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Gefühle wie

Summary:

Es ist Valentinstag und jedes der fünf Mädchen verbringt ihn auf ihre ganz eigene Weise.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Chapter 1: Seifenblasen

Summary:

Zuerst mit Wilma und ihren Kampf für das perfekte Date.

Chapter Text

Then: Wilma hatte immer nur Verständnislosigkeit gegenüber innigen Liebesschwüren, ineinander verschränkten Fingern und Küssen gespürt, die sich für sie niemals nach klopfenden Herzen, flatternden Schmetterlingen oder nach einer Ewigkeit nur zu zweit anfühlten. Sie waren nur falsch und klebrig, während man sie danach immer erwartungsvoll anstarrte. Obwohl sie nie wusste, was sie sagen, tun oder fühlen sollte. Was man von ihr erwartete. Vielleicht hatte ihre Mutter ja doch recht gehabt und es war besser alleine zu bleiben. Wer brauchte schon Liebe, wenn man Freundinnen hatte?

Now:  Wilma wusste selbst nicht mehr, wo ihr der Kopf stand.

Auf ihrem Schreibtisch herrschte das reinste Chaos von wahllos geöffneten Büchern, die alle aufgeschlagen halb übereinander lagen, zerknüllten Zetteln und Unmengen an Papier mit Listen und Zeichnungen darauf.

Sie konnte nur froh sein, dass ihre Mutter den Abend mit ihrem Vater ausgegangen war, denn sie hätte nicht gewusst, wie sie dieses Durcheinander schnell genug beseitigen oder auch nur erklären sollte. Sie wusste nicht einmal mehr, wo unter ihren Stiften und dem ganzen Papier ihre Schulbücher und Hefte waren, die sie noch am Nachmittag mit ihren halbfertigen Hausaufgaben gefüllt hatte.

Stöhnend vergrub Wilma ihren Kopf in ihren Händen und raufte sich kurz die Haare, die ihr bereits wild vom Kopf abstanden.

Sie war verzweifelt. Und sie wusste nicht, wer ihr noch helfen konnte. Sie wollte doch einfach nur ein schönes Date planen. Für ihre feste Freundin. Zum Valentinstag.

Wieder stöhnte Wilma bei diesen Gedanken gequält auf und zog einmal kräftig an ihren Haaren, bis ihr Tränen in den Augen standen, aber leider gab ihr das auch keine neuen Ideen.

Warum fiel ihr diese einfache Aufgabe  nur so unglaublich schwer?

Vielleicht lag es daran, dass es der erste Valentinstag sein würde, den sie mit jemandem teilen würde. Wo sie nicht alleine sein würde, umringt von glücklichen Paaren, während sie sich immer wieder fragte, was mit ihr nicht stimmte.

Und es würde hoffentlich auch nicht der letzte, fügte Wilma schnell hinzu, wobei sie bei diesen Gedanken selber verlegen grinsen musste.

Vielleicht lag es auch daran, dass sie vorher nie wirklich auf den Tag der Verliebten geachtet hatte. Sie hatte nie geglaubt, dass sie den Tag überhaupt feiern wollen würde und nun hatte sie den Salat. Sie hatte eine feste Freundin. Eine Freundin, die so hübsch und nett und klug und einfach atemberaubend war, sodass Wilma ihr den besten Tag voller Schokolade, Blumen und Herzen geben wollte, den es jemals gab.

Aber wie sollte Wilma, die selber nie eine verzierte Karte bekommen und deren erste Freundin sie verlassen und seitdem ihre Beziehung lautstark verleugnet hatte, wissen, was man am besten zu zweit machen sollte?

In ihrer Verzweiflung hatte sie sich von ihrem Taschengeld fünf verschiedene Teenie-Zeitschriften gekauft, die damit geworben hatten, das perfekte Date zum Valentinstag vorzustellen. Aber natürlich sprachen sie davon, wie junge Mädchen von ihren Freunden ausgeführt wurden und nicht, wie man ein Date mit einem Mädchen hat, ohne das Umstehende merken, dass man zusammen ist.

Danach hatte sie es im Internet versucht, hatte Foren durchforstet und seitenlange Blogeinträge gelesen, bis ihr die Augen schmerzten. Aber auch hier wurde nie von einem unauffälligen Date gesprochen.

