Chapter Text
Jelena schaffte es innerhalb von zehn Minuten, Skinnys ohnehin schon beträchtliches Repertoire an Schimpfwörtern nochmal um einiges zu erweitern, während sie versuchte, mit ihrem Rollstuhl den Vorhof des Gebrauchtwarencenters zu navigieren. Bisher hatte Skinny noch keine Anstalten gemacht, seine Hilfe anzubieten, teils, weil er wissen wollte, ob sie noch mehr auf Lager hatte, teils, weil sie ihm bereits am Tor einen tödlichen Blick zugeworfen hatte, der jegliche halbherzige Motivation, zuvorkommend zu sein, sofort im Keim erstickt hatte.
Fürs erste hielt er sich also zurück und ließ den Blick über das Gelände schweifen. Es hatte in letzter Zeit nicht geregnet, was dafür sorgte, dass der Weg zum Haus der Familie Jonas zwar nicht voller Schlamm war, aber dafür war der Untergrund jetzt staubig und voller Kieselsteine, an denen der Rollstuhl konsequent hängen blieb.
“Kann man dir helfen?”, fragte Skinny schließlich, als Jelena mit einem frustrierten Seufzen stehenblieb.
“Ach nein, mir ist nicht mehr zu helfen”, schnappte sie, blickte dann über ihre Schulter hinweg zu ihm. “Jetzt mach schon.”
“Aber natürlich, gnädige Frau”, sagte Skinny sarkastisch. Er merkte sofort, wie peinlich das klang, aber sie ließ es zum Glück unkommentiert so stehen.
Als er beide Hände um die Griffe des Rollstuhls legte, spannte Jelena sich kurz an. Sie würde es natürlich niemals laut aussprechen, aber sie hatte sehr wohl bemerkt, dass Skinny es erst gewagt hatte, den Rollstuhl anzufassen, sobald sie ihn dazu aufgefordert hatte. Selbst Bob hatte sie am Anfang—natürlich aus reiner Hilfsbereitschaft, aber trotzdem—ab und zu einfach so herum bugsiert, ohne zu fragen, ganz als wäre sie eine Schubkarre, die im Weg stand, und keine Person, die sehr wohl dazu in der Lage war, ihr Einverständnis zu geben.
Mit Skinnys Hilfe ging es ein wenig besser voran. Trotzdem brauchte es noch gute zehn Minuten, bis sie endlich vor dem Haus von Justus’ Tante und Onkel standen. Der erste Detektiv hatte Jelena den Haustürschlüssel hinterlassen—das und eine Liste mit Dingen, die jeden Tag zu erledigen waren. Das Gebrauchtwarencenter hatte zwar Betriebsferien, aber es gab trotzdem genug zu tun.
Skinny blieb schließlich vor der Veranda stehen und beäugte die Stufen, die zur Haustür führten, misstrauisch.
“Also, äh…”
“Die Hintertür ist ebenerdig angelegt”, informierte ihn Jelena. “Wenn du mir hinten aufmachst, komme ich besser rein. Es sei denn, du hast Lust, erst mich und dann den Rollstuhl nach drinnen zu tragen.”
Skinny drehte sich zu ihr um und musterte sie. “Lust? Nicht wirklich.”
“Dann tun wir mal so, als würde es daran scheitern und nicht an dem Fakt, dass du weder mich, geschweige denn den Rollstuhl, stemmen kannst”, erwiderte Jelena trocken. “Ich komme von hier aus alleine nach hinten, mach mir einfach auf.”
Skinny nahm den Schlüssel entgegen. Er hatte seine Fingernägel vor einer Woche lackiert, aber der Lack war inzwischen an den Rändern abgeblättert, was sich aber nahtlos in sein restliches Erscheinungsbild einfügte. Seine Finger waren genauso dürr und bleich wie der Rest seiner Gliedmaßen, und als sie Jelenas streiften, fiel ihr auf, dass sie trotz der Hitze eiskalt waren.
Skinny stieg die Stufen der Veranda nach oben und trat auf die Haustür zu. Für einen Moment fragte er sich, ob er vielleicht doch träumte. Justus Jonas, Hauptidiot der Drei Fragezeichen, ließ ihn gerade ernsthaft freiwillig in sein Zuhause. Skinny hatte es aufgegeben, nachzuhalten, wie oft die drei bereits bei ihm eingebrochen waren. Andrews hatte—als Stan Silver—sogar zeitweise mit ihm zusammen gewohnt. Vielleicht war es nur fair, dass Skinny nun endlich das Jonas’sche Heim von innen sah. Aber merkwürdig fühlte es sich trotzdem an.
Er blieb noch einige Sekunden im Eingang stehen, dann riss er sich zusammen und durchquerte das Wohnzimmer.
