon wieder etwas Gutes mit Sex kaputtmachen. Ich hab dich echt verdammt gerne als Freund."

"Und ich dich. Aber ich werde mich trotzdem nicht in dich verlieben, Jule – und du dich nicht in mich. Ich werde unter der Dusche auch nicht mehr auf deinen Schwanz kucken als vorher, nur weil ich ihn angefasst habe."

Julian lacht auf. "Du gehst ganz schön ran."

"Wenn ich die Chance schon mal bekomme." Mats zwinkert. "Was sagst du, ein bisschen knutschen und dann mal sehen, wonach uns der Sinn steht?"

"Wenn du mir versprechen kannst, dass du mir morgen noch in die Augen kucken kannst?"

"Come on, Jule." Mats’ Grinsen ist so warm wie die Hand, die in Julians Nacken wandert. "Ich bin nicht Kai und du keine zwanzig mehr. Wenn es komisch wird, hören wir auf und sprechen drüber. Wie Erwachsene."

"Das kann man?", fragt Julian mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Klar kann man das." Mats lacht leise und zuckt mit den Schultern. "Es ist nicht immer alles Schwarz oder Weiß oder das große Drama. Manchmal ist Grau gar nicht so schlecht."

Julian zögert. Drama war so sehr Teil seines Alltags in den vergangenen Jahren, dass er sich eine Welt ohne nur schwer vorstellen kann, egal wie sehr er es möchte. "Das klingt alles so einfach, wenn du es sagst", versucht er Zeit zu schinden.

"Manchmal ist es das auch." Mats Stimme wird fester, seine Augen suchen Julians. "Ich mache dir keine Versprechen, die ich nicht halten kann. Aber ich verspreche dir, dass ich heute Abend für dich da bin."

Julian öffnet den Mund, um zu antworten, doch bevor er ein Wort herausbringt, beugt sich Mats vor und küsst ihn. Kein zögerlicher, unsicherer Kuss, sondern ein selbstbewusster, warmer, der jede Frage in Julians Kopf verstummen lässt.

*

"Hey Jule?", fragt Mats am nächsten Morgen am Frühstückstisch und grinst ihn über seine Kaffeetasse hinweg an.

"Hm?", fragt Julian. Er ist noch nicht ganz wach und Konversation am frühen Morgen war noch nie seins. Es ist schon verwunderlich, dass Mats ihn überhaupt zu dieser Uhrzeit aus dem Bett bekommen hat.

"Ich finde, wir können uns noch ganz hervorragend in die Augen kucken", sagt Mats. "Und von mir aus können wir das gerne wiederholen. Ich hatte eine echt gute Zeit mit dir."

"Geht mir genauso", sagt Julian ohne zu zögern. Und auch, wenn sein Herz heute in Mats’ Gegenwart nicht schneller klopft als gestern, es fühlt sich trotzdem ein bisschen wie ein neues Kapitel an.

Später am Tag blockiert er Kais Nummer. Er bildet sich ein, ein bisschen freier atmen zu können.

*

Die zweite Seite des Betts ist bereits kalt, als Julian aufwacht. Dafür klingt Mats’ Stimme, die schief, aber enthusiastisch einen Song mitsingt, aus dem Bad. Mit einem Grinsen blickt Julian an die Decke. Es ist schön, aufzuwachen und nicht alleine zu sein. Er hatte gar nicht gemerkt, wie sehr es ihm gefehlt hat, dass manchmal einfach jemand da ist. Und Mats war häufiger da als nicht seit jener verhängnisvollen Autofahrt und dem Abend, an dem Julian zum allerersten Mal über alles gesprochen hatte.

Bisher hatte Mats, so sehr Julian auch innerlich an seien Worten zweifelte, recht behalten. Egal wie sehr Julian, egal wie sehr sie beide die gemeinsame Zeit schätzen – das einzige Gefühl, das sich entwickelt hatte, war das einer tieferen Freundschaft. Und einer überraschenden, aber nicht unwillkommenen sexuellen Kompatibilität.

Doch als Mats jetzt nur im Handtuch aus dem Bad kommt, macht sein Herz keinen Sprung, wird sein Mund nicht trocken und seine Haut fühlt sich nicht wie magnetisiert an. Er sieht einen Freund, egal wie attraktiv der auch sein mag.

"Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein schöner Mann bist?" Julian setzt sich auf und grinst Mats an.

Er zieht die Augenbrauen hoch und sieht so empört aus, als wäre die Frage bereits eine Beleidigung. "Du alleine dürftest mehr als ein Dutzend davon mitbekommen haben."

"Da will man deinem Ego einmal etwas Gutes tun …"

"Dann stell keine Frage, sondern sag: Mats, du bist ein schöner Mann."

"Mats, du bist ein schöner Mann", sagt Julian und kann sich gerade noch beherrschen, Mats’ Tonfall nachzuahmen. Warum auch? Es ist ja nicht gelogen.

"Brav." Mats dreht sich um und mustert Julian gespielt eindringlich, bevor er sagt: "Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein schöner Mann bist?"

Julian wiegt den Kopf hin und her. "Süß oder so hab ich öfter gehört. Aber ist schon vorgekommen."

"Sollte es auch." Mats beugt sich herab und küsst Julian kurz, aber nachdrücklich auf den Scheitel. "Bist du nämlich."

Ein Gefühl der Wärme durchflutet Julian. Er ist Mats unendlich dankbar, dass er da ist. Dafür, dass Julian aufwacht, ohne komplett gerädert zu sein, nachdem die letzten Wochen sich wie ein einziger Albtraum angefühlt hatten. Und er ist dankbar dafür, dass er diese Seite von Mats kennenlernen durfte.

"Ich koch schon mal Kaffee, während du im Bad bist?"

Julian muss lachen. "Ist das ein subtiler Hinweis, dass ich meinen Arsch aus dem Bett bekommen soll?"

"Das darfst du für dich selbst interpretieren." Mats zwinkert ihm zu, bevor er im Flur verschwindet.

 

 

Julian streift sich gerade ein Sweatshirt über den Kopf, als er etwas hört, das unverkennbar nach einem Schlüssel im Schloss klingt. Wollte Jannis …?

Bevor er den Gedanken zu Ende denken kann, fällt die Tür ins Schloss und eine Stimme, die er unter Tausenden erkennen würde, ruft: "Jule?"

Julian erstarrt. Das kann nicht passieren. Kai kann gar nicht hier sein. Es ist unmöglich, dass-

"Was zur Hölle tust du hier?" Es ist tatsächlich Kai.

"Dasselbe könnte ich dich fragen", antwortet Mats so ruhig, Julian hätte es wahrscheinlich nicht verstehen können, wenn ihm nicht der Atem im Halse stecken geblieben wäre.

"Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig."

"Und ich dir nicht. Aber dem Jule, dem hättest du vielleicht Bescheid sagen sollen, bevor du hier einfach so reinplatzt."

"Warum bist du hier?" Der scharfe Ton in Kais Stimme, reißt Julian aus seiner Starre. Die Situation wird eskalieren, da ist er sich sicher. Und er wird nicht enttäuscht. Noch während er in Richtung der Treppe hastet, hört er Kai sagen: "Fickst du ihn, oder was?"

Julian wird eiskalt. Seine Finger krallen sich in den Handlauf der Treppe, jeder Muskel ist wie eingefroren. Er kann nicht fassen, was er Kai sagen hört.

Mats lacht. "None of your business, wie sie bei euch drüben sagen."

"Also fickst du ihn."

"Vielleicht fickt er mich ja."

Etwas zerschellt klirrend auf dem Fliesenboden.

"Hast du sie noch alle?", fragt Mats und erhebt jetzt doch die Stimme. "Kannst du dich mal wie ein Erwachsener benehmen, anstatt hier auszurasten, weil du dein Lieblingsspielzeug kaputtgemacht hast?"

Julian ist so schnell die Treppe runter, er wundert sich im Nachhinein, wie er es unbeschadet überstanden hat. Er kommt in den Raum geschlittert, in dem sich ein anderes Bild bietet, als er es erwartet hat. Kein Kai, wutschnaubend und mit mörderischem Blick. Kein Mats, der Mühe hat, sich zwischen zurückhalten und zuschlagen zu entscheiden.

