Work Text:
Außenseiter
Seine Teamkameraden über Mädchen reden zu hören hatte Tobio immer schon dazu gebracht sich wie ein Außenseiter zu fühlen. Er hatte immer schon gewusst, dass er anders als andere war; sich nur für andere Dinge als die anderen interessierte, aber er hatte immer gehofft, dass sich die Dinge ändern würden, wenn er älter wurde. Dass die anderen ihre kindischen Interessen ablegen und sich für wichtigere Dinge interessieren würden. Seine Team-Kameraden müssten doch irgendwann Ambitionen entwickeln und in Volleyball mehr sehen als nur eine Zeitvertreib.
Doch kaum drehte sich nicht mehr alles um Videospiele, Filme und Mangas, drehte sich stattdessen alles um Mädchen. Und nicht auf eine Art und Weise, mit der Tobio irgendetwas anfangen konnte. Es ging nur darum wie wohlgeformt die Mädchen waren, wie gut sie rochen, wie schön ihre Haare glänzten, und zart ihre Wimpern waren. Wenn sie wenigstens darüber gesprochen hätten wie elegante die Hände der Mädchen wären, aber nein, auf so etwas achteten normale Jungs scheinbar nicht. Und so stand Tobio daneben und verstand noch weniger worüber sich die anderen unterhielten. Fühlte sich noch weiter von ihnen entfernt als sowieso schon.
Oikawa-senpai hatte elegante Hände. Seine Finger waren dünn aber kräftig. Außerdem stand ihm seine Schuluniform sehr gut, und die kurzen Hosen, die er im Volleyball-Unterricht trug, saßen perfekt. Tobio beneidete ihn nicht nur deswegen ein wenig. Oikawa-senpai war außerdem beliebt, schien mit jedem gut auszukommen, mit jedem reden zu können, und sich niemals unwohl in seiner Haut zu fühlen.
Wenn die anderen mehr über ihn als über Mädchen reden würden, dann würde Tobio das verstehen.
„Ach, lasst ihn doch, ihr wisst doch, dass Kageyama nur Volleyball im Kopf hat!“, verteidigte ihn Kindaichi vor den anderen, als sie ihn zu triezen begannen, weil er sich nicht für Mädchen interessierte, „Er ist eben anders.“
Tobio wollte nicht anders sein. Er wollte sein wie alle anderen auch.
„Was gefällt euch an Mädchen so?“, wollte er von Kunimi und Kindaichi in einer ruhigeren Minute wissen.
„Na ja, sie sind schön. Zumindest manche von ihnen“, meinte Kunimi.
„Vieles ist schön“, widersprach Tobio, „Manche Bilder sind schön, Katzenbays sind schön, Sonnenuntergänge sind schön. Trotzdem sagen niemand ständig zu allen anderen: Der Sonnenuntergang gestern, der war besonders schön. Nicht so schön wie der vor zwei Tagen, aber schöner als der vorgestern!“
„Nicht auf diese Weise schön, anders schön“, warf Kindaichi ein, „Man sieht sie an, und … man fühlt, dass sie schön sind. Im ganzen Körper.“
Das kam Tobio doch sehr seltsam vor. „Wie nachdem man zu schnell ein Eis gegessen hat?“, wunderte er sich.
„Nein, ja … was weiß ich … Stellst du dich absichtlich dumm?!“, gab Kindaichi zurück und errötete, während Kunimi böse lachte.
„Vielleicht bist du einfach noch nicht so weit, Kageyama“, meinte der, „Vielleicht bist du ein Spätzünder. In ein paar Jahren wirst du verstehen was wir meinen.“
Tobio erwiderte nichts darauf. Was er nicht gesagt hatte war, dass auch Oikawa-senpai schön war. Und darüber auch niemand seiner Teamkameraden jemals sprach.
Die Mädchen an der Schule sprachen jedoch sehr wohl darüber. Sie standen in den Gängen und redeten über nichts anderes wie es schien. „Aber ich könnte es ihm nie sagen“, sagte ein Mädchen zu einem anderen, „dass ich ihm mag, meine ich. Ich meine, er ist so … schön. Und ich … er würde sich nur über mich lustig machen.“
Die Wahrheit war, dass sich alle anderen sowieso schon ständig über Kageyama lustig machten, und er ihnen nicht noch einen weiteren Grund dafür geben wollte. Also sagte er zu diesem Thema nichts mehr. Und kurz danach starb sein Großvater, und dann sagte er prinzipiell gar nichts mehr zu irgendjemand anderen, das nicht unbedingt notwendig war.
Karasuno war ein Neuanfang, dort sollten sich die Dinge bessern.