Jelena wartete bereits an der Hintertür auf ihn. Sie winkte ungeduldig, als Skinny sich näherte und verdrehte genervt die Augen, als er sich bemühte, die Tür zu öffnen. Ihre Stimme kam durch das Glas gedämpft bei ihm an, aber er verstand sie trotzdem: “Du müsstest noch den Holzpfahl entfernen.”
Skinny runzelte die Stirn. “Wie du vielleicht merkst, bin ich zum ersten Mal hier.”
“Es ist nicht zu übersehen, ja.”
Er schnaubte, sah sich aber nach dem mysteriösen Pfahl um. Er fand ihn schließlich unten an der Leiste; ein Stück Holz, das perfekt zugeschnitten war und dafür sorgte, dass man die Tür nicht von außen aufschieben konnte, selbst wenn sie nicht verschlossen war. Skinny zog den Pfahl heraus und schob dann, mit Jelenas Hilfe, die Tür auf.
Die stickige Sommerhitze erschlug ihn beinahe. Sobald Jelena es nach drinnen geschafft hatte, zog Skinny die Tür wieder zu und atmete schwer aus. Er zog seinen Rucksack von den Schultern und ließ ihn neben die Tür fallen, froh, das Gewicht los zu sein.
Er würde das Haus natürlich noch genauestens untersuchen, aber fürs erste genügte es ihm, sich kurz umzusehen. Das Wohnzimmer war größer als seine eigene Wohnung, was ihn nicht überraschte. Jonas’ Tante und Onkel hatten eine Eckcouch aufgestellt, auf der sich eine schlecht zusammenpassende Sammlung an Kissen tummelte. Auf der Lehne saßen drei Stofftiere, zwei arg mitgenommene Teddys und ein etwas jünger aussehender, blauer Papagei mit einem Deerstalker-Hut.
“Nerd”, murmelte Skinny, aber er konnte sich nicht ganz dazu bringen, ansatzweise beleidigend zu klingen.
“Sein Name”, sagte Jelena geschäftig, “lautet Mitth’raw’nuruodo.”
“Gesundheit.”
“Du liest nicht viel, kann das sein?”
Skinny drehte sich zu ihr um. Die Freundin der drei Fragezeichen war ihm bis zur Couchecke gefolgt, aber hielt genug Abstand, dass Skinny sich nicht eingekesselt fühlte. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas von gezwungener Neutralität—die Art nichtssagender Lächeln, die man Freunden seiner Eltern entgegen brachte, weil es die Konsequenzen nicht wert war, sie zu verärgern.
“Seh’ ich so aus?”, fragte Skinny zurück.
Jelena zuckte mit den Schultern. “Ich wäre da jetzt nicht unbedingt stolz drauf, ganz ehrlich.”
“So siehst du auch aus”, gab er zurück.
“Hast du eigentlich noch andere Charakterzüge außer deinen Daddy Issues?” Die Frage klang ehrlich, ganz als wäre sie kurz davor, einen Durchbruch in Sachen “Psychologie des Skinner E. Norris” zu machen.
“Was soll das denn bitte heißen?!”, herrschte Skinny sie an.
Sie wussten natürlich beide, worauf Jelena anspielte, aber das hieß nicht, dass er es einfach so auf sich beruhen lassen würde.
“Komm schon, so dämlich kannst du doch nicht sein. Irgendwas muss Bob doch in dir sehen.”
Skinny verengte die Augen. “Vielleicht steht er einfach nicht auf Besserwisser.”
“Sondern auf Idioten?”
Skinny stapfte an ihr vorbei in Richtung Küche, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. Der Rollstuhl quietschte leicht, als sie sich umdrehte und ihm folgte. Wieder hielt Jelena eine gewisse Distanz zwischen ihnen ein, wobei er sich nicht sicher war, ob es zu seinem Komfort oder ihrer Sicherheit war.
Die Kaffeemaschine war nicht besonders ausgefallen, aber besser als jede, die Skinny jemals besessen hatte. Er nahm ein neues Kaffeepad aus der Dose direkt neben der Maschine und legte es ein, dann kippte er die Reste aus dem Wasserbehälter in die Spüle und füllte ihn neu auf. Er musste so ziemlich jeden Schrank in der Küche öffnen, bis er endlich die Tassen fand—Jelena schwieg betont, obwohl sie definitiv wusste, wo er hätte suchen müssen—aber schließlich stellte er sie unter die Maschine und betätigte den Knopf für eine Tasse.
“Ich nehm’ auch einen, danke”, durchbrach Jelena schließlich die Stille.
“Kann ich sonst noch was für dich tun?”, fragte Skinny mit so viel falscher Freundlichkeit, dass ihm fast schlecht davon wurde.