Stattdessen steht Kai da zwischen Scherben, die Julian eindeutig als ehemalige Espressotasse identifizieren kann, die Hände vors Gesicht geschlagen, die Schultern bebend. Mats auf der anderen Seite der Küchentheke, der Julian irgendwo zwischen entschuldigend und trotzig ansieht und mit den Schultern zuckt.

Julian braucht einen Moment, bis er die Szene vor sich vollständig aufgenommen hat. Dann winkt Mats stumm zu sich heran. Vorsichtigen Schrittes – unklar, ob um Kai nicht aufzuschrecken oder mögliche Scherben zu vermeiden –, durchquert Mats die Küche, bis er vor ihm steht. Leise sagt Julian: "Sorry, wenn ich dich jetzt so unzeremoniell rausschmeiße, aber kannst du uns vielleicht alleine lassen?"

Mats zieht die Augenbrauen zusammen. "Bist du dir sicher?"

"Ich komm nicht drum rum, glaube ich."

"Ey Jule, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist”, flüstert Mats. “So wie der eben drauf war …"

"Kein Angst, der bellt nur." Julian verzieht den Mund. Es klingt wie eine jämmerliche Entschuldigung für Kais Verhalten, aber im Kern ist es wahr. Egal, wie sehr Kais Jähzorn hochkochen mag, er hat sich nie gegen Julian gerichtet. "Ernsthaft jetzt: Ich hab das im Griff. Nichts wird passieren."

Mats hebt bedeutungsschwer eine Augenbraue.

Julian seufzt. "Nee, das auch nicht. Aber ich glaube, Kai und ich müssen reden."

Mats mustert ihn noch einmal skeptisch, bevor er seufzt. “Okay, aber pass auf dich auf. Und ruf mich an, wenn er weg ist.”

Julian nickt und lässt sich von Mats zum Abschied auf die Wange küssen. Was zurückbleibt ist ohrenbetäubende Stille, die nur von Mats Schritten unterbrochen wird. Erst als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, dreht Kai sich zu Julian.

Julian muss schlucken. Manipulative Tränen sind nicht Kais Ding. Das hier ist echter als vieles in den letzten Monaten. Es kostet ihn alles, nicht auf Kai zuzugehen, ihn in den Arm zu nehmen und ihm zu versprechen, dass alles gut werden würde – auch wenn er längst weiß, dass es eine Lüge wäre. Nur einmal, sagt er sich, nur ein einziges Mal wird er nicht derselben destruktiven Verhaltensspirale folgen.

Seine Stimme klingt kälter als beabsichtigt, als er sagt: "Wasch dir das Gesicht und feg die Scherben zusammen. Du weißt, wo alles ist."

"Jule …"

"Ich bin draußen. Komm nach, wenn du fertig bist." Julian greift sich zwei Wolldecken und fügt noch hinzu: "Und bring mir ‘nen Kaffee mit. Zu deinem eigenen Besten."

 

 

Ihm bleibt genug Zeit, um seine Gedanken zu ordnen und sich zu fragen, ob Kai nicht doch einfach wieder verschwunden ist, bevor die Tür zur Dachterrasse sich öffnet. Kai wirkt verschämt, als er sich hindurchschiebt und sieht Julian kaum an, bis er vor ihm steht. Julian tauscht Decke gegen Tasse und bedeutet ihm, sich zu setzen.

Kai ist klug genug, um einen halben Kaffee lang zu warten, bevor er sich leise räuspert. Dumm genug, um anschließend nichts zu sagen.

Julian hat es satt, Kai alles, wirklich alles, was wirklich wichtig ist, aus der Nase zu ziehen. Es ist wider seiner Natur, das ständige Nachbohren. Kai weiß das genau und zwingt ihn trotzdem ein weiteres Mal dazu.

Julian seufzt schwer und reibt sich übers Kinn. "Was willst du hier, Kai?"

"Unser Spiel am Wochenende wurde verschoben und wir haben jetzt schon frei bekommen und-"

"Das hab ich nicht gefragt. Noch mal: Was willst du hier?", unterbricht Julian ihn.

"Dich sehen." Kais Stimme ist ganz klein. "Mit dir reden."

"Glaubst du, dass ich deine Nummer aus Versehen geblockt habe?"

