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Schwul mit Ü

Summary:

Als Leo sich ein paar Minuten später zu ihm gesellte, hatte Adam sich bereits gute zehn Mal auf die eine und dann wieder die andere Seite gewälzt, in der schwindenden Hoffnung, eine bequeme Position zu finden.
"Uff", machte auch Leo, der zu ihm ins Zelt krabbelte.
Adam stöhnte auf. "Kannst du laut sagen."
"Kühlt sich bestimmt in der Nacht ab", erwiderte Leo und zog seinen Schlafsack zurecht. Wie zufällig schob er dabei seine Isomatte ein Stück näher an Adams.
Was normalerweise eine brodelnde Wärme in seinem Körper ausgelöst hätte, fühlte sich jetzt mehr nach panischer Hitze an. Die er so gar nicht gebrauchen konnte bei diesem Wetter.

 

-

Adam und Leo gehen zelten. Und nachts wird es ganz schön heiß...

Notes:

Long story short, mir ist auf einem Zeltplatz mal was Unerfreuliches passiert, deswegen müssen die boys da jetzt auch durch.
Aber hauptsächlich gibt es ganz viel fluff und ein bisschen tension.
Ursprünglich war es als Fortsetzung zu "Die Wanderung der Erkenntnis" gedacht, aber es hat jetzt doch recht wenig damit zu tun und kann unabhängig davon gelesen werden.
Viel Freude beim Lesen, über Kommentare freu ich mich immer <3

Work Text:

 

 

 

Zuerst kam eine freundliche Erinnerung von der Personalabteilung.

Dann eine nicht mehr ganz so freundliche.

Als weder Leo noch Adam der Aufforderung nachkamen, weil sie schon wieder zu tief in einem Fall mit Verstrickungen nach Frankreich steckten, wurden sie schließlich gezwungen.

Pia und Esther übernahmen den abschließenden Papierkram, während die Jungs für die nächsten zwei Wochen aus dem Büro verbannt wurden. Sowohl die Resturlaubstage aus dem letzten Jahr als auch der Haufen an Überstunden, die sich angesammelt hatten, sollten endlich abgesetzt werden.

Was Adam jetzt vor ein Problem stellte.

So spontan waren die Preise für irgendwelche Reisen wirklich unverschämt, und Leo hatte ohnehin keine Vorstellung, wo er hinwollte. Es gab jede Menge Orte, die Adam ihm gerne mal gezeigt hätte, aber in letzter Zeit hatten sie schlechte Erinnerungen an seine fünfzehn Jahre so schön vermieden und das durfte bitte so bleiben. Also hatte er etwas vorgeschlagen, das keine Schuldgefühle weckte und noch dazu preislich absolut vertretbar war.

Leo hatte schulterzuckend zugestimmt, wohl einfach aus Mangel an Alternativen. Gemeinsam hatten sie das Zelt aus seinem Keller geholt, Schlafsäcke und Isomatten ins Auto geladen und waren losgefahren.

Der erste Campingplatz, den sie erreichten, war gottlos überfüllt, sodass sie seufzend wieder einstiegen und noch ein Stück weiter fuhren. Das Navi schickte sie über Landstraßen voller Schlaglöcher, denen Leo vorsichtig auszuweichen versuchte, während Adam neben ihm in konstantes Fluchen verfallen war.

Über einige Umwege und Sackgassen kamen sie schlussendlich zu einem kleinen Zeltplatz mit zugehörigem See, der nahe am Wald gelegen war. Zwar hatten sie mittlerweile die französische Grenze passiert und es konnte immer noch keiner von ihnen mehr als Crossiant, Baguette, ça va, aber Adam sah mal darüber hinweg. Zur Not mussten sie halt die Baumann anrufen. Auch wenn er diese Schmach gerne Leo überließ und sich derweil um das Gepäck kümmerte.

Sie konnten einen hübschen Platz direkt am See ergattern, in der Nähe von einem kleinen Pavillon mit Grillschale. Dort hatte sich zwar bereits eine Familie mit Marshmellows zum Rösten niedergelassen, aber vielleicht durften sie ja auch mal ran, wenn einer von ihnen ganz nett fragte. Also Leo. Adam hielt sich da lieber zurück, immerhin waren sie zur Erholung hier und nicht, um auf Französisch angemeckert zu werden.