“Ach, wenn du schon so lieb fragst, ich würde dir gern noch einige Fragen stellen.”
Jelena beobachtete Skinnys Reaktion mehr als nur genau. Der erste Detektiv mochte es zwar nicht wahrhaben wollen, aber ihre Auffassungsgabe stand seiner um nichts nach. Bob hatte ihr einmal heimlich anvertraut, dass sie sich als Fragezeichen vermutlich gar nicht mal so schlecht machen würde. Jelena hatte nur abgewunken. So oft wie die drei in irgendwelche Gebäude einstiegen, würde sie einfach nicht mithalten können. Und so peinlich wie die “Drei Fragezeichen” auch klangen, “Vier Fragezeichen” war noch schlimmer.
Skinny hatte ihr den Rücken zugewandt und hantierte wieder mit der Kaffeemaschine. Seine Tasse war bereits durchgelaufen, also stellte er eine zweite Tasse für sie bereit und legte ein neues Pad ein. Die drei Fragezeichen machten sich oft genug darüber lustig, wie mager er war—sein Spitzname war Skinny, verdammt nochmal—und auf näherer Entfernung musste Jelena zugeben, dass seine Statur wirklich auffällig war. Sie hatte genug Jungen in der Pubertät beobachtet, die plötzlich in die Höhe geschossen waren und nicht schnell genug mit dem Essen hinterher kamen, aber Skinny war vermutlich längst ausgewachsen, also traf das nicht mehr ganz zu.
“Tu, was du nicht lassen kannst”, sagte er schließlich.
“Wird es nicht irgendwann langweilig, konstant gegen seine Eltern zu rebellieren?”, fragte Jelena.
Skinny nahm ihre Tasse Kaffee entgegen und drehte sich zu ihr um. Sein Gesichtsausdruck war unmöglich zu lesen, aber das zeigte ihr nur, dass sie ihn getroffen hatte, so viel Mühe wie er sich gab, undurchdringbar zu wirken. Er hielt ihr die Tasse hin; Jelena griff danach und hielt sie mit beiden Händen fest. Sie trank ihn nicht schwarz, aber sie bezweifelte, dass er ihr Milch oder Zucker bringen würde, wenn sie danach fragte.
“Wird es nicht irgendwann langweilig”, sagte Skinny langsam, jedes einzelne seiner Worte mit so viel Gehässigkeit beladen, dass Jelena fast beeindruckt war, “konstant zu versuchen, seine tote Mutter stolz zu machen?”
Sie hätte ihm den Kaffee gerne ins Gesicht geschüttet, aber sie wollte weder Justus’ Küche schmutzig machen (obwohl sie Skinny gerne dabei zugesehen hätte, wie er die Sauerei wegwischte), noch wollte sie den Kaffee verschwenden, also hielt sie sich zurück.
“Erstens: Fick dich”, sagte Jelena stattdessen. “Zweitens: Nein, bisher nicht. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass es meinen Lebensstandard deutlich verbessert, kein komplettes Arschloch zu sein.”
“Herzlichen Glückwunsch.” Skinny schob sich wieder an ihr vorbei und lief zurück ins Wohnzimmer. Er stellte die Tasse auf dem Couchtisch ab, wobei er demonstrativ ignorierte, dass Justus’ Tante und Onkel Untersetzer bereitgestellt hatten, dann holte er seinen Rucksack und schmiss ihn neben den Sessel. Er kramte für einige Sekunden darin herum, bis er eine Packung Tabak, Zigarettenfilter und Papier zu Tage führte. Sein Körper spannte sich leicht an, als sie ihm ins Wohnzimmer folgte, aber er kommentierte es nicht.
Skinny rollte die Zigarette mit einer Präzision und Schnelligkeit, die Jelena kein bisschen überraschte, aber sie kam nicht umhin, sich zu wundern, ob er versuchte, ihr etwas zu beweisen.
Er zog die Tür zum Garten auf, bevor sie ihn fragen konnte, ob er ernsthaft vorhatte, im Haus zu rauchen, schlüpfte nach draußen und zog die Tür mit Schwung hinter sich zu. Jelena starrte für einige Sekunden nach draußen, beobachte, wie seine dürre Silhouette in Richtung Hollywood-Schaukel verschwand. Er ließ sich auf die Schaukel fallen, dann zündete er die Zigarette an und nahm einen Zug. Ihre Blicke trafen sich über die Glasscheibe der Tür hinweg. Skinny hob beiläufig den Mittelfinger seiner rechten Hand. Jelena erwiderte die Geste.