"Natürlich nicht." Kais sackt weiter in sich zusammen. "Ich dachte nur, wenn ich persönlich mit dir sprechen kann, dann-"

"Dann knicke ich doch wieder ein und nehme dich zurück, hm?" Überrascht stellt Julian fest, dass es viel weniger schmerzt, es auszusprechen, als er dachte. Es ist wahr und er weiß, dass auch Kai das weiß.

Kais Schweigen spricht Bände.

"So läuft das nicht mehr, Kai", sagt Julian mit fester Stimme. Es verwundert ihn selbst, wie ruhig er ist, wie gut es ihm gelingt, Kai nicht an sich ranzulassen. "Mir tut das nicht gut."

"Schläfst du mit Mats?"

"Spielt das eine Rolle?"

"Also ja."

"Ja", Julian sagt ohne eine Regung.

"Habt ihr-" Kai bricht ab und beißt sich auf die Unterlippe. "Wie lange schon?"

"Noch mal: Spielt das eine Rolle?"

"Ja, verdammt." Fahrig wischt Kai sich über die Augen. Die Tränen in seiner Stimme sind trotzdem zu hören, als er fragt: "Habt ihr schon- Als wir noch …?"

Julian kann sich ein Augenrollen nicht verkneifen. "Nee, geht erst ein paar Wochen."

Kai macht ein Geräusch, als hätte man ihm körperlich wehgetan.

Und das macht Julian schlagartig wütend. "Ey Kai, du bist echt der Letzte, der bei dem Thema einen auf Moralapostel machen kann", zischt er.

Kais Kopfschütteln ist energisch. "Das ist was anderes."

"Ja, ist es. Das, was du machst, ist um einiges schlimmer. Ich habe meinem Ex-Freund nicht gesagt, dass ich mit einem anderen Mann schlafe. Du hast deine Partnerin jahrelang belogen und betrogen."

"So fühlt sich das aber nicht an!" schnappt Kai zurück.

Julian starrt ihn an. Ihm ist schmerzhaft bewusst, wie sehr Kai sich seine Moral selbst zurechtbiegt, aber das hier ist ein neuer Tiefpunkt, selbst für ihn. "Was zur Hölle willst du damit sagen?"

"Dass ich nie das Gefühl hatte, ich würde sie betrügen." Kai schluckt hörbar und weicht Julians Blick aus. "Immer nur dich."

Julian stößt geräuschvoll die Luft aus, die er eben noch angehalten hatte. Vor nicht allzu langer Zeit hätte die Romantik in Kais Worten sein Herz noch schneller schlagen lassen. Doch die rosarote Brille hat ihre Farbe verloren und er kann nur noch die schonungslose Realität sehen, die nicht nur Kai, sondern ihnen beiden schlecht zu Gesicht steht. "Wow. Das ist total abgefucked, realisierst du das eigentlich?"

Kai reibt sich die Augen und ein trauriger Ausdruck bleibt zurück. "Glaubst du, ich weiß nicht, wie kaputt das hier alles ist?"

Julian verschränkt die Arme vor der Brust. "Und trotzdem bist du hier."

"Jule, ich weiß ich hab Scheiße gebaut", sagt Kai, fast trotzig. "Aber ich kann dich nicht einfach so aufgeben. Wenn du mir noch eine Chance gibst- Ich mach’s besser, ich versprech’s."

Julian schnaubt. "Du bist hier, weil du dich selbst nicht erträgst, Kai. Nicht, weil du mich zurückwillst." Mit Mats zu sprechen hatte alles so viel klarer für Julian gemacht. Einmal verbalisiert konnte er es nicht mehr übersehen, wie viel sich um Kai und wie wenig um Julian drehte. "Sei doch wenigstens einmal ehrlich mit dir selbst wenn du’s sonst schon mit niemandem bist."

Kai stellt die Tasse ab und fährt sich mit beiden Händen durch die Haare, als könnte er sich selbst ordnen, seine Gedanken, seine Gefühle. "Ich bin ehrlich. Es geht um dich! Nur um dich!", sagt Kai, seine Stimme bricht fast. Er schaut Julian an, seine Augen suchen verzweifelt nach etwas, das Julian längst nicht mehr zu geben hat. "Deswegen bin ich hier. Ich will das alles wieder hinkriegen, Jule."