Leo fuhr das Auto bis ganz nah ran und holte das Zelt aus dem Kofferraum, das momentan eher einem zusammengeknautschten Haufen mit herausragenden Stöcken ähnelte.

"Hast du ne Ahnung davon?", fragte Leo. "Ich hab das lange nicht gemacht."

Adam streng genommen auch nicht, aber er traute sich das schon noch zu. Immerhin hatte er mal Wochen in seinem Einmannzelt verbracht und das Ding fast täglich ab- und wieder zusammengebaut.

"Ich kenn mich da aus, lass mich mal", meinte er schulterzuckend.

Leo hatte derweil ein gefaltetes Papier aus der Hülle gezogen. "Ach nee, warte, hier gibt's eine Anleitung. Moment..."

"Leo, wirklich, ich kann das. Mach einfach, was ich sage."

"Hier ist doch alles beschrieben, kein Problem."

Er verschränkte die Arme. "Wow. Kein bisschen Vertrauen in meine Fähigkeiten."

Leo hob eine genervte Braue. "Ach?"

"Ja. Das ist ganz einfach." Adam nahm ihm den Beutel mit Zeltinhalt aus der Hand und schüttete alles auf der Wiese aus. "Da, guck mal, gar nicht so viele Teile."

Er sah den Beutel mit Stäben, einen weiteren mit Heringen und den unförmigen Haufen Stoff. Okay. Was davon kam jetzt zuerst? Wahrscheinlich der Stoff, so weit glaubte er sich zu erinnern.

"Hilf mir mal, wir müssen das ausbreiten."

Er schüttelte das ganze Ding auseinander, fand einen Zipfel zum festhalten. 

"Wo sind hier die Ecken?", fragte Leo von der anderen Seite.

"Warte, ich glaub das ist die Unterseite, lass mal umdrehen... nein, andere Seite. Mensch."

Leo hob wieder belustigt die Brauen, folgte aber seinen Anweisungen. Noch.

Adam durfte sein Vertrauen jetzt nicht verspielen.

Immerhin hatten sie das Teil jetzt richtig rum und hielten jeder zwei Ecken.

"Gut, wo soll's hin?"

"Hier direkt an den See?", schlug Leo vor.

"Hm, da können doch Wellen kommen."

"Wellen? Wir sind doch nicht am Meer, das geht schon." Leo blickte sich um. "Aber gut, wenn du willst, dann eben weiter hinten."

"Nicht hier! Da liegen zu viele Zapfen, die will ich nicht unterm Rücken haben."

"Ja, die sind halt überall, dann musst du die einzeln aufsammeln."

Adam zerrte an seinen Ecken. "Einfach bisschen nach hier, da sieht der Boden gut aus. Ja?"

Leo seufzte. "Von mir aus. Aber ich will nachher keine Beschwerden hören."

"Pff", machte Adam, während sie das Zelt auf den Boden legten. Natürlich mussten sie es nochmal drehen, damit der Eingang zum See zeigte. War schon geil, morgens aufzustehen und direkt am Wasser zu sein.

"Gut, jetzt die Stäbe."

Adam reichte einen Packen der lose verbundenen Teile an Leo weiter und kümmerte sich um den zweiten. Einfach aneinanderstecken, kein Problem.

"Und jetzt?", fragte Leo mit dem meterlangen Stab in der Hand.

Adam blickte hinab auf das Zelt, das zwar einigermaßen quadratisch in Form lag, aber immer noch aus verwirrend zusammengewurschtelten Stofflagen bestand. "Jetzt müssen die hier irgendwo rein. Da gibt's solche Schlaufen. Irgendwo am Rand."

Planlos hob Leo ein Stück des Zeltes an. "Seh ich nicht."

Mit gerunzelter Stirn kam Adam herum und hockte sich neben ihn. "Die müssten doch..."

"Soll ich in der Anleitung schauen?"

