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Peter Shaw und der fremde Rucksack

Summary:

Peter macht auf hoher See einige Entdeckungen über seinen Erzfeind.

Notes:

An sich sind hier nicht großartig viele Spoiler drin, weil alles hier auf einem dummen Witz basiert, den wir nach dem Film gemacht haben. Allerdings spiele ich auf einige Abweichungen von der Romanvorlage an, also. Lest es mit Vorsicht!

... also, wenn wer über den Film reden will. Bitte. Ich habe Mitteilungsbedürfnis.

Work Text:

Peter wollte den Rucksack nicht anrühren.

Er muss ein Relikt aus der Militärschulzeit sein—viel zu teuer und klobig für Skinnys sonstigen Geschmack. Die Zahnbürste, die Peter am ersten Tag im Seitenfach gefunden hat, hat für ihn nicht wirklich gezählt. Jetzt braucht er allerdings ein frisches T-Shirt, ganz zu schweigen von sauberer Unterwäsche. So wenig, wie er der Crew traut, sie haben es nicht verdient, ihn drei Tage am Stück im gleichen Tanktop zu erleben.

Es fühlt sich trotzdem verboten an, sich durch Skinnys Sachen zu wühlen. Das erste Shirt, das Peter an die Oberfläche zieht, fällt fast auseinander; wie viel davon Gebrauch und wie viel beabsichtigt ist, kann er nicht sagen. Das zweite Kleidungsstück ist eine Hose, die ihm definitiv nicht passen wird. Peter atmet tief durch und kramt dann weiter.

Ein Etui mit Tabak, Zigarettenfiltern und -blättchen später, das Peter sofort auf den Boden fallen lässt, als hätte er sich verbrannt, stößt er auf ein Tanktop, das an Skinny vermutlich lächerlich groß wirken würde, ihm aber perfekt passt. Er hätte erwartet, dass sich der Geruch von Zigarettenrauch und billigem Männerparfum an alle Sachen geheftet haben müsste, aber die Kleidung riecht frisch. Nicht frisch gekauft, frisch gewaschen.

Peter versucht, nicht darüber nachzudenken. Genauso, wie er versucht, zu verdrängen, wessen Shirt er gerade überzieht. Es funktioniert mehr schlecht als recht.

Als er die Hose und das erste Shirt wieder in den Rucksack stopfen will, stößt er auf ein weiteres Etui. Im Gegensatz zum designierten Kippen-Kit ist das Täschchen schlechter in Stand gehalten, oder einfach nur älter. Am Reißverschluss baumelt ein kleiner Anhänger in Form einer Muschel. Abtasten verrät ihm nichts über den Inhalt, außer, dass er leicht raschelt.

Es fühlt sich falsch an, weil Peter nun mal Detektiv und kein Kleinkrimineller ist, aber andererseits hat Skinny nichts anderes verdient. Der Reißverschluss klemmt kurz, als Peter ihn aufzieht, bevor er den Inhalt der Tasche freigibt.

Peter ist sich nicht sicher, was er erwartet hat. Mehr Drogen, vielleicht. Gras. Pillen.

Stattdessen starrt er auf eine Sammlung an Binden und Tampons. Die Sammlung starrt zurück und weigert sich, eine Erklärung abzugeben.

Ein unangenehmes Gefühl breitet sich langsam in seiner Brust aus. Skinny ist ein Arschloch, so viel ist klar, aber das hier ist...

Privat.

‘Was genau hast du erwartet, Shaw?’, denkt Peter und unterdrückt ein hysterisches Kichern, ‘Du durchsuchst gerade die privaten Sachen von deinem Feind.’

Peter zieht den Reißverschluss wieder zu. Sein Herz klopft viel zu schnell.

Es wäre so einfach, viel zu einfach, sich einzureden, Skinny hätte alles von Anfang an geplant. Das würde ihm zwar mehr Intelligenz zuschreiben, als es Peter lieb wäre, aber sorgt auch dafür, dass kein Platz für komplizierte Gedanken bleibt. Peter will nicht an Skinnys zitternden Hände denken oder die Panik in seiner Stimme oder die Blicke, die er Bob zugeworfen hat, als er dachte, er würde es nicht bemerken. Klar, ein Großteil von Skinnys Problemen sind selbstverschuldet, egal, was er Justus an den Kopf wirft, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass....

