Chapter Text
Jetzt, wo Anne die Nummer hat, ist die größte Hürde, sie anzurufen. Wochenlang hatte sie sich durchgefragt, Verwandtschaft und Freunde von damals kontaktiert – alles, was sie bekommen hatte, war die alte Nummer. Esther hatte sie alle aus ihrem Leben ausgeschlossen und den Kontakt beendet. Verständlicherweise, wie Anne jetzt weiß.
Wieder starrt sie auf die Nummern vor sich. Sie hat sie schon so oft in das Telefon getippt, nur um doch wieder auf den roten Hörer zu drücken.
Wie fängt man ein solches Gespräch an?
„Entschuldige meine Bigotterie von damals und sag mir, wie man sich als Mutter rehabilitieren kann, wenn man den eigenen Sohn zur Konversionstherapie geschickt hat?“ Oder besser: „Sag mir, kann man als homosexueller Mensch glücklich werden?“
Aber oh Gott, wie sie Familie vermisst. Familie ist ihr schon immer wichtig gewesen. Die Gemeinsamkeiten, wie man erkennen kann, wo welche Eigenschaften herkommen, der Trubel bei einem Fest – zu sehen, wie sich die Kinder von damals weiter zu eigenständigen Menschen entwickeln, mit eigenen Ideen und Träumen, eigenen Familien. Sie ist froh, ihre Schwester zu haben, aber es ist nur eine von vielen aus der großen Familie.
Und Simon ist auch noch da, aber es ist schwer. Sie weiß, dass er ihr vergeben hat, er hat es ihr gesagt. Aber sie sieht auch, wie die Schlaflosigkeit ihn im Griff hat, das lange Starren aus dem Fenster. Es macht ihr Angst. Sie weiß, dass es vorher nicht so gewesen ist, vor der Therapie, zu der sie ihn überredet hat. Ihn manipuliert, damit ihre Familie so weiterbesteht, wie es vorgesehen war.
Jetzt ist alles weggebrochen, was vorher seinen Alltag bestimmt hat, und es ist ihre Schuld. Er arbeitet nicht mehr mit der Jungschar, macht keine Predigten mehr. Schießen hatte er schon früher aufgegeben.
Wie kommt man über so ein Ereignis hinweg?
Sie weiß es nicht.
Aber sie muss es wissen. Außerdem vermisst sie Esther. Als sie Kinder waren, haben sie auf den Familienfesten oft miteinander gespielt. Esther hatte sie aufgefordert, Fußball zu spielen, ihr gezeigt, wie man Rad schlägt. Ihr Rock war hochgeflogen und sie hatte schrecklichen Ärger von ihren Eltern bekommen, aber es hatte Spaß gemacht. Sie hat Esther schon immer bewundert. Esther, die ein Jahr älter ist als sie und keine Angst hatte, ihre Meinung zu sagen. Nicht mal bei Erwachsenen. Manchmal wünscht sie sich, dass sie ein bisschen mehr von Esthers Mut geerbt hätte.
Aber so ist sie nur im Hintergrund geblieben, als Esther von einem Tag auf den anderen nicht mehr bei Familienfeiern dabei gewesen ist. Sie hatte sich nicht getraut, genauer zu fragen. „Vom rechten Weg abgekommen, eine Schande“ hatte sie aufgeschnappt, als der Alkohol die Zungen gelockert hatte.
Jetzt, wo sie weiß, was das heißt, schämt sie sich.
An Esthers Stelle hätte sie eine ausgestreckte Hand gern angenommen. Aber ihre Hand war kontaminiert mit denselben Phrasen von dem, was ein gutes, christliches Leben ausmachen sollte, sie wäre Esther keine Hilfe gewesen.
„Ich geh noch ne Runde raus, Mama.“ Simon steht auf der Schwelle zur Küche, in der sie sitzt und das Telefon anstarrt.
„Ist gut. Pass auf dich auf.“ Sie lächelt ihm zu. Sie hofft, dass er nichts von ihrem inneren Zwiespalt mitbekommt. Sie hat ihm bereits genug aufgebürdet.