"Nee, nee, hab's gleich." Konzentriert beugte er sich noch weiter herunter und fuhr mit den Fingern am Stoff entlang. Moment, bei einem quadratischen Zelt müssten die doch in den Ecken sein, oder? Adam hatte bisher nur so ein Tunnelzelt gehabt, was nochmal eine andere Nummer war. Irgendwie würden sie das schon hinkriegen.

"Ah! Hier!"

Mit triumphierender Miene zeigte er Leo die Stelle, wo man die Stäbe einfädelte. Leo beobachtete ihn schon die ganze Zeit, fiel ihm plötzlich auf. Sicher nur, weil er sich so unglaublich kompetent anstellte und Leo sich ein Beispiel nehmen wollte?

Das feine Lächeln auf den Lippen seines Partners lenkte seine Gedanken in andere Richtungen.

"Was?", sagte er herausfordernd.

Leo zuckte die Schultern. "Ich schau dir nur gern zu."

Misstrauisch kniff Adam die Augen zusammen, aber Leo hatte schon angefangen, ein Ende des Stabs in das Loch zu fädeln.

"Warte mal!", fiel ihm ein. "Ist das überhaupt der Richtige? Sind die gleich lang?"

"Glaube", sagte Leo und schob den Stab seelenruhig weiter. Rasch ging Adam zur anderen Seite und half nach, bevor das Ding noch steckenblieb. Den anderen Stab bekamen sie dann auch noch hin, und schließlich geschah das Unglaubliche: Das Zelt stand.

"Kennst dich ja doch aus", sagte Leo zufrieden und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Adam gab sich Mühe, grummelig auszusehen. "Was heißt hier doch?"

Aber Leo hatte sich schon nach dem letzten übrigen Beutelchen gebückt. "Und die hier?"

Adams Reaktion kam ein wenig verzögert, weil ihm eventuell gerade auffiel, wie sich Leos Muskeln unter dem weißen T-Shirt anspannten. Und wie geschmeidig er sich aufrichtete, von dem Funkeln in seinen Augen ganz zu schweigen, und überhaupt. Leo. Sein Leo. Hier. An diesem See, mitten im Nirgendwo über der Grenze. Zusammen mit ihm. 

Das war eine ganz schöne Realisation.

"Hm?", fragte Leo nach.

Oh. Fuck. Adam hoffte, dass er gerade nichts gesagt hatte. "Die... die Heringe müssen noch durch die Schlaufen und in die Erde."

Leo blickte verwirrt drein. "Heringe?"

"Na diese Dinger." Adam gestikulierte zum Beutel, bis Leo ihn auskippte. "Zum Festmachen. Damit's nicht wegfliegt."

"Ach so, die Zeltnägel meinst du."

"Na wie auch immer. Die müssen in die Erde."

Die Erde, wie sich herausstellte, war ziemlich trocken. Und fest.

Als er mit den Händen nicht mehr weiter kam, trat Adam mit einem Fuß gegen den Hering. Der sank aber nicht etwa tiefer in den Boden, sondern kippte ganz zur Seite und war wieder komplett raus.

Und sein Fuß tat weh.

Fluchend grummelte er vor sich hin, bis Leo zu ihm kam, der schon zwei von den Metalldingern im Erdboden versenkt hatte.

"Alles gut?"

"Scheiß Boden", murmelte Adam. "Geht nicht."

Leo klopfte ihm tröstend auf die Schulter, beugte sich dann herunter und steckte den Hering neu in die Erde. Bis zum Anschlag. Mit bloßen Händen. Wo zur Hölle nahm der diese Kraft her?

"Okay. Krass." Er starrte vielleicht ein bisschen. Aber nur ganz unauffällig. Dann räusperte er sich. "Machst du die restlichen auch? Ich pack schon mal aus."

Ganz bestimmt nicht, weil er dabei eine Ausrede hatte, Leo zuzusehen. Nein, das hatte rein praktische Gründe.

Eine Viertelstunde später waren dann auch die Schlafsäcke ausgerollt und die Isomatten aufgeblasen, und Leo sah ganz zerzaust und ein bisschen atemlos aus. Ein Anblick, den Adam stets genoss. Auch wenn er diesmal nur Leos Ehrgeiz geschuldet war, weil er seine Matte unbedingt schneller aufblasen wollte.