Doch inzwischen waren alle älter, und Mädchen waren nicht mehr „schön“, sie waren „heiß“, „geil“, „sexy“, „unnahbar“ (was Tanaka-senpai sehr großartig fand wie es schien) und das Beste überhaupt. Ja, inzwischen gab es auch andere Themen – Noten, Karriere-Pläne, Volleyball (endlich!). Aber Mädchen verschwanden niemals ganz aus den Gesprächen. Tobio versuchte immer so gut es ging wegzuhören, aber es war trotzdem hart.
Selbst Hinata schien nicht immun zu sein gegen den Charme des weiblichen Geschlechts. Selbst er betete ihre Managerin Shimizu an.
Tobio mochte Yachi, als Mensch und Teamkollegin, aber nicht einmal sie fand er schön, geschweige denn eines der anderen Dinge.
Und es war manchmal anstrengend so alleine mit seinen eigenen Gefühlen (oder den Mangel an diesen) zu sein.
Am Schlimmsten war es im Trainingscamp. Es war noch bedrückender fremde Jungs über Mädchen reden zu hören als die eigene Mannschaft. Tanaka schien sich mit seinem Doppelgänger aus Nekoma wegen ihre gemeinsame Leidenschaft für unerreichbare Frauen zunehmend anzufreunden, während Kuroo-san Sawamura ernst aber mit eindeutig bösartigen Absichten über Michimiya und die Freundschaft der beiden Karasuno-Volleyball-Captains zueinander ausfragte, und Bokuto-san erklärte, dass „alle Mädchen-Asse großartig finden“, woraufhin sich alle über ihn lustig machten, weil es doch klar war, dass „alle Mädchen-Ärsche großartig finden“.
Tobio hasste alles davon. Er fühlte sich so einsam. Noch mehr weil Hinata seine ganze Zeit in den Trainingscamps mit Kozume-san, Inuoka und Lev verbrachte.
Bis ihm eines Tages Kozume-san einen Müsliriegel reichte, als er ein paar Meter von den anderen entfernt saß und ihnen dabei zusah wie sie sich wieder einmal über Mädchen ausließen. „Ich verstehe es auch nicht“, sagte der Zweitklässler, „Dieses ständige Gerede über Mädchen und ihre Kurven. Und dass alle anderen so gönnerhaft sind, wenn man was sagt. Eines Tages wirst du es verstehen. Eines Tages wirst du das richtige Mädchen treffen und es wird auch dich erwischen. Was wenn dieser Tag nie kommt? Was wenn ich nie ein Mädchen auf diese Weise mögen werde? Oder gar überhaupt niemanden jemals?“ Er schüttelte den Kopf. „Selbst, Kuro … Er ist so anders, wenn er mit den anderen Jungs zusammen ist, es ist als müsste er beweisen, dass er zu ihnen gehört, genauso ist wie sie. Die denken nicht daran, dass es jemanden geben könnte, denen es anders geht als ihnen.“
Tobio nahm dem Müsliriegel entgegen und nickte nur.
„Es ist in Ordnung, weißt du?“, fuhr Kozume-san fort, „Die wachsen da irgendwann raus. Irgendwann wird ihnen klar werden, dass es im Leben Dinge gibt, die wichtiger sind als Körbchen-Größen. Bis es soweit ist … Nun, bis dahin müssen wir da durch, schätze ich.“
„Wünscht du dir nicht manchmal, dass du dort drüben stehen könntest, mit ihnen lachen könntest und einfach nur sein könntest wie alle anderen auch?“, wollte Tobio wissen, obwohl so eine persönliche Frage gar nicht seine Art war.
„Nein. Inzwischen nicht mehr“, erwiderte Kozume-san nur, „Denn dann wäre ich nicht mehr ich.“ Er schenkte Tobio ein aufmunterndes Lächeln zu. „Die richtigen Leute akzeptieren einen genauso wie man ist. Und ich akzeptiere sie im Gegenzug dafür so wie sie sind. Und lasse ihnen den Umkleidekabinen-Quatsch durchgehen. Sie wissen was ich davon halte, und es ist ihnen egal. Manchmal ist man weniger einsam, wenn man zulässt, dass andere einen wirklich kennen anstatt nur den Teil von einem, den man denkt ihnen zeigen zu müssen.“
Tobio dachte über diese Worte nach, doch noch bevor er eine passende Antwort geben konnte, war Kozume-san wieder weg und schlenderte hinüber zu Kuroo-san und dem Rest der Gruppe. „Das reicht jetzt, Themenwechsel, ihr seid ekelig“, verkündete der kleingewachsene Zuspieler, und ganz Nekoma verstummte schuldbewusst, während Tanaka, Nishinoya, Kinoshita und die Spieler von Fukurodani verwirrt dreinsahen.
