Chapter Text
„Einen Latte Macchiato mit Hafermilch, bitte."
Fips hob kaum merklich eine Braue, als er den Becher unter die Maschine schob.
Okay. Zeke konnte es schon mal nicht sein.
Zeke hätte trotz seiner Laktoseintoleranz demonstrativ normale Milch bestellt, einfach nur, um anschließend fünf Stunden zu klagen, wie schlecht ihm jetzt sei. (Wobei er das, was Fips anging echt verdiente. Mal ehrlich, so blöd kann doch niemand sein....)
Fips schielte über den Rand der Kaffeemaschine, den Gast im Blick. Die Hände in den Taschen, der Blick auf die Kuchen-Auslage gerichtet.
Vielleicht Rhun? Aber Rhun trank seinen Kaffee schwarz. Ohne alles. Und außerdem würde er die Kuchentheke niemals so genau unter die Lupe nehmen „So ein Süßkram ist schlecht für die Zähne", hatte er mehr als einmal gesagt, mit dieser Stimme, die keine Widerrede zuließ. Und diesem Blick. Ja, dieser Blick, bei dem es einem die Zehennägel aufrollte. Fips hatte jedes Mal das Bedürfnis, demonstrativ in einen Muffin zu beißen. Am besten mit extra Zuckerguss.
Er schäumte die Hafermilch auf, während er überlegte. Die Konsistenz war gut. Cremig. Sanftes Gluckern unter der Dampfdüse, wie beruhigendes Meeresrauschen – wenn man sich das einbilden wollte.
Also Klaus oder Eos...
Aber Klaus bestellte nur selten Kaffee, selbst im Hochsommer bestand der Mann auf seine heiße Schokolade mit Marshmallows.
Und wehe, es waren nicht genau drei Stück drauf. Zwei waren respektlos, vier eine Beleidigung. Fips hatte das einmal getestet. Nie wieder.
Also blieb nur noch—
„Sag mal, hast du immer noch diesen veganen Brownie?", kam die Stimme.
Fips brauchte nicht mal aufzuschauen.
„Eos."
„Ich hab ein Date. Ich muss was Gutes im Magen haben."
„Ein Hafer-Latte und ein Brownie? Klar. Super Grundlage."
Eos grinste.
Er stellte den fertigen Latte Macchiato auf die Theke, schob ihn in Richtung seines Bruders.
„Na dann viel Glück."
Tatsächlich meinte er das ernst, Eos hatte echt endlich sein Glück verdient. Und die Mädels auch. So ein Fuckboy der Junge, das war echt kaum auszuhalten.
Fips sah ihm kurz nach. Dann griff er nach dem nächsten Becher, den er beschriften musste. „Was darf's sein?" fragte er, den Stift in der Hand.
Eine neue Stimme antwortete: „Nehme einen Becher und knall da sechs Espressos rein. Ich bin seit sechsunddreißig Stunden wach."
Fips seufzte.
Konnte nur Zeke sein
Er drehte den Becher in der Hand, schrieb Zombie drauf und stellte ihn unter die Maschine.
„Was ist es diesmal?
Zeke ließ sich schwer auf den Tresen sinken, rieb sich mit einer Hand über die Augen und ließ ein Geräusch hören, das irgendwo zwischen Seufzen und verzweifeltem Lachen lag.
„Sand. Explosion. Feuerwehr."
Fips stoppte mitten in der Bewegung, der Stift in seiner Hand schwebte über dem nächsten Becher.
„Ich will es gar nicht wissen, oder?"
„Wahrscheinlich nicht."
Die Espressomaschine gurgelte, während Fips langsam nickte. „Du hast die Augenringe eines Vampirs und die Energie eines hyperaktiven Eichhörnchens auf Koffeinentzug. Bist du sicher, dass sechs Espressos dich nicht einfach umbringen?"
Zeke winkte ab. „Pff. Ich bin härter im Nehmen, als ich aussehe."
„Du siehst aus, als wärst du gerade gestorben und als Geist wieder aufgetaucht, um mir hier auf die Eier zu gehen. Oder..." Fips riss gespielt die Augen auf „bist du von einem Dämon besessen? Aber brauchst du da nicht eher einen Exorzisten, anstatt meinen Kaffee? Also versteh mich nicht falsch, ich fühle mich echt geschmeichelt, aber—"
„Dann servier mir den verdammten Exorzismus in einem To-go-Becher, bitte."
Fips stellte ihm wortlos das Gebräu hin. Es roch nach purer Verzweiflung und leicht angebranntem Ehrgeiz. Zeke nahm einen Schluck, verzog das Gesicht und seufzte zufrieden.
„Perfekt."
„Aber du weißt, dass du auch nach oben in meine Wohnung kannst?"