"Weißt du", sagte Leo zwischen zwei langen Atemzügen und strahlte ihn an, "Ich glaub, Zelten war ne gute Idee."

 

Nachdem sie den Rest des Tages mit einem Spaziergang um den See verbracht hatten, holte Leo am Kiosk in der Nähe ein Bier für sich und eine Limo für Adam. Die Sonne brannte immer noch so heiß, dass sie ihre Füße kurzerhand ins Wasser baumeln ließen. 

"War ne gute Idee", sagte Leo nochmal, und dann seufzte er so zufrieden, dass Adam ganz warm wurde.

Also, noch wärmer als ohnehin schon.

Er hätte jetzt gern seinen Kopf an Leos Schulter gelehnt, aber sie waren beide so durchgeschwitzt, dass er lieber ein paar Zentimeter Sicherheitsabstand hielt. Er mochte ja den Sommer, wirklich. Aber bei dreißig Grad war dann auch langsam Schluss. Sie hatten sich noch nicht mal richtig angestrengt, und trotzdem klebte ihm das T-Shirt am Rücken. Leos war beinahe durchsichtig geworden.

"Hey." Ein leichtes Zupfen an seinem Ohr riss ihn aus den Gedanken.

"Sonnencreme?"

Adam brummte nur vage zurück. Da hatte er jetzt keine Lust drauf. "Lohnt sich doch eh nicht, für die eine Stunde oder so."

"Adam." Leo hatte wieder den strengen Teamleiter-Tonfall drauf. "Du weißt doch selber, wie schnell das geht."

Ja, er hatte ja auch gut reden. Leo wurde nur braun in der Sonne, und falls er sich mal nicht vorbildlich eincremte, fiel das kaum auf. Einmal hatte Adam nichtsahnend seine Hand in Leos Nacken gelegt und sich viel zu sehr erschreckt, als Leo vor Schmerz zurückzuckte. Seine Haut glühte eben doch aus einem anderen Grund, als Adam angenommen hatte.

"Dann ab in den Schatten", bestimmte Leo und sprang auf die Füße. Adam seufzte theatralisch, ließ sich hoch ziehen und folgte ihm zu den Bäumen, die Schuhe in der Hand.

Im Wald machten sie noch eine Entdeckung, die Leo begeistert grinsen und Adam die Augen verdrehen ließ. Irgendjemand hatte sich gedacht, es wäre eine gute Idee, hier einen Trainingsplatz mit Fitness-Geräten hinzustellen. Stangen für Klimmzüge, so ein Tret-Dings und irgendwas zum Laufen, Adam hatte keine Ahnung, wie die alle hießen. Das Metall sah schon reichlich angerostet aus - ein ausreichender Vorwand, die Geräte zu ignorieren und sich stattdessen dem Sandkasten und der Schaukel zu widmen, die man daneben errichtet hatte. Für alle, die nicht so verrückt waren wie Leo.

Der stürzte sich bereits auf die Dinger, und das mit einem Elan, der Adam unbegreiflich war. Gut, immerhin spendete der Wald hier Schatten - Bäume waren schon geil, beschloss Adam - aber so spät abends galt sein Interesse eher der Schaukel, die seine Kraftreserven nicht noch weiter erschöpfte. 

Dass die nur für Kinder war, übersah er geflissentlich. Er passte noch drauf, also war das egal. Und sagte die Baumann nicht immer, er würde sich wie ein Teenager benehmen?

Zwar musste er die Beine ausstrecken, weil die Höhe dann doch nicht auf ihn abgemessen war, aber dann konnte er sich abstoßen und schaukelte friedlich hin und her. War doch ganz schön hier, musste er zugeben.

Und er hatte perfekte Sicht auf Leo, der sich mit Eifer von einem Gerät zum nächsten durchprobierte. Adam wollte ihm gerade raten, es nicht zu übertreiben, als Leo sich an die Stange hängte und anfing, Klimmzüge zu machen. 