Der schwarze Kaffee wurde zum Glück mit der Zeit besser. Vermutlich durchlief Jelena gerade ein sehr typisches Stockholm-Syndrom, aber darüber wollte sie gar nicht erst nachdenken. Skinny rauchte drei ganze Zigaretten im Schatten der Hollywood-Schaukel, während die Sonne langsam über den Himmel kletterte. Jelena hatte es sich auf der Couch bequem gemacht und sich durch ihre momentane Lektüre durchgearbeitet, aber als Skinny nach einer Viertelstunde immer noch keine Anstalten machte, zurückzukehren, hievte Jelena sich wieder in ihren Rollstuhl, vergewisserte sich, dass sie sicher saß, und navigierte zur Hintertür.
Es brauchte zwei Anläufe, bis sie die Tür alleine aufgeschoben bekam, weil sie nicht riskieren wollte, sich zu weit nach vorne zu lehnen und womöglich aus dem Stuhl zu fallen. Sie schaffte es gerade nach draußen, als Skinny die im Begriff war, sich eine vierte Zigarette zu drehen.
“Reicht’s so langsam mal?”, rief Jelena ihm zu. “Ich finde, du hast genug geschmollt.”
Skinny ließ den Beutel Tabak sinken und warf ihr einen tödlichen Blick zu.
“Ich schmolle nicht”, behauptete er.
“Dann kannst du ja auch wieder reinkommen”, hielt sie entgegen.
Für einige Sekunden starrten sie sich einfach nur an. Jelena fand es unmöglich, ihn zu fassen. Vermutlich ging es den drei Fragezeichen genauso, aber es störte sie trotzdem. Natürlich war ihre Frage nicht gerade nett gewesen, doch Skinny war dafür bekannt, viel härter auszuteilen—was er sofort demonstriert hatte. Also warum saß er dann beleidigt auf der Schaukel und rauchte eine Zigarette nach der anderen?
“Erde an Skinner?”, fragte Jelena.
Skinny zuckte zusammen. Kaum jemand benutzte diesen Namen für ihn, zumindest keine Person, mit der er gerne Kontakt hatte. “Skinner” war seinem Vater vorbehalten, seinen Lehrern am Internat, den Leuten, mit denen er sich einließ, weil er keine andere Wahl hatte.
“Ja, ja”, grummelte er. Er packte sammelte die Zigarettenstummel vom Boden ein, weil er sich ziemlich sicher war, dass Jelena ihn ansonsten dazu zwingen würde, und machte sich auf den Weg nach drinnen.
Sie zog eine Augenbraue hoch, als Skinny an ihr vorbeimarschierte und die Stummel im Restmüll in der Küche entsorgte. Er hätte einen Spruch parat gehabt, falls sie es erwähnt hätte, aber sie schluckte ihren Kommentar leider hinunter.
“Wir müssten voraussichtlich morgen Einkaufen fahren, aber Justus meinte, es wäre noch Pizza im Eisfach”, sagte Jelena. “Ansonsten sind bestimmt noch Nudeln im Vorratsschrank, solltest du Lust haben, zu kochen.”
“Ich?”, schnaubte Skinny.
“Du”, bekräftigte Jelena viel zu gelassen für seinen Geschmack. “Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber die Küche ist nicht gerade auf meine Bedürfnisse ausgerichtet.”
“Also darf ich dich jetzt die ganze Woche lang bedienen oder was?”
Sie lächelte ihn unschuldig an. Skinny verspürte das kurze Bedürfnis, etwas nach ihr zu werfen.
“Dann steh mir nicht im Weg ‘rum”, schnauzte er sie stattdessen an.
Jelena rollte die Augen, aber verzog sich brav ins Wohnzimmer, wo sie sich mit einigen Anläufen aus dem Rollstuhl zog und aufs Sofa setzte.
Skinny öffnete den Kühlschrank. Neben den üblichen Standardzutaten fand er noch einige Dosen Cola im untersten Fach, von denen er sich sofort eine nahm. Im Gemüsefach lagen zwei Paprika, ein angebrochenes Bündel Karotten und einige Pilze, die Skinny geflissentlich ignorierte. Er nahm eine Paprika und die Karotten heraus und ließ den Kühlschrank wieder zufallen.
Er hätte es Jelena gegenüber nie zugegeben, aber die Aussicht auf eine richtige Küche und geregelte Mahlzeiten hatte ihn viel besser davon überzeugt, Jonas’ Bitte anzunehmen. Natürlich war es verlockend, sich im Haus umsehen zu können—vielleicht würde er etwas mitgehen lassen, nur um zu sehen, wie lange Sherlock Holmes brauchen würde, bis es ihm auffiel—aber das war nicht das ausschlaggebende Argument gewesen.