Zeke blinzelte träge zu ihm hoch, als würde er erst jetzt realisieren, dass es so etwas wie eine Rettung aus seiner Situation gab. „Du meinst, ich könnte mich da aufs Sofa werfen und zehn Minuten totstellen?"
„Oder sechs Stunden. Oder bis du wieder wie ein Mensch aussiehst." Fips verschränkte die Arme und musterte ihn abschätzig. Alphina Weiß wirkte dunkel gegen ihn.
Zeke nippte erneut an seinem Kaffee—eine fragwürdige Entscheidung, denn der war in seiner Verfassung wahrscheinlich lebensgefährlich. Aber was wusste Fips schon? Er war auch nur Barista.
Zeke ließ sich ein langgezogenes „Hmmmm" entweichen, während er seine Espressobombe in kleinen, vorsichtigen Schlucken trank. „Weißt du was? Ich nehm das Angebot an. Dein Sofa ist jetzt meins."
Fips zuckte die Schultern. „Solange du mir nicht drauf stirbst."
Zeke zeigte ihm einen müden Daumen hoch und schleppte sich nach oben. Fips bezweifelte zwar, das Zeke mit dieser Dosis Koffein intus schlafen können würde... auf der anderen Seite war es Zeke wenn es einen Menschen gäbe, der das könnte, wäre er es, dann konzentrierte er sich wieder auf seinen nächsten Kunden.
„Was darf's sein?"
„Ein Americano bitte."
Boah, wie Fips das Zeug hasste
Er biss sich auf die Zunge, sagte aber nichts. Der Kunde konnte schließlich nichts dafür, dass Americano einfach eine traurige Entschuldigung für einen anständigen Kaffee war.
Trotzdem, er war Profi. Also füllte er den Becher mit heißem Wasser auf und ließ den Espresso hineinlaufen, während er mit halbem Ohr auf die Geräusche aus dem Obergeschoss lauschte. Kein dumpfes Poltern, keine panischen Schreie – Zeke lebte also noch. Zumindest vorerst.
„Hier, dein Americano." Fips stellte den Becher auf die Theke und sah, wie der Kunde das Getränk nahm, daran nippte und zufrieden nickte.
Er schüttelte leicht den Kopf. Es gab Dinge, die würde er nie verstehen.
☕️
Als der Tag zu Ende war, fand er Zeke quer auf dem Sofa liegend vor, eine halbleere Espressotasse balancierend auf seinem Bauch, während er leise vor sich hin schnarchte.
Fips verschränkte die Arme. „Sechs Espressos und du schläfst wie ein Stein? Ich hasse dich ein bisschen, weißt du das?"
Zeke murmelte etwas Unverständliches und drehte sich auf die Seite, die Tasse kippte bedrohlich. Fips fing sie im letzten Moment auf.
„Wenn du mir hier oben eine Sauerei machst, verbanne ich dich aus meinem Café."
Keine Reaktion. Nur tiefer Atem.
Fips seufzte, stellte die Tasse auf den Tisch und zog die Decke über Zeke, der unbeeindruckt weiterschlief. Dann ließ er sich selbst in den Sessel fallen, zog die Beine an und dachte nach.
Er lebte sein Traum, vor vier Jahren hätte er das niemals gedacht. Er hatte in seinem tiefsten Loch gesteckt und jetzt? Jetzt hatte er das hier.
Ein eigenes Café. Ein Zuhause, das nach frisch gemahlenem Kaffee und Zimtschnecken roch.
Fuck, ja er liebte sein Leben.
☕️
Es war ein ganz normaler Sonntagmorgen. Halb sieben. Die Sonne schob sich gerade über den Horizont und erhellte den Himmel. Ein Farbverlauf aus warmem Gelb-Orange, der nahtlos in ein kühles Blau überging. Schön. Friedlich. Vollkommen egal.
Fips lag auf dem Bauch, sein Gesicht halb im Kissen vergraben, und atmete ruhig durch die Nase. Sonntage waren sein Tag. Ausschlafen, in die Kirche, danach etwas Frühstücken, am besten was Warmes, und den Rest des Tages machen, was er wollte. Das war der Plan. Das war immer der Plan.
Bis jetzt.
Ein Klopfen. Leise, aber bestimmt. Kurz und knapp. Drei Mal. Fips blinzelte nicht mal. Er hoffte, wenn er sich nicht bewegte, würde es verschwinden.
Tat es nicht.
Ein zweites Klopfen, diesmal eindringlicher.
Fips knurrte in sein Kissen. Leise, aber gefährlich.
Jeder, wirklich jeder, der ihn kannte, wusste, dass man an einem Sonntagmorgen besser nicht versuchte, Fips zu wecken. Es sei denn, man hatte eine verdammt gute Erklärung. Und selbst dann war es riskant. Selbst Zeke wusste das. Zeke hatte es gelernt. Auf die harte Tour.