Ja gut. Da hielt Adam lieber den Mund und genoss die Aussicht. Er versuchte und scheiterte, sich auf irgendwas anderes zu konzentrieren als Leos Arme, und das halb durchsichtige Shirt half auch nicht gerade, seine Gedanken wieder auf Kurs zu bringen. Egal, sagte er sich. Ausnahmsweise waren sie nicht im Büro, da durfte er das.

Und so, wie Leo grinste, war ihm das nicht unbemerkt geblieben. Jetzt war da nur noch ein Gerät, an dem er sich noch nicht ausgetobt hatte. Dieses Ding fürs Lauftraining, dessen Sinn sich Adam einfach nicht erschloss.

"Du kannst doch einfach richtig joggen gehen", rief er herüber, immer noch seelenruhig schaukelnd.

"Hab ich auch vor", kam es zurück, leicht außer Atem. Adam wurde ganz wuschig im Kopf, doch Leos nächsten Worte rissen ihn schlagartig zurück. "Morgen früh. Um den See." Er sprang von dem seltsamen Teil, dehnte nochmal die Oberschenkel und zwinkerte. "Kommst du mit?"

Mit einem langen, unwilligen Laut stieß Adam sich von der Schaukel ab und kam zu ihm herüber. "Boah, Leo. Wir haben Urlaub. Du hast doch nen Knall."

"Eben", grinste Leo und schüttelte entspannt die Arme aus. "Ist doch hier viel schöner als neben der Stadtautobahn."

Das war ein Argument.

Aber keins, das Adam zu überzeugen vermochte.

Seufzend blickte er in Leos Gesicht, die geröteten Wangen, seine blauen Augen, die so strahlten wie immer, wenn er sich mal richtig ausgepowert hatte. Und seufzte gleich nochmal, aus Gründen des Verliebtseins.

Bevor er hier noch Entscheidungen traf, die er morgen früh bereuen würde, sprach er es lieber schnell aus.

"Leo, ich liebe dich, aber es gibt wirklich Grenzen."

"Wie du willst", meinte sein Partner und warf einen Arm um Adams Schultern, als sie sich wieder auf den Rückweg machten. Nach dem Anblick vorhin störte er sich schon nicht mehr an der schwitzigen Wärme und spürte stattdessen ein erwartungsvolles Kribbeln. Wenn sich erstmal alles abgekühlt hatte in der Nacht, konnte man durchaus Pläne machen.

Leo zog ihn zu sich heran, immer noch voller Energie. "Dann passt du aufs Zelt auf, und ich bring Hörnchen vom Kiosk mit?"

"Deal", sagte Adam und rempelte dann ausversehen gegen Leos Schulter bei dem Versuch, seinen Mund zu erreichen. Sie lachten, dann blieben sie stehen, um sich richtig zu küssen, und es war egal, wie viel Zeit sie gerade vertrödelten, weil sie jetzt Urlaub hatten und die Sonne tatsächlich noch immer nicht untergegangen war. 

 

Adam hatte geduscht, Shorts und T-Shirt übergezogen, Zähne geputzt und nochmal die Heringe überprüft, bevor er sich ins Zelt legte.

Auf, nicht in den Schlafsack. Weil die Sonne zwar mittlerweile verschwunden war, sich der Raum hier aber so dermaßen aufgeheizt hatte, dass ihm schon wieder der Schweiß auf der Stirn stand. Er hatte gleich die Plane am Eingang aufgeschlagen und nur das Mückennetz dran gelassen, aber die stickige Luft verzog sich nur im Schneckentempo, wenn überhaupt.

"Fuck", murmelte er leise und drehte sich auf den Rücken. Machte es nur unwesentlich besser. Er hatte womöglich andere Pläne für den Abend gehabt, aber bei der aktuellen Lage konnte er froh sein, wenn er heute noch Schlaf fand.

Als Leo sich ein paar Minuten später zu ihm gesellte, hatte Adam sich bereits gute zehn Mal auf die eine und dann wieder die andere Seite gewälzt, in der schwindenden Hoffnung, eine bequeme Position zu finden.

"Uff", machte auch Leo, der zu ihm ins Zelt krabbelte.

Adam stöhnte auf. "Kannst du laut sagen."