Peter blickt auf den Rucksack hinunter. Selbst am ersten Tag auf hoher See war ihm nicht so übel wie gerade jetzt.

Er will nicht darüber nachdenken, wie es sich anfühlen muss, immer unter Strom zu stehen, immer gedanklich auf der Flucht zu sein, niemandem wirklich vertrauen zu können. Er will nicht darüber nachdenken, wie es ist, in Skinnys Haut zu stecken.

‘Hey, du musst deine Rolle doch gut spielen. Sieh es als Recherche an.’

Ja, genau. Peter schnaubt.

Zehn Minuten später erwischt er sich dabei, wie er den Inhalt des Rucksacks auf dem Bett ausleert und ganz langsam wieder packt. Die Tasche mit Periodenprodukten nach ganz unten, genau wie alle anderen persönlichen Gegenstände. Dann die Sachen, die Peter nicht passen. Dann die Shirts, die er potentiell brauchen kann. Zuallerletzt hebt Peter das Zigaretten-Etui auf und starrt es lange an. Ein bisschen zu lange.

‘Recherche?’, fragt die Stimme in seinem Kopf, die immer ein bisschen nach Justus klingt und ein bisschen nach Bob.

“So weit kommt's noch”, murmelt Peter.

Er legt das Etui trotzdem nach ganz oben. Für den Fall.

 

Sobald er wieder mit den anderen Fragezeichen vereint ist, bieten Justus und Bob ihre Wechselkleidung an. Es ist nicht so als wäre es das erste Mal—Peter ist überzeugt davon, dass er mindestens ein paar Boxershorts von Bob im Kleiderschrank liegen hat und jede Menge von Justus' Socken. Der vertraute Geruch von dem Waschpulver, das sowohl Tante Mathilda als auch Bobs Mutter verwenden, macht die ganze Situation schon erträglicher. Ein bisschen zumindest.

Bob bietet an, stattdessen Skinnys Sachen zu übernehmen. Als Peter zögert, ihm den Rucksack zu überlassen, erntet das ihm einen dieser patentierten Justus-Blicke, die zu den Dingen gehören, die Peter auf seiner einsamen Schifffahrt nicht vermisst hat.

“Hat der da Drogen drin oder was?”, fragt Bob, senkt dann die Stimme, “oder Wichsvorlagen?”

“Was? Nein!”

Bob zuckt mit den Schultern. Peter findet, dass er ein bisschen zu enttäuscht aussieht.

“Hätte ja sein können.”

“Offenbar befindet sich etwas im Rucksack, das Peter gerne für sich behalten möchte”, mischt Justus sich ein. “Ich schlage vor, Peter sortiert Skinnys Kleidung raus und überlässt sie dir. Wir können uns in der Zeit ja anderweitig nützlich machen.”

“Danke, Erster”, murmelt Peter. Justus nickt ihm nur zu und zieht Bob dann in Richtung Lagerfeuer, um den Archäologen beim Abendessen zu helfen.

Als Peter sie einige Minuten später wieder zu sich heran winkt, sieht Bob ihn auffordernd an, bis Justus ihm nicht gerade unauffällig einen Ellbogen in die Seite rammt.

“Hey, ich sag doch nur, normalerweise ist Geheimniskrämerei eher deine Spezialität”, beschwert Bob sich. “Komm schon Peter, wir reden hier von Skinny Norris. Keine falsche Zurückhaltung. Sind es Boxershorts mit pinken Herzen? Ein Stofftier? Eine Vibratorensammlung?”

Peter presst die Lippen zusammen. Die Übelkeit ist zurück. “Lass gut sein. Ehrlich.”