Skinny war auf seiner Suche nach den Tassen auf so ziemlich alle anderen Küchenutensilien gestoßen, die er jetzt brauchen würde. Er zog einen großen Topf aus einem Regal und stellte ihn auf dem Herd ab, dann nahm er eine Pfanne heraus und stellte sie daneben. Jonas’ Tante und Onkel hatten mehrere bunte Schneidebrettchen, eins hässlicher als das andere. Skinny entschied sich für das geringste Übel und legte es auf die Arbeitsplatte. Aus einer der Schubladen zog er ein Messer hervor und drehte es in seiner Hand hin und her. Die Klinge wirkte halbwegs scharf.
In einem hängenden Obstkorb fand er eine Zwiebel und einige Knoblauchzehen. Skinny legte sie zu den Karotten und der Paprika und wandte sich dann der Vorratskammer zu. Jonas’ Familie wäre auf eine Zombie-Apokalypse nur mäßig vorbereitet, aber ihnen würden die Nudeln und das Tomatenmark in nächster Zeit nicht ausgehen. Skinny schnappte sich eine Packung Nudeln und eine Tube Tomatenmark und brachte beides in die Küche.
Kurz zog er es in Erwägung, Jelena das Gemüse schneiden zu lassen, aber er genoss die Stille zu sehr, um sie dafür zu unterbrechen. Die Küche verfügte über eine Holz-Schiebetür, die so aussah als würde sie normalerweise nicht benutzt werden. Skinny zog sie demonstrativ zu und ignorierte Jelenas Kichern vom Sofa aus.
“Angst, dass ich dir was weg gucke?”, fragte sie.
Skinny ignorierte sie.
Er ging methodischer vor als er es sonst tun würde, einzig und allein, um Zeit zu schinden. Er ließ Wasser in den Topf laufen und ließ es mit reichlich Salz aufkochen, dann schmiss er die Nudeln hinein. Während die Nudeln vor sich hin köchelten, schnitt er die Zwiebeln und hackte den Knoblauch. Sofort schossen ihm Tränen in die Augen, die er beharrlich wegblinzelte. Anschließend machte er mit den Karotten und der Paprika weiter, die er vorher unter dem Wasserhahn abspülte, hauptsächlich, um jegliche Berührungspunkte mit den Pilzen abzuwaschen.
Skinny fand in einem der Schränke eine Flasche Olivenöl, was ihn kurz innehalten ließ. Er nahm die Flasche vorsichtig aus dem Schrank und maß eine kleine Menge ab, bevor ihm einfiel, dass es ihm eigentlich herzlich egal sein konnte, ob er das Öl von Jonas’ Tante und Onkel verschwendete, also goss er noch einen großzügigen Schwung in die Pfanne. Er briet die Zwiebeln zuerst an, dann schmiss er den Knoblauch und die Karotten hinzu.
Es war so simpel. Viel zu banal, eigentlich. Aber der Geruch von Zwiebeln, die in Olivenöl vor sich hin brutzelten, ließen ihn kurz innehalten. Es fühlte sich falsch an. Skinny hatte sich nie wirklich fürs Kochen interessiert, zumindest nicht, solange ihm noch die Küche seiner Eltern und alle Zutaten, die er sich nur hätte wünschen können, zur Verfügung standen. Mittlerweile war er froh, wenn er überhaupt satt wurde, was an den meisten Tagen nicht der Fall war—wobei die Zigaretten definitiv halfen, den Hunger zu unterdrücken.
Er bekam nur am Rande mit, dass er Tomatenmark, Sahne und etwas von dem Nudelwasser in die Pfanne gab und aufköcheln ließ. Nach einigen Minuten goss er die Nudeln ab und schmiss sie gemeinsam mit der Paprika in die Pfanne. Skinny ließ das Ganze auf niedrigerer Temperatur weiter köcheln, während er sich das Gewürzregal vornahm. Letzten Endes würzte er das Essen deutlich weniger experimentierfreudig als er von sich selbst erwartet hätte; er hätte Jelena nur zu gerne etwas Ungenießbares vorgesetzt, aber sein Magen knurrte mittlerweile bedenklich und das war es echt nicht wert.
Als die Nudeln weich genug für seinen Geschmack waren und er zufrieden mit der Soße war, schaltete Skinny den Herd aus und starrte für einige Sekunden einfach nur die Pfanne an. Er hatte gerade gekocht. Nicht nur für sich selbst, sondern für eine Freundin der drei Satzzeichen. Und das auch noch in Justus Jonas’ Küche.
Bevor er vollständig den Verstand verlieren konnte, vernahm er Jelenas Stimme aus dem Wohnzimmer: “Lebst du noch?”
“Nein”, erwiderte Skinny und hasste sich dafür, dass seine Stimme leicht bebte.