"Kühlt sich bestimmt in der Nacht ab", erwiderte Leo und zog seinen Schlafsack zurecht. Wie zufällig schob er dabei seine Isomatte ein Stück näher an Adams.

Was normalerweise eine brodelnde Wärme in seinem Körper ausgelöst hätte, fühlte sich jetzt mehr nach panischer Hitze an. Die er so gar nicht gebrauchen konnte bei diesem Wetter. Deshalb lag dem Stöhnen, das über seine Lippen kam, auch ausschließlich Frustration zugrunde. Leider.

Leo schien das allerdings falsch zu verstehen, oder er wollte ihn absichtlich quälen. Oder er hatte schlicht nichts mitbekommen, aber jedenfalls legte er das Handtuch beiseite, das um seinen Hals gehangen hatte. Und streckte sich. Zwar hatte er das durchgeschwitzte T-Shirt gegen eins seiner weißen Feinrippunterhemden getauscht, aber das machte es auch nicht besser.

Im Gegenteil.

Adam musste den Impuls verdrängen, ihn an sich zu ziehen und selbst mit den Fingern über diese starken Muskeln zu fahren. Es machte ihn halb wahnsinnig. Oder vielleicht auch ganz, denn der Blick, der Leo ihm zuwarf, sandte einen übermächtigen Hitzestoß durch seinen Körper. 

Während er sich hilflos mit der Hand Luft zufächerte, hatte Leo die Arme im Nacken verschränkt und machte ebenfalls keine Anstalten, in den Schlafsack zu kriechen. Keine gute Idee, musste Adam sich erinnern, und stemmte sich dann doch hoch, bis er im Schneidersitz neben seinem Freund saß.

"Leooo", seufzte er langgezogen und wollte schon zu einem Monolog ansetzen, als er ganz frech unterbrochen wurde. Von einer Hand, die sich in seinen Nacken schob, und dann Lippen, die sich gegen seine drängten.

Der Schauer, der ihm über den Rücken lief, verdrängte kurz die schwüle Luft. Für einen Moment konnte er es genießen und den Rest der Welt einfach sein lassen; Leo, ganz nah bei ihm, seine sanften Hände, und dann diese irritierend fabulöse Sache, die er mit seiner Zunge anstellte.

Dann brach die Realität über ihn herein, und er musste sich seufzend zurückziehen. Auch wenn Leos Finger gerade so vielversprechend nach unten gewandert waren.

Weil er mittlerweile wusste, was gut für ihn war und was nicht, ließ Adam sich auf die Matte zurückfallen.

"Willst du noch...", setzte Leo an, aber er schüttelte den Kopf.

"Nee. Sorry."

Denn ja, Leo war verdammt heiß, aber die Luft im Zelt leider auch. Das vertrug sich einfach nicht. Seine Autokorrektur, die schwul immer zu schwül korrigierte, hatte hier ausnahmsweise recht, dachte Adam mit einem Schnauben.

"Nicht bei den Temperaturen."

Leo blickte auf ihn herab. "Wir könnten dann nochmal ins Wasser springen?", schlug er halbherzig vor, aber diese Schlacht war geschlagen.

Adam hatte das Gefühl, noch tiefer in seine Matte mit Schlafsack zu sinken. "Du kriegst mich hier heute nicht mehr weg, tut mir leid. Also außer, dein Plan ist, dass ich an einem Hitzeschlag verrecke."

Leo rollte mit den Augen und ließ sich dann auch auf die Isomatte fallen. Vorsichtig schaute er herüber. "Hey, alles gut. Hätten wir wahrscheinlich eh bereut morgen."

"Hm", brummte Adam nur zurück, ein bisschen genervt, aber irgendwie trotzdem glücklich. 

Jetzt mussten sie nur noch einschlafen.

 

 

Es war ein lautes Krachen, das ihn aus dem Schlaf riss. Nach zwei Schrecksekunden hörte es dann auf, aber da blieb noch ein anderes Geräusch, das nicht abebbte.