Trotzdem hatte Wilma alle Ideen gesammelt, Diagramme gezeichnet und sogar einen Stadtplan mit verschiedenen Orten markiert, die sie besuchen konnten und diese mit Notizen bespickt.

Sie könnten zusammen ins Kino gehen, da es dort dunkel war und sie niemand sehen oder beobachten konnte. Aber sie wollte nicht schweigend neben ihrer Freundin sitzen und für zwei Stunden ihre Hand halten. Außerdem waren sie erst vor zwei Wochen gemeinsam ins Kino gegangen.

Essen gehen fiel leider auch weg, da sie da jeder sehen konnte und wie erklärte man den Leuten, dass man mit einer guten Freundin Essen geht und sie dabei küsst und ihre Hand hält?

So wurde auch diese Idee gestrichen, was Wilmas Geldbeutel erleichtert aufatmen ließ.

Ins Museum gehen? Leider nicht sehr romantisch, obwohl ihre Freundin Geschichte über alles liebte und wahrscheinlich Stunden damit verbringen konnte. Aber sie wollten bereits nächsten Monat gemeinsam dort hingehen, wenn die neue Ausstellung aufgebaut wurde. So fiel auch diese Idee flach.

Eine Fahrradtour? Leider war es dafür zu kalt und so konnte Wilma auch die Idee für ein Picknick von ihrer Liste streichen.

Eislaufen? Romantisch, aber auch dort waren viel zu viele Menschen, die sie beobachten konnten.

Eine Idee nach der anderen musste Wilma von ihrer immer kleiner werdenden Liste streichen, bis sie bereits so verzweifelt gewesen war, dass sie sich überwunden und die anderen Wilden Hühner nach einer Idee gefragt hatte. Leider mit nur mäßigem Erfolg.

Sprotte hatte sie mit einem einfachen Nein und einem Schulterzucken abgewimmelt, als sie nicht lockerließ. Frieda hatte gleich mehrere Ideen gehabt, aber als Wilma jede von diesen verneinte, hatte sie ebenfalls nur ratlos mit den Schultern gezuckt. Trude hatte ganze Listen mit Ideen für Dates hervorgeholt, auf die sie gerne gehen würde und Wilma hatte sich ernsthaft gefragt, ob Trude wohl vorhatte, diese Listen an ihren zukünftigen Freund zu übergeben. Ein kleiner Leitfaden für ihre Beziehung sozusagen. Wilma hatte die Listen überflogen, aber leider keine neuen Ideen von ihnen bekommen. Blieb nur noch Melli übrig.

Bei einem ihrer üblichen Filmabende fragte Wilma sie schließlich nach langem Zögern und Stottern und erntete nur einen verständnislosen Blick von ihr, nachdem sie den Film seufzend pausiert hatte.

“Wie kannst du keine Ideen haben?”

Melanie hatte missbilligend mit der Zunge geschnalzt, bevor sie kichernd hinzugefügt hatte, dass Trudes Listen wohl mehr als genug Anregungen gehabt haben müssen. Und so hatte Wilma ihr das Dilemma erklären müssen, in dem sie nun steckte. Leider war Melanies Antwort wenig hilfreich gewesen.

“Ich weiß gar nicht, was du hast. Warum solltet ihr nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden wollen? In unserer Schule weiß doch auch jeder, dass du und Matilda zusammen seid.”

Sie hatte den Film wieder gestartet, fügte aber mit einem Seitenblick zu Wilma noch hinzu: “Und da hat es sie bisher auch nicht gestört, dass man euch zusammen sah.”

Beherzt hatte sie in die Chipstüte gegriffen, wieder völlig vom Film gebannt, während Wilma leise neben ihr verzweifelte. Wie konnte es sein, dass sie niemand verstand oder auch nur helfen konnte?

Natürlich wussten die meisten aus ihrer Klassenstufe, dass Wilma und Matilda zusammen waren, aber das hieß nicht, dass Wilma nicht manchmal noch auf dem Flur beleidigt wurde oder sich ein Zettel mit Beschimpfungen in ihrem Spind wiederfand. Es kam nur noch selten vor und sie konnte auch schon beinahe wieder mit ihren Freundinnen darüber lachen, aber Wilma wollte nicht, dass ihre gemeinsame Zeit mit Matilda von so etwas ruiniert wurde.

Leonie hatte immer darauf bestanden, dass sie sich kaum miteinander zeigten, nur wenig miteinander sprachen, sich nie direkt ansahen. Fast so als wären sie zwei völlig Fremde, die sich zufällig begegneten.