Für Kozume-san schien es zu funktionieren einfach er selbst zu sein, doch Tobio war schon so oft zurückgewiesen worden – von seiner Familie, seinen angeblichen Freunden, seinen Senpais, seiner gesamten Mannschaft. Er brauchte Zeit um Vertrauen zu lernen.
Und dann waren sie bei der Nationalmeisterschaft, und alles ging drunter und drüber. Und sie schieden aus und alles war furchtbar, und die Drittklässler würden die Schule verlassen, und alles war einfach zu viel auf einmal.
Es war die Abschiedsfeier für die Drittklässler. Sawamura, Sugawara und Azumane wollten ein letztes Mal mit ihnen feiern, und Tobio hasste den Gedanken sie zu verlieren, doch sogar noch mehr hasste er den Gedanken, dass sie ihn niemals richtig kennen würden.
„Ich – ehm … ich will etwas verkünden!“, rief er deswegen mitten in der Feier aus, was alle anderen verstummen und sich zu ihm umdrehen ließ, selbst Tanaka und Nishinoya, die gerade um das letzte Brötchen stritten.
„Alles in Ordnung, Kageyama?“, wollte Takeda-Sensei pflichtbewusst wissen.
„Ja, nein … ich…“ Tobio konnte spüren wie ihn der Mut verließ. Sie waren alle ein letztes Mal zusammen: Coach Ukai, Takeda-Sensei und die ganze Mannschaft: Sawamura, Sugawara, Azumane, Tanaka, Nishinoya, Ennoshita, Kinoshita, Tsukishima, Yamaguchi, Hinata, Yachi und Shimizu. Und alle starrten ihn an.
„Ich will nicht, dass alles aus ist“, erklärte Tobio, „Ich will nicht, dass es vorbei ist bevor…“
Er rang nach Worten.
„Ist schon gut, Kageyama-kun“, meinte der Sensei, „Du kannst uns alles sagen.“
Tobio nickte. Hinata sah ihn mit großen Augen an. „Ich mag … keine Mädchen“, erklärte Tobio dann mühsam, „Und ich will nicht … dass ihr denkt, dass sich das irgendwann ändern wird.“
Einen Moment lang herrschte Schweigen. „Keiner denkt, dass sich das irgendwann ändern wird“, ergriff Tsukishima dann das Wort, „Wir kennen dich doch, König. Wenn du mal heiraten solltest, dann höchstens Hinata.“
„Was?!“, quiekte Hinata daraufhin und lief rot an.
„Ich glaube, ich verstehe was du damit sagen willst, Kageyama“, ergriff Ennoshita, ihr aktueller Captain, das Wort, „Und du hast recht, wir haben keine Rücksicht genommen. Das wird sich ändern. Wir werden nicht mehr so … machomäßig miteinander umgehen. Tanaka und Nishinoya werden dich in Zukunft zusammenreißen.“
„Was?!“, empörten sich die beiden wie aus einem Mund, „Warum nennst du nur uns beim Namen?!“
„Danke“, meinte Tobio, der nicht weiter wusste.
Hinata trat zu ihm und nahm seine Hand. „Wir wissen wer du bist, Dummer-Yama“, erklärte er, „Und haben dich trotzdem lieb. Immer.“
„Und wir sind sehr froh, dass du es uns gesagt hast“, fügte Sawamura hinzu, „Dass du uns genug vertraust um uns so etwas anzuvertrauen.“
„Da hat er recht“, wandte Coach Ukai ein, „Ich bin stolz auf dich, Kageyama.“
„Wir beide sind das“, betonte der Sensei.
Tobio fühlte wie seine Augen feucht wurden.
„Kommt schon“, meinte Yamaguchi, „Das ist doch der Moment der Drittklässler. Sind nicht eigentlich die an der Reihe damit uns potentiell peinliche Dinge zu sagen, die wir auch wirklich noch nicht wissen? Was läuft da mit Michimiya, Captain?“
„Genau, Daichi. Gab es einen Abschiedskuss?!“, wollte Sugawara wissen und rammte seinem Freund den Ellenbogen in die Rippen, „Spuks aus.“
Und damit hatte es sich erledigt. Und Kageyama bemerkte erst ein paar Minuten später, dass Hinata immer noch seine Hand hielt. Und sich die Hand seines besten Freundes in seiner genau so warm anfühlte wie sie sich anfühlen sollte.
Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte er sich nicht mehr wie ein Außenseiter, sondern wie jemand, der genau dort war, wo er hingehörte.
Fin.