Bob rollt mit den Augen, aber fügt sich seinem Schicksal. Justus’ intensiver Blick ist zurück, gepaart mit einer Hand an der Unterlippe. Eigentlich hätte Peter sich denken müssen, dass Justus genauso neugierig ist wie Bob, aber glaubt, er könnte selbst drauf kommen, wenn er nur sein Genie spielen lässt.

“Das gilt auch für dich, Erster”, mahnt Peter ihn. “Seit wann findet ihr Skinny Norris auf einmal so interessant?”

“Lass mich mal nachdenken... Ah ja, seit du seine Geheimnisse besser behütest als die Insel ihren Schatz”, entgegnet Bob.

“Es ist kein Geheimnis!”, ruft Peter ein wenig lauter als geplant. Die Gruppe zieht ihre Köpfe ein, als sie die Aufmerksamkeit der Crew auf sich ziehen.

“Was tuschelt ihr da?”, ruft Juan ihnen zu. Die Drohung in seiner Stimme entgeht Peter nicht. Bob zuckt merklich zusammen. Justus dreht sich tiefenentspannt zu dem Archäologen um.

“Persönliches Teenager-Drama”, ruft er viel zu gelassen zurück, dafür, dass er ganz genau weiß, dass Juan mit mehreren Waffen unter’m Kopfkissen schläft und nicht zögern würde, sie zu benutzen.

 

 

Immerhin hat die Unterbrechung einen Vorteil: Die beiden anderen lassen die Sache gut sein.

Um ehrlich zu sein, verliert Peter das Dilemma auch aus den Augen, als sich die Lage auf der Toteninsel zuspitzt. Eine handvoll lebensgefährlicher Situationen, ein Überraschungs-Undercover-Agent und eine sehr stille Bootsfahrt später, bei der Peter Justus dabei erwischt, wie er den Professor über seine akademische Karriere ausfragt und merkwürdigerweise sogar Antworten bekommt, löst sich schließlich alles in Wohlgefallen auf.

Justus bekommt vermutlich Hausarrest oder das eine oder andere Restaurierungsprojekt aufs Auge gedrückt, aber Peter, Bob und Jelena verlassen die Jonas-Residenz ohne weitere Probleme.

“Na dann”, meint Bob, als sie vor dem Tor des Schrottplatzes zum Stehen kommen. Tante Mathildas Stimme hallt dumpf zu ihnen hinüber. “Man sieht sich?”

“Will ich wohl hoffen”, erwidert Peter. “Soll ich euch irgendwo absetzen?”

Es stellt sich als schwerer heraus als gedacht, Jelenas Rollstuhl ins Auto zu verfrachten. Mit etwas Geduld und Gewalt kriegen sie es schließlich irgendwie hin, und Peter setzt den Wagen in Bewegung. Er schmeißt erst Bob raus, zum einen, weil es auf dem Weg liegt, und weil er die Gelegenheit nutzen will, Jelena alleine zu erwischen.

“Du, Jelena?”, fragt Peter, sobald er Bobs Haus hinter sich gelassen hat.

“Ich beantworte keine Fragen zu einer Beziehung, die nicht existiert”, entgegnet Jelena in einem Tonfall, der Peter fast mehr Angst einjagt als Juan es je getan hat.

“Nein, nein, darum geht es gar nicht. Ich dachte sowieso, ihr macht das alles nur, um Justus auf den Keks zu gehen. Ist das nicht die lesbische Flagge auf deinem Laptop?”

“Oh.” Jelena seufzt leise. “Na dann. Schieß los.”

“Ich bräuchte eine Adresse.”

“Seh ich aus wie das Telefonbuch?”

“Nein, aber–”

“Spaß.” Sie wirft ihm ein breites Lächeln zu, zieht dann ihren Laptop auf den Schoß und klappt ihn auf. “Wen willst du stalken?”

“Eigentlich will ich nur was zurückgeben.”

“Skinny Norris, also.”

Peter nickt. Jelena wartet, bis er an einer Ampel zum Stehen kommt, dann tippt sie etwas in ihren Laptop ein. “Gemeldet ist er schon mal nicht in Rocky Beach.”