Sie hatten sich nur heimlich bei Leonie Zuhause oder am Wohnwagen der Wilden Hühner getroffen oder hatten sich in den dunklen Ecken des Theaters in ihrer Schule für heimliche Küsse versteckt.

Und auch wenn Matilda es nicht von ihr verlangte, so versuchte Wilma doch noch Abstand zu ihr zu halten. Ihre Beziehung war noch so frisch, so neu und zerbrechlich, und Wilma wollte nicht, dass sie genauso katastrophal implodierte wie die mit Leonie.

Sie wusste nicht, ob Melli das noch einmal mit ihr durchstehen könnte.

Somit lag es allein an ihr, ein perfektes Date zu planen, wo sie ungestört Zeit miteinander verbringen konnten und sie Matilda zeigen konnte, wie gern sie sie hatte, während es sonst niemand mitbekam.

Langsam löste Wilma den schmerzhaften Griff um ihre Haare und öffnete die Augen. Schnell wühlte sie zwischen den bereits beschriebenen Blättern nach einem noch unbenutzten und einem Stift und fing an, einen neuen, diesmal perfekten Plan für ihr Valentinstag-Date zu entwerfen. Sie bemerkte dabei gar nicht, wie sich ihre Lippen zu einem manischen Lächeln verzogen, wie wild ihre Haare von ihrem Kopf abstanden und wie sie immer mehr wie eine verrückte Wissenschaftlerin im Licht ihrer Schreibtischlampe aussah. 

~O~

Als der Tag endlich gekommen war, ließ es sich Wilma nicht nehmen und zog zum Erstaunen ihrer Mutter eine hellrosa Bluse zu ihrer dunklen Jeans an. Ein roter Haarreifen mit weißen Punkten thronte auf ihrem Kopf wie eine Krone und ein leichter Duft von süßem Parfüm umgab sie, als sie ihr Frühstück aß und ihr Pausenbrot achtlos in ihre Tasche packte.

Stolz blickte sie aus getuschten Wimpern zu ihrer Mutter hinauf, als diese sie für ihr erwachsenes Outfit lobte, bevor sie sich wieder ihrem Mann zuwandte und ihm die Zeitung aus der Hand nahm, in der er einen Moment zuvor noch gelesen hatte. Wilma ignorierte, wie ihr Vater halblaut protestierte, während sie aufstand und mit ihrem Rucksack auf dem Rücken sich von ihren Eltern verabschiedete.

Schnell warf sie sich ihre Jacke über und schwang sich auf ihr Fahrrad. Sie konnte es gar nicht erwarten, endlich in der Schule zu sein und so bemerkte sie kaum den kalten Wind auf ihrem Gesicht, der ihre Wangen rot färbte und ihre Finger steif werden ließ. Sie hatte nur ein Ziel vor Augen und dieses erwartete sie bestimmt bereits.

Als sie endlich bei der Schule angekommen und ihr Fahrrad angeschlossen hatte, sah sie sich suchend auf dem Schulhof um. Sie wusste nicht, ob sie Matilda ihre selbstgemachte Karte sofort oder lieber in der Pause überreichen sollte. Oder vielleicht doch lieber nach der Schule, wenn nicht mehr ganz so viele andere Schüler um sie herum waren und es sehen konnten?

Sie grübelte noch darüber nach, als sich plötzlich zwei Arme von hinten um ihren Hals schlangen. Automatisch wandte sie sich um und legte ihre Arme um den warmen Körper, der sich plötzlich an sie schmiegte.

Mit etwas Verspätung spürte sie, wie sich zwei Lippen auf ihre Wange drückten und sie musste bei dem schmatzenden Geräusch lachen, als sie sich von ihr lösten. Wilma drehte leicht den Kopf und sah in Matildas große leuchtende Augen, die sie mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht anstrahlten.

“Hallo.”, trällerte Matilda fröhlich und gab Wilma auch auf die zweite Wange einen Kuss, bevor sie sich sanft aus ihrer Umarmung löste. Wilma brachte nur ein atemloses “Hallo” heraus, während Matilda etwas aus ihrer Jackentasche zog und ihr stolz entgegen hielt.

“Alles Gute zum Valentinstag.”