Er richtete zwei Schüsseln an und nahm Besteck aus einer der Schubladen. Die Holztür knarzte, als er sie wieder aufschob, und gab den Blick auf Jelena frei, die sich offenbar keinen Zentimeter von der Couch weg bewegt hatte. Sie hatte ihren geflochtenen Zopf gelöst; ihre dunkelblonden Haare fielen ihr wie ein Fächer über die Schultern, aber sie hatte sich die vorderen Strähnen hinter die Ohren gesteckt, damit sie nicht in ihrem Gesicht hingen. Sie sah nicht auf, als Skinny ins Wohnzimmer trat, aber ihre Augen waren zu starr auf ihr Buch fokussiert und sie hatte aufgehört, die Seiten umzublättern. Skinny ließ eine Schüssel und eine Gabel auf den Couchtisch fallen, nah genug, dass sie danach greifen könnte, und schnappte sich bei der Gelegenheit seinen mittlerweile kalt gewordenen Kaffee.
“Danke”, sagte Jelena, als er bereits mehrere Schritte in Richtung Küche zurück gestapft war. Skinny musste sich zusammenreißen, um nicht zusammenzuzucken.
“Mhmh”, meinte er nichtssagend. Er kontrollierte, ob er den Herd wirklich ausgeschaltet hatte, räumte den Topf, das Messer und den Kochlöffel in die Spülmaschine, und nahm dann seine eigene Schüssel von der Theke. Die Vorstellung, mit Jelena gemeinsam zu essen, war absurd, aber er traute sich auch noch nicht, in den ersten Stock zu gehen, also verzog er sich wieder in den Garten.
Eigentlich hatte er vorgehabt, aus Prinzip noch eine Zigarette zu rauchen, aber dann passierte etwas ganz merkwürdiges. Skinny saß einfach nur auf der Hollywood-Schaukel im Hintergarten seines Erzfeindes und aß die Nudeln, die er gerade selbst gekocht hatte. Etwas in ihm drohte, auseinander zu brechen, und es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte, um sich zusammenzureißen.
Nicht hier. Nie wieder. Er war nicht in Tränen ausgebrochen, als sein Vater ihm unmissverständlich erklärt hatte, dass er Zuhause nicht mehr willkommen war. Er hatte nicht geweint, als er zunächst seinen Sportwagen und anschließend seine Wohnung verloren hatte. Selbst, als sie ihn mit Elektroschocks gefoltert hatten, hatte Skinny nichts gefühlt außer dumpfer Leere.
Es gab also keinen Grund dafür, dass ihn diese Situation, so absurd sie auch war, zum heulen brachte.
Manchmal dachte Skinny über Jonas’ Stimme am Telefon nach, nicht unbedingt freundschaftlich, aber auch weit entfernt von der Abneigung, die sie sich sonst entgegen schleuderten. “Also dann, gute Nacht!”
Seine eigene Stimme, merkwürdig fremd in seinen Ohren, “Nacht, Jonas!”
Er war froh, dass Jonas nicht die Art Person war, die ihn zu einer Erklärung zwingen würde. Für ihn war die Sache nach diesem Telefonat erledigt gewesen. Und eigentlich war sie das für Skinny auch.
Eigentlich.
Manchmal, besonders nachts, war es so als wäre Skinny wieder im Sommerhaus seiner Eltern. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass er die Erfahrung gemacht hatte, was passierte, wenn das Gehirn unter Strom stand. In diesem Fall war es leider sogar wortwörtlich gewesen. An irgendeinem Punkt fokussiert sich das Gehirn nur noch auf das Wesentliche. Atmen. Afton auf der Couch. Michaels keuchende Atemzüge neben ihm. Und dann noch dieses drängende, nervige Gefühl von Entschlossenheit, das sich in seinem Brustkorb ausbreitete, das sich in seinem Kopf verbiss und alles andere, selbst den Schmerz, übertönte.
Sie würden Justus Jonas’ Namen nicht von ihm erfahren. Egal, wie viele Gliedmaßen sie ihm abschneiden würden. Egal, wie lange sie ihn noch schocken würden. Skinny hatte nichts mehr zu verlieren, weil sein Leben ohnehin wertlos war.
Er würde Sherlock Holmes nicht mit sich in die Tiefe zerren.
“Aus purer Freundschaft” hatte er Jonas am Telefon gesagt. Es war das erste Mal gewesen, dass er den Jungen als Freund bezeichnet hatte. Bei Andrews war es immer etwas anderes. Andrews konnte Stan sein, und Stan konnte der Freund sein, den Skinny sich immer gewünscht hatte. Aber Jonas war durch und durch real, und ganz schön nervig noch dazu.
