Work Text:
Zittrige Hände umklammern das Bierglas.
Das Kondenswasser ist längst getrocknet, die Schaumkrone zerfallen.
Jegliches Blut ist aus den Fingerkuppen gewichen und auch das zerfurchte Gesicht des späten Gastes ist völlig blass.
Seit Stunden sitzt er am Tresen und starrt schweigend auf die Uhr an der Wand.
Sie ist kaputt. Ihr Sekundenzeiger zuckt kurz nach vorne, dann wieder zurück. Für immer zwanzig nach sieben.
Er ist der letzte Gast, der Mann mit dem Bier. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Eine von ihnen bahnt sich ihren Weg eine stoppelige Wange hinab und tropft in das Glas, unbemerkt.
„Ich sollte die Uhr reparieren“, sagt der Wirt. Die letzten Stunden hat er damit verbracht, das Geschirr des Abends zu spülen und den Boden zu wischen, doch nun bleibt ihm nichts als die Konfrontation. „Wir haben schon viel später, spät am Abend, vielleicht sollten Sie…“
Vielleicht sollten Sie langsam gehen, will er sagen, doch die Worte sterben auf seiner Zunge, als der späte Gast ihn direkt ansieht. Seine Augen, schießt es dem Wirt durch den Kopf, mein Gott, diese Augen…
Ein paar Sekunden lang hört man nichts als die Uhr, ein hartes Vor und Zurück ihres Zeigers. Dann beginnt der Gast zu sprechen, leise und schnell. „Lassen Sie die Uhr. Lassen Sie sie so, wie sie ist.“
„Okay…“ Der Wirt runzelt die Stirn. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ Sie sind so blass, Sie zittern, da ist etwas in Ihrem Blick, was mir Angst macht - All das bleibt ungesagt.
„In Ordnung?“, fragt der Gast. Dann lacht er, kurz und hart und freudlos. „Das war es mal. Einst. Früher an diesem Abend.“ Sein Blick wandert hoch zur Uhr, beinahe sehnsüchtig. „Um zwanzig nach sieben war die Welt noch in Ordnung.“
Erneut herrscht Schweigen. Eine drückende Stille, unterbrochen vom Rhythmus der Uhr.
Unwillkürlich greift der Wirt nach einem Glas und taucht es ins Spülwasser. Es ist bereits sauber, das Wasser schon kalt.
Er nimmt sich ein Spültuch und trocknet das Glas, bis es glänzt. Dann wiederholt er den Vorgang.
„Ist es nicht seltsam?“, sagt der Gast nach einer Weile. Seine Stimme ist rau. „Du schließt deine Augen. Einen einzelnen Moment lang bloß. Wie das Pochen eines Herzschlags. Das Ticken einer Uhr. Und du wachst ganz woanders wieder auf. Als jemand ganz anderer.“
Der Wirt schweigt, spült ein Glas. Angespannt. Der Gast spricht unbeirrt weiter.
„Wenn ich damals diesen Job gekriegt hätte… Ich wäre woanders hingezogen, ganz woanders. Oder wenn ich etwas anders gemacht hätte, heute. Ein leicht geänderter Tagesablauf. Andere Socken. Ein anderer Brotbelag. Wie ein Schmetterling, dessen Flügelschlag anderswo einen Wirbelsturm entfacht.“
Die Uhr tickt und tickt. Das blankgeputzte Glas wird durch ein neues ersetzt.
„Fast wäre ich heute daheim geblieben. Doch dann tat ich es doch nicht. Ich habe mich ins Auto gesetzt, bin losgefahren. Ich bin einfach… gefahren. Ohne mich umzuschauen. Die Route, die ich sonst immer nehme, war gesperrt. Diese verdammte Baustelle. Wenn die nicht gewesen wäre… Ich wäre niemals… Wieso habe ich nicht…“
Er löst seine Finger vom Bierglas und haut die Handballen hart auf den Tresen.
Der Wirt zuckt zusammen und das Glas entgleitet seinen Fingern.
Es zerschellt auf der Arbeitsplatte.
Überall Scherben.
Und Blut. Ein Splitter hat sich in den Daumen des Wirts gebohrt. Schnell greift er nach dem Spültuch und wickelt es um die Wunde.
Dann treffen sich ihre Blicke. Anspannung und Schmerz liegen in den Augen des Wirts und der späte Gast - Mein Gott, diese Augen! - sieht aus, als hätte er einen Geist gesehen. Er fährt sich mit einer Hand durchs wirre Haar.
„Es war nur ein Blitzlicht“, murmelt er heiser, aufgebracht. „Wie bei einer Kamera. Die Straße war leer, bis sie es plötzlich nicht mehr war. Sie… Sie war…“ Er schüttelt den Kopf. „Da war ein Netz aus Licht direkt vor mir. Die Welt hat sich gedreht, wurde aus ihren Fugen gerissen. Scherben… Ertränkt in roter Farbe.“
Erneut fährt er sich mit einer Hand durchs Haar, dann klammert er sich an sein Glas, hält es so fest, dass der Wirt glaubt, es müsse unter dem Druck zerbrechen wie das andere zuvor.
„Vielleicht war das alles ein Traum, nichts weiter. Ich bin aufgewacht. Und die letzten Stunden sind nie geschehen.“ Ein zerrütteter, glasiger Blick fixiert die defekte Uhr. „Hier drinnen ist alles wie früher. Die Zeit steht still. Vielleicht… Ja vielleicht sitze ich ja schon den ganzen Tag hier. Bin eingenickt, im Delirium, und erzählte Ihnen dann von dem wirren Traum, den ich hatte. Vielleicht…“
Das letzte Wort ist nur geflüstert. Sekunden vergehen, schweigend, schwer. Die Uhr tickt. Zwanzig nach sieben für immer.
„Aber so ist es nicht gewesen“, spricht der Wirt schließlich. Stahl liegt in seiner Stimme. „Sie sitzen hier erst seit ein paar Stunden. Und getrunken haben Sie nicht mal ein Bier… Es ist spät“, fügt er hinzu, ruhiger. „Ich muss meine Hand verbinden und Sie sollten schlafen. Morgen sieht die Welt schon wieder besser aus.“
Der Gast schüttelt den Kopf, blickt dem Wirt ernst in die Augen. „Sie verstehen das nicht. Und seien Sie froh drum. Die Welt wird niemals mehr sein, wie sie war. Nicht einmal hier, in der Zeitschleife. Eine Sekunde verändert ein ganzes Leben. Merken Sie sich meine Worte.“
Er kramt in seiner Hosentasche und legt einen großen, verknitterten Schein auf den Tresen.
Dann erhebt er sich und geht, ohne ein weiteres Wort.
Ohne einen Schluck von seinem Bier getrunken zu haben. Und ohne einen Blick zurück.
Am nächsten Morgen steht es in der Zeitung. Eine junge Frau starb allein auf einem Waldweg. Und ein Mann nahm sich das Leben, noch in derselben Nacht.