“Ja, ich glaub, die Eltern sind immer nur in den Sommerferien hier”, meint Peter. Die Ampel springt wieder um. “Hier rechts oder links?”

“Links”, sagt Jelena, ohne aufzublicken, “dann die dritte Straße rechts rein und bis zum Tor durch.”

Peter folgt den Anweisungen, während Jelena weiter vor sich hin tippt. Als er schließlich vor einem Tor anhält—er hätte eher mit einem Gartentörchen gerechnet, aber Jelena scheint in einer Villa zu leben—, sieht sie endlich auf und deutet auf eine Klingel außen am Tor.

“Wenn ich keine 5 Sterne kriege, bin ich aber enttäuscht”, scherzt Peter, während er die Autotür öffnet, um auszusteigen.

“Bisher bist du einer der besten Chauffeure, die ich je hatte”, kommentiert Jelena. “Danke, übrigens.”

“Ah, da ist der Unterschied zu Justus”, meint Peter. “Danke ist ihm eher ein Fremdwort.”

“Soll ich überrascht tun?”

“Ne, passt schon.”

Jelena, entscheidet Peter, als er durch das offene Tor rollt und den freien Stellplatz neben dem Haus anpeilt, kann gerne häufiger mit ihnen abhängen.

 

Jelenas Vater ist auf den ersten Blick ein ziemlich beängstigender Mann. Auf den zweiten ist der Eindruck allerdings schon wieder verflogen. Er wünscht ihnen viel Spaß und verzieht sich dann wieder in sein Büro.

“Verzeih mir, dass ich dich nicht beim ersten Date in mein Zimmer lasse”, sagt Jelena beiläufig und steuert auf die Sofaecke im Wohnzimmer zu. “Willst du was trinken?”

Peter nickt.

“Super, kannst dich am Kühlschrank bedienen.”

Als er wenige Minuten später mit zwei Flaschen gekühlter Limonade zurückkehrt, hat Jelena den Laptop schon auf dem Sofatisch platziert und macht sich auf ihrem Schoß Notizen.

“Oh, danke dir. Du bist ein Schatz.”

“Endlich mal jemand, der das anerkennt.”

Peter lässt sich auf das Sofa fallen und wirft einen Blick auf den Laptopbildschirm.

“Das… sind die Strom- und Wasserwerke von Rocky Beach.”

“Yup.” Jelena unterstreicht eine Zeile auf ihrem Notizblock. “Wenn jemand mehrere Wohnsitze hat, wie findest du raus, wo er sich am häufigsten aufhält? Du musst nicht drauf antworten.”

“Sehr zuvorkommend.”

“So bin ich halt. Helf so vor mich hin.”

“Kann ich im Gegenzug irgendwas bieten? Dich auf ein Eis einladen oder so? In Gegenwart vom Ersten aggressiv flirten?”

“Letzteres”, sagt Jelena entschieden. “Kann ich sonst noch was für dich tun?”

 

Das konnte sie tatsächlich. Peter war sich nicht sicher, wieso er sein Dilemma ausgerechnet ihr offenbarte. Vielleicht, weil die Sticker auf ihrem Laptop dafür sorgten, dass er sich mit seinen Fragen sicher fühlte. Vielleicht auch einfach, weil sie, abgesehen von der Toteninsel-Aktion, Skinny gegenüber nicht voreingenommen war.

“Ich will nicht, dass er denkt, dass wir das irgendwann gegen ihn verwenden”, sagte Peter, die halbleere Limoflasche fest mit beiden Händen umklammert. Jelena beobachtete ihn dabei, wie er vor dem Sofa hin und her marschierte, bis es ihr anscheinend zu viel wurde und sie ihn mit einem “Jetzt setz’ dich wieder hin, du machst mich kirre” zurück auf die Couch beorderte.

“Sag ihm's einfach genauso. Okay, vielleicht ein bisschen weniger awkward.”

“So einfach ist das nicht”, grummelte Peter.

“Hey, du willst ihm doch zeigen, dass ihr kein großes Drama drum machen wollt. Dann solltest du auch damit anfangen.”