Trotzdem: Wenn man ihm alles andere wegnahm, wenn man ihn auf das Wesentliche hinunterprügelte, dann weigerte sich Skinny Norris, ihn in Gefahr zu bringen.
Es machte ihm Angst.
Es war leichter, von sich als die Person zu denken, für die Peter Shaw ihn hielt.
Es war—
Jelena war wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht. Die Vermutung lag nahe, dass sie sich einfach nur unbemerkt genähert hatte, weil Skinny zu sehr in Gedanken verloren gewesen war, um sie zu bemerken, aber er wollte Teleportation noch nicht ausschließen.
Sie stellte die Bremsen des Rollstuhls fest und klammerte sich an der Schaukel fest, um sich hochzuziehen. Die Schaukel wackelte wie ein Schiff auf hoher See, aber schließlich hatte sie es geschafft, sich zu setzen.
Skinny erwartete halb, dass sie ihm einen Vortrag hielt, so wie Jonas es vielleicht getan hätte, aber stattdessen sah sie sich nur mit mildem Interesse im Garten um.
Langsam fuhr sein Herzschlag wieder auf einen normalen Rhythmus hinunter und er konnte wieder leichter atmen. Als alles um ihn herum wieder schärfere Konturen annahm und er das Gefühl hatte, wieder in der Gegenwart zu sein, bemerkte er Jelenas Blick auf sich. Sie machte sich nicht mal die Mühe, unauffällig zu sein. Sie starrte ihn einfach an.
“Was?”, fragte Skinny. Seine Stimme klang rau. Er wollte nicht daran denken, dass sie sich genauso angehört hatte, nachdem er vor Schmerz geschrien hatte, aber er konnte gar nicht anders.
Jelena starrte ihn, wenn es überhaupt möglich war, noch unverhohlener an.
“Was?”, wiederholte Skinny ein wenig lauter.
“Kannst du mir auch eine drehen?”, fragte Jelena. Es war so ungefähr das letzte, was er von ihr erwartet hatte, aber sie nahm die Frage nicht zurück.
Vollkommen verdattert holte Skinny seinen Tabak und die Filter aus der Hosentasche und fing an, ihr eine Zigarette zu drehen. Jelena sah ihm geduldig zu und nahm die Kippe dann mit dem Daumen und Zeigefinger entgegen, ganz als würde Skinny ihr gerade stattdessen einen Joint reichen. Es machte alles noch einmal eine Spur absurder.
Seine Finger zitterten leicht, als er die Zigarette anzündete, aber er schaffte es beim zweiten Anlauf. Jelena lehnte sich auf der Schaukel zurück und nahm einen vorsichtigen Zug von der Zigarette.
Skinny hätte bis zu diesem Zeitpunkt hin gewettet, dass sie noch nie eine Zigarette in der Hand gehabt hatte, und vermutlich auch noch keinen Tropfen Alkohol angerührt hatte, aber sie brach nicht in einen erbärmlichen Hustenanfall aus so wie es Stan getan hatte. Sie rauchte einfach nur, langsam, aber routiniert.
“Ich hätte dir auch anbieten können, dir einen zu blasen, um dich zu erschrecken, aber hier ist sogar noch eine Zigarette für mich herausgesprungen”, meinte sie wie beiläufig.
Skinny blinzelte. “Ne… danke”, sagte er mit einiger Verspätung.
Jelena schnaubte. “Komm mal wieder runter. Ich hätte es selbstverständlich nicht gemacht.”
“Selbstverständlich.”
“Der Schwanz wäre nicht das Problem gewesen.” Sie zog an der Zigarette, hielt den Rauch für einige Sekunden ein, atmete dann entspannt wieder aus. “Aber Männer sind jetzt nicht so mein Ding.”
“Dann trifft es sich ja gut, dass Frauen auch nicht so mein Ding sind”, sagte Skinny, weil ihm absolut nichts anderes einfiel.
Jelena lachte leise auf. “Ach was.”
Für eine Weile sagte keiner von ihnen etwas, dann seufzte sie leise und drückte die Zigarette auf der Armlehne der Schaukel aus.
“Erinnerst du dich an den Tag, an dem wir uns das erste Mal gesehen haben?”, fragte sie.
“Du schuldest mir immer noch das Geld für das Taxi”, erwiderte Skinny.
Jelena schüttelte den Kopf. “Das war nicht das erste Mal. Bei dem Wettbewerb. Vor dem Unfall.”
Es dauerte einige Sekunden bis die Worte sich bis zu Skinny durchkämpften, und noch eine ganze Weile länger, bis er sie verstand. Er setzte sich ruckartig auf—die Schaukel schwankte und Jelena fluchte leise—und drehte den Kopf zu ihr.
“Verarsch mich nicht”, fauchte er, aber sie zuckte nicht einmal zusammen.