In ihrer Hand hielt sie eine selbstgemachte Karte mit einem großen, glitzernden rosa Herz drauf, das von kleineren Herzen und Blumen umgeben war.

“Oh.”, machte Wilma nur und nahm die Karte mit zitternden Fingern entgegen. Sie war völlig überrumpelt und so murmelte sie nur ein zerstreutes Danke, während sie weiter gebannt auf die Karte in ihrer Hand starrte. Ihre erste Valentinskarte, die sie bekam. Und sie war wunderschön.

Matilda lächelte sie nur freudig an, fast so als erwartete sie keine weitere Reaktion von Wilma, bevor sie sich leicht zur Seite wandte und einer Freundin zuwinkte, die sie von weitem grüßte.

Wilma war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie gar nicht merkte, wie Trude und Melanie neben ihnen auftauchten und sie begrüßten, bevor sie gemeinsam in die Schule gingen.

Erst als sich Matilda von ihr verabschiedete und sie ihre ineinander verschränkten Finger mit einem Kuss und einem Lächeln löste, fiel Wilma ihre eigene Karte ein, die schwer in ihrem Rucksack lag und sie zu Boden zu ziehen schien.

Aber bevor Wilma was sagen oder sie aufhalten konnte, hatte sich Matilda schon mit einer Umarmung von ihr verabschiedet und war über den Flur zu ihrer ersten Stunde gelaufen.

Die nächsten Unterrichtsstunden saß Wilma an ihrem Schultisch und starrte gedankenverloren an die Tafel, ohne auch nur ein Wort von ihren Lehrern mitzukriegen. Sie wusste nur, dass ihr Plan bisher nicht so lief, wie sie es sich ausgemalt hatte. Auch wenn sie Matilda in der ersten großen Pause ihre eigene Karte überreichte und diese sie mit einem glücklichen Lächeln entgegennahm, ohne auf die Mitschüler zu achten, die ebenfalls auf dem Schulhof standen. Matilda legte sie vorsichtig zwischen die Seiten eines ihrer Bücher, bevor sie wieder ihre Hand ergriff und ihr von der neuen Freundin ihres Vaters erzählte.

Sie verabredeten sich nach der Schule und Wilma nutzte den Rest des Schultages dafür, ihren Plan noch einmal zu überfliegen und sich erneut diesen bis ins letzte Detail einzuprägen.

Als sie sich schließlich von ihren Freundinnen verabschiedete, war sie sich sicher, dass sie nichts mehr aus der Ruhe bringen könnte, als Matilda plötzlich neben ihr erschien und ohne Zögern nach ihrer Hand griff. Wilma lächelte sie an, bevor sie ihr Fahrrad fester mit einer Hand umfasste und neben sich her schob. Matilda war von ihrer Mutter zur Schule gefahren worden und so schwang sie unbekümmert ihre verschränkten Hände zwischen sich, während sie mit ihrer freien Hand an einem Apfel knabberte. Wilma beobachtete sie für einige Augenblicke dabei, bevor sie sich prüfend umsah, aber niemand schien wirklich Notiz von den beiden Mädchen zu nehmen.

Trotzdem wollte Wilma sie so schnell wie möglich in eine etwas privatere Umgebung bringen, als Matilda plötzlich anfing zu sprechen.

“Wie wäre es, wenn wir zum Eislaufen gehen? Ich hab gestern einen Aushang gesehen, dass an der Eisbahn ein besonderes Event zum Valentinstag stattfinden soll und ich dachte, wir könnten ja da gemeinsam hingehen.”

Sie warf den Rest ihrer Apfels in einen Mülleimer, bevor sie sich erwartungsvoll zu Wilma umwandte, die sie unsicher ansah.

“Da soll Musik gespielt werden und man kann da was warmes essen und trinken und man bekommt sogar Rabatt, wenn man zu zweit da hingeht. Was denkst du? Klingt doch toll, oder?”

Wilma öffnete den Mund, um zuzustimmen, denn auch sie hatte den Aushang gesehen und sofort an Matilda gedacht. Aber dann fiel ihr wieder ein, dass sie dort eine große Menschenmenge erwarten könnte und sie zögerte. Aber Matilda schien keinerlei Bedenken zu haben, dass sie gesehen wurden und Wilmas Plan war nicht an eine feste Zeit gebunden und so stimmte sie schließlich mit einem unsicheren Lächeln zu.