"Du machst es dir immer so einfach", murmelt Julian und steht auf. Die Kälte des Steinbodens kriecht durch seine Socken, aber er ignoriert es. Stattdessen verschränkt er die Arme vor der Brust und starrt auf die Dächer der Stadt. "Du kommst hierher, kotzt mir dein schlechtes Gewissen vor die Füße, und dann soll ich wieder entscheiden, ob ich noch mal denselben Fehler machen will."

"Das ist nicht fair."

"Fair?" Julian lacht trocken. "Fair wäre gewesen, mir nicht jedes Mal das Herz zu brechen, wenn du Angst vor deinen eigenen Entscheidungen bekommen hast."

Kai schüttelt den Kopf, als würde er versuchen, die Worte von sich abzuwerfen. "Und wenn ich mich ändere? Wenn ich dir zeige, dass ich es ernst meine?"

"Das Problem ist, dass ich dir das nicht mehr glauben kann."

Kai öffnet den Mund, doch keine Antwort kommt. Stattdessen senkt er den Blick, seine Hände zu Fäusten geballt.

Julian wendet die Augen ab. Trotz aller Wut und Enttäuschung – Kai so zu sehen tut weh. Von der Ruhe, die er zu Anfang der Unterhaltung noch gespürt hatte, ist längst nichts mehr übrig. Mitgenommen von einem Sturm, den nur Kai entfesseln kann. Es ist wie es immer: Kai ist wie eine Droge, die jede Emotion in Julian verstärkt. Gut wie schlecht. Die sein Über-Ich ausknockt und seinem Es die Bühne bereitet.

Er weiß, wie das endet. Es ist immer gleich, wie ein Déjà-vu. Die Worte, die Stille, sogar die Haltung, in der Kai dasitzt – alles erinnert Julian an unzählige andere Male. An die Nächte, in denen sie sich verletzt und gehalten haben. Doch diesmal fühlt es sich anders an. Vielleicht, weil er es endlich satt hat. Vielleicht, weil er sich nicht länger als bloßes Echo von Kais Unsicherheiten fühlen will. Julian hebt den Blick, zwingt sich, Kai direkt anzusehen. Kai bewegt sich nicht, sagt kein Wort. Das hat er schon immer getan – gewartet, dass Julian die Lücke füllt, dass Julian die Verantwortung übernimmt. Aber diesmal ist es anders. Diesmal lässt Julian die Stille stehen, schwer und unausweichlich.

Irgendwann sagt Kai leise: "Ich hab es echt versaut, hm?"

"Wir haben’s beide versaut", gibt Julian zu. "Du vielleicht ein bisschen mehr als ich."

"Glaubst du-" Kai schluckt. "Haben wir noch eine Chance, Jule? Hab ich noch eine?"

Julian reibt sich übers Gesicht. So sehr er es hasst, da ist noch immer ein Teil von ihm, der Ja sagen will. "Warum fragst du mich so was?"

"Ich muss es wissen."

"Wozu? Du heiratest." Kai öffnet den Mund zu einer Antwort, aber Julian unterbricht ihn. "Ich will das ganze Drama nicht mehr", sagt er leise, setzt sich wieder neben Kai. Er starrt auf den Horizont, bis sein Blick verschwimmt. "Weißt du, mit Anfang zwanzig war das noch ganz spannend. Da hat sich alles noch so groß angefühlt. Als würde man irgendeinen abgefuckten Preis dafür gewinnen, dass man die Finger nicht von jemandem lassen kann, egal wie der Kollateralschaden aussieht."

"Jule …"

"Ist doch so." Das einzige Gute daran, den Menschen gehen zu lassen, von dem man dachte, er wäre die Liebe des Lebens, ist, dass zerbrochenes Geschirr den Weg zurück erschwert. Jede Wahrheit macht einen Rückfall unwahrscheinlicher.

"Was, wenn ich das auch will? Kein Drama?"

"Uns beide", sagt Julian leise und legt ihm die Hand auf den Unterarm, als könnte er seine Worte damit bekräftigen, "uns kann es nicht ohne Drama geben. Nicht, solange wir beide noch spielen."