 

Und, weil sie damit gar nicht so Unrecht hat, fügt Peter sich seinem Schicksal.

Laut Jelenas Nachforschungen hat Skinny sich zuletzt in einer kleinen Wohnung in Little Rampart aufgehalten, die ursprünglich auf seinen Vater gemeldet war, aber neuerdings auf Skinnys Namen läuft. Der Strom ist einmal aufgrund von späten Zahlungen abgestellt worden, aber scheint jetzt wieder zu laufen.

Natürlich hat Peter noch Skinnys Handynummer. Oder zumindest die Nummer, die Skinny benutzt hat, als sie noch in Kontakt standen. Es gibt keine Garantie, dass die Nummer noch aktiv ist—an Skinnys Stelle hätte Peter sie sofort gewechselt, nur um sicherzustellen, dass seine Erzfeinde ihn nicht kontaktieren können.

Skinny geht nach dem dritten Klingeln ran.

“Hey, Shaw, du hast keine handfesten Beweise, dass ich—”

“Wohnst du noch in Little Rampart?”, unterbricht Peter ihn ungerührt. “Alternativ kann ich deine Sachen auch an deine Eltern schicken lassen, je nachdem, was dir lieber ist.”

Die Leitung rauscht einige Sekundenbruchteile lang einfach nur, dann mischt sich Skinnys Atem, flach, leicht panisch, darunter.

“Wer hat euch die Adresse gegeben?”

“Wir haben unsere Methoden”, sagt Peter. Er könnte sich an das Gefühl gewöhnen, Skinny Angst einzujagen. Selbst, wenn er gerade das Gegenteil erreichen will. “Hör mal, können wir uns einfach irgendwo treffen?”

“Strandcafé. Gib mir zehn Minuten.”

Skinny legt auf, ohne auf Bestätigung zu warten. Peter lässt das Handy senken und starrt auf die Kontaktinformation (“Saftsack Norris”).

So weit, so gut.

Jetzt kommt der komplizierte Teil.

 

 

Peter würde lieber nochmal auf die Toteninsel fahren als diese Unterhaltung zu führen. Leider hat er keine andere Wahl.

Skinny verspätet sich. Natürlich tut er das.

Peter wartet geschlagene zehn Minuten im Café und nippt an seinem Kaffee, bis sich sein Erzfeind schließlich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen lässt.

Ihn fahrig zu nennen, wäre noch untertrieben. Skinny wirkt gehetzt. Sein Blick zuckt in alle Richtungen hin und her; seine Hände beben, selbst, als er sie auf seinem Schoß verknotet.

“Chill”, meint Peter, bevor er sich davon abhalten kann. “Ich will nur reden.”

“Und wann taucht Cotta mit versammelter Mannschaft auf, um mich festzunehmen?”, fragt Skinny.

Peter blinzelt. “Hä, was hast du denn jetzt wieder angestellt?”

Zum ersten Mal kehrt so etwas wie Ruhe in Skinny—Schockstarre trifft es vermutlich eher. Peter verspürt den absurden Drang, zu lachen.

“Wie du schon so schön gesagt hast, ich hab keine Beweise, dass du es warst”, sagt er stattdessen, als Skinny ihn nur weiterhin ungläubig anstarrt. “Und… okay, du wirst das nur einmal von mir hören und ich werde abstreiten, es je gesagt zu haben, aber ich kann verstehen, dass du dachtest, du hättest keine andere Wahl. Wenn man so dumm ist, wie du es nun mal bist…”

“Sehr witzig.” Skinnys Stimme zittert. “Was willst du dann? Geld?”

“Du siehst nicht aus als hättest du gerade welches zu viel”, meint Peter.

Skinny lacht. Es ist ein hysterisches, panisches Kichern, das Peter aus irgendwelchen Gründen einen Schauer über den Rücken jagt. “Nicht so, ne.”