Der Weg zur Eishalle war nicht weit und trotz des rosaroten Banners über dem Eingang, das auf das Event zum Valentinstag verwies, war die Schlange vor dem Schalter nicht sehr lang. Wilma bezahlte für sie beide, trotz Matildas Einwänden und lieh für sie beide Schlittschuhe aus, während Matilda ihre Sachen in einem Schließfach einschloss.

Nachdem sie sich die Schlittschuhe angezogen hatten, stöckelten beide Mädchen kichernd zum Eingang der Eisbahn, hinter der bereits viele Paare ihre Runden drehten. Spots waren an und warfen bunte Lichtpunkte auf die Eisbahn, während ein Liebeslied nach dem anderen aus den Lautsprechern dröhnte und jedes Gespräch beim Laufen zunichte machte.

Matilda war zuerst auf dem Eis und lief einige Male vor und zurück, während Wilma sich an der Band festkrallte und versuchte, ihr Gleichgewicht auf dem rutschigen Eis wiederzufinden. Elegant kam Matilda neben ihr zum stehen und hielt ihr ihre Hand entgegen, während sie leicht im Rhythmus der Musik hin und her wippte.

“Wollen wir?”

Kurz flog Wilmas Blick zu Matildas ausgestreckter Hand, bevor sie sich unauffällig umsah. Um sie herum waren beinahe nur Paare, die Hand in Hand über das Eis glitten und nichts weiter um sich herum wahrzunehmen schienen als ihr Gegenüber. Sie waren sicher.

Wilmas Blick wanderte wieder zu Matilda, die sie immer noch lächelnd ansah und so nahm Wilma ihre ausgestreckte Hand und ließ sich von ihrer Freundin weiter auf die Bahn ziehen, wo ihnen bereits die ersten Läufer entgegenkamen. Ängstlich schloss sie ihre Finger fester um Matildas Hand, während sie sich mit ihrer freien Hand in ihren Arm krallte. Aber ihre Freundin beschwerte sich nicht, sondern lachte nur leicht, während sie Wilma neben sich herzog.

In der ersten Runde versuchte Wilma nichts weiter, als ihr Gleichgewicht zu halten, während sie in der zweiten und dritten Runde bereits langsam ihre Hand von Matildas Arm löste und vorsichtige Schritte auf dem glatten Eis tat, um mit ihrer Freundin Schritt halten zu können. Nach der fünften Runde lockerte sich auch ihr verkrampfter Griff um Matildas Hand und sie sah grinsend zur Seite, wo Matilda sie stolz anblickte.

Wilma vergaß für einen Moment vollkommen die anderen Leute um sie herum, die sie immer wieder überholten und manchmal sogar leicht anrempelten, während ihr Blick auf ihrer Freundin ruhte.

Wie ihre Augen im Schein der Scheinwerfer leuchteten und wie einzelne Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, im Fahrtwind wehten. Wie rot ihre Wangen von der Kälte waren. Wie warm sich ihre Hand in Wilmas anfühlte und wie sie leise bei den Liedern mit sang, die sie kannte. Wie sie rückwärts vor Wilma fuhr, sie ihre beiden Hände festhielt und sie hinter sich herzog, während sie weiter im Takt der Musik hin und her schwankte. Wie sie atemlos lachend gegen die Bande fuhren und sich aneinander lehnten, um nicht hinzufallen, während sie japsend nach Luft schnappten. Wie sie sich im Licht der Scheinwerfer ganz kurz küssten, bevor sie wieder losfuhren und sich unter die anderen Läufer mischten. Fast so, als wäre das alles völlig normal.

Es war perfekt und Wilma wäre am liebsten den ganzen Tag auf dem Eis geblieben, würden sich ihr Gesicht und ihre Ohren nicht wie Eiszapfen anfühlen und wäre ihr Hintern vom Hinfallen nicht voller blauer Flecken gewesen, die das Sitzen am nächsten Tag in der Schule nicht erleichtern würden.

Und während sich Wilma die Schlittschuhe von den schmerzenden Füßen zog, verschwand Matilda in der Menge und kam mit zwei Pappbechern voll mit heißen Kakaos und einer Tüte Mutzen zurück, die sie Wilma einladend entgegen hielt.

“Weil du so tapfer warst.”, meinte sie grinsend und schnappte sich schnell ihre beiden Schlittschuhe, während Wilma ihr die Zunge rausstreckte.