Fips atmete einmal scharf durch die Nase, bevor er sich schließlich aus dem Bett schälte. Zeke lag noch immer da, hatte sich die Decke bis über die Ohren gezogen, als würde er sich vor dem Licht der Welt verstecken.
Barfuß und mit schlechter Laune schlich Fips zur Tür.
Ein drittes Klopfen. Kürzer diesmal. Ungeduldig.
Gut, dachte Fips, dann können wir das ja schnell klären.
Er riss die Tür einen Spalt auf. Seine Augen schmal, der Blick kalt.
„Was?"
Draußen stand Eos.
Fips blinzelte. Das war... unerwartet.
Eos sah aus wie immer. Dieselben Klamotten, dieselbe selbstbewusste Haltung, der übliche Gesichtsausdruck.
Nein.
Nicht ganz.
In seinen Augen... da war was. Etwas, das da nicht hingehörte. Irgendwas stimmte nicht.
Fips runzelte die Stirn, sein Zorn sank in den Hintergrund, wurde dafür von etwas anderem ersetzt. Misstrauen. Vielleicht auch Sorge.
Er öffnete die Tür ein Stück weiter.
„Eos? Was machst du denn hier?"
Es dauerte einen Moment, bis Eos antwortete. Seine Stimme war leise, viel leiser, als Fips sie kannte.
„Fips... ich bin so schrecklich verliebt."
Okay... Das hatte er nicht erwartet.
☕️
„Also, sie heißt Iris, ist 24 Jahre alt und ‚ein so unglaublich toller Mensch'?"
„Ja!" Eos nickte heftig, als hätte Fips' nüchterne Zusammenfassung ihn nur noch mehr bestärkt. „Sie studiert Kunstgeschichte, malt in ihrer Freizeit... also richtig gut, nicht so hobby-mäßig! ...und hat diesen Blick, weißt du?"
Fips lehnte sich gegen den Türrahmen. Er war müde. Viel zu müde, aber das sein Bruder sich so Hals über Kopf verliebte war etwas neues. „Den Blick?"
„Diesen... Blick, Fips!" Eos hob die Hände, als könnte er damit eine Anekdote in die Luft zeichnen, die alles erklärte. „So, als würde sie dich durchschauen. Aber nicht auf die Rhun-Art, bei der du sofort Beichte ablegen willst, sondern mehr so... sanft und... und"
„Und? Und was?"
Fips drehte seinen Kopf. Zeke.
Keine Ahnung, wie der Typ das geschafft hatte, aber er saß unbemerkt da, hatte sich Tee gemacht und lauschte dem Gespräch.
Er sah aus, als wäre er nie weg gewesen – als hätte er nicht gerade noch schnarchend auf Fips' Sofa gelegen, sondern hätte den ganzen Morgen nur auf diesen Gossip gewartet. Seine Augen glänzten, als hätte ihm jemand den ultimativen Klatsch direkt intravenös verabreicht, und in seinen Händen balancierte er die Tasse, als wäre sie eine Kristallkugel, in der er die Zukunft von Eos' Liebesleben lesen könnte. (Dem Jungen geht es echt nicht gut, aber das wisst ihr nicht von Fips)
„Und was?" hakte er noch einmal nach, mit einer derart unverschämten Neugier, dass Fips sich fragte, ob er ihm den Tee nicht besser entwenden und über die Hose kippen sollte. Es wäre verdient.
Eos stutzte kurz, dann schien er Zekes plötzliche Präsenz einfach hinzunehmen. Er ließ sich auf Fips' Küchentisch fallen, als hätte er da schon immer gesessen, zog ein Bein an und stützte das Kinn auf sein Knie.
„Und... wenn sie dich ansieht, dann fühlt es sich an, als würde sie dich wirklich sehen, weißt du?" Er zuckte die Schultern, leicht verlegen. „Nicht nur das, was du so tust oder was du sagst. Sondern alles."
Fips stieß einen leisen Laut aus, irgendwo zwischen Seufzen und einem unterdrückten Grinsen. „Du bist verloren."
Zeke nickte zustimmend. „Komplett geliefert."
„Ich bin nicht—" Eos hob beschwichtigend die Hände, doch das Funkeln in seinen Augen sagte alles. „Na gut. Vielleicht ein bisschen."
„Das ist nicht ein bisschen." Zeke war jetzt offiziell Wach, die Müdigkeit wie weggeblasen. „Das ist... das ist hardcore. Hast du schon Pläne? Also... hast du dir was überlegt? Dates? Antrag? Hochzeit? Kinder?" Seine Augenbrauen wackelten, weil Zeke eben Zeke war und keinen Filter besaß. „Oder bist du noch im Kennenlern-Modus?"
Eos warf ihm einen halb belustigten, halb warnenden Blick zu. „Gestern hatten wir unser erstes Date."
Zeke riss die Augen auf „Ei ei ei unser Fuckboy ist verlieeehiebt"