So sehr Skinny sich auch wünschte, dass sein Alkohol- und Zigarettenkonsum mittlerweile alle Erinnerungen an seine Kindheit zerstört hätte, er wusste ganz genau, wovon sie redete. Er war spontan bei der Music Competition in Washington eingesprungen, nachdem ein anderer Schüler seines Lehrers ausgefallen war. Skinny hatte es gehasst, sich auf den Wettbewerb vorzubereiten. Er hatte es gehasst, stundenlang zu üben. Bis kurz vor der Veranstaltung war er fest entschlossen gewesen, absichtlich schlecht auftreten zu wollen.
Nur hatte sein Vater—wie sollte es auch anders sein?—ihm unbeabsichtigt einen Strich durch die Rechnung gemacht.
In der Woche vor dem Wettbewerb hatte Skinny nichts im Haushalt machen dürfen. Sein Vater hatte ihn von Messern, der Brotschneidemaschine und jeglichen anderen Gegenständen ferngehalten, die seine kostbaren Finger hätten verletzen können. Obwohl es nur um seine Finger gegangen war, hatte Skinny sich noch nie zuvor—und danach auch nie wieder—so von seinem Vater geliebt gefühlt. Natürlich würde er das gegenüber Jelena niemals erwähnen, aber die Erinnerung tat trotzdem weh.
Er hatte sich also Mühe gegeben. Und war ganz knapp mit einer zweiten Platzierung nach Hause geschickt worden. Er hatte später gelernt, dass eine zweite Platzierung bei diesem Wettbewerb Grund genug war, stolz auf sich zu sein, aber sein Vater hatte trotzdem enttäuscht gewirkt. Zuhause hatte Skinny dann wieder selbst Brot schneiden dürfen. Er war mit seinem Vater zur Urkundenverleihung gefahren, aber danach war das Thema anscheinend abgeschlossen. Skinnys Mutter hatte die Urkunde im Wohnzimmer aufgehängt, wo sie vielleicht sogar noch zu finden war, wenn Mr. Norris nicht kurzen Prozess damit gemacht hatte.
“Du warst doch dieses Balg, das volle Punktzahl erreicht hat und es nicht mal für nötig hielt, zur Urkundenverleihung zu kommen!”, entfuhr es Skinny.
Jelena räusperte sich. “Ich werde jetzt mal ignorieren, dass du mich so genannt hast, und… ja. Vermutlich war ich das. Weißt du eigentlich, wie weit es von hier bis nach Washington ist? Die Urkundenverleihung war Wochen nach dem Wettbewerb, wir konnten nun wirklich nicht nochmal dahin fliegen. Und bevor du fragst, nein, ich war ein Jahr später nicht mehr dabei, weil ich da schon damit beschäftigt war, mich von meinem Autounfall zu erholen und meine Mutter zu begraben.”
Skinny sah auf seine Hände hinunter. “Und worauf willst du hinaus?”
“Nichts. Ich musste nur dran denken. Ich erinnere mich noch an deinen Vater. Verzeih mir, aber das war ein ganz unsympathischer Mann.”
Skinny machte ein Geräusch, das gefährlich nah an ein Kichern rankam. “Es sei dir verziehen”, meinte er gutmütig, “Flachwichser trifft es eher.”
Er konnte sich leider nicht an Jelenas Eltern erinnern. Er wünschte sich, er könnte irgendetwas über ihre Mutter sagen, könnte irgendeinen Beweis dafür liefern, dass sie auch in seiner Erinnerung weiterlebte, aber er konnte sie sich nicht einmal vor dem geistigen Auge vorstellen.
“Er würde dich lieben”, fügte er hinzu, als Jelena nur schwieg. “Oder du müsstest dir eine Diskussion über den Wert von behinderten Leuten in der Gesellschaft antun. Beides ungefähr gleich wahrscheinlich.”
“Wäre nicht mein erstes Mal”, sagte sie so gelassen, dass Skinny den Drang verspürte, zu lachen. Er konnte sich gerade noch so zurückhalten. “Würde es dir irgendwie helfen?”
“Hä?”
“Das heißt wie bitte.”
“Wie bitte?”, fragte Skinny betont freundlich.
“Na, geht doch. Würde es dir irgendwie helfen, mich deinem Vater als deine Freundin vorzustellen?”
Skinny blinzelte. Zweimal. Schüttelte dann langsam den Kopf.
“Auch gut.” Sie beäugte den Rollstuhl. “Kannst du die Schaukel festhalten?”
Skinny kam der Aufforderung nach. Und, als sie es ihm ausdrücklich erlaubte, half er ihr zurück in den Rollstuhl und schob sie zurück ins Haus.