Verschlafen blinzelte Adam in die Dunkelheit ihres Zeltes, das sich zumindest etwas abgekühlt hatte. Leo schlummerte neben ihm, einen Arm unter den Kopf geschoben. Irgendwie hatte er sich zur Hälfte aus dem Schlafsack gestrampelt. Süß, dachte Adam, und fragte sich gleich darauf, was sein Hirn hier bitteschön des Nachts veranstaltete und warum er eigentlich aufgewacht war.

Das nächste entfernte Donnergrollen beantwortete seine Frage.

Och Mann. Er mochte keine Gewitter, weil er nie einschätzen konnte, wann der nächste Schlag kam.

"Leo?", murmelte er ganz leise und rutschte ein bisschen näher. Sein Kopfkissen war irgendwie weg, verschlafen tastete er danach, und dann waren seine Finger plötzlich nass.

Moment. Und die Isomatte auch.

Scheiße.

"Leo?", sagte er, energischer diesmal, und wühlte im Klamottenhaufen nach seinem Handy. Das Displaylicht strahlte ihm grell entgegen, aber dann sah er die Tropfen.

Wasser.

Im Zelt.

Und es wurde nicht weniger.

"Scheiße", stellte er nochmals fest und zog schnell die Klamotten zu sich ran, bevor die auch noch nass wurden. Irgendwas musste an seiner Ecke des Zeltes undicht sein. Und wenn das so weiterging, stand hier bald alles unter Wasser.

Er rüttelte Leo an der Schulter, der immer noch nichtsahnend schlief. Wie der davon nicht wach werden konnte, war ihm ein Rätsel. Leo brauchte auch oft lange zum Einschlafen, war im Gegensatz zu Adam aber durch nichts zu wecken, bis die Sonne aufging. Und das war noch nicht der Fall.

Zwei Uhr dreiunddreißig, zeigte Adams Handy an.

"Mmmh?", machte Leo matt, die Augen noch geschlossen. Ein bisschen tat es Adam leid, ihn jetzt wecken zu müssen, aber er konnte ihn ja schlecht ersäufen lassen.

"Leo. Aufwachen." Er schüttelte ihn noch ein bisschen mehr. "Wir ertrinken!"

"Was?"

Jetzt klang er nur noch verwirrt, schlug aber endlich die Augen auf.

"Zelt ist undicht", erklärte Adam und leuchtete zum Beweis in die Ecke. 

"Oh." Mit einen Mal war Leo hellwach. "Fuck. Caro hat mich noch gewarnt, dass es schon alt ist, aber..."

"Egal", sagte Adam. "Kaufen wir halt ein Neues morgen. Aber was machen wir jetzt?"

Leo rieb sich die Schläfen, blickte im Zelt umher und brachte schnell seinen Rucksack vor der Nässe in Sicherheit.

"Einfach hier abwarten?", fragte Adam.

"Nein, guck mal, wie viel Wasser da schon ist. Da werden wir nicht mehr trocken." Mit schnellen Handgriffen raffte Leo ihre restlichen Sachen zusammen. "Wir müssen raus, das wird sonst nichts. Das Zeug kann erstmal ins Auto."

Adam war nicht gerade begeistert, half ihm aber, alles ausgebreitete Gepäck wieder in die Rucksäcke zu stopfen. Der kurze Weg zum Auto genügte schon als unfreiwillige Dusche, und er kletterte schnell auf die Rückbank, als die Sachen im Kofferraum verstaut waren. Leo folgte ihm, ließ ein paar Tropfen ins Auto, ehe er die Tür zuschlug.

Oben trommelte der Regen aufs Dach, aber innen saßen sie trocken.

"Mensch. Das ist jetzt blöd", sagte Leo, und Adam musste lachen. Was wiederum Leo zum Lachen brachte, und schon fühlte sich das alles nicht mehr ganz so schlimm an. Nur die Füße wurden ein wenig kalt, und allmählich fröstelte Adam auch an anderen Stellen in seinen kurzärmeligen Sachen. Konnte ja keiner ahnen, dass das Wetter so schnell umschlug.

Ein Blitz zuckte über den Himmel, in Richtung vom See, und Adam hatte noch nicht mal bis drei gezählt, als auch schon der Donner krachte. Mochte er wirklich nicht, das hier.