Bevor sie aber nach Matilda greifen und sie durchkitzeln konnte, war diese schon zwischen den anderen Menschen verschwunden, um ihre beiden Schlittschuhe zurückzugeben und ihre Sachen zu holen. Und so griff Wilma beherzt in die Tüte voll warmer Mutzen, von denen sie sich gleich drei auf einmal in den Mund steckte, bevor sie diese mit dem Kakao hinunterspülte. Sofort breitete sich wohlige Wärme von ihrem Bauch aus und sie seufzte zufrieden auf.

Sie wollte gerade aufstehen, als Matilda wieder neben ihr erschien und ihr ihren Rucksack entgegen hielt. Wilma nahm diesen dankend entgegen und übergab Matilda dafür ihren Kakao, bevor sie sich Händchenhaltend Richtung Ausgang bewegten. Sie mussten sich durch die Menschenmenge drängen, bevor sie die stickige Halle verlassen und wieder in der Kälte des Nachmittags hinaustraten.

Schnell holte Wilma ihr Fahrrad und stieg auf dieses auf, während sie Matilda bedeutete, dass sie sich auf den Gepäckträger hinter ihr setzen sollte. Mit einem Sprung saß Matilda hinter Wilma, sodass ihre Beine auf einer Seite über dem Boden schwebten, während sie einen Arm um ihre Hüfte schlang und in der anderen Hand weiter die Tüte mit ihrem Essen hielt.

“Halte dich gut fest.”, meinte Wilma nur mit einem verwegenen Grinsen nach hinten, bevor sie, so schnell sie konnte, in die Pedale trat. Sie hörte Matildas freudiges Jauchzen in ihrem Rücken und lachte ebenfalls, während sie die Straße entlangfuhren. Waghalsig fuhr sie um die Kurven und wich Autos und Fußgängern aus, um so schnell wie möglich an ihr Ziel zu kommen.

Erst als sie auf den holprigen Waldweg einfuhren, wurde Wilma etwas langsamer, da sie einen Sturz nicht riskieren wollte. Sie hörte Matilda leise hinter sich summen, eines der vielen Liebeslieder, die auf der Eislaufbahn gespielt wurden, und sie grinste breit.

Ihr Plan für diesen Tag war zwar anders gewesen, aber irgendwie ist es noch viel schöner geworden, als sie gedacht hatte.

Vorsichtig hielt sie neben dem quietschenden Tor an und wartete, bis Matilda wieder sicher auf beiden Beinen stand, bevor sie ihr Fahrrad gegen die Hecke lehnte, in der es beinahe vollständig verschwand. Mit einer kurzen Verbeugung öffnete sie das Tor und ließ ihre Freundin vorgehen, die leise kicherte.

Seite an Seite gingen sie auf den Wohnwagen zu, dessen Fenster bereits einladend in der Dunkelheit leuchteten. So wie sie es geplant hatte.

Schwungvoll öffnete sie die Wohnwagentür und ließ Matilda zuerst eintreten, die erstaunt in der Tür stehenblieb. Mit großen Augen betrachtete sie die brennenden Kerzen, die überall im Raum verteilt waren, auch wenn die meisten davon nur batteriebetrieben waren. Über dem Tisch lag eine rote Decke und zwei Teller sowie Besteck und ein kleiner Blumenstrauß thronte darauf.

Alles war genau so, wie Wilma es sich ausgemalt hatte und sie musste sich wirklich nochmal bei ihren Freundinnen für ihre Hilfe bedanken. Wären sie nicht nach der Schule noch losgefahren und hätten alles eingerichtet, dann hätte Wilma es nie alleine geschafft. Und dieser Augenblick, wo Matilda sie aus großen Augen anstrahlten und umarmte, war all die schlaflosen Nächte wert gewesen, in denen sie nach dem Plan für ihr perfektes Date gesucht hatte.

Sie mussten nicht alleine sein, mussten sich nicht mehr verstecken, denn Matilda wollte mit ihr gesehen werden. Sie wollte mit ihr zusammen sein, denn sie mochte Wilma, auch wenn diese es selber kaumm glauben konnte.

Aber es war trotzdem schön, als sie sich schließlich an den Tisch setzten und das von Sprotte gekochte Essen verputzten. Nur sie beide ganz allein im Licht der Kerzen und mit einem breiten Lächeln auf den Gesichtern.