"Und danach?" Kais Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern.

Julian schüttelt den Kopf. "Du bist vierundzwanzig. Wenn’s gut läuft, dann spielst du noch zehn Jahre. Keiner von uns beiden sollte sein Leben so lange auf Eis legen." Er zieht die Decke enger um sich. "Wir tun uns nur weh."

Kai lacht leise, ein kurzes, bitteres Geräusch. "Vielleicht liegt’s an mir", sagt er, seine Stimme zittert. "Vielleicht hab ich einfach nie gelernt, wie man jemanden richtig liebt."

Julian sieht ihn an, lange und prüfend. Es ist das erste Mal, dass Kai so etwas sagt, ohne es zu verstecken oder zu rechtfertigen. Und obwohl es ihm leidtut, macht es nichts ungeschehen. Die Narben, die sie einander zugefügt haben, sind permanent.

Schließlich schüttelt er den Kopf. "Es hätte auch so niemals funktioniert. Wir haben uns in etwas verrannt, das uns beide kaputtmacht. Und wenn wir jetzt nicht die Notbremse ziehen, dann wird es uns komplett zerstören."

Kai nickt langsam, seine Finger umklammern die Tasse, als sei sie das Einzige, was ihn hier hält. Es ist nicht mehr nur seine Stimme, die zittert. "Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, Jule. Dich loszulassen. Du bist das Einzige, was sich jemals richtig angefühlt hat."

"Dir wird nichts anderes übrig bleiben", sagt Julian ruhig und zwingt sich selbst mit aller Macht, diesmal nicht einzuknicken.

"Ich liebe dich so sehr." Kais Stimme bricht und als er aufsieht, glitzern seine Augen feucht.

Julian schluckt und wendet den Blick ab. Er konnte Kais Schmerz schon immer viel weniger verkraften als seinen eigenen. "Vielleicht musst du akzeptieren, dass Liebe manchmal bedeutet, jemanden gehen zu lassen."

"Wenn du das wirklich kannst, dann bist du ein besserer Mensch, als ich es je sein werde", murmelt Kai.

"Darum gehts nicht", antwortet Julian leise. "Es geht darum, irgendwann mit sich selbst klarkommen zu können." Er lehnt sich zurück, nimmt einen Schluck von seinem Kaffee, obwohl er längst kalt ist. "Und ganz ehrlich: Ich will irgendwann in den Spiegel schauen können und mich nicht mehr fragen müssen, warum ich das alles mitgemacht habe."

Kai nickt, obwohl er aussieht, als hätte er noch tausend Dinge zu sagen. Doch er bleibt stumm. Stattdessen greift er nach seiner Jacke und steht auf.

"Ich geh dann mal", sagt er schließlich. Sein Blick sucht Julian, als wolle er etwas finden, das ihn aufhält. "Und wenn du irgendwann ... ich meine, falls du irgendwann ..."

"Kai", unterbricht Julian ihn sanft, aber bestimmt. "Lass es gut sein."

Kai zögert, dann nickt er. Ohne ein weiteres Wort dreht er sich um und geht.

Julian bleibt zurück, die leere Tasse in den Händen und lauscht, wie die Schritte verhallen. Als die Tür ins Schloss fällt, atmet er tief ein.

"Es ist vorbei", sagt er leise zu sich selbst, auch wenn ein Teil von ihm daran zweifelt, ob er es wirklich glaubt.

*

Eine Woche später sagt Kai die Hochzeit ab. Wieder erfährt Julian davon auf Social Media.

Er ruft Kai nicht an.

Aber irgendwann, das weiß er genau, wird er es tun.

 

Notes:

Lasst mir gerne einen Kommentar da, wie es euch gefallen hat. :) Bei dieser Fic würde es mich mehr denn je interessieren.

Edit: Zwei Tage später und ich hab bereits 2k Wörter einer Fortsetzung geschrieben. Ich bin so ein monoshippender Happy-ever-after-Idiot, ich ertrage selbst meine eigenen offenen Enden nicht. Falls es von eurer Seite aus Interesse an einem Happy End für Kai und Jule geben sollte, lasst es mich wissen. Sonst dauert das vielleicht auch wieder zwei Jahre von Anfang bis Veröffentlichung.

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