Aber das war nicht ihr erstes, und zum Glück musste er Leo nichts mehr erklären. Er konnte sich einfach in die ausgestreckten Arme lehnen, die ihm angeboten wurden, und atmete in Leos Nacken. Half auch wunderbar beim Warmwerden. 

"Bleiben wir jetzt einfach hier?", fragte er dumpf. "Weil dann würd ich vorschlagen, mal die Heizung anzumachen."

"Naja", seufzte Leo und streichelte durch sein Haar, "Ich glaub nicht, dass wir hier drin schlafen können."

Die Rückbank war tatsächlich etwas klein für zwei Erwachsene ihrer Größe, das wussten sie beide aus Erfahrung. Damals hatte Adam halt noch nicht gewusst, was gut für ihn war, und musste mit den resultierenden Rückenschmerzen leben. Hatte sich aber gelohnt, für Leo ganz besonders.

"Denkst du auch grad...?"

"Ja. Das mach ich nicht nochmal."

Leo stieß ein kleines Lachen gegen Adams Hals, und das beruhigte ihn zumindest ein bisschen, als der nächste Donnerschlag folgte.

"Ne, wart mal", sagte Leo plötzlich. "Der Pavillon."

Adam vergrub das Gesicht an seiner Schulter. "Hä?"

"Der ist trocken. Und nur zehn Meter entfernt. Da passen wir hin."

"Da isses kalt", murmelte Adam. Ihm gefiel es eigentlich ganz gut hier im Auto, in Leos Armen. War doch der sicherste Ort bei Gewitter, oder?

"Dafür haben wir ja die Schlafsäcke. Und dort passen die Isomatten hin. Da kann man sich nicht den Kopf stoßen oder im Gurt verheddern."

Was er nur wusste, weil ihm das selbst passiert war. Adam seufzte.

"Müssen wir?"

"Ich würd schon ganz gerne noch ein bisschen Schlaf bekommen."

Na gut. Leo zuliebe würde er das schon hinkriegen, und gegen die Kälte wussten sie sich ja zu helfen. Mühsam hob Adam den Kopf, drückte seine Stirn gegen Leos.

"Gut. Dann mal raus ins Mistwetter."

Es schüttete schon nicht mehr ganz so doll, als sie sich rauswagten, um die Matten und Schlafsäcke zu holen. Adam leuchtete den Weg, Leo schleppte das Zeug, und so kamen sie am Pavillon an, ohne völlig durchnässt zu werden. Zwischen Grill und Sitzbank war gerade genug Platz für zwei Isomatten. Sie verkrochen sich in den Schlafsäcken, Adam richtete noch sein Kissen, als Leo sich zu ihm rollte.

"Ich glaub, das Gewitter zieht schon weiter, es kam jetzt lange kein Donner", flüsterte er.

Adam nickte bloß. Das Prasseln der Regentropfen, nun etwas sanfter, war eigentlich ganz beruhigend, solange nichts mehr laut krachte. Und die feuchte Luft war äußerst angenehm nach der Hitze des Tages.

Als er den Kopf drehte, bemerkte er, dass Leo einen Arm aus dem Schlafsack herausgewunden und einladend ausgestreckt hatte. "Willst du herkommen?"

"Gewitter hat ja aufgehört", murmelte Adam.

Leo lächelte nur. "Das hab ich nicht gefragt."

Adam hielt inne, und dann versuchte er erst gar nicht mehr, darüber nachzudenken, weil sein Kopf nachts halb drei eh nichts Sinnvolles zustande brachte. Also rutschte er einfach rüber zu Leo und ließ sich in den Arm nehmen, so gut das über zwei Schlafsäcke hinweg ging.

"Nacht", wisperte Leo, und jetzt musste Adam lächeln.

"Schlaf gut, Tiger."

Als er die Augen schloss, war alles ganz kuschelig und warm, und da war er sich sicher, dass sie doch noch irgendwie Schlaf finden würden.

Und dass es trotz des abgesoffenen Zeltes, wenn sie noch ein bisschen Glück hatten, ein verdammt schöner Urlaub werden konnte.