Vielleicht trifft er sich mit jemandem. Sie hofft, es ist jemand, der ihn gut behandelt. Er soll glücklich sein. Sie hofft, dass der Rest Unwohlsein bei dem Gedanken bald verschwindet.
Wie soll sie mit Esther sprechen, wenn sie selbst bei ihrem Sohn immer noch Angst vor Homosexualität hat? Esther ist weniger vergebend.
Sie setzt das Telefon wieder auf die Ladestation und steht auf. Ihre Schwester Nina kommt bald nach Hause. Bis dahin will sie das Abendessen fertig haben.
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Sie stellt letztlich keine dieser Fragen, als sie es dann doch schafft, die Nummer zu wählen. Ihr Kopf ist leergefegt.
Als sie Esthers Stimme das erste Mal nach so vielen Jahren hört, entzieht es ihr beinahe den Boden unter den Füßen.
„Baumann?“ Sie klingt fragend, aber nicht angespannt. Stimmengewirr ist im Hintergrund zu hören. Sie muss unterwegs sein.
Anne räuspert sich. „Hallo Esther, hier ist Anne. Wie geht es dir?“
Stille am anderen Ende der Leitung.
Unruhig kreist Anne mit einem Finger um das Astloch im Küchentisch. Vielleicht war das eine dumme Idee, Esther anzurufen.
„Anne.“ Jetzt ist ihre Stimme reserviert. Zurückhaltend.
Anne schluckt. Atmet aus. „Ja. Ich weiß, ich habe mich lange nicht gemeldet, ich war… feige, damals. Ich sehe das jetzt.“
Esther schnaubt, vielleicht lacht sie auch bitter. „Ja, das warst du.“
Sie hört, wie auch Esther ausatmet.
„Weshalb rufst du an? Ist etwas passiert?“
Passiert ist einiges, seitdem sie sich das letzte Mal gesprochen haben, damals, vor etwa 20 Jahren.
„Kann man so sagen. Ich habe mich von meinem Mann getrennt.“
„Glückwunsch.“
Anne schließt die Augen. Sie kann Esther vor sich sehen, ihren Gesichtsausdruck. Den Blick durch die dunklen Haare, die skeptische Augenbraue. Sie vermisst sie.
„Danke.“ Die nächsten Worte wiegen schwer auf ihrer Zunge. „Er hat Simon nicht akzeptiert. Unseren Sohn.“
„Schwul?“ Esther kommt ohne Umschweife zum Punkt.
„Ja.“
„Ah.“ Schweigen in der Leitung.
„Esther...“ Es ist schwer, Worte zu formulieren, wenn sie nicht sehen kann, was Esther denkt. „Es tut mir leid. So leid, was damals passiert ist. Können wir – ich würde mich freuen, dich mal wieder zu sehen. Es ist schon so lange her.“
Wieder schweigt Esther. Dann räuspert sie sich. „Ich weiß nicht, Anne.“
„Ich kann verstehen, wenn du nicht willst. Aber…“ Sie zögert. Nimmt dann doch ihren Mut zusammen. „Du fehlst mir. Und ich weiß, es ist meine Schuld. Entschuldige.“ Sie fährt sich mit der Hand übers Gesicht.
„Ich denke darüber nach.“
„Okay.“ Es ist noch nichts entschieden, aber dennoch – es fühlt sich an, als wäre ein Teil der Last auf ihrem Brustkorb abgefallen.
„Ich muss los. Meine Partnerin wartet.“ Den letzten Satz sagt Esther beinahe abwartend.
„Ist gut. Habt einen schönen Abend.“ Und sie meint es.
„Danke. Mach’s gut.“
Es tutet, dann ist das Telefon ist stumm in ihrer Hand. Es ist besser gelaufen als erwartet. Sie lehnt sich in ihrem Stuhl zurück und blickt an die Decke, auf die feinen Risse in der Farbe.
Es wäre schön, ihre Lieblingscousine von damals wieder in ihrem Leben zu haben. Wenn Esther ihr eine Chance gibt, dann wird sie alles dafür tun, sie nicht zu verschenken.