“Ich will dir einfach deinen Scheiß zurückgeben”, sagt Peter. “Und, ähm…”

Er nimmt einen Schluck kalten Kaffee zur Stärkung. Er hätte ihn austrinken sollen, solange er noch warm war.

“Also, nur, damit du's weißt, ich hab den anderen nichts von dem Inhalt erzählt.”

“Gras ist in dem Bundesstaat legal, das weißt du schon, oder?”

“Es geht mir nicht ums— du weißt ganz genau, was ich meine! Die andere Tasche!”

Skinny legt den Kopf schräg. “Ich hab den Rucksack vor über ner Woche gepackt, Shaw, seh ich so aus—”

“Die…” Peter senkt die Stimme und lehnt sich vor. “Die Produkte. Für… für einmal im Monat?”

Es dauert noch eine Sekunde, dann breitet sich Verständnis in Skinnys Gesicht aus. “Oh. Ach, das war nur für den Fall, dass du es brauchst.”

“Hä?”, fragt Peter.

“Hätt ja sein könne, wat weiß ich!”

“Also bist du nicht…”

“Shaw, Shaw.” Skinny scheint seine Panik vollkommen vergessen zu haben, denn das selbstgefällige Grinsen, das er ihm zuwirft, ist schon etwas vertrauter. “Ich kann ihn dir natürlich auch zeigen, aber dafür müssen mer vielleicht aufs—”

“Schon verstanden”, wimmelt Peter ihn ab. “Jedenfalls hab ich den anderen nichts erzählt. Wollt ich nur gesagt haben. Das war alles.”

Skinny wirkt nicht sonderlich überzeugt. Selbst, als er den Rucksack an sich nimmt und auf seinen Rücken hievt—das Teil ist breiter als Skinny selbst, was Peter fast zum Lachen bringt—, schaut er sich im Café nach Cotta und Co. um. Schließlich wendet er sich ab und setzt an, zum Ausgang zu gehen.

“Gern geschehen, Pisser”, ruft Peter ihm hinterher.

Skinny hebt einen Mittelfinger in seine Richtung, dreht sich dann aber um. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn wieder, ohne ein Wort verloren zu haben. Er mustert Peter, schmunzelt dann über einen Witz, der sich Peter nicht ganz erschließt, und verschwindet in der Sommerhitze von Rocky Beach.

Peter sieht ihm hinterher, bis er ihn aus den Augen verliert.

 

Er bemerkt die Nachricht erst später, als er Jelena schreiben will, dass alles geklappt hat.

Saftsack Norris: ein shirt fehlt

Ich: frag bob

Saftsack Norris: k

Peter rollt mit den Augen. “Du mich auch”, flüstert er.

Eigentlich sollte damit wieder alles beim Alten sein. Skinny ist ein Arschloch, von dem nichts zu erwarten ist. Peter muss sich keine Sorgen mehr um ein nicht existierendes Geheimnis machen.

Allerdings behält Bob Skinnys T-Shirt. Peter erhält einige Stunden später ein knappes “danke, shaw”. Justus steht mit dem verdammten Professor im Email-Kontakt, um akademische Ressourcen auszutauschen—was bei jedem anderen Code für etwas Unangemessenes wäre, aber bei Justus leider genau das bedeutet. Jelena besteht darauf, die neue Rollstuhlrampe auf dem Schrottplatz einzuweihen.

Aber ansonsten ändert sich nicht sonderlich viel.

 

Es ist ein schleichender, unauffälliger Prozess, der zuerst vollkommen an Peter vorbeizieht. Er denkt sich nichts dabei, dass Skinny Bob einredet, er sei eigentlich sein bester Freund, als dieser sein Gedächtnis verliert. Er denkt sich nichts dabei, dass Skinny mit zusammengebissenen Zähnen Folter über sich ergehen lässt und sich weigert, ihre Namen rauszurücken.

Irgendwann fällt Peter auf, dass Skinny ihn schon seit Ewigkeiten nur noch “Shaw” nennt.

Vielleicht sagt er deswegen nichts, als Justus beiläufig erwähnt, Skinny und Jelena als Haussitter engagiert zu haben.

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